Ende 2015 ging die erfolgreichste Crowdfunding-Aktion in der europäischen Theatergeschichte zu Ende und beschert uns nun für knapp 30 Vorstellungen die Rückkehr eines Stückes, das zwar alles mitbringt, was für einen Erfolg in der deutschen Musicalszene sprechen würde, sich aber leider schwer tut, seinen Weg in die Spielpläne der deutschen Theater außerhalb Füssens zu finden.

Im Herbst letzten Jahres wurde bekannt, dass das Musical „Ludwig²“ an den Ort seiner Welturaufführung – das Festspielhaus Füssen – zurückkehren soll, vorausgesetzt es wird der Betrag von 75.000 € über die Plattform „Startnext“ vorfinanziert. Dies Crowdfunding-Aktion lief vom 1. Oktober bis 30. November 2015 und nach anfänglichen Startschwierigkeiten gingen dann vor allem im letzten Viertel die Zahlen durch die Decke, was vermutlich auch den Fans des Musicals zu verdanken ist, die unermüdlich die Werbetrommel rührten. Nach Ablauf der Frist am 30. November 2015 hatte man nicht nur die Zielsumme zusammen, sondern diese sogar mehr als verdoppelt, wodurch das Projekt zum erfolgreichsten Crowdfunding in der europäischen Musik- und Theatergeschichte wurde.

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Das Musical (besser gesagt die Musicals) über den bayerischen Märchenkönig und das Festspielhaus Füssen gehören zusammen wie „Elisabeth“ und Wien und beide haben eine äußerst lange und turbulente Geschichte zu verzeichnen, die mit dem Bau des Festspielhauses in Füssen als „Musical Theater Neuschwanstein“ und der Premiere des ersten Ludwig-Musicals „Ludwig – Sehnsucht nach dem Paradies“ im Jahr 2000 begann. Im Jahr 2003 folgte leider das Aus für das Stück. Zwei Jahre später, im Jahr 2005, wurde der zweite Versuch gestartet und das Musical „Ludwig² – Der Mythos lebt“ mit der Musik von Konstantin Wecker, Christopher Franke und Nic Raine im umbenannten Festspielhaus Neuschwanstein aufgeführt. Auch dieses Musical über König Ludwig II wurde nach einer zweijährigen Spielzeit abgesetzt und bescherte dem Festspielhaus in Füssen eine Art Schattendasein hinter den anderen großen deutschen Musicalhäusern und auch die Ludwig-Musicals wurden bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Kempten 2011) noch nie außerhalb von Füssen gespielt. Nun wird noch einmal ein Versuch mit „Ludwig²“ gestartet, diesmal unter dem Titel „Der König kehrt zurück“.

Totgeglaubte leben bekanntlich am Längsten

Mit diesem knapp vierwöchigen Revival von „Ludwig²“ hat wohl niemand so wirklich gerechnet. Nun ist der König nicht nur heimlich, still und leise heimgekehrt, um die zahlreichen Fans des Stückes glücklich zu machen, sondern hat dank des erfolgreichen Crowdfundings sowie der Starbesetzung eingeschlagen wie eine Bombe und beschert Füssen ausgezeichnete Ticketverkäufe, während andere große Produktionen vom bekannten Sommerloch sprechen. Auch ich habe mich unheimlich gefreut, mich nun endlich wieder auf den Weg in dieses berüchtigte Theater machen zu können, das traurigerweise auch außerhalb der Musical-Fachmedien immer wieder für Schlagzeilen sorgt, weil es scheinbar von einer Krise in die nächste schlittert. Anfang Juli hat das Festspielhaus Füssen wieder mal Insolvenz angemeldet. Dies gehört nun schon fast zu jeder neuen „Ludwig“-Produktion dazu und tut dem Erfolg der laufenden Produktion zum Glück keinen Abbruch. Das Festspielhaus Füssen zählt nach der besuchten Vorstellung definitiv zu meinen Lieblingstheatern. Vor allem im Sommer kann ich mir keine schönere Kulisse für einen Musicalabend vorstellen, als dieses idyllische Haus direkt am Forggensee mit Blick zum Schloss Neuschwanstein. Übertrumpft wird es fast nur vom Zuschauerraum und der Bühne selbst, die dank ihrer riesigen Drehelemente und unterirdischen Wasserbecken ein ganz besonderes Theatererlebnis bietet.

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Die Handlung und Dramaturgie des Musicals ist stellenweise noch ausbaufähig. Vor allem nach dem ersten Akt ging ich mit einem großen Fragezeichen in die Pause. Am meisten störte mich, dass ich nicht wusste, wer Ludwig II nun eigentlich ist, bzw. welches Bild mir das Kreativteam nun vermitteln will – was für mich doch ein wichtiger Aspekt eines biografischen Musicals ist. Auch auf die anderen Charaktere und deren Beziehung zum König wurde zu wenig oder zu spät eingegangen, was es mir zeitweise erschwerte, der Story gänzlich folgen zu können. Darüber hinaus kamen wichtige Zeitgenossen, wie Richard Wagner als Person selbst, nicht auf der Bühne vor, während jedoch immer wieder erwähnt wurde, wie wichtig gerade Wagner für Ludwig war. Man kann zwar nicht jedem Publikumswunsch gerecht werden, jedoch wurden anderen Charakteren, wie der Kaiserin Elisabeth, fast zu viel Raum gegeben oder immer wieder neue Rollen und Szenen eingebaut, welche die Handlung eher ins Stocken brachten, als diese wirklich voran zu bringen. Hier hätte man bestimmt einen besseren Ausgleich finden können.

Bau ein Schloss wie ein Traum

Das Musical im Gesamten begeistert dann allerdings vollkommen. Zum einen wird die Bühne durch viele einfache und zugleich wirkungsvolle Effekte komplett ausgenutzt. Vor allem das Wasserbecken, das zum See umfunktioniert wird, ergibt ein unfassbar schönes Bild, welches ich noch nie auf einer Theaterbühne gesehen habe. Auch andere Effekte, wie der rote Vorhang, der aus dem Schnürboden fällt, und Ludwig als Königsumhang dient, verfehlen ihre Wirkung nicht. Zum anderen gibt es schauspielerisch starke Szenen und Nummern wie „Kalte Sterne“ oder die „Schattenarie“, die mich gleich zum nächsten großen Pluspunkt dieser Produktion führen: Die fantastische Cast!

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Allen voran gibt Matthias Stockinger sowohl gesanglich als auch schauspielerisch einen zuerst naiven König mit Träumen von einer perfekten Welt der Künste und wandelt sich im Laufe der Handlung zu dem großen entzauberten Bauherrn, der mehr und mehr von seinem Umfeld verraten wird. Vor allem nach seiner stimmgewaltigen Performance von „Kalte Sterne“ tobte das Publikum und feierte ihn in der Rolle, die er bereits 2011 in Kempten übernommen hatte.

Gesanglich ist zu Uwe Kröger inzwischen bestimmt alles gesagt worden, was es zu sagen gibt. Jedoch zeigt er in „Ludwig²“ als Dr. Gudden mal wieder sein schauspielerisches Talent und jene große Bühnenausstrahlung, die ihn einst zum deutschen Musicalstar Nummer 1 machten. Seine innere Zerrissenheit zwischen dem was richtig ist und der Rolle des Verräters, in die er ohne jegliche Wahl gedrängt wird, ist jederzeit greifbar. Vor allem der finale Dialog zwischen ihm und König Ludwig und das überraschend abrupte Ende ist eines der vielen Highlights dieses Musicals.

Bereits vor dem Start des Crowdfundings wurde bekannt, dass neben Matthias Stockinger als Ludwig auch Anna Hofbauer als Kaiserin Elisabeth zu sehen sein wird. Diese hat mich mit ihrer angenehmen Stimme und ihrer sympathischen Ausstrahlung durchweg überzeugt. Gesanglich tut sie sich mit der Partitur eher schwer, was man vor allem in den Duetten mit Matthias Stockinger oder Suzan Zeichner als Sybille Meilhaus merkt.

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Da Kevin Tarte als Erstbesetzung des Schattenmanns leider durch sein Engagement in Tecklenburg verhindert war, sahen wir Sven Fliege als Zweitbesetzung. Die Rolle ist leider sehr klein ausgelegt und gibt doch einen der besten Songs des Stücks her. Nicht nur das Ohrwurmpotenzial und die Inszenierung hat diesem Lied einen begeisterten Applaus beschert. Auch Sven Fliege als düsterer und stimmgewaltiger Mann in Schwarz hat hier seinen wesentlichen Teil dazu beigetragen. Schade war nur, dass viele im Publikum – wie bei vielen anderen Charakteren – wohl etwas überfragt waren, als es darum ging, wer er denn nun wirklich ist. Nichtsdestotrotz war diese Performance neben „Kalte Sterne“ einer der stärksten Auftritte des Abends.

Auch der neue Shooting-Star der deutschsprachigen Musicalszene, Oedo Kuipers, war eine Überraschung bei der Castbekanntgabe und hat bestimmt viele Fans nach Füssen gelockt. Er agiert leider etwas unscheinbar und bleibt in seiner Bühnenpräsenz hinter seinen namhaften Kollegen etwas zurück, was sicherlich aber auch an der Rolle des Graf Dürckheim liegt, der erst im Laufe des zweiten Aktes – und damit in meinen Augen viel zu spät – wirklich vom Publikum wahrgenommen wird.

Die Musik kommt leider vom Band und auch bei den Ensemble-Nummern wird oft mit Stimm-Playback nachgeholfen, jedoch ist dies zum einen absolut verständlich, bedenkt man die kurze Spielzeit und den Kostenfaktor. Außerdem schadet es der Produktion nicht, da es dem normalen Besucher wohl gar nicht aufgefallen ist und die Qualität der Aufnahme fast schon zu perfekt war und somit ihre Gänsehaut-Wirkung absolut nicht verfehlt hat.

„Ludwig²“ muss sich definitiv nicht hinter den anderen großen Drama-Musicals wie „Elisabeth“ oder „Mozart!“ verstecken, jedoch sollte das Buch dringend noch einmal überarbeitet und publikumsfreundlicher gemacht werden, um dem Stück auch außerhalb von Füssen, ohne die Vorteile der imposanten Bühne, eine Chance zu geben. Ich kann nur jedem ans Herz legen, sich noch schnell Tickets für dieses Musical zu besorgen und einen Ausflug nach Füssen in dieses wunderschöne Theater zu machen, bevor es geschlossen wird und „Ludwig²“ wieder für längere Zeit oder noch schlimmer – endgültig – verschwindet.

Uraufführung: 11.03.2005 (Festspielhaus Neuschwanstein/heute Festspielhaus Füssen)
Besuchte Vorstellung: 13.08.2016, Abendvorstellung (Festspielhaus Füssen)
Musik: Konstantin Wecker, Nic Raine, Christopher Franke
Text: Rolf Rettberg
Buch: Rolf Rettberg
Regie: Benjamin Sahler
Choreographie: Till Nau
Musikalische Leitung: Florian Appel
Bühnenbild: Gerd Friedrich
Besetzung: Matthias Stockinger (König Ludwig), Uwe Kröger (Dr. Gudden), Anna Hofbauer (Kaiserin Elisabeth), Suzan Zeichner (Sybille Meilhaus), Oedo Kuipers (Graf Dürckheim), Julian Wejwar (Prinz Otto), Sven Fliege (Schattenmann), Till Meixner (Prinz Ludwig).

Beitragsbild: © BIG Dimension

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.