Das „Theater Randzone“ ist ein kleines, freies und damit nicht subventioniertes Theater ohne eigene Spielstätte, unter dessen Dach sich freischaffende Theaterkünstler aus dem gesamten Bundesgebiet für gemeinsame Projekte zusammenschließen. Das Theater ist überwiegend mobil unterwegs und hat sich für seine Inszenierung von „Die letzten 5 Jahre“ für die kleine Bühne des Jugendcafés in Oberursel entschieden.

Die Story von Jason Robert Browns 2-Personen-Stück ist schnell erzählt: Cathy, Musicaldarstellerin auf der Suche nach dem großen Erfolg und Jamie, Autor am Anfang einer steilen Karriere, sind ein Paar. 5 Jahre hält ihre Liebe und beide erzählen ihre jeweilige Version davon. Mit dem einzigen Unterschied, dass Jamie chronologisch erzählt und Cathy am Ende anfängt – Sie steht mit seinem Abschiedsbrief in der Hand „weinend da“. Die Songs wechseln sich ab, nur zur Hochzeit singen die beiden ein Duett – und spielen auch das erste und einzige Mal zusammen. Ein sehr bewegendes Stück, sehr ehrlich und emotional, das die Frage aufwirft, warum Beziehungen in die Brüche gehen und wer eigentlich „Schuld“ ist. Seit Februar 2015 gibt es eine Filmadaption.

Kleiner Saal – große Wirkung

Der wirklich sehr gemütliche Saal mit seinen etwa 50 Plätzen passt ganz wunderbar zu Browns Kammer-Musical und ermöglicht den Schauspielern eine Nähe zu den Zuschauern aufzubauen, welche das Spiel und die Songs noch berührender macht.

Browns Musical kommt mit sehr wenig aus. Mit 2 Schauspielern, 2 Musikern, 2 Farben und viel Herzblut kreiert die Regisseurin Petra Ehrenberg einen emotional aufwühlenden und kurzweiligen Abend. Ihr Konzept ist sehr klar erkennbar, gut durchdacht und stringent verfolgt: Es gibt 2 Farben, rot und blau, die uns durch das ganze Stück begleiten.

plakat

Aber nicht nur durch das Stück, auch das Plakat ist schon in rot/blau gehalten, ebenso wie die Programmhefte. Ein wunderbarer Kunstgriff: Jamie, wie erwähnt, ist Autor und das Programmheft kommt als sein Debütroman daher – einschließlich Klappentext und Kritiken auf der Rückseite. Anbei liegt ein „Kassenzettel“, der über die Zusatztermine im Oktober informiert, die Eintrittskarten sind als Lesezeichen designt (Grafik und Layout: Stefan Mesitschek, argus Kommunikationsdesign). Mehr rot und blau begegnet einem in den Kostümen, sowohl von Cathy und Jamie als auch der Musiker Aki Kitajima (Cello) und Marco Ramaglia (Klavier). Die Damen tragen rote Kleider, die Herren blaues Hemd und Jeans. Darüber hinaus hat sich auch das Lichtkonzept daran orientiert: Cathys Songs werden rot, Jamies blau ausgeleuchtet und auch die Requisiten der beiden wie Laptop, Handy oder Notizbuch mit Bleistift passen ins Schema. Außerdem wurden durch die imaginäre Teilung der Bühne in der Mitte 2 Ebenen geschaffen, auf der einen Seite ist alles gut, Jamie steht hier zunächst und besingt „seine Göttin“, während Cathy ihm im nächsten Song auf der anderen Seite Anschuldigungen an den Kopf wirft. Während der Hochzeit werden die Seiten getauscht, nun steht Cathy auf der „glücklichen“ Seite und Jamie merkt, wie es mit der Beziehung bergab geht.

Zwei starke Stimmen für Cathy und Jamie

© Theater Randzone
© Theater Randzone

Anjuschka Uher hat in Oberursel Musical studiert und schafft es, die – wie ich finde – schwierige Figur der Cathy in eine liebenswerte und gleichzeitig temperamentvolle Frau zu verwandeln. Uher stellt vor allem zwei Extreme dar, nämlich die aufgedreht Verliebte und die verletzte und verlassene Frau. Die Schattierungen dazwischen werden in ihrer Charakterauslegung aber leider nicht deutlich. Gesanglich gibt sie Browns anspruchsvolle Musik mit großer Leichtigkeit, besonders das Ende von „Schau, ich lächle“ ist ein absoluter Wow-Moment. Ein klarer, starker Belt, dazu eine schön ausgebildete und leichte Kopfstimme, was zusammen ein wunderbares Timbre ergibt.

© Theater Randzone
© Theater Randzone

Florian Hinxlage gibt mit vollem Körpereinsatz einen ganz fabelhaften, süßen Jamie, der allerdings teilweise mit den Tönen, die ihn Brown da intonieren lässt, zu kämpfen hat. Die leisen Passagen wiederum – besonders herauszustellen „Die Geschichte von Schmuel“ – waren wunderbar leicht, wahnsinnig schön erzählt und sehr anrührend. Einen tollen Moment hat er vor „Wär ich nicht überzeugt von dir“, wenn er vom ruhigen Geschichten-Vorleser zum verletzten Ehemann wird. Die Zeile „Ich werd nicht verlier`n, nur damit es dir besser geht, Cathy!“ bringt die ganze Problematik sehr gut auf den Punkt. Genau hier steht Jamies Erfolg als Autor in einem krassen Gegensatz zu Cathys Musicalkarriere, denn sie vergeigt jedes einzelne Vorsingen. Fraglich ist, ob man sie hier wirklich als so schlechte Sängerin anlegen muss.

Zusammen sind sie stark

Das einzige Lied, in dem die zwei wirklich zusammen spielen dürfen („Die nächste Stunde“) zeigt, wie toll diese Personen miteinander harmonieren. Der erste Blick ist ein absoluter Gänsehautmoment und man sitzt das gesamte Lied über mit einem Dauergrinsen im Gesicht da, ob der Liebe und Zärtlichkeit, die da von der Bühne auf das Publikum ausstrahlt!

© Theater Randzone
© Theater Randzone

Im Zusammenspiel mit den zwei Musikern gab es ab und an Schwierigkeiten, aber keine gravierende Störung. Neben dem großen Tonumfang, den Brown seinen Darstellern abverlangt, komponiert er auch rhythmisch sehr komplex – das mag ein Grund für ein paar Unsicherheiten gewesen sein.

Eine weitere Schwierigkeit bei Browns Stück ist die Tatsache, dass alle Lieder als Dialog angelegt, aber bis auf einen Song als Monolog gesungen werden. Die zwei schaffen es leider nicht immer die Illusion zu erzeugen, dass sie gerade mit ihrem Pendant reden, da sie teilweise sehr stark an das Publikum senden oder einen unklaren Punkt in der Luft anspielen. Man kann natürlich auch den Pianisten als Spielpartner mit einbeziehen, wie es in „Wär die Welt perfekt“ angedeutet wurde. Leider nur angedeutet, trotzdem eine gute Idee!

Sehr schön ist der Einfall, dass das Spiel der gerade nicht aktiven Person im Hintergrund weiter geht, auch wenn die Bewegungen dort teilweise zu groß sind und ablenken. Da flirtet Jamie mit dem Publikum, Cathy liest seinen Abschiedsbrief noch einmal oder macht Ballettübungen. Das hat einerseits den Vorteil, dass man die Entwicklung des Anderen weiter verfolgen kann und andererseits, dass die Übergänge ganz fabelhaft funktionieren!

Wo Licht, da auch Schatten

Der deutlichste Kritikpunkt, den man an dieser Inszenierung anbringen könnte, wäre das Overacting, also „Zu-viel-Spiel“ in den Songs, die dazu auch noch durchchoreografiert waren. Browns Lieder sprechen so gut wie alle für sich, sodass Schuhe, die auf einem Koffer herumhüpfen und die Familiengeschichte von Cathys Freundin nacherzählen leider ziemlich überzeichnen. Genauso wie Gesten auf jeder Zeile in „Ein bisschen zu schnell“, dass man sich schon fast vorkommt, als ob das Ganze für Gehörlose konzipiert wurde. Weniger bis gar keine Choreo würde auch den Darstellern mehr entgegenkommen. So wirkten beide schon fast gehetzt ob der Fülle an Bewegungen, die sie auszuführen hatten.

© Theater Randzone
© Theater Randzone

Sehr gute Arbeit geleistet hat Stefan Wurz beim Arrangieren der Musik von ursprünglich fünf auf zwei Instrumente. Nur wer das Stück gut kannte, dem fielen eventuell an manchen Stellen fehlende Verzierungen oder Einsätze auf. Und auch Norman Lißner – verantwortlich für Licht und Ton – hat definitiv alles aus dem kleinen Saal herausgeholt. Die Lichtshow war sehr abwechslungsreich und lebendig, viel mehr als man bei den fünf kleinen Scheinwerfern erwartet hätte. Auch der Sound war sehr ausgewogen, in „Die Geschichte von Schmuel“ mit extra Hall unterlegt.

Abschließend lässt sich sagen, dass man einen durchaus unterhaltsamen und liebevoll gestalteten Abend erwarten kann. Sieht man über die choreografisch zu gut gemeinten Ambitionen hinweg, ist die Inszenierung gelungen, die Stimmen sind beeindruckend und insbesondere im Duett harmonieren Anjuschka Uher und Florian Hinxlage sehr gut miteinander! Also, wer noch dieses wunderbare Musical, das für meinen Geschmack eindeutig zu selten in Deutschland gespielt wird, in Oberursel besuchen möchte, hat bei den zwei Zusatzterminen am 8. und 9. Oktober Gelegenheit dazu!

Weitere Informationen zu der Inszenierung unter: www.theaterrandzone.de

Die letzten 5 Jahre - das Musical

Price: EUR 12,44

3.7 von 5 Sternen (6 customer reviews)

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Welt-Uraufführung: Mai 2001 (Northlight Theatre in Skokie, Illinois)
Premiere Oberursel: 11.6.2016
Besuchte Vorstellung: 30.6.2016
Buch, Musik & Lyrics : Jason Robert Brown
Deutsche Übersetzung: Wolfgang Adenberg
Musikalische Arrangements: Stefan Wurz
Regie: Petra Ehrenberg
Choreographie: Anjuschka Uher
Kostüme: Petra Ehrenberg, Inge Hahn
Bühnenbild: Petra Ehrenberg
Technische Leitung: Norman Lißner
Lichtdesign: Norman Lißner, Petra Ehrenberg
Besetzung: Anjuschka Uher (Cathy), Florian Hinxlage (Jamie)

Beitragsbild: © Theater Randzone