Jeder von uns hat doch sein Lieblings-Musical – Mindestens! Ich persönlich kann mich zwischen vier Stücken nicht entscheiden und spare beim Thema Musical sowieso selten mit Superlativen. Als ich vor zwei Jahren im Londoner Phoenix Theatre saß, erlebte ich den emotionalsten Moment meiner bisherigen ganz persönlichen Musical-Geschichte, weswegen ein Stück, von dem ich es vorher nicht erwartet hatte, einen Treppchenplatz in meiner persönliche Top-Liste erkämpfte. Die Rede ist von „Once“.

„Once“ ist mehr ein Theaterstück mit musikalischen Elementen als durchkomponiertes Musical und basiert auf dem gleichnamigen Film von John Carney aus dem Jahr 2006. Es erweitert hierbei die Story des Films, vertieft Nebencharaktere und verlagert manche Schauplätze, sodass ein recht eigenständiges Werk entsteht. Und zwar eines, an das bei dem Drehstart des Filmes nicht ansatzweise zu denken war.

Irland auf der Bühne

„Once“ erzählt die Geschichte eines begabten irischen Singer-Songwriters, der im Film nicht namentlich genannt und im Abspann nur mit „Guy“ aufgeführt wird. Dieser repariert Staubsauger im Geschäft seines Vaters, was ihn aber sichtlich langweilt. Denn sein Herz gehört der Musik und wann immer er kann, flüchtet er in die Dubliner Einkaufsstraßen, wo er als Straßenmusiker seine selbst-komponierten Lieder vorträgt. Eines Abends besingt er die Trennung von seiner Freundin und schreit all seine Wut, seinen Schmerz und Zorn in die kalte Dubliner Nacht hinaus. Eine Passantin, die ebenfalls im Abspann nur als „Girl“ bezeichnet wird, wird auf ihn aufmerksam und – wie nicht anders zu erwarten – entwickelt sich eine sehr besondere Liebesgeschichte zwischen den beiden.

Sehr besonders deswegen, weil ihre Beziehung anders funktioniert, als man es aus anderen Filmen so kennt. Denn „Once“ ist keine Katherine Heigl- Gerard Butler-Liebesschnulze, bei der man schon am Anfang des Filmes das Ende voraussagen kann. „Once“ erzählt die Geschichte mit seinen eigenen, sehr bescheidenen Mitteln und schafft es, einer Liebe ein Denkmal zu setzen, ohne, dass sich in dem Film geküsst wird oder auch nur an einer einzigen Stelle das Wort „Liebe“ fällt. Guy und Girl halten noch nicht einmal Händchen. Und trotzdem spürt man schon von Anfang an dieses ganz besondere Verhältnis, das aus jedem Satz des schnörkellosen Drehbuchs von John Carney und jedem Blick der Beiden spricht.

Eine Story überzeugt durch Ehrlichkeit

Ihrer Verbundenheit und all ihren Gefühlen wird nur durch Musik Ausdruck verliehen. Ohne Kitsch, ohne Fremdschämen. Diese Reduziertheit zieht sich durch den ganzen Film, der tatsächlich ohne große Mittel in nur 17 Tagen und mit dem bescheidenen Budget von etwa 160.000 Dollar abgedreht wurde. Innovative Kamerafahrten oder Hollywood-Bild- und Tonqualität darf man nicht erwarten. All das ist gar nicht notwendig, um die Handlung in Szene zu setzen. Im Gegenteil: gerade diese Einfachheit, ja beinahe Amateurhaftigkeit in Bild und Ton, sind es, die dieser Liebesgeschichte genau die richtige Atmosphäre und Anmutung verpassen.

Wider Erwarten wurde „Once“ zu einem großen Erfolg bei Kritikern und Kinobesuchern. Beim renommierten Sundance Film Festival räumte die kleine Independent-Produktion 2007 sogar den Publikumspreis für den besten ausländischen Film ab.

Was war nun das Erfolgsgeheimnis dieses Films?

Once_Bild_ganz_oben1-1Wohl eindeutig Glen Hansard und Markéta Irglová. Die beiden Hauptdarsteller zeichneten sich auch für die Musik des Films verantwortlich. Hansard ist Musiker durch und durch und wurde vor allem als Frontmann der irischen Rockband „The Frames“ bekannt. Seine Verpflichtung für den Film und seine kompositorische Zusammenarbeit mit Irglová (die in einer tatsächlichen Liebesbeziehung der beiden mündete, #Gossip) war wohl das Beste, was dem Film passieren konnte. Denn beide schrieben Lieder wie „When your mind`s made up“, „Sleeping“ und das weltberühmte „Falling Slowly“. Der Soundtrack des Films ist eine Offenbarung für alle Singer-Songwriter-Fans und die unverwechselbare Stimme von Hansard ist in Kombination mit seiner gefühlvollen Intonation das wirklich Einzigartige an dieser Arthouse-Produktion. Die Lieder sind nicht mal wirklich professionell aufgenommen und trotzdem hat der Film 2007 völlig zu Recht einen Oscar für „Falling Slowly“ gewonnen.

Vom Film auf die Bühne

Was klein anfing, ist mittlerweile zu einer großen Gelddruck-Maschine geworden. Am Broadway wurde der Film zu einem Musical umgebaut, das relativ erfolgreich an der 42. Straße lief – Genauso wie bis Frühjahr 2015 in London.

Und sicherlich könnte man jetzt Angst um den Charme des Stoffes haben, wenn auf einmal Produktionsfirmen das Potential der Musik für weitere Verwertungen erkennen. Was die Musicaladaption betrifft, braucht man diese Befürchtung allerdings nicht zu haben – Dafür sprechen auch die zahlreichen, die das Musical gewann, unter anderem acht! Tony Awards, vier Drama Desk Awards und den Grammy.

Drehbuchautor Enda Walsh hat sich dem Stoff äußerst behutsam angenommen und das ursprüngliche Drehbuch um liebevolle Charaktere und ergreifende Szenen bereichert. Für mich persönlich ist die Story auf der Bühne sogar noch runder, dramatischer und an manchen Stellen auch lustiger als im Film. Die Erweiterungen nutzen hierbei die Stärken und auch Anforderungen des Musicals als Genre aus und schaffen somit ein überzeugendes Komplettpaket, welches – und das ist wohl am bedeutsamsten – die Atmosphäre des Films erhält.

once musical logoDie Szenerie besteht hierbei lediglich aus einem Irish Pub, der als Einheitsbühnenbild vollkommen ausreicht und durch seine Funktionalität überzeugt. Der Fokus liegt sowieso auf den Schauspielern, der Story und der Musik. Ein reines Orchester gibt es nicht. Vielmehr spielen die Darsteller auf der Bühne selbst alle Instrumente und verbinden dabei ihr Spiel mit einfachen Choreographien, wodurch beeindruckende Bilder und Klänge entstehen. Hierdurch wird die Musik noch stärker ins Zentrum gerückt und das Musical macht noch einmal mehr deutlich, was „Once“ eben auch ist:

Eine Liebeserklärung an die Musik

Ich kenne viele Musical-Fans, die dem Stück sehr skeptisch gegenüberstehen. Für das Genre als solches ist die Singer-Songwriter-Musik im ersten Moment auch untypisch – oder zumindest ungewohnt. Aber gibt man dem Ganzen eine Chance, so merkt man schnell: Diese Musik funktioniert auch oder erst recht auf der Musical-Bühne. Denn sie geht ins Ohr und ins Herz, ist puristisch, aber ehrlich und macht in besonderer Weise begreifbar, was Worte oder auch überladene Orchestrierungen schwer ausdrücken könnten.

Und damit kommen wir zu anfangs beschriebenem Moment, welcher sich zu Ende des Stückes ereignete. Ich möchte an dieser Stelle nicht spoilern, daher nur so viel: Das Musical hat kein Happy End im klassischen Sinne. Am Ende sitzt Girl am Piano, Guy spielt Gitarre. Sie spielen die ersten Töne von „Falling Slowly“. Beide singen von ihrer Liebe. Sie sind von der Intensivität ihrer Gefühle überwältigt und die ersten Tränen kullern aus beider Augen. Als die anderen Instrumente einsetzen, ist es nicht nur um mich geschehen, sondern auch um 90 Prozent der Zuschauer um mich herum. Die ganze Dramatik der Geschichte springt mit solch einfachen Mitteln auf das Publikum über, wie ich es noch nie erlebt habe.

Als der Schlussapplaus schon lange verklungen ist, saß ich immer noch da und mir wurde wieder klar, warum ich Musicals einfach so liebe: Wegen den Gefühlen, wegen der Gänsehaut, wegen diesem oft beschworenen „Feel-everything“. Und ich dachte: „Ach… so kann man Liebesgeschichten also auch erzählen!“

Mehr Informationen zur Nordamerika-Tour gibt es hier.

Beitragsbild: © Joan Marcus

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.