Damit sich ein Musical vom Durchschnitt abheben kann und nicht nur gut, sondern wirklich großartig ist, muss es einen starken Score haben. Unter dem Begriff „Score“ versteht man die Musik eines Werkes und deren Zusammenspiel mit den Liedtexten. Ich habe vor ein paar Wochen auf meinem Blog Theaterdistrikt geschrieben, dass ich der Ansicht bin, man darf die Qualität eines Scores nicht nur an dessen Ohrwurmpotenzial messen. Es gibt auch über „Les Misérables“ und „Miss Saigon“ hinaus viele Geheimtipps und musikalische Juwelen zu entdecken, aus denen ich hier eine Liste von zehn Werken zusammengestellt habe.

Um das klarzustellen: Weder ist das eine Liste meiner Lieblingsmusicals, noch möchte ich hier die eingängigsten oder „schmissigsten“ Scores aufzählen. Das hier sind Werke, die in Deutschland bisher nur selten bis gar nicht gespielt wurden und nicht primär darauf aus sind, dem Hörer direkt beim ersten Kontakt mit dem Material zehn Ohrwürmer reinzuhämmern. Sie profitieren von mehrmaligem Hören, aber wenn sie erst mal ihre Schönheit entfaltet haben, dann lassen sie einen so schnell nicht mehr los.

Da ich beim Brainstorming für diese Liste bereits eine Tendenz feststellte und auch, um eine Grenze zu älteren Musical-Klassikern zu ziehen, habe ich beschlossen, mich bei diesem Ranking auf Stücke zu beschränken, die nach 1990 uraufgeführt wurden.

Am Ende des Artikels findet ihr eine Spotify-Playlist mit ein bis zwei Liedern pro Musical, die euch bereits einen ersten musikalischen Eindruck verschaffen.


10. Doctor Zhivago

Musik: Lucy Simon, Liedtexte: Michael Korie und Amy Powers

© Matthew Murphy
© Matthew Murphy

Ich hatte bei meiner Reise nach New York letztes Jahr das große Glück, eine Vorstellung von „Doctor Zhivago“ am Broadway zu sehen, bevor das Stück nach wenigen Wochen wieder abgesetzt wurde.

Man darf sich von den negativen Kritiken und dem Makel „Flop“ nicht abschrecken lassen: Regie und Buch mögen an der Aufgabe gescheitert sein, Boris Pasternaks großen Roman von Liebe und Leid in den Wirren der russischen Revolution gelungen für die Bühne zu adaptieren, aber die Musik von Lucy Simon ist für sich genommen unheimlich schön und bewegend.

Erfreulicherweise erschien vergangenen Sommer nachträglich ein Cast-Album der kurzlebigen Show, das den dramatischen und opulent orchestrierten Score für die Nachwelt festhält. Hoffentlich ebnet dies den Weg für zukünftige Produktionen in Europa und vor allem im deutschsprachigen Raum. In einer Kultur, die ihre Theater mit Wildhorn, Schönberg und Levay füllen kann, wird sicherlich auch für dieses hübsche Juwel Platz sein.

Anspieltipp: „Watch the Moon”. Das Album gibt es leider noch nicht auf Spotify, aber als Entschädigung kommt in diesem Video von der Aufnahmesession die Schönheit der Musik und die Leidenschaft aller Beteiligten des Projekts wunderbar zur Geltung.


9. Assassins

Musik und Liedtexte: Stephen Sondheim

© Nobby Clark
© Nobby Clark

Okay, das mag im ersten Moment nach einer seltsamen Wahl klingen, aber lasst mich das erklären. Sicherlich ist Sondheim selten leichte Kost und von allen seinen Musicals ist „Assassins“ von der Thematik her wahrscheinlich am schwersten verdaulich und löst im Publikum ein solches Unbehagen aus, dass „Sweeney Todd“ im Vergleich harmlos wirkt. Interessanterweise halte ich es aber musikalisch für sein melodischstes und am leichtesten zugängliches Werk.

An der Schießbude eines Rummelplatzes treffen in „Assassins“ neun Menschen aufeinander, von denen jeder im Laufe der Geschichte der Vereinigten Staaten ein (mehr oder weniger erfolgreiches) Attentat auf einen US-Präsidenten verübt hat. Der Score ist dabei eine aufregende Reise durch die populäre amerikanische Musik vom Bürgerkrieg bis in die Siebzigerjahre und reflektiert jeweils die Zeit, in der die Figuren ihre Tat verübten. Trotz dieses Flickenteppichs verschiedener Stile wirkt der Score von „Assassins“ wie aus einem Guss.

Selbst, wenn einem das Konzept für diese Show ein wenig zu speziell erscheint, lohnt es sich alleine für die tolle Musik, in Sondheims „vergessenes Werk“ einmal reinzuhören.

Anspieltipp: „The Ballad of Booth“


8. Grey Gardens

Musik: Scott Frankel, Liedtexte: Michael Korie

© Scott Rylander
© Scott Rylander

Manche Musicals kann man sich einfach blind anhören, ohne etwas über die Handlung zu wissen. „Grey Gardens“ hingegen lässt einen wahrscheinlich verwirrt zurück, wenn man nicht vorher seine Hausaufgaben gemacht hat.

Das Stück basiert auf einem zitatträchtigen Dokumentarfilm von 1975, der mittlerweile Kultstatus erreicht hat. Er porträtiert das Alltagsleben von Little Edie und ihrer Mutter Big Edie, beide verwandt mit der First Lady Jackie Kennedy und ehemals elegante Damen der New Yorker Oberschicht, die sich vollkommen in ihr Anwesen Grey Gardens auf Long Island zurückgezogen haben. Drei Jahrzehnte zuvor noch eine prachtvolle Villa, ist die Residenz zu einer verwahrlosten Müllhalde geworden, zwar ohne Strom oder fließendes Wasser, dafür aber mit zahlreichen streunenden Katzen und Waschbären.

Während der zweite Akt inspiriert von der Doku das exzentrische Leben in Isolation zeigt, spielt der erste Akt an einem einzigen Nachmittag 30 Jahre zuvor, als die beiden Edies in der Blüte ihres Lebens standen und Grey Gardens noch ein glamouröser Hotspot der New Yorker High Society war. Das Werk ist überraschend rührend und dank der einfallsreichen Songs in der zweiten Hälfte, die häufig aus kleinen Details aus der Doku gestrickt wurden, entwickelt man ein unerwartetes Verständnis für den ungewöhnlichen Lebensstil der beiden faszinierenden Frauen.

Anspieltipp: „Around the World“


7. The Light in the Piazza

Musik und Liedtexte: Adam Guettel

© Frank Micelotta
© Frank Micelotta

Schon bei den ersten Klängen der Ouvertüre von „The Light in the Piazza“ fühlt man sich unmittelbar in eine andere Zeit und an einen anderen Ort versetzt. Die zarte und schwärmerische Musik lässt lebhaft das Bild einer Piazza in Florenz entstehen, malerisch in goldenes Sonnenlicht getaucht. Hierhin verschlägt es in den frühen 1950er-Jahren eine amerikanische Mutter mit ihrer Tochter Clara, die seit eines Unfalls in ihrer Kindheit entwicklungsgestört ist. Die zufällige Begegnung mit einem jungen italienischen Mann stellt die Toskana-Reise der beiden Frauen vollkommen auf den Kopf.

Ein romantischer und gleichzeitig angenehm unkitschiger Score – fernab vom Broadway-Mainstream, aber alles andere als anstrengend – erzählt diese ungewöhnliche Liebesgeschichte mit viel Feingefühl und reichlich Bella Italia und La Dolce Vita.

Die Musik von „The Light in the Piazza“ ist zeitlos. Das Stück wurde 2005 am Broadway uraufgeführt, hätte aber genauso gut im selben Jahr wie „West Side Story“ entstanden sein können – und das meine ich im absolut besten Sinne.

Anspieltipp: „Passeggiata“


6. Giant

Musik und Liedtexte: Michael John LaChiusa

© Joan Marcus
© Joan Marcus

„Giant“ ist sicher das perfekte Wort, um dieses Werk zu beschreiben: In seinem Anfangsstadium war das Musical fünf Stunden lang und zog sich über drei Akte. Mittlerweile wurde das Stück auf einen dreistündigen Zweiakter gekürzt und auch das Cast-Album ist mit seinen 26 Tracks für Neulinge leicht zugänglich. Nach einer Romanvorlage von Edna Ferber wird in „Giant“ eine generationenübergreifende Geschichte rund um Familie, Engstirnigkeit, Rassismus, Veränderung und Akzeptanz erzählt. Schauplatz ist Texas, vom Farmer Bick als „Heartbreak Country“ besungen.

Die Musik von Michael John LaChiusa erweckt den Bundesstaat in kräftigen Farben zum Leben. Durch den Score ziehen sich Einflüsse von Country, mexikanischem Folk und Rock ’n’ Roll, mit theatralischer Finesse miteinander verwoben.

„Giant“ ist für mich eine der schönsten Musicalentdeckungen der letzten Jahre, die bisher leider viel zu wenig Leute kennen. Das Cast-Album ist nicht zuletzt dank der warmherzigen Darbietungen toller Künstler wie Brian d’Arcy James und Kate Baldwin unbedingt hörenswert.

Anspieltipps: „He Wanted a Girl“, „Our Mornings / That Thing”


5. Parade

Musik und Liedtexte: Jason Robert Brown

© Craig Schwartz
© Craig Schwartz

Basierend auf einem wahren Gerichtsfall erzählt „Parade“ die Geschichte des Fabrikdirektors Leo Frank, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Atlanta zu Unrecht des Mordes an einem 13-jährigen Mädchen beschuldigt wird. Erschüttert von der Tragödie verschwören sich die Bürger von Georgia gegen das schwarze Schaf ihrer Gemeinde, den distanzierten jüdischen Außenseiter, und nehmen den „Hammer der Gerechtigkeit“ schließlich selbst in die Hand.

Es geht in „Parade“ um Südstaaten-Mentalität und wie der Prozess Leo und seine Frau Lucille enger zusammenschweißt. Das Ehepaar bildet den emotionalen Kern der bedrückenden (und gleichzeitig extrem faszinierenden) Geschichte. Hier wird kein leichter Stoff behandelt, aber das Stück ist einfach unfassbar gut konstruiert. Die Musik von Jason Robert Brown hat mich beim ersten Hören mit ihrer Gewaltigkeit fast erschlagen.

„Parade“ ist ohne Übertreibung eines der besten Musicals der letzten 50 Jahre. Tut euch den Gefallen und hört es euch an.

Anspieltipps: ALLES. Oder wenn ihr nicht so viel Zeit habt: „The Old Red Hills of Home“, „Funeral: There Is a Fountain / It Don’t Make Sense” (Aber ernsthaft. Hört euch alles an.)


4. Ragtime

Musik: Stephen Flaherty, Liedtexte: Lynn Ahrens

© Joan Marcus
© Joan Marcus

Was mit ein paar verhaltenen Klängen auf einem leicht verstimmten Klavier beginnt, gipfelt schließlich in eine der gewaltigsten Eröffnungsnummern der Musicalgeschichte. In „Ragtime“ treffen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in New York drei Menschengruppen aufeinander: Die weiße Familie aus der oberen Mittelschicht, die schwarzen Ragtime-Musiker aus Harlem und die jüdischen Immigranten aus Osteuropa.

Während sich vor dem Hintergrund einer Nation im schleichenden Umbruch die Wege der Figuren verflechten und die Grenzen der Gesellschaftsschichten immer mehr verschwimmen, greifen auch die verschiedenen Musikstile immer tiefer ineinander. Mit großen Melodien erzählt dieses Musical eine ergreifende Geschichte von Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Meiner Ansicht nach ist „Ragtime“ nicht weniger episch als „Les Misérables“, nur eben auf eine ganz andere Art und Weise.

„Hamilton“ trägt zurzeit am Broadway den Untertitel „An American Musical“, aber für mich ist „Ragtime“ das ultimative amerikanische Musical. „It was the music of something beginning, an era exploding, a century spinning in riches and rags and in rhythm and rhyme, the people called it ragtime.“

Anspieltipps: „New Music“, „Back to Before“


3. The Bridges of Madison County

Musik und Liedtexte: Jason Robert Brown

© Sara Krulwich
© Sara Krulwich

Schon wieder Jason Robert Brown. Und schon wieder ein bisschen Italien. Francesca, die als junge Frau von Neapel nach Iowa ausgewandert ist, geht während einer dreitägigen Abwesenheit ihrer Familie eine Affäre mit dem Landschaftsfotografen Robert ein. Bevor ihr Mann und ihre beiden Kinder auf die Farm zurückkehren, muss sie sich zwischen ihrer Familie und einer Zukunft mit dem leidenschaftlichen Fremden entscheiden.

Wenn das jetzt nach kitschigem Schmuddelroman klingt, liegt das nur daran, dass ich schlecht in Zusammenfassungen bin. „The Bridges of Madison County“ wird wirklich ernstzunehmend mit viel Feingefühl erzählt, was vor allem der Verdienst von Jason Robert Browns unbeschreiblich gutem Score ist. Ich bin kein großer Experte, was Musiktheorie betrifft. ABER DIESES CELLO. Überhaupt, wie hier die verschiedenen Instrumente und Melodien und Stimmen (Kelli O’Hara und Steven Pasquale!) zusammenwirken, dieser ungewöhnliche Mix aus Country und klassisch geprägter europäischer Musik – ohne spirituell klingen zu wollen, aber dabei entsteht etwas, das irgendwie größer ist als wir alle.

Erfreulicherweise trauen sich nächstes Jahr gleich zwei deutsche Theater an dieses großartig komponierte Stück. Wenn ihr also die Chance habt, fahrt unbedingt nach Chemnitz oder Trier und hört euch auf jeden Fall das Broadway-Album an!

Anspieltipps: „Almost Real”, „One Second and a Million Miles”


2. The Secret Garden

Musik: Lucy Simon, Liedtexte: Marsha Norman

© Heidi Ettinger
© Heidi Ettinger

In den falschen Händen hätte die Musicaladaption von Frances Hodgson Burnetts britischem Kinderroman viel zu leicht anspruchsloses Kindertheater werden können. Dass dieses Stück aber selbst 25 Jahre nach seiner Broadway-Spielzeit noch so hoch in der Gunst vieler erwachsener Theaterliebhaber steht, liegt vor allem an Lucy Simons mystischem und betörend schönem Score.

„The Secret Garden“ kann man als gotische Geistergeschichte mit psychologischem Tiefgang beschreiben. Hauptfigur ist die zehnjährige Mary Lennox, die nach dem Tod ihrer Eltern auf das düstere Anwesen ihres distanzierten Onkels gebracht wird. Ein rührendes Märchen um Familiengeheimnisse, Traumabewältigung, Versöhnung und Heilung.

Das Broadway-Album hat wegen der vielen Dialoge fast schon Hörspielcharakter, weswegen man der Handlung wunderbar folgen kann. Wenn ihr die Wahl habt, solltet ihr übrigens unbedingt zu dieser Aufnahme greifen. Für die Londoner Produktion 2001 strich man alle übernatürlichen Elemente aus der Handlung, wodurch auch der Score einen Teil seiner tragischen Schönheit verlor. Klare Empfehlung also für die originale Broadway-CD – ein atmosphärisches Hörerlebnis!

Anspieltipps: „Scene: A Train Platform in Yorkshire / The House Upon the Hill”, „I Heard Some Crying”


1. Titanic

Musik und Liedtexte: Maury Yeston

© Annabel Vere
© Annabel Vere

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie schade ich es finde, dass Maury Yestons „Titanic“-Score von vielen Leuten beim ersten Kontakt als langweilig abgestempelt wird und nie wieder eine zweite Chance bekommt. Für mich ist die Musik in ihrer Schönheit von keinem anderen Musical zu übertreffen. Mal zart, mal majestätisch illustriert der Score die Jungfernfahrt des Luxusdampfers im April 1912, der mit seinem tragischen Untergang zum warnenden Denkmal für die Schattenseiten des ständigen Strebens nach technischem Fortschritt wurde.

Was „Titanic“ für mich über die Musik hinaus so besonders macht, ist die Tatsache, dass es auf der Bühne keine Hauptfigur gibt. Im Laufe des Abends bietet das Musical ein Kaleidoskop vieler Einzelschicksale vom Architekten des Schiffes über die Passagiere der drei Klassen bis hin zu den Besatzungsmitgliedern.

So gelungen das Broadway-Album auch ist, kann ich jedem von euch die Hamburger CD nur ans Herz legen, die ich insgesamt noch schöner orchestriert und gesungen finde, von Wolfgang Adenbergs poetischen deutschen Liedtexten ganz zu schweigen. Mit eindringlichen Chorgesängen und gewaltigen Ensemblenummern ist „Titanic“ für mich der schönste Musical-Score aller Zeiten.

Anspieltipps: „Der Heiratsantrag / Die Nacht hallte wider”, „Wir sehen uns wieder“

Beitragsbild: © Niklas Wagner / KULTURPOEBEL.de

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Niklas Wagner
“Nothing takes you inside the soul of a human being like a musical does.” - Lisa Kron

Lieblings-Musical(s): „Fun Home“, „Parade“, „Next to Normal“ und „Titanic“
Lieblings-Komponist: Jeanine Tesori & Jason Robert Brown
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim
Musical-Fan seit: „Elisabeth” in Stuttgart 2006
An Musicals fasziniert mich: ... dass kein Stoff für die Musicalbühne zu ungeeignet ist. Ein Musical über Attentate auf US-Präsidenten? Na klar! Ein Musical über eine manisch-depressive Frau und ihre fast normale Familie? Unbedingt! Ein Musical über eine lesbische Comiczeichnerin und den Selbstmord ihres schwulen Vaters? COUNT ME IN!
  • Hans-Geog Kloetzen

    Titanic – das Beste, was ich je auf einer Bühne gesehen habe.
    Von der glamouräsen Premierenfeier bis zur tränenreichen Derniere in Hamburg waren wir dabei.