Die Mainzer Musical Inc. wagt sich dieses Jahr an ganz großes Broadway-Theater und gibt Lin-Manuel Miranda`s „In the Heights“ mit viel Spielfreude und Leidenschaft. Wir haben die Washington Heights besucht und wollen euch unsere Eindrücke natürlich nicht vorenthalten.

Einerseits ist es schade, wenn große Produzenten statt mutig neue Schritte zu wagen und zeitgemäße Stücke zu spielen, immer nur auf das ewig Gleiche und langweilig Altbewährte setzen. Andererseits bietet das aber auch kleineren Akteuren die Möglichkeit, wirklich großes Musiktheater aufzuführen, das andernfalls über Jahre hinweg nicht den Weg auf kleine Bühnen gefunden hätte.

Einer dieser Akteure ist die Musical Inc. in Mainz, eine 1993 gegründete Hochschulgruppe, die 2008 in einen gemeinnützigen Verein übergegangen ist. Dass diese studentische Vereinigung mittlerweile über die Johannes Gutenberg-Universität und sogar ganz Mainz hinaus bekannt ist, hat diese Amateur-Gruppe nicht nur ihren wirklich gelungenen Inszenierungen zu verdanken, sondern auch ihren talentierten Mitgliedern und mehr noch ihrer wirklich sehr kompetenten und mutigen Stückauswahl. „Frühlings Erwachen“, „Rent“, „Frankenstein Junior“ – alles Stücke, die hierzulande viel zu selten gespielt werden und von der Musical Inc. in vergangenen Spielzeiten zur Aufführung gebracht wurden. Dieses Jahr präsentieren die Mainzer das Musical „In the Heights“ von Lin-Manuel Miranda – eine goldrichtige Entscheidung, bedenkt man, dass über Miranda und sein Meisterwerk „Hamilton“ gerade ganz Amerika spricht und hier in Deutschland viel zu viele (gerade jüngere) Leute bei Musicals direkt an Schlager-Schnulzenpop-Kitsch denken. „In the Heights“ ist vieles – eine Entsprechung gängiger Klischees jedoch in keiner einzigen Minute.

Das „Vor-Hamilton“

Als Whoopie Goldberg bei der Tony Award-Verleihung 2008 einen „incredible talented“ Lin-Manuel Miranda und den Auftritt des neuen Broadway-Musicals „In the Heights“ ankündigte, waren beide, sowohl das Stück als auch sein Komponist/Texter/Hauptdarsteller noch relativ unbekannt. Nach dem Gewinn eines Grammys, des Tonys in den wichtigsten Kategorien „Best Musical“ und „Best Score“ sowie einer Nominierung für den Pulitzer-Preis, änderte sich dies aber ziemlich schnell. Mittlerweile ist Miranda so etwas wie der Messias des Musical-Genres, ein Multitalent, das nicht nur komponieren und texten, sondern auch schauspielern und singen kann.

Sein neuestes Musical „Hamilton“, in dem er natürlich wieder die Titelrolle übernahm, bricht momentan alle Rekorde am Broadway, wird von Presse und Publikum gleichermaßen bejubelt und steht wie kein zweites Stück für das moderne Musiktheater. Eines, das zeitgemäß inszeniert ist, die Sprache der jüngeren Generation spricht und sich musikalisch von allem im Musical-Genre bisher Dagewesenen abhebt: „Hamilton“ ist ein HipHop- und RnB-Musical. Allerdings – und das wird bei dem aktuellen Hype gerne vergessen – ist „In the Heights“ gleichfalls ein HipHop-Musical, dessen Erfolg „Hamilton“ wohl erst den Weg bereitet hat.

96.000 – Die Heights und der Lottogewinn

© Ben Hinkeldey
© Ben Hinkeldey

Handlungsort von Miranda`s Erstlingswerk sind die Washington Heights, ein lebendiges und überwiegend von Latinos geprägtes Stadtviertel in New York.

Hier lebt der Kioskbesitzer Usnavi samt seiner Abuela Claudia und träumt davon, eines Tages in sein Herkunftsland, die Dominikanische Republik, zurückzukehren. Der schüchterne Usnavi ist heimlich verliebt in die ebenfalls mittellose Vanessa, die in Daniela`s Frisörsalon arbeitet. Diese Institution des Klatsches und Tratsches befindet sich allerdings in den Endzügen ihrer Existenz und ein Umzug des Salons in die Bronx steht bevor – Die Mietpreise der Washington Heights kann Daniela nicht mehr aufbringen (zusammen mit Vanessa`s Wohnungssuche ein schöner Beitrag zum Thema Gentrifizierung).
Und schließlich wären da noch die Rosarios, deren ganzer Stolz ihre Tochter Nina ist, die es heraus aus den Heights an die renommierte Stanford University geschafft hat und am heißesten Tag des Jahres mit schlechten Nachrichten nach Hause zurückkehrt.
Als Usnavi davon benachrichtigt wird, dass ausgerechnet sein Kiosk jenen Lottoschein verkauft hat, der seinen Besitzer 96.000 Dollar reicher macht, wird die Gemeinschaft vor neue Herausforderungen gestellt und jedes Mitglied muss für sich herausfinden, was Heimat, Freundschaft und Familie wirklich bedeutet.

Vom Broadway nach Mainz

musical-inc-präsentiert-in-the-heights„In the Heights“ war der große Überraschungserfolg der Broadway-Saison 2008 und wird von der Musical Inc. nun – zeitgleich zur Deutschlandpremiere, die von der Musical AG Lohne ausgerichtet wird – im Theater im P1 aufgeführt. Mit einem Budget von über 40.000 Euro, über 40 Darstellern, 20 Musikern und 30 Helfern wird in Mainz wirklich Beeindruckendes geleistet, das sich keineswegs hinter professionellen Aufführungen verstecken muss.

Die große Stärke des Musicals an sich liegt neben der authentischen Schilderung des Lebens und der Träume lateinamerikanischer Einwanderer vor allem in den modernen Kompositionen Miranda`s, die eine Mischung aus packenden Salsa-Rhythmen, kraftvollen Balladen sowie Pop und Latin-Hip-Hop darstellen.
Dabei kommt sein Score komplexer daher, als es im ersten Moment den Anschein macht. Er versagt sich eigentlich vollkommen dem üblichen Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Schema und nicht jedes seiner Lieder bewegt sich auf den üblichen großen Ohrwurm-Höhepunkt hin. Der Fokus – wie sonst in diesem Maße nur bei „next to normal“ erkennbar – liegt musikalisch darin, der Story und ihren Charakteren die richtige Aussagekraft zu verleihen und die Emotionen in eine passende Komposition zu gießen. Dabei nimmt sich die Musik einerseits zurück und kreiert andererseits intensive Momente. „In the Heights“ klingt erfrischend und eben nicht schon tausendmal gehört.

Band und Cast – Große Dimensionen, große Wirkung

Umso wichtiger ist es, dass diese Kompositionen auch live das Publikum erreichen, was in Mainz dank des großen Orchesters (14 Musiker) unter der musikalischen Leitung von Thomas Wagner und Nicolai Benner mit jedem Ton gelingt. Hier muss sich Mainz vor der aktuellen Produktion in London nicht verstecken. Im Gegenteil – während in London die Tour-Version mit weniger Musikern gegeben wird, trumpft die Musical Inc. hier wahrlich auf und bietet einen kraftvollen Klang ohne jegliche Software, den man sich in den Ensuite-Palästen teilweise wünschen würde.

Das Einheitsbühnenbild sowie die gesamte Ausstattung von Florian Pfaff und Jakob Felder ist absolut zweckdienlich und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Die Washington Heights in Mainz – das passt auch optisch.

Was wäre aber das beste Orchester und eine stimmige Szenerie, wenn die Akteure die Handlung nicht ebenso überzeugend transportieren könnten? Gut, dass man hier in Mainz – so macht es jedenfalls den Anschein – aus den Vollen schöpfen kann.

Natürlich ist das schauspielerische Timing bei einem Amateur-Ensemble nicht immer perfekt und klar ist auch, dass mancher Ton nicht immer da ist, wo er sein sollte, aber insgesamt leistet die Cast zu jedem Zeitpunkt eine mehr als solide, in den allermeisten Momenten sogar eine begeisternde Performance ab. Es ist beeindruckend, dass so viel Talent nicht ausschließlich an Musicalschulen, sondern eben auch in musikfremden Studiengängen zu finden ist und die Musical Inc. sogar zwei Ensembles in Rennen schicken kann, die sich abwechseln.

In der besuchten Vorstellung spielte Vinzent Grimmel die Rolle des Usnavi. Zugegebenermaßen wirkten seine Rap-Parts an machen Stellen etwas aufgesetzt, aber er spielte den Usnavi einfach von Grund auf sympathisch und konnte schauspielerisch auf ganzer Linie überzeugen.

Usnavi`s Cousin Sonny wird in Mainz von Sinan Köylü gegeben, der dank seins komödiantischen Talents für viel Erheiterung beim Publikum sorgt.

Die gute Seele und moralischer Bezugspunkt des Barrios ist ohne Frage Abuela Claudia, die Karina Schwarz einfach herzensgut und stimmstark verkörpert. Eine solche Großmutter würden wir uns doch alle wünschen!

Armida Begeja als Daniela und Sarah Voltz als Carla bilden in ihren etwas klischeehaften Rollen den Tratsch-Hotspot der Heights und haben damit natürlich automatisch die Lacher auf ihrer Seite, was bei ihrem erfrischenden Spiel aber auch nicht weiter verwundert.

Laura Saxler als Nina Rosario und Judith Heiermann als Vanessa meistern ihre gesanglich anspruchsvollen Parts solide und punkten ebenfalls mit ihrem authentischen Schauspiel. Dies gilt gleichermaßen auch für Florian Pfaff und Jennifer Fischer, die als Ehepaar Rosario wohl am meisten um ihren Zusammenhalt und ihre Existenz kämpfen müssen.

Steffen Storck als Graffiti Pete und Franziska Heger als Piragüera runden das homogene Ensemble spielstark ab, aus dem aber vor allem ein Darsteller heraussticht.

Lukas Witzel als Benny ist so etwas wie der heimliche Star des Abends und jede Szene, an der er beteiligt ist, entpuppt sich letztlich als Selbstläufer. Er singt seine – teilweise nicht so einfach intonierbaren Parts – mit einer Leichtigkeit und Kraft, wie man sie bei professionellen Musicaldarstellern gern mal erleben würde. Hinzu kommen sein facettenreiches Schauspiel und die enorm große Bühnenpräsenz, die nicht nur uns, sondern auch das übrige Publikum, das seine Auftritte geradezu zelebrierte, nachhaltig beeindruckte. Solchen Talenten bleibt wirklich nur zu wünschen, dass sie ihren Weg vielleicht eines Tages doch auf die große Bühne schaffen.

Dies soll nicht davon ablenken, dass „In the Heights“ vor allem eine Ensemble-Leistung ist und man nicht nur den Beteiligten auf der Bühne, sondern auch den Helfern vor und hinter der Bühne die Leidenschaft für das Stück und die ganze Kunstform an sich in jedem Moment anmerkte.

Die Zukunft des Musicals?

Sicherlich könnte man nun kritisieren, dass die Choreos und Tänze während den Solos teilweise sehr stark von den eigentlichen Darstellern und der Handlung ablenkten und die Bühne in manchen Szenen etwas überfüllt wirkte. Aber welche Maßstäbe würden wir dann bitte an eine Amateur-Produktion ansetzen?

Hier muss lieber eines hervorgehoben werden, nämlich, dass ganz viel Musical-Magie dann entsteht, wenn Akteure mit Herzblut bei der Sache sind und statt eine Produktion kaputt zu sparen, Geld in Foyerdeko und ein großes Orchester investiert wird. Wenn eben versucht wird, aus einem Stück das Maximale herauszuholen und dem Publikum die beste Inszenierung eines Stückes zu bieten.

Sicherlich ist dieser Ansatz bei einer Amateur-Gruppe, die nur aus ehrenamtlichen Mitgliedern besteht, leichter umsetzbar, aber vielleicht gehört ja gerade diesem Bereich die Zukunft in Deutschland – allen „Ich war noch niemals in New Yorks“ und „Hinterm Horizonts“ zu Trotz.

In the Heights

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3.2 von 5 Sternen (5 customer reviews)

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Spielzeit: 30. Mai bis 17. Juni 2016, Theater im P1, Universität Mainz.
Mehr Informationen unter: http://www.musicalinc.de/

Broadway-Premiere: 09.03.2008 (Richard Rodgers Theatre)
Premiere Mainz: 30.05.2016 (Theater im P1, Universität Mainz)
Besuchte Vorstellung: 11.06.2016
Idee/Musik/Lyrics: Lin-Manuel Miranda
Buch: Quiara Alegría Hudes
Deutsche Übersetzung: Laura Friedrich
Musikalische Leitung: Thomas Wagner, Nicolai Benner
Regie: Sina Eckhardt, Florian Pfaff
Regieassistenz:
Scarlett Saurat
Choreographie: Sina Eckhardt, Isabelle Jegotka
Ausstattung: Florian Pfaff, Jakob Felder
Produktionsleitung: Judith Heiermann, Moritz Schümann, Vinzent Grimmel, Steffen Storck
Besetzung am 11.06.2016: Vinzent Grimmel (Usnavi), Laura Saxler (Nina Rosario), Florian Pfaff (Kevin Rosario), Jennifer Fischer (Camila Rosario), Lukas Witzel (Benny), Judith Heiermann (Vanessa), Sinan Köylü (Sonny), Karina Schwarz (Abuela Claudia), Armida Begeja (Daniela), Sarah Voltz (Carla), Steffen Storck (Graffiti Pete), Franziska Heger (Piragüera)