Kerry Ellis und Ramin Karimloo zusammen auf der Bühne – in DEM Off-Broadway-Hit 2013, der als das neue „Next to Normal“ gehandelt wurde?! Was sich wie ein frommer Wunsch vieler Musical-Fans anhört, ist nun Realität geworden und kann im Londoner Arts Theatre bewundert werden.

Es ist dunkel in dem kleinen Theatersaal. Auf der Bühne steht nichts außer einem weißen Holzstuhl, die Lehne zu uns gerichtet sowie ein kleiner Tisch mit einem Aschenbecher darauf. Ein blauer Scheinwerfer wirft sein Licht auf dieses Stillleben. Von der Decke hängt eine karge Glühbirne. Das Publikum findet sich langsam ein, es werden Plätze gesucht, getratscht, was man eben so macht zehn Minuten vor einer Show. Beim nächsten Blick auf die Bühne stellt man fest, dass der weiße Stuhl nicht länger unbesetzt ist. Eine Frau in einem langen Mantel sitzt dort, Rücken zu uns und raucht. Das Publikum nimmt sie gar nicht wahr. Es gibt keinen Anfangsakkord, kein Licht, das im Zuschauerraum ausgeht um zu zeigen, dass die Show beginnt. Sie raucht ihre Zigarette seelenruhig fertig, dreht sich um, steht auf und beginnt zu singen.

„Murder Ballad“ nennt sich das Kammermusical, das für eine sehr begrenzte Zeit im Londoner Arts Theatre zu sehen ist. 2013 feierte das durchkomponierte 4-Personen Stück von den Autorinnen Julia Jordan und Juliana Nash in New York Premiere und wird bis zum 3.Dezember in der Inszenierung von Sam Yates die kleine Bühne im Herzen des West Ends bespielen. Der Titel verrät schon ziemlich viel von der Rahmenhandlung, eine „Murder Ballad“ ist eine von einem außenstehenden Erzähler geschilderte Geschichte über einen Mord. Hier weiß man also, dass etwas passiert, aber nicht, wer stirbt, wer der Mörder ist oder überhaupt das Motiv oder den Tathergang.

straeflingsfotoMit diesem Geheimnis wird man von Anfang an konfrontiert. Das Plakat zeigt die vier Schauspieler auf Polizeifotos, jeder könnte es gewesen sein.

…so logically someone’s gonna die

Im Zentrum steht Sara (Kerry Ellis). Sie ist in einer Beziehung mit Tom (Ramin Karimloo), einem Barmann in Downtown New York. Die Erzählerin (Victoria Hamilton-Barritt) bringt ihre Beziehung mit „Sara and Tom were good in bed“ auf den Punkt (viel nackte Haut auf der Bühne, nicht jugendfreie Szenen). Nach ein paar Jahren trennt sich das Paar aber und Sara trifft – total betrunken – auf „Mr. PhD in Poetry“ Michael (Norman Bowman). Sie heiraten, ziehen in ein Haus und bekommen ein Kind, ein wunderbar spießiges Familienleben. Wunderbar, aber stressig und über diesen Stress erinnert sich Sara an ihre Zeit mit Tom. Die zwei treffen sich wieder und fangen eine Affäre an. Mehr möchte ich zum Inhalt nicht verraten, nur so viel: Es wird einen Mord geben!

Die vier Hauptdarsteller kann man getrost zu der Creme de la Creme des West Ends zählen. Da wäre Kerry Ellis als Sara, eine sowohl West End- als auch Broadway-erfahrene Sängerin. Sie formte Meat in „We will rock you“ und war die erste britische Elphaba in „Wicked“ sowohl in London als auch am Broadway (hierfür hat sie den „Audience Award for female breakthrough Performance“ gewonnen). Des Weiteren war sie unter anderem als Grizabella in „Cats“, Nancy in „Oliver!“, Eliza in „My Fair Lady“ und Fantine in „Les Misérables“ zu sehen. Als Sara sehen wir sie in vielen verschiedenen Situationen, als heiße Liebhaberin, liebende Ehefrau und Mutter, verzweifelt und von Schuldgefühlen geplagt. Man hört ihrer Stimme an, dass sie klassisch ausgebildet ist, aber das tut der Kraft mit der sie singt keinen Abbruch. Auf der Bühne wirkt sie wahnsinnig frisch, es macht Spaß sie durch die Geschichte zu begleiten. Ab und zu dachte ich mir „Naja, so ganz nehme ich ihr diesen Schrei nicht ab…“, was ich aber eher auf die exzellente „Konkurrenz“ ihrer Kollegen schieben würde.

Ramin Karimloo, unser Musical Star des Monats September, passt auf die Rolle des Tom wie die Faust aufs Auge. Es ist schwer vorzustellen, dass ein Mann wie er, tätowiert, gut gebaut, mit kantigem Gesicht und eigener Rock-Stimme vor allem klassische Rollen wie Jean Valjan aus „Les Misérables“ am Broadway oder das Phantom verkörperte und er spielte (und sang!) sie fantastisch! In „Murder Ballad“ kann er aber mal als Tom seine dreckige Rock-Seele rauslassen. Er spielt ihn einerseits als sehr stolzen Mann, etwas eingebildet, wie man es einem gutaussehenden Barmann unterstellt. Später im Stück zeigt er seine ganz andere Seite, ohne dass man den Wandel wirklich mitbekommt. Er ist nicht länger körperfixiert und selbstverliebt, sondern verzweifelt und besitzergreifend.

Norman Bowman war in seinem Musicaldarstellerleben viel auf Tour, unter anderem als Marius in „Les Misérables“, Tony in „West Side Story“, Munkustrap in „Cats“ und Danny in „Grease“. Er war aber auch für Konzerte, Film und Fernsehen tätig und aktuell in der Musical-Romanze „I’ll walk with God“ zu sehen. Als Michael entwickelt er sich vom etwas nerdigen Philosophiestudenten zum liebevollen Ehemann und Vater, dem die Familie über alles geht. Auch im weiteren Verlauf des Stückes überzeugt Norman Bowman auf ganzer Linie, alles, was er tut, wirkt echt, teilweise schmerzhaft. Ich möchte von der Handlung nicht zu viel verraten, aber als sich Tom und Michael das erste Mal treffen, hat jeder im Saal die Luft angehalten!

Victoria Hamilton-Barritt führt uns als Erzählerin (Narrator) zynisch durch die Geschichte. Victoria spielte zuletzt die Daniela in der West End-Produktion von „In the Heights“, bis sie, im achten Monat schwanger, eine Pause einlegte. Bei „Murder Ballad“ spielt sie eine völlig andere Rolle. Stets in ihrem langen Mantel, die Hände in den Taschen, ein süffisantes Grinsen und ab und zu Einwürfe, um das Gesagte der anderen Figuren zu unterstreichen, ist sie der perfekte, omnipräsente Erzähler. Das einzige, was man anmerken könnte, ist, dass ihre Stimme ruhig etwas weniger dreckig klingen könnte, es hört sich eher nach nicht schließenden Stimmbändern an. Vielleicht macht aber genau das die Mystik ihrer Figur aus.

murder-ballad London

Die Musik von Juliana Nash ist zwar insgesamt rockig, dennoch sind die einzelnen Songs sehr verschieden und definitiv ohrwurmgefährlich! Unterstützt werden die Darsteller von einer 4 köpfigen Band, die am Anfang kurz hinter ihren Papierwänden hervortreten darf. Eine schöne Idee, die von vornherein klar macht, dass hier alles live gespielt wird, auch wenn es ab und zu etwas laut wird und den Text übertönt. Ein Tipp von mir: Ich würde stark empfehlen, sich den Soundtrack vor dem Besuch schon einmal anzuhören. Die Musik ist sehr gut, nur könnte es sein, dass diese einen beim ersten Mal Hören nicht erreicht. Erst, wenn man mit den Songs und Motiven vertraut wird, erkennt man musikalische Themen und Reprisen wieder, auch wenn das bedeutet, dass man sich den Kitzel des „Zum ersten Mal live im Theater Erfahrens“ nimmt. Hier muss man eben abwägen.

Das Arts Theatre nahe dem Leicester Square bietet für diese Show Day Seats an (also Tickets für ausgewählte Plätze, die man nur am selben Tag der Show kaufen kann und die sich auf ein bestimmtes, für diesen Zweck zurückgehaltenes Kontingent beziehen.). Von diesen würde ich aber in diesem Fall unbedingt abraten! Die Day Seats befinden sich in der 1. Reihe, eigentlich toll, nur kommt in dieser Show eine Drehbühne zum Einsatz, welche die Bühne um etwa 40cm erhöht. Aus diesem Grund kann man erst ab der 4./5. Reihe die Sicht wirklich genießen, am besten sind die Plätze auf dem Rang oder die Slips an den Wänden rechts und links der Bühne (nur 25 Pfund!). Die Show dauert ca. 75 Minuten, es gibt keine Pause und weil der Abend noch so jung ist und man in London so gut feiern kann, kommt man mit seinem Ticket nach der Show kostenlos in den „Covent Garden Cocktail Club“.

Murder Ballad: A New Musical (World Premiere Cast Recording)

Price: EUR 9,59

5.0 von 5 Sternen (1 customer reviews)

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Laufzeit London: 5.Oktober 2016 bis 03.Dezember 2016. Tickets und mehr Informationen gibt es hier.

Premiere Off-Broadway: 22.Mai 2013
Besuchte Vorstellung: 3.Oktober 2016
Buch & Lyrics: Julia Jordan
Musik & Lyrics: Juliana Nash
Regie: Sam Yates
Musikalische Leitung: Seam Green
Kostüme/Bühnenbild: Richard Kent
Bühnenbild: Petra Ehrenberg
Technische Leitung: Norman Lißner
Lichtdesign: David Plater
Sounddesign: Rob Bettle, Sam Clarkson
Besetzung: Kerri Ellis (Sara), Ramin Karimloo (Tom), Norman Bowman (Michael), Victoria Hamilton-Barritt (Narrator), sowie Nathalie McQueen (Cover Sara/Narrator), Matthew Harvey (Cover Michael/Tom) und Natalie Law (Swing)