Das Musical bzw. die Latin Pop Opera von Kim Duddy gastiert bereits zum zweiten Mal im Deutschen Theater in München. Das Musical versetzt die Handlung der Oper „Carmen“ in die 1990er Jahre nach Kuba und mischt die Story mit lateinamerikanischem Temperament und Tango-Tänzen auf. Oft war es mehr 90er-Jahre-Boyband, als wirkliches „Dirty Dancing“. Ein Glück, dass ich fast nichts mehr liebe, als 90er-Jahre-Boybands.

Das Musical basiert auf der Oper „Carmen“ von Georges Bizet und versetzt die Handlung vom spanischen Sevilla im 19. Jahrhundert in das Kuba im Jahr 1994. Die junge Carmen möchte ihre Heimat Santiago de Cuba in Richtung USA verlassen, um dort eine erfolgreiche Sängerin zu werden. Die Flucht erfolgt auf einem Boot und scheitert. Sie werden von der Küstenwache gerettet und in die amerikanische Marinebasis in Guantanamo Bay gebracht. Dort verführt sie den Soldaten Joe, der ihr daraufhin die Flucht zurück nach Santiago de Cuba ermöglicht und ihr kurz darauf nachfolgt. Für Carmen gibt Joe seine Karriere und geplante Hochzeit mit seiner Jugendliebe auf. Jedoch scheint seine Liebe stärker zu sein, als die von Carmen für ihn, da sie sich kurz darauf schon wieder auf ihre Pläne als Sängerin konzentriert und ihn schließlich für den Popstar Escamillo verlässt.

Carmen Cubana
© Beat 4 Feet Music Publishing

Kim Duddy, die selbst für ihre beeindruckende Tanzkarriere bekannt ist, hat auch bei ihrem Musical definitiv nicht an beeindruckenden Choreographien gespart und vermittelt dadurch das typische kubanische Lebensgefühl. Auch die Musik ist eine Mischung aus typischen Latin Pop Klängen und Soul. Vor allem in der Rolle des Escamillo findet man den klassischen Latino-Popstar der 90er Jahre, der von seinen Tanzmoves bis zum Süßholzgeraspel in der Stimme definitiv alles richtig macht. Das Musical gibt dem Publikum alles, was es sich von einer Latin Pop Opera wünscht. Wenn man jetzt noch etwas von dem Tequilla und dem Rum abgegeben hätte, der auf der Bühne ohne Ende konsumiert wurde, hätte es trotz kaltem Regenwetter die Sommerparty des Jahres im Deutschen Theater werden können. Zumindest das Publikum wäre am Ende äußerst Willens gewesen, was beweist, dass hier wohl alles richtig gemacht wurde.

Zwischen all der Leidenschaft und dem freudigen Lebensgefühl der Kubaner gab es durchaus traurige und nachdenkliche Szenen. Vor allem die Flucht aus Kuba in Richtung USA mit dem Wunsch auf ein besseres Leben, war eine sehr brisante Szene und hat heute eine viel aktuellere Thematik, als noch bei der Uraufführung vor 10 Jahren in Amstetten, da wir hier in Europa nun in einer ähnlichen Situation stecken und einen die Bilder von Flüchtlingsbooten im Meer nicht kalt lassen. Zumindest sollten sie niemanden kalt lassen.

A Latin Pop Opera(?)

© Beat 4 Feet Music Publishing
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Der Begriff „Latin Pop Opera“ hat bei uns in der Redaktion erst einmal ein großes Fragezeichen hinterlassen. Ist das jetzt ein Musical? Eine Oper? Ist eine Latin Pop Opera nicht einfach eine komplizierte Umschreibung für Musical? Der Zusatz ist eigentlich gar nicht so unstimmig, da die Musik im Stück Latin Pop ist und das Musical ursprünglich auf einer Oper basiert. Vor allen bei den vielen Soli der Hauptdarstellerin ist mir doch oft der Operncharakter aufgefallen. Nicht musikalisch, das auf keinen Fall, aber von der Inszenierung her. Die Aufmachung der starken Solo-Nummern von Carmen, wie sie oft alleine auf der Bühne stand, hat mich stark an die großen Arien aus Opern erinnert.

Eine für mich kleine – und doch die größte – Schwäche des Stücks ist, dass man oft nicht wusste, wann Schluss ist. Manche Szenen hätten so schön enden können, aber nein, wir hauen nochmal einen dramatischen Song rein – was für mich auch der typische und nervige Aspekt an Opern ist. Es passiert etwas Dramatisches, jemand stirbt oder Menschen finden wieder zueinander und statt einen Schlussstrich zu ziehen und einen schönen Übergang zur nächsten Szene zu finden, wird nochmal getanzt und gesungen. Zum einen war dies manchmal äußerst unpassend und zum anderen hat es die Handlung nicht weitergebracht, wodurch es Stellen im Stück gab, die einfach zu langatmig geworden sind. Zum Glück hat dann vor allem der zweite Akt ordentlich an Tempo gewonnen, weil die Haupthandlung des Stücks bereits im ersten Akt „abgearbeitet“ worden ist und für den zweiten nicht mehr viel übrig blieb, wodurch man sich hauptsächlich auf die grandiosen Tanzszenen konzentrieren und freuen konnte.

Beurteile nichts, was du nicht selbst gesehen hast

Ich muss sagen, dass ich schon ein wenig enttäuscht von der deutschen Musicalwelt bin. Ich habe Lana Gordon vorher nie live gesehen und kenne sie nur von den vielen Berichterstattungen zu „Chicago“ in Stuttgart, wo sie die Velma Kelly gespielt hat. Dort wurde sie stark kritisiert, weil ihr Deutsch angeblich so schlecht war und dies war somit auch die erste Sorge, die ich hatte, als ich hörte, dass sie die Carmen spielt. Ja, ihr Deutsch ist bestimmt nicht das phonetisch beste, aber die lupenreine Aussprache habe ich bei dieser Performance mal mit Freuden hinten angestellt. Gesanglich und tänzerisch ist diese Frau der absolute Wahnsinn. Noch dazu habe ich selten eine Darstellerin so sehr mit dem Publikum flirten sehen, weswegen sich wohl jede Person im Zuschauersaal im Laufe der Vorstellung mal von ihr angesprochen gefühlt hat. So eine herausragende Darstellerin findet man wirklich nicht oft in Deutschland und vor allem für die bekannten Tanz-Musicals ist die Frau sicherlich ein absoluter Glücksgriff.

© Beat 4 Feet Music Publishing
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Als Joe stand Shane Dickson auf der Bühne. Als riesengroßer Fan von Rob Fowler war ich natürlich erst einmal etwas enttäuscht, bin aber schon lange aus dem Verhalten herausgewachsen, nur wegen einem Darsteller in ein Musical zu gehen, wodurch es nach dem ersten Blick auf die Besetzungsliste auch schon wieder vorbei war mit der Enttäuschung. Nun ist die Rolle des Joe wirklich undankbar, weil er einfach der Depp der ganzen Geschichte ist. Natürlich ist er unfassbar nett anzusehen und der starke Soldat, den die Frauen einfach mögen. Aber er wird von Carmen so sehr an der Nase herumgeführt und spielt vor allem im zweiten Akt ihr treues Schoßhündchen, sodass ihn wohl jede Dame irgendwann als unattraktiv-dümmlich abstempelt. Die Bezeichnung „amerikanischer Pfadfinder“ hat es für mich ziemlich auf den Punkt gebracht. Shane Dickson überzeugte vor allem stimmlich und war wie bereits erwähnt eine Wohltat für müde Frauenaugen, jedoch fehlt zu einer Musicalgröße und einem „The-Voice“-Teilnehmer wie Rob Fowler natürlich noch ein wenig Stimmvolumen.

Vor allem Walter Herron Reynolds III als Lilas, eine Art kubanischer Dumbledore, also ein älterer Herr, den alle mögen, war mein Liebling des Abends. Auch die restliche Cast war tänzerisch und gesanglich äußerst stark und hatte eine offensichtliche Freude an dem, was sie da auf der Bühne tun. Mitunter bestimmt eines der vielen Geheimrezepte für den Erfolg eines Stückes beim Publikum.

Wer also dem bisher enttäuschenden Sommer entkommen möchte, sollte sich ganz schnell auf den Weg ins Deutsche Theater machen. Dort wird das Stück noch bis zum 18. Juni 2016 gezeigt. Tickets für „Carmen Cubana“ findet ihr hier.

Uraufführung: 19.07.2006 (Musicalsommer Amstetten)
Besuchte Vorstellung: 03.06.2016 (Deutsches Theater München)
Musik: Martin Gellner, Werner Stranka
Text: Kim Duddy, Martin Gellner, Werner Stranka
Buch: Kim Duddy
Regie: Kim Duddy
Choreographie: Kim Duddy
Musikalische Leitung: Martin Gellner
Kostüme: Robert Schwaighofer
Besetzung: Lana Gordon (Carmen), Shane Dickson (Joe), Ruben Heerenveen (Escamillo), Walter Herron Reynolds III (Lilas Pastia), Marcella Adema (Mercedes), Kudra Owens (Francesca)

Beitragsbild: © Beat 4 Feet Music Publishing

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.