Diese Nachricht hat vor allem in Darstellerkreisen letzte Woche ein mittelschweres Erdbeben ausgelöst: Der weltweit wohl einflussreichste Musical-Produzent Cameron Mackintosh („Das Phantom der Oper“, „Les Misérables“) hat ein Memo an die Companies all seiner Show geschickt, demnach es Zweitbesetzungen und Understudies fortan verboten ist, ihre Spieltermine auf Facebook, Twitter und Co. ohne Genehmigung des Managements zu veröffentlichen. Wir finden: Ein Schritt zurück in alte Offline-Zeiten!

Der Aufschrei von Betroffenen und deren Fans lässt eigentlich keine andere Sichtweise zu: Was Cameron Mackintosh da veranlasst hat, ist respektlos und tritt die Leistungen all seiner Swings und Understudies mit Füßen. Persönlich habe ich mich in jene graue Social Media-Vorzeit zurückversetzt gefühlt, in der ich vor Musical-Besuchen verzweifelt nach Spielterminen und Besetzungs-News gesucht habe, um auch wirklich die Darsteller auf der Bühne zu erleben, die ich sehen wollte. Diese Suche verlief meist äußerst erfolglos und der Gang zum Besetzungsmonitor in den Stage-Palästen versetzte mich regelmäßig in helle Aufregung, sorgte für manch positive Überraschung, aber nicht selten auch pure Enttäuschung.

Allgemein gibt es zwei Arten von Musical-Besuchern. Diejenigen, die einmal im Jahr ins Musical gehen, ausschließlich wegen dem Stück kommen (oder mitgeschleppt werden) und die Besetzung nicht eines Blickes würdigen. Jene also, denen das Mackintosh-Memo ziemlich egal sein wird.

Und es gibt die Musical-Fans und -Sympathisanten, die nicht nur Lieblings-Stücke, sondern auch Lieblings-Darsteller haben, voller Leidenschaft ins Theater gehen und ein Musical gern auch ein zweites, drittes und viertes Mal sehen. Dazu gehöre ich und wohl auch ihr, die ihr diesen Artikel liest und auf eine Seite namens KULTURPOEBEL.de gestoßen seid. Für uns ist das Produzenten-Memo sehr wohl von Bedeutung, weil es eventuell einen Rückschritt bedeuten könnte und nicht nur Darsteller sondern auch deren Fans direkt betrifft.

Dass viele Darsteller ihre Spieltermine posten und intensiv mit ihren Followern interagieren, ist heute keine Seltenheit mehr, es ist eine Errungenschaft, welche durch die Verbreitung von Social Media herbeigeführt wurde. Es ist eine für Musical-Fans absolut positive Entwicklung, denn uns ist es nicht egal, wer bei einer Show auf der Bühne steht. Das bedeutet nicht, dass wir First-Cast-fixiert sind, sondern im Gegenteil, dass wir Shows aus verschiedenen Perspektiven heraus erleben wollen. Dass wir bei einem „Besuch der alten Dame“ auch gern mal Armin Kahl als Alfred Ill oder bei „Mozart!“ auch mal Florian Peters oder Gernot Romic erleben möchten. Denn – und das ist auch keine Neuigkeit mehr – Cover verleihen einer Rolle oftmals Facetten, die ein Musical immer wieder zu einem neuen Erlebnis machen. Hat man drei Darstellerinnen der Elisabeth gesehen, so hat man im Zweifelsfall das komplette Stück dreimal vollkommen unterschiedlich wahrgenommen. Ein Musical wäre nichts ohne seine Darsteller und die verschiedenen Besetzungen halten ein Werk lebendig. Dass man sich dank Facebook und Twitter mittlerweile besser darauf einstellen kann, wer in den jeweiligen Vorstellungen auf der Bühne steht, ist bei den aktuellen Kartenpreisen der Großproduktionen ein für Musical-Fans notwendiges Geschenk.

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Natürlich sollte man sich auch immer noch eine gewisse Flexibilität bewahren, die einem Überraschungen ermöglicht. Und sicherlich kommt man letztlich vor allem wegen dem Stück selbst ins Theater – beim dritten und vierten Besuch aber eben auch wegen der Cast!

Die Kehrseite der Medaille

Ein Verbot, seine Spieltermine posten zu dürfen, ist daher für Musical-Fans und Darsteller ein absolut negativer Einschnitt. Obgleich oberflächlich betrachtet auch in einem gewissen Maße nachvollziehbar, sofern man sich in das Produktions-Management hineinversetzt. Die First Cast ist nunmal das Aushängeschild einer Produktion. Zumal viele West End- und Broadway-Shows mit Starbesetzungen werben. „Funny Girl“ mit Sheridan Smith, „The Bodyguard“ mit Beverly Knight, zuletzt „Gypsy“ mit Imelda Staunton oder „Memphis“ mit Matt Cardle.
Auch Musical-Stars haben in London und New York einen anderen Bekanntheitsgrad als hierzulande. Ob sie nun Kerry Ellis, Rachel Tucker, Ramin Karimloo, Alfie Boe, Matt Henry oder Aaron Tveit heißen – Sie alle haben viele, viele Fans hinter sich und mobilisieren die Massen in nicht unbeträchtlichem Ausmaße. Natürlich können diese Darsteller nicht alle acht Shows pro Woche spielen, haben Off-Termine und brauchen auch mal ihren Urlaub. Die Angst der Produzenten ist wohl, dass die Auslastung einer Vorstellung bei Bekanntwerden einer Cover-Show leiden und man sich der Flexibiltät berauben könnte, auch unbemerkt kurzfristige Änderungen vorzunehmen. Wie unklar manche Abendbesetzungen selbst Stunden vor Vorstellungsbeginn manchmal sind, ist erschreckend, aber eben auch Alltag in der Personal-Disposition.

Auf etwaige Enttäuschungen der Fans nun aber mit einem solchen Posting-Verbot zu reagieren, ist absolut der falsche Weg. Nicht nur für Fans der Understudies und Erstbesetzungen, die so ihre Besuche schlechter planen können und im Zweifelsfall einer Show sogar ganz fernbleiben, sondern auch für die Darsteller selbst.

Gerade Cover und Swings sind die „unsung heroes“ im Musical-Bereich. Talentierte Darsteller, die von Show zu Show und von Rolle zu Rolle wechseln und nur selten die Möglichkeit bekommen, ihre Fähigkeiten in großen Rollen unter Beweis zu stellen. Es hat mit Respekt und Wertschätzung gegenüber diesen Darstellern zu tun, ihnen die Hauptrolle auch öffentlich zu gönnen und sie als gleichrangig und gleich-wertvoll zu behandeln. Eine Musical-Cast ist auch ein eigener sozialer Kosmos, dessen Moral gefördert werden muss, um auf der Bühne eine Energie kreieren zu können, die auf das Publikum abstrahlt. Eine Cast, die sich untereinander nicht ausstehen kann und die damit verbundenen hohen Casting-Kosten für Umbesetzungen kann sich eigentlich kein Produzent leisten. Dass sich Swings und Cover ungerecht behandelt fühlen und innerhalb der Cast eine Art Wertschätzungs-Asymmetrie entsteht, ebenso wenig.

Wie würdet ihr euch fühlen, wenn es heißt: „Ihr spielt heute Abend die Elisabeth. Aber keiner darf davon erfahren…“? Ein offener Umgang mit den jeweiligen Abendbesetzungen zollt den Darstellern somit nicht nur den notwendigen Respekt, sondern erleichtert auch uns Musical-Fans die teure Leidenschaft. Klar freuen wir uns über Erstbesetzungen, aber wir wollen eben auch die Cover sehen. Eben jene, die viel zu häufig im Schatten stehen und unsere uneingeschränkte Wertschätzung verdient haben!

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.