Am Samstag feierte das Musical „Artus – Excalibur“ seine Deutschland-Premiere in Tecklenburg. Das Publikum feierte die Darbietung mit minutenlangen Standing Ovations – zurecht, denn Tecklenburg ist (mal wieder) ganz großes Musiktheater gelungen, das aber über Vorlagen-bedingte Schwächen nicht hinwegtäuschen kann.

Die Freilichtspiele Tecklenburg haben nicht erst dieses Jahr ihren Hang zu actionreichen Musicals entdeckt. Nach „Drei Musketiere“, „Der Graf von Monte Christo“ und „Zorro“ gibt es diese Saison mit „Artus – Excalibur“ wieder ein Musical zu sehen, das an temporeichen Schwertkämpfen und epischen Schlachten nicht spart. Eine goldrichtige Entscheidung – denn für solche Stücke ist die Tecklenburger Bühne wie gemacht. Hinzu kommt, dass Chor, Statisterie und Ensemble die große Spielfläche auch in beeindruckender Weise mit Leben füllen können. So wird das Wildhorn`sche Mittelalter-Abenteuer zu einem atemberaubenden Event, das die Messlatte für kommende Spielzeiten sicher nochmal etwas höher legt.

Die Sage um König Artus

„Artus -Excalibur“ wurde 2014 im Schweizer St. Gallen uraufgeführt und basiert auf einem Buch von Ivan Menchell, der sich der Artus-Saga angenommen und diese von eher traditionellen Versionen emanzipiert hat.

© Stefan Grothus
© Stefan Grothus

Die Sage rund um die mythologische Figur des König Artus wurde durch viele populärkulturelle Werke aufgenommen und ausgeschmückt. Im Musical-Bereich am bekanntesten ist wohl Loewe`s „Camelot“ oder Monty Python`s „Spamalot“, das wiederum auf dem Film „Die Ritter der Kokosnuss“ beruht.

Die Handlung samt ihren Charakteren dürfte in groben Zügen eigentlich Jedem bekannt sein: Die Römer haben Britannien verlassen, das Land liegt nach Kriegen rivalisierender Stämme und Völker in Schutt und Asche. Es entsteht ein Macht-Vakuum, das viele zu ihrem Vorteil ausnutzen wollen. Allen voran der Loth von Orkney und sein Sohn Gareth.
Das magische Schwert Excalibur, das in einem Felsen steckt und nur von dem wahren König Britanniens befreit werden kann, soll Licht in diese dunkle Zeit bringen. Letztlich gelingt es Artus, das Schwert aus dem Stein zu lösen. Augenscheinlich von einfacher Herkunft, eröffnet ihm der Druide Merlin, dass Artus der uneheliche Sohn des letzten Königs Uther Pendragon ist. Nach großem Zögern und dem Rat seiner späteren Frau Guinevere, nimmt Artus schließlich sein Schicksal an und setzt von nun an alles daran, das Reich zu einen und seine Feinde zu besiegen.

Dieser Plot ist mit all seinen Konflikten, Wendungen und starken Charakteren die perfekte Musical-Vorlage, derer sich Frank Wildhorn wie immer zuverlässig angenommen hat.

Ein typischer Wildhorn

Allerdings – ob manche dies nun positiv oder negativ bewerten sei dahingestellt – ist „Artus – Excalibur“ eben ein typisches Wildhorn-Stück und es ist immer wieder erstaunlich, mit welchem musikalischen Wiedererkennnungswert er sich die unterschiedlichsten Stoffe aneignet. So gibt es auch in „Artus – Excalibur“ wieder die ewig gleichen Melodien-Muster und mehr (seiner etwas schwächeren) Frauen-Balladen, als es eigentlich Not tut. Teilweise bremst diese Balladen-Dichte die Handlung auch etwas aus und manche Songs klingen einen Tick zu schlageresk.

Artus Musical
© Stefan Grothus

Und trotzdem muss man Wildhorn zugute halten, dass auf ihn Verlass ist. Seine Kompositionen gehen ins Ohr, berühren und schaffen zu jedem Zeitpunkt die passende Atmosphäre. Darüber hinaus ist „Artus – Excalibur“ eines der rockigeren Wildhorn-Stücke und Songs wie „Schwert und Stein“, „Nur sie allein“, „Sünden der Väter“ oder „Heute Nacht fängt es an“ sind einfach stark komponiert.

Leider spielt das 26-köpfige Orchester unter der musikalischen Leitung von Tjard Kirsch vor allem die rockigen Songs längst nicht so kraftvoll, wie man es sich wünschen würde. Hinzu kommt, dass der Ton bei Hits wie „Schwert und Stein“ leider viel zu leise ist und gerade die Up-Tempo-Songs somit extrem an Wirkung verlieren. Vielleicht hätte es bei den Rock-Songs schon geholfen, die Drums ein wenig stärker in den Vordergrund zu mischen, aber so bleibt zumindest ein kleiner Wermutstropfen.

Oppulenz in Bühnenbild und Kostümen

Bis auf die genannten Kritikpunkte bietet Tecklenburg wirklich eine ganz starke Inszenierung, die den Vergleich zur Qualität von Long-Runs nicht scheuen muss. Regisseur Ulrich Wiggers beweist großes Geschick in der Personenführung und hat das Stück durch Dialog-Kürzungen und Änderungen im szenischen Ablauf von viel Kitsch und Pathos befreit. Manche Stellen profitieren sogar von einer etwas komödiantischen Interpretation, die in Wildhorn-Stücken immer schwer unterzubringen ist.

© Stefan Grothus
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Die Szenerie ist vor allem bei zunehmender Dunkelheit stimmungsvoll ausgeleuchtet und beeindruckt durch ihre Größe und Oppulenz. So ist es nicht zuletzt dem Lichtdesign und Bühnenbild zu verdanken, dass der zweite Akt eine Atmosphäre voller Spannung und Dramatik entfaltet.

Die Kostüme von Karin Alberti sind gewohnt detailverliebt und verleihen jedem Charakter das passende Erscheinungsbild. Ebenfalls beeindruckend, was und welche Stoff-Mengen Tecklenburg hier Jahr für Jahr auf die Bühne zaubert.

Das Star-Treffen in Tecklenburg

Es ist durchaus bemerkenswert, welche Darsteller in den Sommermonaten den Weg ins beschauliche Tecklenburg finden. Eine solche Musical-Star-Dichte bis zur kleinsten Nebenrolle findet man in den großen Häusern nur noch selten bis gar nicht mehr.

Allen voran brilliert Armin Kahl in der Titelrolle und meistert diesen gesanglich anspruchsvollen Part sehr eindrucksvoll. Er entwickelt sich glaubhaft von dem anfangs naiven Artus hin zu dem rachlüstigen König, der sogar die Liebe seines Lebens, Guinevere, von sich stößt. Nach Hauptrollen in „Zorro“ und „Jekyll & Hyde“ bleibt ihm nur zu wünschen, dass er auch weiterhin in Charakterrollen besetzt wird. Verdient hat er es nicht erst seit dieser begeisternden Performance als Leading-Man dieses überdurchschnittlich starken Ensembles.

Milica Jovanovic gibt die Guinevere sehr stimmgewaltig und sympathisch, was ebenso für Dominik Hees als Lancelot gilt. Beide überzeugen vor allem auch im Zusammenspiel miteinander und verleihen ihren Charakteren die notwendige Tiefe. Vor allem Hees sorgt mit seinem Solo „Nur sie allein“ für einen der Höhepunkte im zweiten Akt.

© Stefan Grothus
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Ein wahrer Glücksgriff für Tecklenburg ist Kevin Tarte, der das Publikum mit seiner charakteristischen Stimme und imposanten Bühnenpräsenz für sich gewinnen kann. Die Rolle des mythischen Zauberers ist ihm wie auf den Leib geschrieben.

Zur Riege der Antagonisten gehört Morgana, Artus` Halbschwester, die Roberta Valentini einfach glänzend verkörpert. Verbittert und voller Hass gibt sie die Intrigantin, die Merlins Zauberkräfte zerstören will. Vor allem mit ihrem Solo „Sünden der Väter“ setzt Valentini im zweiten Akt ein Ausrufezeichen.

Darüber hinaus bleiben vor allem Christian Schöne als imposanter Loth von Orkney und Thomas Hohler als Sir Gareth durch ihre starken Performances in Erinnerung und runden ein wirklich exzellentes Ensemble ab.

Somit bleibt dieser Tecklenburger Inszenierung von „Artus -Excalibur“ wirklich nur der allergrößte Erfolg zu wünschen. Wer aus einer soliden Vorlage eine solche Inszenierung kreiert, mit solchen Stars aufwartet und mit viel Leidenschaft für das Musical-Genre Jahr für Jahr mit seinen Produktionen in einer solchen Qualität aufwartet, kann sehr entspannt den Vergleich zu aktuellen Großproduktionen wagen. Tecklenburg ist immer eine Reise wert – das gilt dieses Jahr vielleicht noch ein Stück mehr als in vergangenen (ebenfalls starken) Spielzeiten.

Artus-Excalibur

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4.3 von 5 Sternen (24 customer reviews)

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Spielzeit „Artus – Excalibur“: 18. Juni 2016 bis 28. August 2016
Mehr Informationen unter: http://www.buehne-tecklenburg.de/home/

Welt-Uraufführung: 15.03.2014 (Theater St. Gallen)
Premiere Tecklenburg: 18.06.2016
Besuchte Vorstellung: 18.06.2016
Musik: Frank Wildhorn
Lyrics: Robin Lerner
Buch: Ivan Menchell
Deutsche Übersetzung: Nina Schneider
Orchestrierung und Arrangements: Koen Schoots
Musikalische Leitung: Tjaard Kirsch
Regie: Ulrich Wiggers
Choreographie: Kati Heidebrecht
Kostüme: Karin Alberti
Bühnenbild: Susanna Buller
Kampfszenen: Klaus Figge
Maskenbild: Elke Qirmbach
Besetzung: Armin Kahl (Artus), Milica Jovanovic (Guinevere), Kevin Tarte (Merlin), Roberta Valentini (Morgana), Dominik Hees (Lancelot), Thomas Schirano (Ector), Sebastian Brandmeir (Priester), Christian Schöne (Loth von Orkney), Thomas Hohler (Sir Gareth), Anne Welte (Mutter/ Oberin)

Beitragsbild: © Stefan Grothus

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.