Am 17. Juni wurde im Schlosstheater Fulda die Weltpremiere des Musicals „Der Medicus“ gefeiert. Mal wieder präsentiert sich Spotlight hierbei als absolut verlässlicher Produzent für historische Stoffe, auch wenn trotz einer überragenden Cast die musikalischen Höhepunkte fehlen.

Es ist nicht unbedingt ein vollkommen neues Phänomen, dass ein Buch-Bestseller erst verfilmt wird und dann den Weg auf die Musical-Bühne findet. Erstaunlich in höchstem Maße ist aber, dass ein solcher Welt-Bestseller wie „Der Medicus“ seine Musical-Uraufführung nicht am New Yorker Broadway oder im Londoner West End, sondern viel mehr im hessischen Fulda erlebt. Was im ersten Moment bemerkenswert klingt, erscheint bei näherer Betrachtung aber als absolut sinnvolle Entscheidung. Denn die dort agierende spotlight musicals GmbH kennt sich mit der „Vermusicalung“ historischer Persönlichkeiten und Stoffe sehr gut aus – haben sie doch schon „Bonifatius“, „Elisabeth – Legende einer Heiligen“ und nicht zuletzt „Die Päpstin“ zu großen Erfolgen geführt.

Nun hat sich spotlight an die wohl größte Vorlage seiner Firmengeschichte gewagt und die Lizenznahme kann man trotz vorheriger Referenzen definitiv als kleinen Coup bezeichnen.

Junger Engländer mit besonderer Gabe

Das Musical „Der Medicus“ basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage des amerikanischen Autors Noah Gordon und erzählt die Geschichte des jungen Engländers Robert Jeremy Cole (kurz: Rob Cole), der zu Beginn des 11. Jahrhunderts in London aufwächst und mit allen Mitteln die Kunst des Heilens erlernen will. Als seine Eltern sterben, entdeckt er seine besondere Gabe, den nahen Tod eines Menschen in dessen Händen zu spüren. Fortan wird er von einem Bader als Lehrling aufgenommen und in der Heilkunst unterrichtet.

Nach dem Tod des Baders erfährt er von einem Heiler namens Ibn Sina, genannt Avicenna, der im fernen Isfahan Medizin unterrichtet und angeblich der beste Arzt der Welt ist. Rob beschließt, sich als Jude auszugeben und macht sich auf den Weg nach Persien, um bei Ibn Sina seine Ausbildung fortzuführen. Auf der Reise lernt er die Schottin Mary Cullen kennen, in die er sich verliebt. Ihre Wege trennen sich, als Rob in Persien ankommt und an der medizinischen Fakultät von Ibn Sina angenommen wird. Bald wird er zum Vertrauten des dort ansässigen Schahs, kann seine wahre Identität jedoch niemandem anvertrauen und begibt sich somit bald in Lebensgefahr…

Das Buch „Der Medicus“ ist das erste einer fiktiven Trilogie, die sich um die Medizinerdynastie der Familie Cole dreht. Das englische Original erschien 1986, 1987 kam die deutsche Erstausgabe in einer Übersetzung von Willy Thaler auf den Markt. Die beiden Nachfolgebände wurden unter den Namen „Der Schamane“ und „Die Erben des Medicus“ veröffentlicht.

2012 wurde „Der Medicus“ unter der Regie von Philipp Stölzl mit Tom Payne, Ben Kingsley und Olivier Martinez in den Hauptrollen verfilmt.

Die Sache mit den Musical-Verfilmungen

Nun findet Rob Cole also seinen Weg auf die Fuldaer Musical-Bühne und die Frage, die uns im Vorfeld am meisten beschäftigte, war, ob „Der Medicus“ wirklich Musical-tauglich ist. Immerhin ist das Buch mit seinen ca. 845 Seiten nicht unbedingt eine leichte Lektüre (qualitativ wie quantitativ) und der Film bringt es sogar auf 150 Minuten (in der erweiterten Fassung sogar auf 181 Minuten) – Den vielschichtigen Plot samt seiner Charaktere und deren komplexer Beziehungsstruktur nun in eine Musicalform zu gießen, ist definitiv ein ambitioniertes Unterfangen, welches das Fuldaer Kreativteam auf die wohl einzig sinnvolle Art und Weise meistert: Durch Kürzungen und Änderungen der Buchvorlage.

Es ist immer eine Gratwanderung, ein Buch für andere Darbietungsformen – sei es nun Kino oder Theater – zu adaptieren. Einerseits beschwert sich das Publikum, wenn sich ein Film zu weit von der Buchvorlage entfernt und ursprüngliche Lieblingsszenen und Charaktere am Ende nicht mehr entsprechend würdigt. Andererseits ist die Kritik auch groß, wenn eine Vorlage lediglich 1:1 ohne Änderungen an Dialogen und Szenenfolgen transformiert wird. Hier das richtige Mittelmaß aus Werktreue und kreativer Aneignung zu finden, ist eine Mammut-Aufgabe.

Klar ist auch, dass „Der Medicus“ nicht 1:1 auf die Bühne gebracht werden kann und sollte. Dass sich das Musical aber in so vielen Punkten von der ursprünglichen Handlung entfernt und nur noch die Eckpfeiler des Plots aufnimmt, ist doch beachtenswert – ob im negativen oder positiven Sinne sollte jeder für sich selbst entscheiden. Wir jedenfalls empfanden viele Änderungen als Komplexitätsmindernd, wobei uns auch manche neuen Einfälle – wie die De-Facto-Vergewaltigung Mary Cullens – als sehr fragwürdig erschienen.

Die Kompositionen von Dennis Martin können leider mit wenig Überraschungen aufwarten. Ein wenig klingt der Score wie eine Mischung aus „Die Päpstin“ und „Die Schatzinsel“- was an sich nichts Schlechtes ist! Allerdings klingt alles etwas zu beliebig und austauschbar. Die Ohrwürmer fehlen, denn selbst Highlights wie „Ein Arzt in der Familie“; „Kilmarnock“ oder „Wenn die Sterne mit uns sind“ bleiben nicht nachhaltig in Erinnerung. Und so ertappte ich mich auf der Heimfahrt dabei, wie ich „Wach endlich auf mein Sohn“ aus „Die Schatzinsel“ vor mich hin summte – scheinbar hatte mir „Der Medicus“ also doch einen Ohrwurm beschert – nur aus einem anderen Musical. Während im ersten Akt, der größtenteils in London spielt, noch Schlager-Pop dominiert, erklingen im zweiten Akt verstärkt orientalische Klänge. Das passt und unterhält und so steht am Ende ein solider, wenn auch nicht überragender Soundtrack.

(c) Spotlight/Der Medicus
(c) Spotlight/Der Medicus

 

Wie immer spielt in Fulda kein Live-Orchester, was an sich schade ist. Obgleich eine vertretbare Entscheidung. Lieber kommt ein voller Orchester-Klang in großer Besetzung vom Band, als ein dünnes Klängchen einer besseren Band aus einem fast leeren Orchestergraben.

Imposant wirkt das wirklich fantastische Bühnenbild von Christoph Weyers, das sehr facettenreich daherkommt und immer wieder beeindruckende Szenen kreiert. Diese hochwertige Ausstattung muss sich vor keinem deutschen Long-Run verstecken!

Hinzu kommen die farbenprächtigen Kostüme von Ulrike Kremer, die vor allem in Persien etwas an „Aladdin“ erinnern und somit ein wenig Disney-Zauber auf die Bühne des Schlosstheaters transportieren. Optisch bleiben jedenfalls keine Wünsche offen.

Große Namen, große Wirkung

Eines ist bei Spotlight aber seit jeher überragend: Die Cast. Diese wird vom Fulda-erfahrenen Friedrich Rau in der Rolle des Rob Cole angeführt. Dieser agiert absolut sympathisch und schauspielerisch stark – auch wenn er bei der Premiere gesundheitlich etwas angeschlagen wirkte und stimmlich, nachdem er sich auskuriert hat, sicher noch mehr überzeugen kann.

Sabrina Weckerlin spielt die Mary Cullen einfach grandios. Jeder ihrer Auftritte ist ein Selbstläufer, was ebenso für ihre überragende Intonation gilt. Ihre Darbietung alleine ist die Fahrt nach Fulda schon wert.

Reinhard Brussmann ist als Ibn Sina typgerecht besetzt, strahlt als Rob`s Mentor viel väterliche Wärme aus und singt so beeindruckend wie zu besten Jean Valjean-Zeiten.

Erwähnenswert sind darüber hinaus die Performances von Lutz Standop als Mirdin, von dem man gerne mehr gehört hätte und Andreas Wolfram, der den Karim Schah sehr autoritär und stimmstark gibt. Eine überzeugende Leistung, was aber auch für das ansonsten sehr spielstarke und große Ensemble gilt.

Wem die bisherigen Spotlight-Stücke gefallen haben, der wird sicherlich auch von „Der Medicus“ nicht enttäuscht. Allerdings erreicht die Musik nicht das Niveau vergangener Produktionen und ist der kleine Schwachpunkt einer ansonsten starken Inszenierung des Buch-Bestsellers.

Hier ein kleiner Einblick der hessenschau:

Spielzeit „Der Medicus“: 17. Juni 2016 bis 28. August 2016
Mehr Informationen unter: http://spotlight-musicals.de/de/musicals/medicus/home-medicus

Welt-Uraufführung: 17.06.2016 (Schlosstheater Fulda)
Besuchte Vorstellung: 17.06.2016
Musik und Text: Dennis Martin
Zusätzliche Musik: Marian Lux
Zusätzliche Texte: Wolfgang Adenberg, Christoph Jilo
Buch-Vorlage: Noah Gordon
Orchestrierung und Arrangements: Michael Reed, Roy Moore
Musikalische Leitung: Andreas Pabst
Regie: Holger Hauer
Choreographie:
Kim Duddy
Kostüme: Ulrike Kremer
Bühnenbild: Christoph Weyers
Besetzung: Friedrich Rau (Rob Cole), Sabrina Weckerlin (Mary Cullen), Reinhard Brussmann (Ibn Sina), Andreas Wolfram (Karim Schah), Lutz Standop (Mirdin), Sebastian Lohse (Bader Kandrassä), Devi-Ananda Dahm (Fara), Dorothea Maria Müller (Mutter)

Beitragsbild: © SN/APA (dpa)/Uwe Zucchi

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An Musicals fasziniert mich: … wie Energie und Emotionen durch Musik, Schauspiel und Tanz von der Bühne in den Publikumsraum übertragen werden.