Die schönsten Geschichten schreibt oft das Leben selbst und jeder Mensch hat seine ganz eigene Geschichte zu erzählen, wie er zu dem wurde, der er heute ist. Vor allem im Musical-Bereich finde ich es spannend, die Geschichten hinter den Karrieren zu hören. Besonders bewegt hat mich dabei das Leben von Ramin Karimloo. Ein Darsteller, den ich vorher schon für seine Darbietungen auf der Bühne verehrt habe und noch viel mehr schätze, seitdem ich weiß, wie sehr er für seinen Traum gekämpft hat.

© Broadway.com
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Vermutlich hat jeder von uns diesen einen Darsteller in dieser einen Rolle in diesem ganz besonderen Musical, das uns dazu geführt hat, Musicals zu lieben. Bei Ramin Karimloo, der am 19. September 1978 in Tehran, Iran, geboren wurde und in Kanada aufgewachsen ist, war es Colm Wilkinson in der Titelrolle von Webbers „Das Phantom der Oper“. Mit 12 Jahren besuchte er – eher gezwungenermaßen – mit der Schule die Tourproduktion von „Das Phantom der Oper“ in Toronto, damals mit Colm Wilkinson in der Hauptrolle. Und der Junge, der lieber ein Eishockey-Spiel besucht und vorher niemals freiwillig einen Fuß ins Theater gesetzt hätte, wurde zum Musicalfan, der sich schwor, irgendwann in die Fußstapfen des großen Colm Wilkinson zu treten.

Nun ist Colm Wilkinson wohl das größte Vorbild, das er sich in Sachen Musicals hätte nehmen können und selbst erfahrene Musicaldarsteller träumen nachts von einer Karriere wie seiner. Jedoch muss man wahrscheinlich manchmal eine Nummer größer denken, um dorthin zu gelangen, wo man glaubt hinzugehören. Und heute – über 20 Jahre später – gehört Ramin Karimloo definitiv zu dieser elitären Riege der Phantom- und Jean Valjean-Darsteller, die Colm Wilkinson einst begründet hat.

© Cylla von Tiedemann/The Star
Ramin Karimloo und Colm Wilkinson © Cylla von Tiedemann/The Star

Träum‘ groß

Ramin Karimloo konnte sich eine professionelle Gesangs- und Schauspielausbildung nicht leisten und brachte sich viel in Sachen Schauspiel über Bücher selbst bei. Anfang der 2000er Jahre zog er mit nicht viel mehr als ein wenig Banderfahrung und diesem großen Traum, einmal das Phantom zu spielen, von Kanada nach England, um sich am Londoner West End einen Namen zu machen. Man kann wohl sagen, dass die beiden einflussreichsten Männer der internationalen Musicalszene, Cameron Mackintosh und Andrew Lloyd Webber, nicht nur zu seinen Entdeckern, sondern auch zu seinen größten Fans und Förderern gehören. Gleich zu Beginn seiner Karriere sang er bei Cameron Mackintosh vor, der ihn sogleich in seiner Produktion von „Les Misérables“ besetzte. Erst noch als Zweitbesetzung des Marius und Enjolras, jedoch war Mackintosh damals schon klar, dass er das gewisse Etwas hatte, um einer der ganz Großen am West End zu werden.

Bereits nach kurzer Zeit schaffte er es, auch Andrew Lloyd Webber von sich zu überzeugen und übernahm die Rolle des „Raoul“ in der Londoner Produktion von „Das Phantom der Oper“. Sowohl in „Das Phantom der Oper“ als auch in „Les Miséserables“ hat er sich sodann stetig zu den jeweiligen Hauptrollen hochgearbeitet. Das Phantom spielte er zum ersten Mal im Jahr 2007 und übernahm anschließend die gleiche Rolle in der Uraufführung der Phantom-Fortsetzung „Love Never Dies“. Darüber hinaus ist er auch beim Konzert anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des „Phantom der Oper“, welches auch auf DVD erschienen ist, als Mann mit der Maske zu erleben.

Im Jahr 2011 kam der nächste Meilenstein seiner Karriere, als er die Rolle des Jean Valjean in der Londoner Produktion von „Les Misérables“ übernahm. Die Rolle also, die sein großes Vorbild Colm Wilkinson einst in der Uraufführung des Musicals übernommen hatte. Den Jean Valjean spielte er außerdem in Toronto, wo er in einer Charity-Veranstaltung zusammen mit seinem Vorbild, eben jenem Colm Wilkinson, auf der Bühne stand, sowie in der anschließenden Broadway-Produktion im Jahr 2014. Für seine Darbietung erhielt er sogar eine Tony-Nominierung als bester männlicher Hautdarsteller, musste sich in dieser Kategorie aber Neil Patrick Harris („Hedwig and the Angry Inch“) geschlagen geben.

Jahr Musical Rolle Ort
2002 Sunset Boulevard Artie Green / Cover Joe Gillis UK National Tour
2002-2003 Les Misérables Feuilly / Understudy Marius & Enjolras Palace Theatre, London
2003-2004 The Phantom of the Opera Raoul Her Majesty’s Theatre, London
2004-2005 Les Misérables Enjolras Queen’s Theatre, London
2005-2006 Miss Saigon Christopher Scott UK National Tour
2007-2009 The Phantom of the Opera Phantom Her Majesty’s Theatre, London
2010-2011 Love Never Dies Phantom Adelphi Theatre, London
2010 Les Misérables 25th Anniversary Concert Enjolras The O² Arena, London
2011 The Phantom of the Opera 25th Anniversary Concert Phantom Royal Albert Hall, London
2011-2012 Les Misérables Jean Valjean Queen’s Theatre, London
2013-2014 Les Misérables Jean Valjean Princess of Wales Theatre, Toronto
2014-2015 Les Misérables Jean Valjean Imperial Theatre, Broadway
Herbst 2015 Prince of Broadway Tokio & Osaka
Februar 2016 The Secret Garden Archibald Craven Lincoln Center, New York
April – Mai 2016 Evita Che Vancouver Opera
2016 Murder Ballad Tom Arts Theatre, London

Der „Bad Boy“ von nebenan

© Ramin Karimloo
© Ramin Karimloo

Ramin Karimloo begeistert mich als Darsteller natürlich zum einen aufgrund seiner besonderen Vorgeschichte. Zum anderen ist er in der Szene auch als Person fast einzigartig, da er im Gegensatz zu den meisten anderen Musicaldarstellern eben optisch nicht der Junge von nebenan ist, sondern schon eher der rebellische Rockstar. Auch seine Stimme ist so einzigartig und unverkennbar, dass er den klassischen Tenor/Bariton-Rollen wie dem Phantom oder Jean Valjean einen moderne Spirit verleiht, welcher die Rollen nicht komplett aus ihrer ursprünglichen Anlage reißt, ihnen aber eine ganz neue, modernere und unfassbar kraftvolle stimmliche Note verschafft.

Nachdem er sich rollentechnisch die letzten Jahre ausschließlich auf „Das Phantom der Oper“ und „Les Misérables“ konzentriert hat und somit eigentlich schon am Ende der Karriereleiter angekommen scheint, ist es natürlich verständlich, sich zu fragen, was jetzt noch kommen soll und überhaupt kommen kann. Neben vielen kleineren Produktionen auf der ganzen Welt, Arbeit für sein nächstes Solo-Album (seine bisherigen Alben findet ihr auf Amazon und Spotify) und ein paar Solokonzerten, ist er ab Ende September in dem Musical „Murder Ballad“ in London zu sehen. „Murder Ballad“ ist ein Rock-Musical, das 2013 am Off-Broadway uraufgeführt wurde und in welchen er neben Kerry Ellis, Victoria Hamilton-Barrit und Norman Bowman für 2 Monate zu sehen sein wird. Nachdem er bisher ausschließlich in klassischen Musicalrollen zu sehen war, war ich doch überrascht wie selbstverständlich und perfekt ich dieses Engagement für ihn empfand. Hier beweist er neben seinen vielen bereits genannten Qualitäten als Darsteller auch seine Wandelbarkeit, die es ihm vielleicht ermöglicht, seine bisherigen Vorbilder sogar noch zu übertreffen.

Beitragsbild: © Emma Mead