Seit 1987 finden im Innenhof der historischen Wasserburg in Bad Vilbel die alljährlichen Burgfestspiele statt. Anfangs lag der Fokus eher auf Eigenproduktionen, mittlerweile hat sich das Programm zu einem 3-Sparten-Angebot entwickelt, das sich sehen lassen kann: Oper, Musical und Schauspiel. Dieses Jahr wird Andrew Lloyd Webbers „Evita“ unter der Regie von Benedikt Borrmann gegeben.

Das Musical trägt als Titel den Namen seiner Protagonistin: Eva Duarte de Perón, genannt Evita, Gattin des argentinischen Präsidenten Juan Perón. Das Musical, welches 1996 mit Madonna als Evita und Antonio Banderas als Che verfilmt wurde, beschreibt die Lebensgeschichte der First Lady – von den Anfängen als 15-jähriges Mädchen bis hin zur krebsgeplagten Frau, die aber immer noch politisch ambitioniert und stur ist. Immer dabei ist Che, der als Außenstehender das Geschehen zynisch kommentiert.

Eine starke Eröffnung

Wir sehen ein ehemaliges Prachtpalais mit geschwungener Treppe. Die Tapete löst sich von den Wänden, dahinter ist das blanke Mauerwerk zu sehen. Dort hängen etliche Bilder, alle mit grauen, schmutzigen Laken verhängt. Es ist der 26. Juli 1952. Evita Perón, „Santa Evita“, die Verfechterin des Volkes, ist gestorben. Die Musik setzt ein, es kommt ein Mann auf die Bühne – mit einer Peitsche und gekleidet wie ein Zirkusdirektor. Aus allen Ecken des Zuschauerraums strömen schwarz gekleidete Menschen mit Grablichtern und Blumen, die am Bühnenrand abgelegt werden. Sie trauern. Die Musik ändert sich und auf einmal beginnt jener, der in seiner roten Weste völlig aus dem Rahmen fällt, sich über diesen „Zirkus“ zu amüsieren. Gegen Ende des Songs löst sich die Szene auf, nur ein Paar Frauen und Männer bleiben auf der Bühne zurück und werden – nur durch das Ablegen der schwarzen Mäntel – ins Jahr 1935 versetzt, in dem Evitas Geschichte beginnt.

Maria Mucha als großartige First Lady

Und sie beginnt mit einer kleinen, unscheinbaren Eva Duarte, gespielt von Maria Mucha, die dort etwas verloren auf der Bühne steht – mit lockigem, braunem Haar und so gar nicht, wie man die klassische Evita kennt. Die ersten Minuten der Show lassen in keinster Weise erahnen, was in der zierlichen Maria Mucha schlummert. Am Anfang wirkt sie schlicht und flatterig, dazu scheint es an manchen Stellen, als hätte sie Probleme, Webbers schwer intonierbarem Sprechgesang gerecht zu werden. Das ändert sich völlig, wenn sich ihre Figur vom schüchternen Mädchen zu einer starken Frau entwickelt, die ihre politischen Ziele verfolgt und weiß, was sie will. In den Balladen kommt ihre Stimme besonders gut zur Geltung – Am beeindruckendsten gelingt ihr zweifelsohne „Ich spiele meine Rolle nicht, wie’s euch gefällt“. Hier passt einfach alles: Muchas Stimme, ihre starke Persönlichkeit, Licht und Ensemble. Spätestens hier nimmt man Evita vollkommen ernst.

© Eugen Sommer
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Eine beeindruckende, starke Frau, zielstrebig und scheinbar fürsorglich. Eine weitere starke Szene spielt sich als eine der letzten im Krankenhaus zwischen Evita und Perón ab. Sie ist zerbrochen, aber irgendwie immer noch stark. Eine großartige Leistung!

Che als Zirkusdirektor

Maria Mucha lässt durch ihre Performance aber keineswegs die anderen Ensemblemitglieder blass erscheinen. Che, Evitas „Schatten“, der die Rolle des zynischen Erzählers übernimmt, wird von Randy Diamond nicht weniger grandios verkörpert. Er kommt in Benedikt Borrmanns Inszenierung nicht als Revolutionär à la Che Guevara daher, sondern eben als Peitsche schwingender und dirigierender Zirkusdirektor, der das Publikum sowie seine Darsteller-Kollegen als eine Art Conférencier im wahrsten Sinne des Wortes durch die Handlung führt. Leider kommt aber der Revoluzzer in ihm dabei nicht zum Vorschein, dafür ist er aufgrund des Kostüms einfach zu sehr gefangen. Dennoch hat eigentlich er die Fäden in der Hand und durchschaut Evitas Machthunger stets mit einem spöttischen Lächeln im Gesicht. Diamond zeichnet sich durch eine fantastische Verständlichkeit in den Songs aus, besonders bei den Dialogen im Sprechgesang, die er mit Evita führt. Das ist bei Webbers Kompositionen nicht selbstverständlich.

Brillantes Ensemble

Jonathan Agar, der den Juan Perón – Evitas Ehemann – gibt, fällt besonders durch außerordentliches Spiel auf. Der erste Blick, den Evita und er austauschen, zeigt sofort, was sich hieraus entwickeln wird, und gipfelt in der grandiosen Dialogszene im Krankenhaus, als er Evita zur Vernunft bringen will. Es gab viele tolle Momente an diesem Abend, doch für mich ganz persönlich war es Agars Satz: „Das Volk gehört keinem“. Ein starker Moment und ein toller Schauspieler!

© Eugen Sommer
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Nicht zu vergessen sind auch die Eheleute Magaldi. Raphael Koeb als Antonín Magaldi gibt dem anspruchsvollen „ Diese Nacht ist so sternenklar“ eine wunderbare Leichtigkeit und spielt einen arroganten, aber auch unsicheren und liebevollen Liebhaber Evitas. Leider war Magaldis Frau, gespielt von Janne Marie Peters, nicht wirklich als diese zu erkennen, sie hätte auch ein Groupie oder Ähnliches sein können. Ihre Zugehörigkeit zu Magaldi war aber für jeden klar ersichtlich. Peters übernahm außerdem noch die Rolle der Mistress. So ganz klar, wen sie da verkörpert, wurde leider nicht. In Webbers Musical wird „Du nimmst die Koffer wieder in die Hand“ von Peróns Mätresse gesungen, nachdem Evita sie aus seinem Bett geschmissen hat. In Borrmanns Inszenierung sieht es aber eher so aus, als ob sich Evita von ihrem alten Ich verabschiedet. Dennoch war Janne Marie Peters auch hier eine großartige Wahl, sie haucht dem Lied Verzweiflung ein, ohne mitleidig zu wirken.

Besonders hervorheben sollte man in jedem Fall auch den Chor Vil-BelCanto. Sehr bunt gemischt und mit erstklassigem Klang erzeugen sie in den großen Ensemblenummern ein wahres Gänsehaut-Gefühl. Das Ensemble wurde noch durch Anja Backus, Janice Rudelsberger, Stefanie Smailes, Christian Bindert, Matthias Graf und Martin Planz bereichert und man kann ohne Zurückhaltung behaupten, dass hier ein durch und durch brillanter, 35-köpfiger Cast samt Kinderchor auf der Bühne steht!

Inszenierung ohne politische Ebene

Für die Choreographie war Lillian Stillwell verantwortlich. An den richtigen Stellen zeigen sich die sechs TänzerInnen stilsicher und energiegeladen. Gekleidet in Kostüme von Anja Müller, die in eher schlichten Farben gehalten wurden, ergibt sich ein sehr stimmiges Bild. Die Musik wurde zu einem Teil schon vorher aufgezeichnet und war stellenweise etwas schnell, aber alles in allem hat Niclas Ramdohr als musikalischer Leiter hier sehr gute Arbeit geleistet.

© Eugen Sommer
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Von der Regie Jonathan Borrmanns kamen einige schöne Momente – wie zum Beispiel Peróns Aufstieg, der durch eine Treppe symbolisiert wurde. Auch „Wein nicht um mich, Argentinien“ hatte einen tollen Schluss, bei dem wieder Bühne, Ensemble und Licht genutzt wurden, um die Illusion der riesigen Menschenmenge zu erzeugen. Leider kommt die politische Dimension der Story unter Borrmann nicht ganz heraus. Perón als Diktator wird nur an einer Stelle im Stück mit dem umgekehrten Hitlergruß angedeutet und es ist nicht klar, dass der Geheimdienst, der am Ende Evita zu Fall bringt, unter seiner Führung steht. Der revolutionäre Geist des Volkes wird gut dargestellt, besonders als dieses sich mit Evita solidarisiert und ihren Widersacher ausschaltet, doch bleibt es auch hier bei dieser einen Szene. Am Ende gleicht die Bühne einem Schlachtfeld und damit Evitas Verfassung am Ende ihres Lebens.

Wer auch ohne den politischen Teil der Geschichte auskommt, aber großartige Darsteller sehen will, eine zwar junge aber großartige Evita und einen Che, der ihr Leben als Aufhänger für seine eigene Show nutzt, der sollte bis Mitte September die Wasserburg in Bad Vilbel besuchen!

Tickets unter: http://www.kultur-bad-vilbel.de/burgfestspiele/spielplan/?id=10293

Evita

Price: EUR 7,99

4.1 von 5 Sternen (5 customer reviews)

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Uraufführung: 21.6. 1978 (in London)
Premiere Bad Vilbel: 10.6. 2016
Dernière Bad Vilbel: 11.9.2016
Besuchte Vorstellung: 11.7. 2016
Musik: Andrew Lloyd Webber
Text: Tim Rice, deutsch Michael Kunze
Regie: Benedikt Borrmann
Musikalische Leitung: Niclas Ramdohr
Bühne: Pia Oertel
Kostüm: Anja Müller
Choreographie: Lillian Stillwell
Besetzung: Maria Mucha (Evita), Randy Diamond (Che), Jonathan Agar (Peron), Raphael Koeb (Magaldi, Gewerkschaftsführer, Spanier, Offizier), Janne Marie Peters (Mistress, Mrs. Magaldi, Spanierin), Anja Backus (Adlige, Verwandte von Evita, Girl), Janice Rudelsberger (Adlige, Verwandte von Evita, Girl), Stefanie Smailes (Adlige, Verwandte von Evita, Girl), Christian Bindert (Offizier, General, Arbeiter), Matthias Graf (Offizier, Demonstrant, Arbeiter), Martin Planz (Offizier, Evas Bruder, Arbeiter) sowie Marlou Düster, Stefan Magner, Elena Otten, Julian Schier, Rachele Pedrocchi, Michael Zakall (Ensemble). Außerdem der Chor Vil-belCanto und der Kinderchor der Burgfestspiele 2016

Beitragsbild: © Eugen Sommer