Viele kennen ihn: Den Traum davon, auf der Bühne zu stehen, zu singen, zu tanzen, mit andern Leuten in einem Musical zu spielen. Leider schaffen es aber nur die Allerwenigsten auf eine professionelle Bühne, was jedoch kein Grund ist, den Traum vom Musical im aktiven Spiel aufzugeben. Fast jede Uni und größere Stadt bietet ambitionierten Menschen – egal welchen Alters – die Möglichkeit, in Musicals oder Musiktheaterstücken mitzuwirken! Dieses Jahr habe ich im Rahmen einer Laienproduktion der Mainzer Musical Inc. vom Casting für das diesjährige Stück „In the Heights“ bis zur Dernière 8 Monate später viel erlebt. Eine spannende Zeit!

Mir geht es so, wie wahrscheinlich einigen von euch auch. Nach dem Abitur habe ich mein Glück an den staatlichen Musical-Hochschulen in Form von Aufnahmeprüfungen versucht, zweimal habe ich „die Runde“ gemacht, 13 mal vorsingen, tanzen, spielen… eher weniger erfolgreich, um ehrlich zu sein. Das und andere Gründe haben mich schließlich dazu bewogen, den Traum einer professionellen Ausbildung an den Nagel zu hängen und etwas zu studieren. Die Wahl der Universität war einfach: 2015 habe ich meine Freundin in Mainz besucht und insgesamt viermal Mel Brooks` „Frankenstein Junior“ gesehen, die damalige Produktion der Musical Inc., einer 1993 gegründeten Hochschulgruppe, die 2008 in einen gemeinnützigen Verein übergegangen ist. Mir war klar, dass diese Inszenierung von ambitionierten Laien mindestens so viel Niveau hat und Spaß macht, wie eine professionelle Theaterproduktion (und Stage allemal…).

© Musical Inc. Mainz
© Svenja Drewitz

Aus Fremden werden Freunde

Es ging los: Casting. Ich war das ja schon gewohnt, diese Atmosphäre war mir aber fremd. Noch nie wurde ich so herzlich aufgenommen, mir so aufmerksam und mit solch einer Begeisterung zugeschaut. Das ist wohl so, wenn Leute am Werk sind, die Musical rein aus Liebe und nicht aus finanziellen Interessen machen. Wie es weiter ging, ist schnell erzählt: Ich kam in den Cast, ergatterte sogar die Rolle der Piraguera.

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Ab dann fing die Probenarbeit an: Zweimal die Woche für das Ensemble, einmal zusätzlich für die Tänzerinnen und dazu einmal im Monat ein Probenwochenende. Der Zusammenhalt wuchs, die Gruppe formte sich. Dadurch, dass ein offenes Casting ausgeschrieben wurde, waren (und sind) wir ein wahnsinnig bunter Haufen. Obwohl wir aus ganz verschiedenen Richtungen kamen (Psychologie-Student, Soldatin, Pharma-Referent, Fahrradmechaniker…) und teilweise der Uni schon längst den Rücken gekehrt haben, verband uns doch der Spaß an der Freude und die Liebe zu diesem Genre.

Neue Freundschaften und Partnerschaften entstanden, wir feierten Partys, fuhren nach London und und und… Selbstverständlich hatten wir auch immer noch die Proben, in denen wir fleißig an den großen Ensemblenummern samt ihren komplexen Choreographien arbeiteten. Ende März hatten wir die erste Sitzprobe mit dem Orchester… sorry, der BAND! Da bekamen wir erstmals einen Eindruck davon, wie geil das werden könnte, was wir in Begriff waren, auf die Bühne zu zaubern. Die drei verbleibenden Monate vergingen wie im Flug, zwischendurch hatten wir noch Fototermin und Kostümabnahme. Das war aufregend, zum ersten Mal alle in Maske und Outfit zu sehen!

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© Svenja Drewitz

Ganz nebenher haben wir auch noch den ganzen Rest organisiert. Damit meine ich die Pressearbeit, Schminke, Programmhefte, Fundraising und alles, was bei einer Produktion eben anfällt. Ich war Teil des Bühnenbild-Ressorts und konnte mit meinen Kollegen ein Konzept entwerfen und dieses später auch bauen, basteln, schrauben und malen. Speziell dieses Projekt war sehr aufwendig, wir hatten zwei Gerüste auf der Bühne, die wir auf zwei Ebenen bespielen konnten. Für mich besonders wichtig war natürlich unser Piragua-Wagen, der in mehreren Schritten und von vielen Personen gebaut und liebevoll bemalt wurde. Hierbei waren es keineswegs nur Leute aus dem Cast, sondern auch Außenstehende, die sich auf der Bühne zwar nicht wohl fühlen, aber trotzdem Interesse und Fähigkeiten hatten, mit denen sie uns unterstützen wollten.

Premierenfieber…

Die letzte Woche vor der Premiere war sehr anstrengend. Letzte Stellproben, Feinschliff an den Choreos, eine ganze Nacht lang Beleuchtungsprobe, Soundeinrichtung mit den Mikros für die Rollen, den Chor und die Band. Das war insgesamt wohl die arbeitsreichste Zeit, aber immer war jemand da, um dich wieder aufzumuntern, dir was Nettes zu sagen oder dich einfach mal in den Arm zu nehmen. Stress hatten wir nie, was in einer Gruppe dieser Größe (wir sind im Ensemble immerhin über 40 Leute) eine großartige Leistung ist.

Und dann war er da. Der Tag der Premiere. Was soll ich sagen, wir waren sehr nervös, immerhin waren wir seit drei Wochen ausverkauft und das Publikum hatte große Erwartungen an uns. Aber unsere Sorgen waren völlig unbegründet! Man hat uns geliebt – trotz kleiner Patzer. Noch in der Schlusspose ist das Publikum aufgestanden, ein Gefühl, das man selbst erlebt haben muss, um es fassen zu können.

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© Svenja Drewitz

Ja, so ging es weiter. Solange bis wir schließlich bei der Dernière angekommen waren. Es war schon traurig, aber auch für mein Gefühl eine der besten Shows, da wir zum letzten Mal alles gaben und das Publikum zu einem großen Teil aus „Alt-Incies“ und ehemaligen Orchester-Mitgliedern bestand. Ganz besonders bekam ich das zu spüren, weil ich bei meinem Song „Piragua“ im Publikum stehe. Ich hatte das Gefühl, jeder der Anwesenden sang und groovte mit! Bei den großen Ensemblenummern, allen voran „Carnaval del Barrio“, feierte das Publikum mit wie noch nie zuvor und irgendwie hatten sich die Helfer die Choreo von „96.000“ abgeschaut. Sie standen nämlich – unsichtbar für das Publikum – in den Seitengängen und tanzten mit uns! Ein wahnsinniges Gefühl, etwas, das den Abschied zwar auch etwas traurig, aber vor allem unvergesslich machte.

Erinnerungen, die bleiben

Danach wurde weiter gefeiert! Dernièrenparty, das ist Pflicht! Aber immer im Hinterkopf, dass wir am nächsten Tag alle um 10 Uhr wieder auf den Beinen sein mussten, um abzubauen. Für den Aufbau brauchten wir etwa drei Tage, der Abbau war innerhalb weniger Stunden erledigt. Als letztes schrubbten wir noch den Tanzboden und hörten Kindersendungs-Titellieder aus unserer Jugend. Irgendwie fand ich das einen ganz wunderbaren Abschluss.

© Musical Inc. Mainz
© Svenja Drewitz

Wir spielten insgesamt 12 Aufführungen, immer vor restlos begeistertem Publikum. Die Kritiken waren super. Der Moment, wenn man hinter der Bühne steht, auf seinen Cue zum Aufgang wartet, lautlos die Musik mitsingt oder nach einer traurigen Stelle Grüppchen weinend im Gang stehen sieht, dann weiß man, dass man eine ganz besondere Gruppe gefunden und Erfahrungen gesammelt hat, von denen man lange, lange zehren kann und die unvergesslich bleiben.

Ich habe seither keinen Moment bereut, der Gruppe beigetreten zu sein und kann es wirklich jedem nur empfehlen. Wie oben erwähnt, gibt es in jeder Stadt die Möglichkeit, Laientheater zu spielen. Wenn ihr den Weg nicht aktiv auf die Bühne sucht, sondern eher im Hintergrund arbeiten wollt, könnt ihr euch dort einbringen, sei es im Bühnenbild, Maske, vielleicht sogar Regie, wenn ihr die Gruppe von euch überzeugt. Nur, weil man es nicht auf eine Hochschule geschafft und keinen Abschluss hat, besteht absolut kein Grund, seiner Leidenschaft nicht im Laienspiel nachzugehen!

Beitragsbild: © Svenja Drewitz