Ich will mich hier gar nicht als Moral-Polizei oder Spießer vom Dienst aufspielen, aber irgendwo ist mal Schluss! Mittlerweile habe ich einfach viel zu oft Gäste im Musical-Theater erlebt, die entweder zum ersten Mal aus ihrem Ultras-Fan-Club auf die Menschheit losgelassen wurden, oder den Theater-Besuch mit einer Kaffeefahrt verwechseln. Dabei ist das Geheimnis für ein angenehmes Verhalten doch kein anderes, als gegenseitige Rücksichtnahme.

Ich war gerade 15 Jahre alt und schaute mir zum zweiten Mal das Musical „3 Musketiere“ im Stuttgarter Apollo Theater an. Eigentlich kein Theaterabend, an den man sich noch Jahre später so gut erinnern würde. Das Musical selbst ist gute, keinesfalls herausragende Unterhaltung und es spielte bei besagter Vorstellung fast ausnahmslos nur Zweitbesetzung (das ewige Stage-Thema). Dennoch sei auf das Wort „eigentlich“ verwiesen, denn an diesem Abend machte ich zum ersten – und keinesfalls zum letzten – Mal die Erfahrung, wie einem komplette Szenen alleine durch Sitznachbarn zerstört werden können. Leider saß nämlich hinter mir eine etwas betagtere Dame, die mit ihren Mädels auf Piccolöchen-Tour war und jede einzelne Szene, ja sogar jede Darsteller-Bewegung, genüsslich kommentierte. Auch wenn ich mir die Collectors Box vom „Herr der Ringe“ auch gern mal mit Audio-Kommentar des Regisseurs anschaue, so haben mich die völlig unqualifizierten Äußerungen der etwas auffälligen Dame – diplomatisch ausgedrückt – gestört. Die Gründe hierfür sind vielseitig: Erstens sind wir im Theater und nicht bei der Fußball-Radioberichterstattung, wo die Handlung auf der Bühne live nachgeplappert und beschrieben werden muss, zweitens sollte man einfach mal die Klappen halten, wenn man eh nichts zu sagen hat und drittens – was für mich wohl der wichtigste Punkt ist – werden alle Menschen im Umkreis von mindestens 20 Sitzplätzen vom Bühnengeschehen abgelenkt und können sich folglich nicht mehr auf die Handlung konzentrieren.

Dartagan und Kontanze

Der Grund, warum mich Musicals noch über zehn Jahre später ungebrochen faszinieren, ist, weil die Musik Gefühle offenlegt und das begreifbar macht, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Wenn ich ins Musical gehe, will ich mich ganz in eine Story fallen lassen und – etwas kitschig ausgedrückt – fühlen. Das gelingt mir auch sehr gut – Jedenfalls solange ich keinen Live-Kommentator im Rücken habe.

Es war wohl kurz nach „Alles“, als besagte Dame voller Hingabe sprach „Ach wie schön, der Dartagan und die Kontanze….“ (sie hat die Namen wirklich so ausgesprochen, kein Spaß!) und ich – ein 15-Jähriger – mich umdrehte, sie lautstark maßregelte und um mehr Ruhe „bat“. Den Gesichtsausdruck werde ich wohl ebenso wenig jemals vergessen.

Leider ist dies kein Einzelfall. Und bevor ich am Ende wie der größte lebende Snob dastehe, will ich eines klarstellen: Jeder geht mit einer anderen Intention und auch Hingabe ins Musical. Manche verschlägt es dorthin gegen ihren Willen, andere sehen das Stück zum zehnten Mal. Für die einen ist ein Musical bloß eine angenehme Art der Unterhaltung, für andere hat ein Stück und dessen Botschaft, manchmal vielleicht auch nur ein Lied, eine starke persönliche Bedeutung.
Das Recht aller ist es aber, ein Musical genießen zu können. Und sicherlich hat jeder auch das Recht, den Musical-Abend nach seinem persönlichen Geschmack zu gestalten. Letzteres findet seine Grenzen aber in der Störung anderer Gäste.

Sei es nun, dass irgendjemand vor einem Youtube mit illegalen Mitschnitten bereichern möchte und man die ganze Show über eine rot blinkende Digi-Cam vor der Nase hat oder ein Teenie auf Klassenfahrt während „Ich gehör nur mir“ laut anfängt zu grölen. Die Wirkung mancher Szenen kann dadurch schnell leiden.

Das Publikum grölt und man selbst versteht… nichts!

Alexanders Klaws und Nadja Scheiwiller in „Saturday Night Fever“ © Stefan Grothus
Alexanders Klaws und Nadja Scheiwiller in „Saturday Night Fever“ © Stefan Grothus

Manchmal ist es aber auch gar keine Einzelperson, sondern ein ganzes Publikum, über das ich den Kopf schüttel – in solchen Momenten fühle ich mich dann wirklich etwas seltsam. So geschehen bei „Saturday Night Fever“ in Tecklenburg. Nun ist das Tecklenburger Publikum nicht unbedingt als elitär bekannt und es kursieren auch nicht wenige Erzählungen von regelrechten Picknicks respektive Wein-Parties, die von Zuschauern abgehalten werden. Dies habe ich bislang zwar noch nicht erlebt, dennoch war ich bei der Premiere des Bee Gees- Musicals teilweise regelrecht entsetzt. Nun muss man den Besuchern zugute halten, dass „Saturday Night Fever“ ein sehr viel dramatischeres und schwereres Stück ist, als sein Ruf verspricht. Klar gibt es sie, die leichten Tanz-Szenen samt einer Extra-Portion Disco-Feeling, aber es werden eben auch Rassendiskriminierung, Drogenmissbrauch und Vergewaltigungen thematisiert, womit manche scheinbar nicht gerechnet haben.

Alles begann mit „Stayin` Alive“: Alexander Klaws zeigte während seinem Outfit-Wechsel auf der Bühne viel nackte Haut und ermunterte die Menge – ähnlich einer pubertären siebten Klasse – damit wohl unwissentlich zu zweiminütigem Gegröle, was zur Folge hatte, dass ich von diesem tollen Lied eigentlich keinen Ton verstand. Und hierbei rede ich nicht von einer Liedzeile, sondern fast einem ganzen Song!

Währenddessen packten zwei Mädels in der Reihe vor uns die Kamera aus und machten alleine im ersten Akt mehr Fotos, als ich in meinem kompletten zweiwöchigen Irland-Urlaub! Begleitet wurde dieses bunte Treiben von den Wein-trunkenen Worten einer Dame in der Reihe hinter uns, die sich leider sehr textsicher präsentierte und anfing, ihre Lieblings-Hits mitzusingen. Da halfen dann leider auch keine bösen Blicke meinerseits.

Zur Höchstform lief das Publikum aber erst im zweiten Akt auf, als es anfing, bei dem emotionalen „Immortality“ mitzuklatschen (das dies möglich ist, war mir vorher gar nicht bewusst) und – mein persönliches negatives Highlight – auf den Selbstmord von Bobby C mit lautem Gelächter reagierte.
Da war ich dann tatsächlich auch sprachlos und – was noch viel schlimmer war – eben noch den Tränen nahe, wurde ich so vollkommen herausgerissen und die dramatische Szene verfehlte zumindest bei mir ihre Wirkung.

Die Grenzen der eigenen Freiheit

Was für die einen Spaß und zwangloses Verhalten war, störte mich und andere Besucher. Wo Menschen aufeinandertreffen, kollidieren Anschauungen. Was die einen ablenkt, übersehen oder schätzen die anderen.

Das alles soll nicht bedeuten, dass alles still sein soll und niemand sich mehr bewegen darf, sobald ich im Theatersaal sitze. Keinesfalls. Ich bin häufig der erste, der applaudiert, zu Standing Ovations aufspringt oder einfach nur mal herzlich lacht. Und auch ich sage während der Vorstellung mal einen Satz zu meiner Begleitung. Aber sobald dies eine gewisse Lautstärke und Quantität erreicht, sobald man vollkommen das Stück aus den Augen verliert und sich die ersten Sitznachbarn zu einem umdrehen, ist der Weg zu einem auffälligen und damit häufig unangemessenen Verhalten nicht mehr weit.

Ich will hier nichtmal konkrete Verhaltensregeln bestimmen, das würde meiner Ansicht nach auch zu weit gehen. Letztlich ist das einzige, worum ich bitte, mehr Rücksicht auf die anderen Theatergäste zu nehmen, weniger laut zu kommentieren und sich bemerkbar zu machen.

Daher: Springt auf und jubelt, wenn euch etwas begeistert, lacht herzlich und laut und seid frei in eurem Theatererlebnis. Aber habt bitte auch immer genug Gespür für die anderen Anwesenden und das Musical selbst und definiert die Grenze eurer Freiheit dort, wo andere beginnen, sich gestört zu fühlen.

Beitragsbild: © Contentkraft

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.