Ich hatte befürchtet, dass mich die Takarazuka Revue so begeistert, dass ich nicht nur „Elisabeth“ in der Nähe von Osaka sehen wollen würde. Aber dass ich dann tatsächlich zu einer unchristlichen Zeit in Tokio für Stehkarten anstand? Und eine Unsumme für Merch ausgab? Wer einmal in Kontakt mit dieser Musicaltruppe gekommen ist, kann den Hype nachvollziehen.

Die erste Musicalankündigung, die wir in Osaka sehen, in der U-Bahn vom Flughafen zum Hotel: „Cats“ wird in einem Luxushotel aufgeführt. Je länger wir Japan erkunden, desto mehr fallen die typischen Stücke ins Auge – „König der Löwen“, „Arielle, die kleine Meerjungfrau“ (hier schwimmt sie: https://www.youtube.com/watch?v=uxuN4MnO1j0&feature=youtu.be), „Kinky Boots“ gar. Doch sobald man in Osaka mit der Hankyu-Line fährt, verändern sich die Plakate. Da die Takarazuka Revue zur Eisenbahngesellschaft Hankyu gehört, gibt es sogar bei weniger belebten Bahnstationen in Kyoto Flatscreens, die Szenen aus aktuellen Stücken zeigen.

(c) kageki.hankyu.co.jp/english/
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Elisabeth“ – Kunze und Levay erobern Japan

Ja, die Japanerinnen lieben ihre Takarazuka Revue (hier das KULTURPOEBEL.de-Portrait: http://kulturpoebel.de/2016/02/i-love-we-love-takarazuka/). Eine alte Dame liest in der U-Bahn ein Magazin und ignoriert ihre liebe, auf sie eintratschende Freundin. Beim Sonntagsfrühstück lande ich bei einer dedicated Fernsehsendung. Zeit wird’s, selbst nach Takarazuka zu fahren. Die Cosmos Troupe nimmt in diesem Sommer „Elisabeth“ wieder auf, eines der Stücke, für die die Takarazuka Revue weit über die Grenzen Asiens bekannt geworden ist. Ein Grund ist sicherlich die zur Perfektion getrimmte Garde an talentierten Schauspielerinnen. Ein anderer, dass es eben ausschließlich Schauspielerinnen sind. Und speziell die Otokoyakus lassen nun mal die Knie ihrer Fans weich werden.

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Sobald Manato Asaka die Bühne betritt, sind die jungen Mädchen neben mir in Aufruhr. Zu Recht. Ihr Tod ist sinnlich ohne Ende. Hikaru Aizukis Luigi Lucheni scheint wie das Vorbild für Lady Gagas Jo Calderone. Ihre Gestik, ihre Mimik, ihr Tonfall sind Takarazuka wie aus dem Bilderbuch. Und dann ist da noch Rion Misaki, die Kaiserin selbst. Ihre Wandelbarkeit versinnbildlicht nicht nur Elisabeths Lebensweg – es ist ihre unglaubliche Stimme, die einen in ihren Bann zieht. Obwohl wir hervorragende Plätze haben, hängt jeder – bis auf uns – mit dem Opernglas an den Lippen der Darstellerinnen.

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Speziell die traumhafte Ausstattung im Grande Theater setzt der Inszenierung aber die Krone auf: Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Bühnenelemente gesehen, so schnelle Kostümwechsel, die Drehbühne gibt alles. Durch Licht und mehrere Ebene sowie unzählige Tänzerinnen werden Bilder gezeichnet und „Elisabeth“ vollends lebendig. Die Songs sind übrigens alle japanisch, nur die Namen bleiben so ziemlich gleich („Shishi“, „Elisabeto“, „Franzu“). Richtig einzigartig wird es dann natürlich zum Curtain Call, denn wenn die Takarazuka Revue für etwas berühmt ist, dann sind das Formationstänze, Showtreppe – und riesige Federgestecke. Die Faszination, die alle Altersgruppen an Frauen (und extrem vereinzelt Männer, die tatsächlich nicht von einer Begleitung genötigt wurden) erreicht, ist absolut verständlich, der Hype ergreift einen ohne Chance auf Abwehr.

Regie: Naoko Koyanagi
Drehbuch: Michael Kunze
Musik: Sylvester Levay
Adaption: Shuichiro Koike

„Elisabeth“ läuft vom 9. September bis 16. Oktober im Theater der Takarazuka Revue in Tokio.

„Elisabeth“ läuft vom 9. September bis 16. Oktober im Theater der Takarazuka Revue in Tokio. Alle Infos findet ihr hier: https://kageki.hankyu.co.jp/english/revue/2016/elisabeth/index_tokyo.html

 


 

„Nobunaga: The Will to Power“ und „Forever LOVE!!“

Takarazuka ist ein teures Hobby, soviel ist schnell klar. Neben den offiziellen Läden findet man die DVDs, Blu-Rays, CDs und Bücher (und natürlich auch die Fächer, Fotos und Jutebeutel) in den Musik- bzw. Idolabteilungen der großen Manga- und Animekette Mandarake, beispielsweise. Die Preise für die Werke scheinen nach oben offen, abhängig, welcher Topstar welche Rolle singt. Insofern ist man schnell froh über die Möglichkeit, dass man für nur 1.500 Yen (13 Euro) Stehkarten bekommen kann. Theoretisch. Denn hier fängt der frühe Vogel die „Tiketo“.

Wir versuchen unser Glück beim Tokyo Takarazuka Theater und setzen uns ans Ende der Warteschlange. Noch bis 4. September werden dort „Nobunaga: The Will to Power“, das Rock-Musical, und die Shining Show „Forever LOVE!!“ von der Moon Troupe aufgeführt. Die Hauptrolle des Oda Nobunaga übernimmt Masaki Ryu – ihre schillerndsten Kostüme sind im Kaufhaus gegenüber ausgestellt, denn am 4. September 2016 wird sie in „Rente“ gehen. Es sei gleich gesagt – da viele Stunden beim Warten auf das ersehnte Ticket draufgehen, die im Urlaub wertvoll sein können, sollte man die Tickets lieber frühzeitig für einen höheren Preis auf der englischen Homepage kaufen. Die Shows sind alle restlos ausverkauft, hier lohnt sich ebenso eine weise Vorausplanung. Wir werden dennoch gut unterhalten, denn wir können das Reigen der Fanclubs beobachten. Die meisten Otokoyakus haben einen eigenen Fanclub, der sich durch einen bestimmten Schal oder Cardigan erkennbar zeigt. Sie begrüßen die ankommende Schauspielerin morgens vor der Show. Wie bei jeder Backstagetür wird sich unterschiedlich viel Zeit genommen – manche kommen mit einer Musumeyaku an, die leider eher weniger einen eigenen Fanclub zum Begrüßen haben. Es herrscht Zucht und Ordnung bei dieser morgendlichen Choreografie, kreischen ist – zumindest äußerlich – verboten.

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Mit „Nobunaga: The Will to Power“ führt die Takarazuka Revue hier eine komplexe Geschichte auf. Krieg und Intrigen resultieren in spektakulären Kampfszenen, bei denen auch die Musumeyaku als flinke Samuraimädels zuschlagen dürfen. Neben Brutalität und Tod gehen die Charaktere ebenfalls auf Tuchfühlung. Da zur Handlung verschiedene Nationalitäten gehören, fließen musikalische Hinweise in den Klangteppich ein – Choräle für die Christen, Orientalisches. Ansonsten dominieren großartige Bläsersektionen und starke Akustikgitarren – sowie natürlich Rockgitarren, jede Menge. Darstellerinnen wie Ryo Tamaki glänzen mit ganz eigenen Stimmfarben und gewaltigen Gesangslinien. Auch hier erschaffen die gewaltigen Bühnenbilder und Choreografien eine ganz eigene Welt, sogar ein realistischer Elefant erscheint auf der Bühne, ganz ohne Disneypuppenspieler.

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Die ersten Glitzersteinchen sieht man auf Reika Manakis Gewand übrigens erst nach eineinhalb Stunden. Dafür wäre Liberace nach der zweistündigen Musicalshow nach einer kurzen Pause bei der einstündigen Revue „Forever LOVE!!“ auf seine Kosten gekommen: Ein Kostüm toppt das nächste mit Swarovski, Federn, Kopfschmuckumfang. Dominierende Farben – rosa, pink, sehr viel lila. Ballett trifft Charleston. „L-O-V-E“ auf Japanisch unterstützt erneut den Titeltrack und das Thema – Liebe. Auf alle Facetten eingehend, stöhnt Masaki Ryu gar: „Ni … ichi … amore!“ Und ja, diese Show würden wir uns liebend gerne immer und immer wieder ansehen.

„Nobunaga: The Will to Power“
Regie & Drehbuch:
Takuji Ono
Musik: Takeshi Oota, Megumi Takahashi
Choreografie: Risa Wakao, Tomogorou Yamamura, Satoshi Hirasawa

„Forever LOVE!!“
Regie & Drehbuch:
Daisuke Fuji
Musik: Yuuko Yoshida, Tomoko Aoki, Kyouko Teshima, Tsuneyoshi Saitou
Choreografie: Kiyomi Hayama, Sumire Shou, Yumino Miori, Risa Wakao, Rino Masaki

Mehr zum Stück findet ihr hier: https://kageki.hankyu.co.jp/english/revue/2016/nobunaga/ticket_tokyo.html

Das Fazit ist wohl nach dieser Reise klar: Nächstes Jahr möchten wir unbedingt noch einmal zur Takarazuka Revue, äh, Urlaub in Japan machen. Alleine die Programmvorschau bis zum Ende des Jahres lässt den Mund wässrig machen, denn die Takarazuka Revue kann ja nicht nur Showtreppe und Kostümstück, sondern auch moderne Stücke. Die Vielzahl an Vorlagen, die hier auf die Bühne gebracht werden – vom westlichen Stück über Manga bis zu Eigenkreationen -, lässt keine Langeweile aufkommen. Darüber hinaus bleibt natürlich die Hoffnung auf Auslandstouren – im Sommer brachte die Takarazuka Revue zum Beispiel „Chicago“ nach, genau, Chicago.

Beitragsbild: https://kageki.hankyu.co.jp/english/

 

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Simone Bauer

„She wanted Mary Poppins and I took her to King Lear“ – (The Wombats)

Lieblings-Musical(s): „Hairspray“, „Grease“, „Elisabeth“ (in der Takarazuka-Revue-Variante)
Lieblings-Komponist: Benny Andersson und Björn Ulvaeus
Lieblings-Texter: Nao Takagi (für ihre Rede in „Last Dracul Jokyoku“)
Musical-Fan seit: „Cats“ (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Wenn unzählige begabte TänzerInnen völlig synchron in atemberaubenden Kostümen eine beeindruckende Choreographie tanzen – da schlägt mein Joachim-Llambi-Herz höher!

  • Regina

    Die Ticketpreise sind auf der offiziellen Homepage nicht teurer. Die Restkarten (sofern vorhanden) und Karten für Stehplätze können nur vor Ort erworben werden.