Noch bevor sich in einem Musical der Vorhang hebt und das erste Wort gesungen wird, kann das Orchester die Zuschauer mit der instrumentalen Ouvertüre bereits vollkommen in eine andere Welt eintauchen lassen. Während in der Mitte des 20. Jahrhunderts ein Musical ohne Ouvertüre am Broadway noch fast undenkbar war, verzichten heute viele Werke vollkommen auf diese traditionelle Art der Show-Eröffnung und starten mit Dialog oder Gesang direkt ins Geschehen.

Das Genre entwickelt sich ständig weiter und mittlerweile gibt es keine Regeln mehr, wie man ein Musical am besten eröffnet. Manchmal kann ein gesprochenes Wort eine stärkere Wirkkraft haben als die schönste Musik, aber irgendwie geht doch nichts über den Zauber einer guten, alten Ouvertüre. Deswegen habe ich euch hier eine Liste der zehn besten Ouvertüren zusammengestellt. Wie schon bei meinem Ranking der schönsten Musical-Scores findet ihr auch dieses Mal am Ende des Artikels wieder eine eingebettete Spotify-Playlist mit den aufgezählten Titeln.


10. Aladdin

Als einziger Disney-Vertreter dieser Liste erfüllt Alan Menkens „Aladdin“-Ouvertüre genau das, was eine starke Ouvertüre ausmacht: Mit der perfekten Symbiose aus arabischen Klängen und jazzigem Big-Band-Sound gewinnt sie sofort die Aufmerksamkeit der Zuschauer und spielt mit ein paar Takten aus „Friend Like Me“  bereits verheißungsvoll den großartigsten Moment des Abends an. Ein fetziger Einstieg in eine kunterbunte Familienshow!


9. Chicago

Verrucht, flott und ein bisschen chaotisch lässt John Kanders „Chicago“-Ouvertüre die wilden Zwanziger wieder auferstehen und gibt gelungen den Ton für den restlichen Abend an. Seit dem kultigen Broadway-Revival, das sich mittlerweile zur ultimativen Vorzeige-Inszenierung des Musicals entwickelt hat, macht dieser Auftakt außerdem deutlich, wie stark das Orchester (als quasi einziges Bühnenbild auf der ansonsten nackten Spielfläche) in die skurrile Erzählweise der Handlung mit eingebunden wird.


8. Das Phantom der Oper

PhantomAuch wenn Andrew Lloyd Webbers „Phantom der Oper“ nicht gerade mein Lieblingsmusical ist (viel Schall und Rauch und wenig Substanz), so lässt sich doch der unvergleichliche Wiedererkennungswert der Ouvertüre nicht abstreiten. Sicherlich handelt es sich hierbei um die bekannteste Melodie dieser Liste und selbst viele Nicht-Musical-Fans sehen bereits bei den ersten Orgelklängen den Mann mit der Maske deutlich vor sich. Alleine deswegen verdient diese Ouvertüre – stellvertretend für die Welle der „Mega-Musicals“ in den 1980ern – einen Platz in diesem Ranking.


7. The Light in the Piazza

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, als die meisten Shows entweder vollkommen auf eine Ouvertüre verzichteten oder diese zumindest unter einer Dauer von zwei Minuten hielten, setzte Adam Guettel mit der fast fünfminütigen Ouvertüre von „The Light in the Piazza“ ein Statement. In einer sich immer schneller bewegenden Welt will er ohne Rücksicht auf den Mainstream ein zeitloses Kunstwerk schaffen. Zwar ist dies keine eingängige Melodie, die man beim Verlassen des Theaters vor sich hin pfeift, dafür erreicht sie aber in meinen Augen etwas viel Wichtigeres: Sie lässt die Zuschauer den Alltag vergessen und entführt sie vollkommen in ein verträumtes Florenz der 1950er-Jahre. Eskapismus kann er!


6. My Fair Lady

Im Gegensatz zu Platz 7 stammt Frederick Loewes „My Fair Lady“ noch aus einer Zeit, als Ouvertüren nicht als Hintergrundmusik genutzt wurden, während man schnell das Gespräch mit seinem Sitznachbarn zu Ende führt, bevor die Show „richtig losgeht“. Angenehmerweise ist die Hauptmelodie dieser Ouvertüre keiner der ganz großen Hits wie „The Rain in Spain“, sondern das vergleichsweise unbekannte „You Did It“. Als das Orchester während der Ouvertüre im Pfalztheater Kaiserslautern mit einem Hubpodium aus dem Orchestergraben auf Bühnenhöhe gefahren wurde (siehe Bericht auf meinem Blog), war das ein magischer Theatermoment und das beste Beispiel dafür, wie wirkungsvoll eine gute Ouvertüre auch heute noch sein kann!


5. Titanic

Es fasziniert mich jedes Mal aufs Neue, wie Maury Yeston es schafft, in seiner kurzen „Titanic“-Ouvertüre bereits all die verschiedenen Stimmungen miteinander zu verweben, die sich im Laufe des Abends durch das Stück ziehen: Eine mystische, geheimnisvolle Vorahnung, das majestätische und bedrohliche Erscheinungsbild des Ozeandampfers, die Klaustrophobie im Bauch des Schiffes und letztendlich die hoffnungsvolle Aufbruchsstimmung. Der gesamte Score ist von unbeschreiblicher Schönheit und die Ouvertüre stellt dies gleich zu Beginn unter Beweis.


4. Funny Girl

Die treibende Kraft von „Funny Girl“ – ein Musical, das fünfzig Jahre lang im Schatten von Barbra Streisand stand und seine Schwächen im Buch, vor allem im zweiten Akt, auch beim aktuellen London-Revival nicht überwinden konnte – ist Jule Stynes wunderbarer Score. Die Ouvertüre, in der mit „I’m the Greatest Star“, „People“ und „Don’t Rain on My Parade“ die drei größten Melodien des Stückes aufeinandertreffen, spiegelt dies perfekt wieder und stimmt das Publikum vielversprechend darauf ein, dass zumindest musikalisch ein Abend der Extraklasse bevorsteht.


3. Tanz der Vampire

Während die meisten Ouvertüren einfach eine kürzere instrumentale Version der bekanntesten Melodie des Musicals sind oder ein Medley aus den größten Ohrwürmern, ist die „Tanz der Vampire“-Ouvertüre von Jim Steinman tatsächlich eine vollkommen eigenständige Melodie, die an keiner Stelle im Laufe des Abends als gesungenes Lied aufgegriffen wird. Aufregend, opulent und filmisch bietet sie den perfekten Einstieg in die rasante Gruselkomödie und landet verdient auf dem dritten Platz!


2. Sunset Boulevard

Passend für ein Musical, das in Hollywood spielt und die Filmindustrie als zentrales Thema hat, sind in „Sunset Boulevard“ auch zwischen den gesungenen Liedern die Dialoge ständig mit einem cineastischen Underscore unterlegt. Durch diese Hintergrundmusik schafft Andrew Lloyd Webber eine dichte Atmosphäre. Da die Ouvertüre auf jedem Cast-Album des Musicals gemeinsam mit dem gesungenen Prolog „I Guess It Was 5 A.M.“ als ein zusammenhängender Track gepresst ist, habe ich beschlossen, in die Spotify-Playlist stattdessen die instrumentale „Car Chase“-Sequenz aufzunehmen. Diese folgt im Stück auf die Eröffnungsszene und steht vor der ersten Begegnung mit Norma, weshalb ich sie schon immer als die heimliche „wahre“ Ouvertüre des Stückes gesehen habe.


1. Gypsy

Einer alten Theaterlegende zufolge sollen die Premierenbesucher von „Gypsy“ 1959 im Broadway Theatre bereits nach dem Schlusston der Ouvertüre vor Begeisterung zu einer Standing Ovation aufgesprungen sein. Mit einer Dauer von 5:17 Minuten haben wir hier die längste Ouvertüre dieser Liste, aber sie ist so stark konstruiert, dass man keine Sekunde missen möchte. Jule Styne baut zahlreiche Zitate aus seiner Partitur ein, die sich immer weiter steigern und so mit einem großen Knall einen der formvollendetsten Klassiker der Musicalgeschichte eröffnen. „Curtain up, light the lights, we got nothing to hit but the heights!” Die beste Musical-Ouvertüre aller Zeiten!


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Beitragsbild: © Universal Pictures Germany

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Niklas Wagner
“Nothing takes you inside the soul of a human being like a musical does.” - Lisa Kron

Lieblings-Musical(s): „Fun Home“, „Parade“, „Next to Normal“ und „Titanic“
Lieblings-Komponist: Jeanine Tesori & Jason Robert Brown
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim
Musical-Fan seit: „Elisabeth” in Stuttgart 2006
An Musicals fasziniert mich: ... dass kein Stoff für die Musicalbühne zu ungeeignet ist. Ein Musical über Attentate auf US-Präsidenten? Na klar! Ein Musical über eine manisch-depressive Frau und ihre fast normale Familie? Unbedingt! Ein Musical über eine lesbische Comiczeichnerin und den Selbstmord ihres schwulen Vaters? COUNT ME IN!