In unserer Rubrik „How to be a legend“ wollen wir vor allem jene Menschen ehren, die hinter den großen Musicals unserer Zeit stehen. Ohne sie gäbe es viele der großartigsten Stücke gar nicht und dennoch werden sie von der großen Masse der Musical-Besucher nur selten beachtet: Die Komponisten.

Viele der großen Musicalschaffenden feiern ihre nennenswerten Erfolge am Broadway und am West End, von wo aus die Stücke anschließend ihre Reise um die Welt antreten und mit etwas Glück auch bei uns landen. Selten verirrt sich ein angesehener Musical-Komponist in andere Teile der Welt. Eine große Ausnahme bildet hierbei Frank Wildhorn. Angefangen mit seinem größten Hit „Jekyll & Hyde“ am Broadway, konzentrierte er sich Stück für Stück mehr auf den kontinentaleuropäischen Markt, weswegen seine Werke immer öfter in Wien, St. Gallen oder Prag Premiere feiern.

Rolf Bock
© Rolf Bock

Frank Wildhorn wurde am 29. November 1959 in Harlem, New York geboren. Aufgewachsen in Queens und anschließend in Florida, wusste er schon früh, dass er Musik komponieren möchte. Vor seiner Musical-Karriere schrieb er den Song „Where do broken hearts go“ für Whitney Houston, der ein Nummer-1-Hit im Jahr 1988 wurde. Sein erstes Musical sollte auch gleich der größte Meilenstein seiner Karriere werden. Zusammen mit Steve Cuden (Lyrics) und Leslie Bricusse (Buch & Lyrics) schuf er das Erfolgs-Musical „Jekyll & Hyde“, welches 1990 in Houston, Texas Premiere feierte. Nach mehreren erfolgreichen Aufführungen in Houston und Seattle und einer Nordamerika-Tour, schaffte das Musical im Jahr 1997 den Sprung an den Broadway, wo es nach einer erfolgreichen vierjährigen Spielzeit und 1.543 Aufführungen im Jahr 2001 abgesetzt wurde. Die deutschsprachige Erstaufführung fand 1999 in Bremen statt. Während das Broadway-Revival im Jahr 2013 floppte, ist „Jekyll & Hyde“ immer noch ein Publikumsmagnet für deutschsprachige Stadttheater, was inzwischen ein Sinnbild für fast alle Wildhorn-Stücke ist.

„Dies ist die Stunde“

Viele seiner Produktionen konnten am Broadway keine große Anhängerschaft gewinnen, während sie in Europa sehr gut funktionieren und alljährlich wieder irgendwo im deutschsprachigen Raum zu sehen sind. Ein Grund mehr, warum viele seiner Stücke inzwischen in kleineren europäischen Musicaltheatern Premiere feiern. Zu seinen bekanntesten Werken gehören neben „Jekyll & Hyde“ definitiv „Dracula“, „Rudolf – Affaire Mayerling“, „Der Graf von Monte Christo“ und „The Scarlet Pimpernel“. Sein letztes Werk „Artus – Excalibur“ hatte im März 2014 in St. Gallen mit einem Staraufgebot rund um Patrick Stanke, Mark Seibert, Thomas Borchert, Annemieke van Dam und Sabrina Weckerlin Premiere und setzt nun nach dem Ende der Spielzeit zu einem Siegeszug über die europäischen Freilichtbühnen an. Auch der asiatische Markt wird immer mehr von Frank Wildhorn erschlossen. Mit „Death Note – The Musical“ (Premiere 2015 in Tokyo) und „Mata Hari“ (Premiere 2016 in Seoul) hat er zwei äußerst vielversprechende Musicals geschaffen, die ich fast noch interessanter finde, als seine bisherigen Werke.

Allen voran „Jekyll & Hyde“ hat bestimmt jeder deutsche Musicalfan in einer der vielen deutschen Produktionen bereits gesehen. Der Showstopper „Dies ist die Stunde“ gilt für mich als eine der größten Broadway-Hymnen und fehlt grundsätzlich auf keinem Musical-Konzert.

Broadways Verlust ist unser Gewinn

Vereinigte Bühnen Wien
© Vereinigte Bühnen Wien

Trotz all der Euphorie sind mir seine Musicals dennoch oft zu sehr nach Schema F gestrickt, was bedeutet, dass man grundsätzlich eine dramatische Solo-Nummer für den Protagonisten, viel zu viele weitere Solo-Nummern für die weiblichen Charaktere und Nebencharaktere, mehrere Liebessongs und ein paar Ensemble-Nummern findet. Natürlich versteht Wildhorn sein Handwerk und bei ihm funktionieren sowohl seine Musicals als Ganzes als auch nur die einzelnen Songs. Vor allem seine Solo-Nummern, sei es „Dies ist die Stunde“, „Wie jeder andere Mann“ aus „Rudolf – Affaire Mayerling“ oder „Was macht einen König aus“ aus „Artus – Excalibur“ sind für mich wahre Meisterleistungen, die ich jedes Mal wieder gerne höre. Wenn ein Komponist den Titel „Balladen-König“ verdient hat, dann ohne Frage Frank Wildhorn.

Das Problem, das ich mit vielen seiner Werke habe, ist, dass er selbst die actionreichste Handlung mit zu viel Pathos, Kitsch und eben mehr Balladen ausschmückt, als häufig angebracht wäre. Sicherlich, seine Songs gehen ins Ohr, aber sie klingen auch mehr und mehr austauschbar und in ihrer Quantität fehlplatziert. Dies liegt aber wohl weniger an seinem Talent und musikalischen Facettenreichtum, als viel mehr an der Menge an Musicals, die er Jahr für Jahr fertigstellt. Es gibt wohl keinen zweiten Komponisten, der in ähnlichem Tempo eine solche Vielzahl an Werken liefert. Das ist einerseits beeindruckend, andererseits merkt man dies manchen seiner Stücke auch an.

Jedoch ist sein Verlust am Broadway trotz allem ein großer Gewinn für unsere Musicalszene, da die Stadttheater ihr Musical-Repertoire nun nicht mehr nur auf die hundertsten Inszenierungen von „My Fair Lady“ und „Kiss me, Kate“ beschränken, sondern nach „Jekyll & Hyde“ auch immer mehr seiner anderen Stücke wie „Dracula“ oder „Der Graf von Monte Christo“ in ihre Spielpläne aufnehmen. Nun ist das vielleicht noch nicht die perfekte Lösung für die vielen Problemen der deutschen Musicalszene, aber bestimmt ein Weg in die richtige Richtung.

Death Note

Vor allem sein Musical „Death Note“ hat mich aktuell komplett überzeugt . So sehr mir die Stücke von Frank Wildhorn auch gefallen, fehlt mir bei ihm doch immer ein wenig das erfrischend Neue und auch das Moderne in seinen Werken. Seine Stücke sind am Ende doch immer mehr Musical-Klassiker, als innovative Highlights. Ganz anders ist „Death Note“, welches im April 2015 in Tokyo Premiere feierte und auf dem gleichnamigen Manga und Anime beruht. In dieses Stück höre ich mich gerade mehr und mehr hinein, nachdem Sabrina Weckerlin den Song „When love comes“ bei einem Musicalkonzert interpretiert hat. Mich begeistern Mangas und Animes eher weniger, wenn man mal die gute alte Kindheit bestehend aus „Sailor Moon“ und „Kickers“ außen vor lässt, weswegen auch das ganze Genre relativ neu für mich ist. Hinzu kommt, dass „Death Note“ weder richtig zum Broadway noch zu unserer Szene passt, was wahrscheinlich ein weiterer Grund ist, warum es so unkonventionell und ganz anders als seine bisherigen Werke klingt. Auch sein neueres Stück „Mata Hari“ klingt sehr spannend und zeigt, dass man vielleicht auch mal öfter den Blick nach Asien richten sollte. Wahrscheinlich wird eher „Hamilton“ am Broadway abgesetzt, bevor diese Stücke auch nur annähernd den Weg in unsere Theater finden, aber es ist trotzdem schön, wieder mal etwas Neues auf die Ohren zu bekommen.

Beitragsbild: © WLI W LLC/Joseph Sinnott