Ist von „Saturday Night Fever“ die Rede, denken die meisten sofort an John Travolta, Bee Gees und ganz viel 1970er Jahre-Trash. Dass nicht nur der Film, sondern auch das Musical stellenweise sehr dramatisch daherkommt und Rassendiskriminierung, Drogenmissbrauch und Vergewaltigung thematisiert, wurde in der öffentlichen Wahrnehmung größtenteils verdrängt. Somit steht mit „Saturday Night Fever“ im Vergleich zu „Artus“ sicherlich keine „leichtere Kost“ auf dem Tecklenburger Spielplan – und dennoch ein Stück, das berührt, mitreißt und aktueller denn je erscheint.

Dass Ulrich Wiggers ein fabelhafter Regisseur mit viel Geschick in der Personenführung ist, konnte man nicht erst in den Tecklenburger Produktionen von „Der Schuh des Manitu“ und „Artus“ bestaunen – Mit „Saturday Night Fever“ setzt Wiggers ein weiteres Ausrufezeichen und transportiert das 1970er-Jahre Musical intelligent in die Jetztzeit. Wer das Musical in der Kölner Spielzeit von 1999 bis 2002 gesehen hat, wird das Stück nur schwerlich wiedererkennen. Liedfolgen wurden geändert, manche Songs ganz gestrichen und die Handlung ins Jahr 2016 verlegt. Damit folgt diese Inszenierung der neuen Version von Ryan McBryde, welche 2013 im English Theatre Frankfurt Premiere feierte und ein Jahr später auf UK-Tour ging.

© Heiner Schäffer
© Heiner Schäffer

„Saturday Night Fever“ erzählt die Geschichte des jungen Tony Manero, der in Foscos Farbengeschäft in New York arbeitet und sich nichts sehnlicher wünscht, als der Enge seines spießigen Elternhauses zu entfliehen und in die bunte Lichterwelt einer Disco einzutauchen, wo er sich wöchentlich mit seinen Freunden Joey, Double J und Bobby C trifft. Sie alle eint in erster Linie ihre berufliche und private Perspektivlosigkeit.
Als sich Tony die Chance ergibt, an einem alljährlichen Tanzwettbewerb (wunderbarer Einfall: eine 70er-Jahre Motto-Party) teilzunehmen, bittet er Annette, seine Tanzpartnerin zu werden. Diesen Plan verwirft er aber schnell, als er Stephanie Mangano kennenlernt und sich in sie verliebt. Von nun an probt er mit Stephanie, die es als soziale Aufsteigerin nach Manhattan geschafft hat, und vergisst darüber nicht nur seine Probleme, sondern auch jene seiner Freunde und Familie. Bobby C hat erfahren, dass seine Freundin von ihm schwanger ist und Tonys Bruder Frank Jr., bislang der ganze Stolz der Familie, will nicht länger Priester sein. So stauen sich vielerlei Konflikte auf und erleben in der Nacht des großen Tanzwettbewerbs ihren dramatischen Höhepunkt.

Auf nimmer Wiedersehen, lieber Trash!

Da all die Probleme, welche „Saturday Night Fever“ bereits im Jahr 1977 thematisierte, auch heute aktueller denn je sind, stellt es sich als äußerst sinnvoll und passend heraus, die Geschichte um Tony Manero und seine Freunde auf das Jahr 2016 zu adaptieren. Dies befreit das Musical von unnötigem Trash, der durch Schlaghosen und 70er-Jahre-Frisuren wohl zwangsläufig zum Ausdruck gekommen wäre und verleiht der Story zudem viel mehr Glaubhaftigkeit und Modernität.
Die Entwicklung, die „Saturday Night Fever“ somit als Werk genommen hat, ist beispielhaft für die intelligente Anpassung eines Musicals im Laufe seines Reifeprozesses, was ein Stück als solches auf völlig neue Ebenen heben kann. Zeitgemäß erzählt und inszeniert entsteht so ein gleichfalls zeitgemäßes Musical, das seinen Wurzeln dennoch treu bleibt und diese vielmehr ehrt.

Die Musik der Bee Gees kommt ebenfalls nicht als Relikt aus vergangenen Disco-Zeiten daher, sondern modern arrangiert und mitreißend. Die Ohrwurm-lastige Partitur erweist sich schließlich nicht erst seit heute als Musical-tauglich und erklingt unter der musikalischen Leitung von Klaus Hillebrecht voluminös und ergreifend aus dem Tecklenburger Orchestergraben. Ich habe meine Füße nicht nur einmal beim Mitwippen ertappt. Uptempo-Nummern wie „Disco Inferno“ oder „You should be dancing“ entfalten eine gewaltige Dynamik, während Balladen wie „If I can`t have you“ oder „Immortality“ stark berühren. Es ist wohl ein Ding der Unmöglichkeit, ohne Ohrwurm aus Tecklenburg nach Hause zu fahren.

Alexander Klaws und Thomas Hohler brillieren

Die Besetzung ist so, wie man sie von Tecklenburg kennt, nämlich überdurchschnittlich stark! Hier stimmt einfach alles, was aber aus den Erfahrungen vergangener Spielzeiten auch nicht weiter überrascht. Das Niveau, welches Tecklenburg darstellerisch jedes Jahr aufs Neue erreicht, ist beachtlich und sollte manchen Longrun-Produzenten als Beispiel dienen.

Allen voran ist Alexander Klaws als Tony Manero zu nennen, der eine überragende Interpretation abliefert. Klaws ist eigentlich permanent auf der Bühne und wechselt somit übergangslos zwischen Hakan T. Aslans anspruchsvollen und eindrucksvollen Choreographien und intensiven Schauspiel-Szenen. Er gibt einen sympathischen, aber auch verzweifelten und egoistischen Tony Manero, der sich danach sehnt, seinem tristen Leben entfliehen zu können. Klaws meistert die Tänze mit beeindruckender Leichtigkeit und singt seinen Part souverän. Schauspielerisch liefert er eine Glanzleistung ab und spielt vor allem jene Momente, in denen die Wut aus Tony herausbricht und er seine Familie oder Stephanie mit all seinem Frust und seiner Verzweiflung konfrontiert, leidenschaftlich aus. Spätestens mit dieser Performance sollte selbst dem letzten Skeptiker klar sein, dass Alexander Klaws zu den stärksten Musicaldarstellern gehört, die der deutschsprachige Raum zu bieten hat.

© Stefan Grothus
© Stefan Grothus

Dies gilt auch für Thomas Hohler als Bobby C, der mit seiner Interpretation von „Tragedy“ für den emotionalen Höhepunkt des Abends sorgt. Mit seiner kraftvollen Stimme und dem verzweifelten Ausspruch „The tragedy is that nobody cares“ bringt er das ganze Publikum auf seine Seite und erntet zurecht tosenden Applaus. Neben Alexander Klaws ist Thomas Hohler aufgrund seiner bemerkenswerten Leistung zumindest der heimliche Star dieser Produktion.

Andrea Luca Cotti (Joey) und Karim Ben Mansur (Double J) bringen als Freunde von Tony Manero viel Schwung und Witz auf die Bühne, wobei sie rollenbedingt keine Möglichkeit haben, ähnlich wie Thomas Hohler in einem Solo auf sich aufmerksam zu machen. Dennoch macht es einfach Spaß, den beiden zuzuschauen.

Als Monty/Clubsänger heizt Christian Schöne dem Publikum ordentlich ein. Der Schwung, den er auf die Bühne bringt, ist beachtlich und jeder Club könnte wohl froh sein, einen ähnlich dynamischen DJ zu beschäftigen.

© Stefan Grothus
© Stefan Grothus

Nadja Scheiwiller gibt eine anfangs unnahbare und arrogante Stephanie Mangano, die Tony aber im Laufe des Stückes emotional immer näher an sich heranlässt und schließlich ihre Unsicherheit und Verletzlichkeit offenlegt. Scheiwiller wirkt in ihrer Rolle nie unsympathisch, selbst wenn die Dialoge eine andere Bewertung eigentlich gar nicht zuließen. Man merkt stets, dass etwas hinter dieser kalten Fassade steckt, was vor allem ihrem facettenreiches Spiel zu verdanken ist. Tänzerisch und gesanglich souverän, stellt sie sich als Idealbesetzung der Stephanie Mangano heraus.

Lisa Kolada gibt ein berührendes „If I can`t have you“ und überzeugt als zurückgewiesene und von Tony enttäuschte Annette vor allem schauspielerisch. Zum Ende des zweiten Aktes ist es auch ihrem verzweifelten Spiel zu verdanken, dass die Vergewaltigungs-Szene so bestürzend und realistisch wirkt.

Aus dem fabelhaften und mitreißenden Ensemble sind weiterhin Gernot Schmidt und Anne Welte als Ehepaar Manero, Thomas Schirano als Fosco sowie Mathias Meffert als Frank Manero Jun. zu nennen, die eine homogene und starke Cast abrunden.

© Heiner Schäffer
© Heiner Schäffer

Wenn man an diesem Musical etwas kritisieren wollte, so wären lediglich die Dialoge zu nennen, die an manchen Stellen zu gewollt-lustig und flach daher kommen, in den ernsteren Momenten aber dennoch überzeugen. Wenn sich manche nun wundern, dass ich an dieser Produktion ansonsten nichts auszusetzen habe, so kann ich dieser Verwunderung nur zustimmen. Auch ich bin nicht unbedingt als der größte „Saturday Night Fever“-Fan nach Tecklenburg gereist.

Und doch bin ich beim Schlussapplaus absolut beeindruckt und begeistert aufgesprungen. Ulrich Wiggers macht es einem Kritiker bei dieser Inszenierung absolut nicht leicht, skeptisch zu bleiben.

Wenn einfach alles passt, ein Musical unterhält, nachdenklich stimmt, berührt und dann auch noch mit einer solch starken Cast aufwartet, dann ist das die ganz hohe Schule. Und „Saturday Night Fever“ hiermit der Garant für einen perfekten Musical-Abend.

Welt-Uraufführung: 05.05.1998 (London Palladium)
Premiere Tecklenburg: 22.07.2016
Musik: The Bee Gees
Deutsche Übersetzung: Anja Hauptmann
Musikalische Leitung: Klaus Hillebrecht
Regie: Ulrich Wiggers
Choreographie:
Hakan T. Aslan
Kostüme: Karin Alberti
Bühnenbild: Susanna Buller
Dance Captain: Luciano Mercoli
Maskenbild: Elke Qirmbach
Besetzung: Alexander Klaws (Tony Manero), Nadja Scheiwiller (Stephanie Mangano), Lisa Kolada (Annette), Thomas Hohler (Bobby C), Gernot Schmidt (Frank Manero Sen.), Anne Welte (Flo Manero), Mathias Meffert (Frank Manero Jun.), Karim Ben Mansur (Double J), Andrea Luca Cotti (Joey), Christian Schöne (Monty/ Clubsänger), Thomas Schirano (Fosco)

Beitragsbild: © Stefan Grothus