Verschiedene Broadway-Engagements, Solokonzerte, Hauptrollen in Fernsehserien und Kinofilmen, Tony- und Grammy-Nominierungen – der Lebenslauf von Jeremy Jordan kann sich sehen lassen. In den letzten Jahren hat er nicht nur sein außergewöhnliches Gesangstalent, sondern auch seine schauspielerische Wandlungsfähigkeit immer wieder unter Beweis gespielt und sein Publikum bisher unter anderem als Verbrecher, Schriftsteller oder Zeitungsjunge in seinen Bann gezogen.

© Kevin Winter
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Um Verwechslungen mit anderen in der Öffentlichkeit stehenden Jeremy Jordans auszuschließen, schreibt er in seiner Twitter-Biografie ganz trocken: „Googelt mich. Ich bin nicht der Popsänger aus den Neunzigern. Ich bin auch nicht der Schwulenpornostar. Ich bin der Andere.“ Jeremy wurde 1984 in Texas geboren und wirkte schon als Jugendlicher in zahlreichen Schulproduktionen mit. Sein Vater hat englische, schottische, walisische und deutsche Wurzeln, seine Mutter stammt von jüdischen Immigranten aus Osteuropa ab.

Vom Tellerwäscher zum Broadway-Star

Nachdem er 2007 seine Ausbildung zum Musicaldarsteller am New Yorker Ithaca College abschloss, musste er sich zunächst ein Jahr lang mit verschiedenen Kellnerjobs über Wasser halten. Doch sein Durchhaltevermögen machte sich bald bezahlt: Nach einigen Engagements in kleineren Regionalproduktionen landete er 2009 seine erste Broadway-Rolle als Swing im „Rock of Ages“-Ensemble. Noch im selben Jahr ging für ihn direkt sein größter Karrierewunsch in Erfüllung: Als alternierende Erstbesetzung des Tony im Broadway-Revival seines Lieblingsmusicals „West Side Story“ durfte er seine absolute Traumrolle spielen.

© Susan Watts
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Und das war für Jeremy erst der Anfang. Bei der Weltpremiere von „Newsies“ 2011 in New Jersey kreierte er die Hauptrolle und übernahm diese erneut beim Broadway-Transfer im Folgejahr. Zwischenzeitlich brillierte er in der (leider viel zu kurzlebigen) Broadway-Produktion von „Bonnie & Clyde“ und wurde für seine Darstellung des missverstandenen Verbrechers mit einem Theatre World Award ausgezeichnet. Auch in „Newsies“ begeisterte er Kritiker und Zuschauer gleichermaßen. Sein Rollenportrait des rebellischen Zeitungsjungen brachte ihm eine Tony-Award-Nominierung für den besten Hauptdarsteller ein, seine Gesangsleistung auf dem Cast-Album wurde sogar für einen Grammy nominiert.

Von da an begannen Produzenten und Casting Directors endgültig, sich um sein Talent zu reißen. 2014 erntete er für seine Darstellung des britischen Kinderbuchautors J.M. Barrie beim Try-Out von „Finding Neverland“ im American Repertory Theatre blendende Kritiken. Leider übernahm er diese Rolle nicht erneut bei der Broadway-Premiere, aber dennoch hatten seine Fans die Gelegenheit, ihn im letzten Jahr wieder auf einer New Yorker Musicalbühne zu erleben. Er wurde auserwählt, bei einer konzertanten Aufführung von Jason Robert Browns „Parade“, welche von dem Komponisten höchstpersönlich dirigiert wurde, die Rolle des zu Unrecht wegen Kindermordes angeklagten Leo Frank zum Leben zu erwecken.

Jahr Musical Rolle Ort
2009 Rock of Ages Swing (Broadway-Debüt) Brooks Atkinson Theatre, Broadway
2009 West Side Story Tony (alternierend) Palace Theatre, Broadway
2011 Newsies (Try-Out) Jack Kelly Paper Mill Playhouse, New Jersey
2011 Bonnie & Clyde Clyde Barrow Gerald Schoenfeld Theatre, Broadway
2012 Newsies Jack Kelly Nederlander Theatre, Broadway
2014 Finding Neverland (Try-Out) J.M. Barrie American Repertory Theatre, Massachusetts
2015 Parade (Konzert) Leo Frank Lincoln Center, New York
2016 West Side Story (Konzert) Tony Hollywood Bowl, LA

Vom Broadway auf die große Leinwand

Parallel zu seiner Broadway-Karriere hat Jeremy in den letzten Jahren auch in der Film- und Fernsehindustrie Fuß gefasst. An der Seite von Dolly Parton und Queen Latifah war er 2012 im Musicalfilm „Joyful Noise“ zu sehen.

Neben kleinen Gastauftritten in TV-Serien wie „Law & Order“ und „Elementary“ erhielt er 2012 eine Hauptrolle in der zweiten Staffel der Musical-Serie „Smash“, die in meinen Augen vollkommen unterbewertet ist. Als junger Musicalkomponist Jimmy, der sich im Big Apple zu behaupten versucht, war Jeremy hier voll in seinem Element und trug dazu bei, dass mir die zweite Staffel insgesamt noch besser gefiel als die erste.

Zunächst versuchte Jeremy, „Newsies“ und „Smash“ unter einen Hut zu bekommen, aber nach Monaten schlafloser Nächte beschloss er, eine Broadway-Pause einzulegen und sich voll auf die Dreharbeiten für die Serie zu konzentrieren. (Überhaupt war 2012 für ihn ein ereignisreiches Jahr. Nicht nur seine Karriere lief mit „Newsies“, „Smash“ und „Joyful Noise“ traumhaft, auch privat fand er sein Glück und heiratete seine Bühnenkollegin Ashley Spencer.)

Leider wurde „Smash“ nach der zweiten Staffel abgesetzt, aber das nächste Leinwand-Engagement ließ nicht lange auf sich warten. An der Seite von Anna Kendrick begeisterte Jeremy 2014 in der Indie-Verfilmung von Jason Robert Browns intimem Kammermusical „The Last Five Years“. Letztes Jahr kehrte er schließlich wieder in die Fernsehwelt zurück, diesmal mit einer Hauptrolle in der Science-Fiction-Serie „Supergirl“.

© Thomas Concordia
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Der Höhenflug nimmt kein Ende

Natürlich ist es eine Verschwendung, einen begnadeten Sänger wie Jeremy Jordan im Team zu haben und ihn dann nicht singen zu lassen. Nun kommt es tatsächlich so, wie es kommen musste: Diesen Monat wurde bekanntgegeben, dass es von „Supergirl“ nächstes Jahr im Crossover mit den Kollegen der Superhelden-Serie „The Flash“ (u.a. Grant Gustin aus „Glee“) eine Musical-Doppelfolge geben wird.

Darüber hinaus darf man sich bald auf ein weiteres Projekt freuen, bei dem die beiden Welten, in denen Jeremy sich zuhause fühlt – die Bühne und die Leinwand – aufeinandertreffen: Im Herbst kehrt er für ein paar Vorstellungen in seine Paraderolle des Jack Kelly zurück, wenn die US-Tournee von „Newsies“ in Los Angeles Halt macht. Eine dieser Vorstellungen wird von Disney gefilmt und anschließend in ausgewählten nordamerikanischen Kinos übertragen. Ein weiterer Meilenstein in seiner Traumkarriere! Schon diesen Sommer begeisterte er das Publikum in Los Angeles, als er beim Hollywood-Bowl-Konzert von „West Side Story“ vor 18.000 Zuschauern erneut in seine Traumrolle des Tony schlüpfte.

Neben Solokonzerten auf beiden Seiten des Atlantiks und Dreharbeiten für kommende „Supergirl“-Folgen schreibt Jeremy zurzeit außerdem Songs für sein erstes eigenes Album. Wenn er als Songwriter auch nur halb so viel Talent hat wie als Schauspieler und Sänger, dann können wir von diesem Album Großes erwarten. Aber wenn ich mal ehrlich bin, würde ich auch ganz vorne in der Schlange stehen, um seine CD zu kaufen, wenn er darauf einfach nur eine Stunde lang das Telefonbuch singen würde. Wir dürfen auf jeden Fall gespannt sein, was für ihn als nächstes kommt. Egal, ob Theater, Film, Musik oder Fernsehen, wir werden von ihm sicher noch viel hören!

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Beitragsbild: © Walter McBride