Ich habe immer noch dieses eine Ziel auf meiner Bucket List: Dass ich einmal an einem lauen Sommerabend dieses Gefühl der Sorglosigkeit erlebe und die ganze Nacht draußen durchtanze, mir einen Tequila nach dem anderen gönne und gut gelaunt in den Morgenstunden heimgehe. In der Realität sieht das ganze natürlich immer ganz anders aus. Draußen feiern wetterbedingt die wenigsten, drinnen ist es viel zu warm zum Tanzen und spätestens nach dem fünften überteuerten Tequila erinnerst du dich sowieso nicht mehr daran, wie du heimgekommen bist. Zum Glück kann man dieses Lebensgefühl auch anders erzeugen.

Bei mir war es definitiv der Fall, als ich „In the Heights“ im King`s Cross Theatre gesehen habe und in London kann man von ausgehen, dass es nicht an der „lauen“ englischen Sommernacht lag, sondern viel mehr an der energiegeladenen Musik und pulsierenden Choreographie dieses Musicals gepaart mit einer Handlung, die eigentlich einen Pulitzer Preis hätte gewinnen müssen!

„In the Heights“ spielt im New Yorker Stadtteil Washington Heights. Ein Stadtteil der hauptsächlich von Emigranten aus der Dominikanischen Republik bewohnt wird. Das Musical handelt von den Problemen und Sehnsüchten der einzelnen Bewohner, die teilweise miteinander verknüpft sind. Der Fokus liegt hierbei auf dem Thema „Heimat“ – in einer Gegend, aus der eigentlich jeder ausbrechen möchte. So richtig ins Rollen kommt die Handlung, als Usnavi, der Besitzer des lokalen Kiosks sowie Hauptprotagonist der Handlung, darüber benachrichtigt wird, dass ausgerechnet er einen Lottoschein verkauft hat, der seinen Besitzer 96.000 Dollar reicher macht. Somit weilt unter den Bewohnern der Heights ein noch ahnungsloser Lotto-Gewinner und die Gemeinschaft wird vor neue Herausforderungen gestellt.

There’s no place like home

Die Handlung sowie die Probleme der einzelnen Charaktere sind hierbei so realitätsnah und vielseitig, dass sich sowohl der Familienvater als auch dessen Tochter in der Handlung wiederfinden werden. Diese generationsübergreifende Thematik macht das Stück in meinen Augen zu etwas ganz Besonderem. Berührt hat mich vor allem das Thema „Zuhause“. Ich hatte mein ganzes Leben lang schon den Drang, von Zuhause wegzugehen, jedoch war auch immer der Wunsch da, wieder zurückkehren zu können. Daher habe ich mich besonders mit dem Charakter der Nina identifiziert, die alle bewundern, weil sie es aus den Washington Heights herausgeschafft hat, um zu studieren und nun nach Hause kommt, weil sie es nicht geschafft hat. Diese Angst kennt bestimmt jeder, der den Traum von der großen weiten Welt jenseits vom vertrauten Heim der Familie verfolgt. Auch, dass das Gefühl „Zuhause“ oder „Heimat“ nicht zwingend an einen Ort gebunden ist, sondern es eher auf die Menschen, egal ob blutsverwandt oder nicht, ankommt, war eine unfassbar schöne und wichtige Botschaft, die ich so absolut nachvollziehen kann.

Hinzu kommt die beeindruckende Musik von Lin-Manuel Miranda. Eine Mischung aus Salsa und Latino-Pop gepaart mit Hip Hop und Freestyle-Rap, die eine unfassbare Energie überträgt, wie ich sie selten in einem Theatersaal gespürt habe. Der Score ist ebenso wie die Handlung authentisch und das spürt man sowohl bei den Darstellern auf der Bühne als auch im Publikum. Die Choreographien, welche hauptsächlich aus Street-Dance bestehen, sind ein wichtiger Faktor, die das Stück perfektionieren.

Auch das King’s Cross Theatre, in dem das Musical momentan in London spielt, trägt seinen Teil dazu bei, dass man als Zuschauer ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Dank dem nahtlosen Übergang von Bühne und Zuschauerraum, der auch voll ausgenutzt wird, fühlt man sich nicht nur räumlich der Handlung und den Charakteren näher. Man ist vielmehr mittendrin im Geschehen und ich denke, dass ein großer Theatersaal dem Stück viel Energie rauben würde. So sehr ich auch auf die großen Musical-Shows stehe, die mit viel Pauken und Trompeten und noch mehr Glitzer und Glamour ausgestattet sind, berühren mich doch eher die kleinen Stücke, da in ihnen oft so viel mehr Herzblut und Gefühl steckt.

Leider sind solche Stücke in Deutschland (noch?) nicht besonders erfolgsversprechend (siehe auch unseren Kommentar zum Thema: „Warum die aktuellen Broadway-Hits in Deutschland nicht funktionieren würden“). Ob das nun Fluch oder Segen ist, wird sich wohl noch zeigen, da die modernen Erfolgsstücke vom Broadway wie „In the Heights“, „Rent“ oder „Next to Normal“ sehr gut bei Stadttheatern oder kleinen Musicalgruppen aufgehoben sind, wie unsere Rezension zur Mainzer Produktion zeigt. Dass man in London und am Broadway in einer ganz anderen Liga spielt, was modernes Musiktheater angeht, muss ich hier wohl nicht mehr erwähnen.

Keep calm and love Lin-Manuel Miranda

Lin-Manuel Miranda als Usnavi in der Broadway-Produktion von "In the Heights"
Lin-Manuel Miranda als Usnavi in der Broadway-Produktion von „In the Heights“

Das große Erfolgsgeheimnis hierbei ist eigentlich schon lange kein Geheimnis mehr. „In the Heights“ stammt aus der Feder von Lin-Manuel Miranda und spätestens seit seinem Mega-Erfolg „Hamilton“ besitzt er wohl einen Premium-Platz in der Liste der lebenden Broadway-Legenden. Die erste Aufführung von „In the Heights“ fand 1999 vor Studenten der Wesleyan University statt, von wo aus es anschließend in einer überarbeiteten Version im Jahr 2005 erst in Connecticut aufgeführt wurde und dann im Jahr 2007 seine ersten Aufführungen am Off-Broadway erlebte. Ein Jahr später wurde das Stück ins Richard Rodgers Theatre an den Broadway transferiert und spielte knapp drei Jahre dort. Mit 13 Tony-Award-Nominierungen, 4 gewonnenen Tonys (Bestes Musical, Beste Originalmusik, Beste Choreographie und Beste Orchestrierung) und einer Nominierung für den Pulitzer Preis muss sich „In the Heights“ auch definitiv nicht hinter seinem kleinen-großen Bruder „Hamilton“ verstecken.

„In the Heights“ deckt fast alles ab, was auch bei „Hamilton“ dazu geführt hat, dass es zu dem großen Theaterereignis wurde, das es heute ist. Also bevor hier alle weiter traurig darauf warten, dass „Hamilton“ weitere Kartenkontingente freischaltet, sollte man sich lieber viel, viel Geld sparen und es in einen Kurztrip nach London investieren.

In the Heights

Price: EUR 16,50

3.2 von 5 Sternen (5 customer reviews)

14 used & new available from EUR 16,50

Broadway-Premiere: 09.03.2008 (Richard Rodgers Theatre)
Idee/Musik/Lyrics: Lin-Manuel Miranda
Buch: Quiara Alegría Hudes

Beitragsbild: © Robert Workman