„Next to Normal“ setzt seinen Siegeszug durch Deutschland weiter fort und wird nach Inszenierungen in Fürth, Hildesheim, Berlin/München, Dortmund und Lüneburg nun auch in Hamburg aufgeführt. Die dortigen Kammerspiele zeigen eine solide Version, die aber im Vergleich zu anderen Produktionen das Potential der Vorlage nicht ganz ausschöpfen kann.

Das Schöne an einer jeden „Next to Normal“-Produktion hierzulande ist, dass die entsprechende Regionalpresse verwundert feststellen kann, dass Musicals auch Heimat ernsterer Themen sein können und dass jenes Image der seichten, anspruchslosen Unterhaltung nicht universal auf alle Stücke übertragbar ist.

Betrachtet man den Hamburger Pressespiegel, so ist man auch in der Hansestadt, also der Disney-… ähm, ich meine natürlich – Musical-Hauptstadt Deutschlands im Jahr 2016 zu dieser bahnbrechenden Erkenntnis gekommen. Allein hierfür gebührt dem Kreativteam rund um Autor Brian Yorkey und Komponist Tom Kitt schon der größtmögliche Respekt. Mehr noch, wenn man sich vor Augen führt, dass beiden mit „Next to Normal“ ein absolutes Meisterwerk gelungen ist, welches zurecht mehrere Tony Awards und den renommierten Pulitzer-Preis gewinnen konnte.

2009 am Broadway uraufgeführt, wurde „Next to Normal“ schon bald als das neue „Rent“ gehandelt, weil es ebenso wie Jonathan Larsons Geniestreich aus den 1996ern eine Krankheit thematisiert, mit der sich ein großer Teil der amerikanischen Gesellschaft auch heute noch konfrontiert sieht.

Dabei ist die Story von „Next to Normal“ gleichermaßen glaubhaft und dramaturgisch intelligent konzipiert wie erschreckend alltäglich.

Wie an jedem Tag…

Die Goodmans sind eine ganz normale Familie. Vater, Mutter und eine pubertierende Tochter. Sie leben in einem schönen Haus, sind wohlsituiert, haben keine Probleme. So scheint es. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass diese Familie keineswegs normal ist. Denn Mutter Diana ist psychisch krank. Sie hat den frühen Tod ihres Sohnes nie verwinden können. Sie leidet an einer bipolaren Störung – und die ganze Familie mit ihr.

© Bo Lahola
© Bo Lahola

Autor Brian Yorkey wurde durch eine Dokumentation auf die Krankheit der bipolaren Störung und die Behandlung eben jener durch Elektroschocks aufmerksam. Ein solches Thema in einem Musical zu verarbeiten, war schon damals ein gewagtes Unterfangen. Umso beeindruckender, welch lebhaftes, lebensbejahendes, zugleich aber emotional aufwühlendes Stück ihm gelungen ist, das die dramatischen Momente genauso beherrscht und gekonnt dosiert wie die heiteren, ohne jemals ins Kitschige, Überzogene oder Überdramatische abzudriften.

Oder wie die New York Times damals schrieb: „Next to Normal“ ist kein Feel-Good, sondern ein Feel-Everything-Musical.

Eines, das darüber hinaus mit einem der stärksten Musical-Scores der letzten Jahre aufwartet und Showstopper wie „Kein Mensch“, „Superboy und seine Schwester aus Glas“, „Ich lebe“ und das ruhige „Ein Licht in der Nacht“ beinhaltet.

Der böse Arzt…

In Hamburg inszeniert der Theater-Regisseur Harald Weiler und schafft einen schauspielerisch intensiven, obgleich in manchen Momenten etwas statischen Musical-Abend. „Next to Normal“ ist ein Stück, das schon vorlagenbedingt ohne große Choreographien auskommt, in manchen Szenen wie „Ich lebe“ wären ein paar Bewegungselemente aber sicherlich möglich gewesen und hätten der Dynamik des Stückes auch gut getan.

Leider gereichen auch manche Kürzungen dem Stück zum Nachteil, besonders hervorzuheben sei das Finale des zweiten Aktes, „Licht“, das in Hamburg fast identisch zur CD-Aufnahme gespielt wird und somit nicht mehr die wichtige Sprechsequenz enthält, in der sich Dan nach Jahren der Verdrängung endlich die Hilfe eines Therapeuten nimmt und somit auch seinen Verlust endlich akzeptiert. Dies ist eine entscheidende Szene, da sie die Hoffnung, welche die finale „Es gibt ein Licht“-Aussage beinhaltet, erst begründet. So wirkt das gesamte Lied fehl am Platz, da das Ende des Stückes – Dan erkennt seinen Sohn Gabe und phantasiert somit ebenso wie Ehefrau Diana – äußerst dramatisch ist und eigentlich keinen Grund zur Hoffnung impliziert. Im Gegenteil!

© Bo Lahola
© Bo Lahola

Auch die Anlage des Arztes Dr. Madden ist in der Hamburger Inszenierung streitbar. Sicherlich fällt es allgemein schwer, Dianas Therapeuten einzuschätzen, schließlich ist seine Praktik der Elektroschock-Therapie – diplomatisch ausgedrückt – diskussionswürdig und auch sonst agiert der Arzt nicht immer beispielhaft. In den Interpretationen von Armin Kahl (Fürth) und Jörg Neubauer (Dortmund) war Dr. Madden aber keinesfalls nur der Böse, sondern ein Arzt, der von seiner Art der Behandlung überzeugt war und Diana wirklich helfen wollte. Einer, dem seine Patientin nicht egal war – obgleich er natürlich eine gewisse berufsbedingte Distanz einnehmen musste.

Dr. Madden in der Darstellung von Tim Grobe agiert sehr viel überheblicher und selbstverliebt, sogar gefühlskalt. Was an manchen Stellen das Publikum zu herzhaftem Lachen animiert, ist in seiner Gesamtheit nur die Verurteilung eines gesamten Berufsstandes. Dass Dr. Fine – Dianas erster Arzt – seine Patientin tatsächlich offen anflirtet und nur Geld an ihr verdienen möchte, passt somit ins Bild und ist sehr schwarz gezeichnet. Vielleicht etwas zu schwarz.

Denn als Diana sich schließlich von Dr. Madden abwendet, stellte sich eine gewisse Erleichterung bei mir ein – ein Gefühl, das ich sonst noch nie hatte.

Die Inszenierung des Arztes ist somit eine klare – für Psychiater und Therapeuten nicht sehr vorteilhafte – Aussage, die ich persönlich nicht ganz positiv bewerte. Andererseits zeigt dies nur wieder, welch tiefgründiges und mehrebiges Stück „Next to Normal“ ist und dass es die eine Interpretation dieses Musicals nicht geben kann. Alle Ansätze sind berechtigt und solange sie zur Diskussion beitragen auch wünschenswert!

Absolut beeindruckend gelingt allerdings die Inszenierung der Elektroschock-Szene anfangs des zweiten Aktes, während der sich Gabe auf einer Art tiefen Rahmenkonstruktion windet, gegen die Stromstöße ankämpft und schließlich reglos liegenbleibt. Er scheint besiegt – jedenfalls bis sich Diana nach und nach an ihn erinnert und er wieder „aufersteht“. Sehr eindrucksvoll und intelligent dargestellt!

Carolin Fortenbacher spielt und singt in ihrer eigenen Liga

Die Cast wird angeführt von Carolin Fortenbacher, die eine phänomenale Darstellung der Diana Goodman abliefert und sich als absolute Leading-Lady der Produktion beweist. Stimmlich über alle Zweifel erhaben, findet sie schauspielerisch genau das richtige Verhältnis aus Selbstironie und glaubhaftem Leid. Ihre Interpretation von „Mir fehl`n die Berge“ und das rockige „Was weißt du?“ gehören zu den Höhepunkten des Abends.

© Bo Lahola
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Ähnlich überzeugend agiert auch Alice Hanimyan als Tochter Natalie, mit der man von Anfang an mitfühlt und sympathisiert. Sie hat wohl am meisten mit der Situation zu kämpfen und ihre Entwicklung stellt Hanimyan sehr beeindruckend dar. Neben Fortenbacher ist sie der Star der Produktion.

Das restliche Ensemble rund um Robin Brosch als Vater Dan, Elias Krischke als Gabe und Jan Rogler als Henry spielt mit hoher schauspielerischer Intensität, obgleich manche Soli an Kraft verlieren, da besonders die Stimmen von Brosch und Rogler im Vergleich zu ihren Rollenvorgängern (beispielsweise Borchert/Hees in Fürth) etwas an Kraft vermissen lassen. So haben Songs wie „Wohin soll das führ`n?“ oder „Ein Versprechen“ nicht die bekannte Wirkung.

Trotzdem entfaltet die Cast aber eine große Spielfreude und die Stimmen harmonieren sehr gut miteinander, was einen positiven Gesamteindruck hinterlässt.

Ein kleiner Wermutstropfen ist leider das Sounddesign. Die Band unter der musikalischen Leitung von Matthias Stötzel spielt sehr kraftvoll und beherrscht sowohl die leisen als auch die rockigen Passagen. Leider verlieren Letzte etwas an Dynamik, weil der Ton an vielen Stellen zu leise ist. Dies ist aber ein genereller Kritikpunkt an vielen Produktionen und gerade ein Rock-Musical muss auch über die Lautstärke kommen, da die Partitur sonst ihr Potential nicht voll entfalten kann und mich als Zuschauer auch nicht packt oder mitreißt. Leise Rock-Musik ist einfach ein Widerspruch in sich – vielleicht ist dies aber auch eine sehr subjektive Meinung von mir und ich bin einfach ein bisschen Donots-geschädigt. Die vielen älteren Herrschaften im Publikum werden dies wohl auch anders sehen als ich.

Alles in allem bieten die Kammerspiele Hamburg eine solide und überzeugende Inszenierung, die der starken Vorlage gerecht wird, ihr Potential aber nicht in allen Punkten voll ausschöpft. Wer demnächst in Hamburg ist, sollte dieser Produktion unbedingt einen Besuch abstatten – alleine schon um Carolin Fortenbacher und Alice Hanimyan zu erleben. Denn bei aller Diskussion um inszenatorische Feinheiten: „Next to Normal“ in Hamburg berührt, stimmt nachdenklich und wird Euch sicherlich nicht mit trockenen Augen nach Hause schicken.

Broadway-Premiere: 15.04.2009 (Booth Theatre)
Premiere Hamburg: 04.09.2016 (Kammerspiele)
Buch und Texte: Brian Yorkey
Musik: Tom Kitt
Musikalische Leitung: Matthias Stötzel
Regie: Harald Weiler
Ausstattung: Lars Peter
Besetzung: Carolin Fortenbacher (Diana), Robin Brosch (Dan), Alice Hanimyan (Natalie), Elias Krischke (Gabe), Jan Rogler (Henry), Tim Grobe (Dr. Fine/ Dr. Madden)

Vorstellungen in den Hamburger Kammerspielen bis 08. Januar 2017
Tickets gibt es hier.

Beitragsbild: © Bo Lahola