Die Vereinigten Bühnen Wien bringen nach Erfolgsproduktionen wie „Tanz der Vampire“ und „Elisabeth“ endlich wieder eine Uraufführung auf die Bühne. Bereits im Vorfeld haben sie dank dem internationalen Kreativteam gezeigt, dass sie immer noch wissen, wie man ein Musical produziert, dass vor allem bei eingefleischten Fans ein Hit werden könnte. Das Musical über den Librettisten von Mozarts „Die Zauberflöte“ besticht hierbei vor allem aufgrund seines großen Orchesters, einer phantastisch besetzten Cast und der besonderen Bühnenausstattung.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so begeistert einer Produktion entgegen gefiebert habe wie bei dem neuen Musical der Vereinigten Bühnen Wien „Schikaneder“, welches nun endlich am 30. September 2016 (Genau 225 Jahre nach der Uraufführung von „Die Zauberflöte“) im Raimund Theater in Wien Premiere gefeiert hat. Da das Hauptaugenmerk meiner Begeisterung auf dem Kreativteam lag, kann ich wohl sagen: noch nie. Solche Stücke werden meist in New York oder London uraufgeführt, wo das Angebot sowieso riesig und leider auch viel zu weit weg ist, als dass ich wirklich dauerhaft Interesse während der Entstehungszeit zeigen würde.

© VBW / Deen van Meer
© VBW / Deen van Meer

Bei „Schikaneder“ war die Begeisterung bereits geweckt, als mein Lieblingskomponist Stephen Schwartz („Wicked“, „Pippin“) als Verantwortlicher für die Musik und die englischen Liedtexte (Übersetzung von Michael Kunze) vorgestellt wurde. Dann noch mit Trevor Nunn als Regisseur, der bereits bei den Welturaufführungen der bekanntesten Londoner Musicals wie „Cats“, „Starlight Express“ und „Les Misérables“ Regie geführt hat und einer Besetzung, die dank Mark Seibert und Katie Hall sowohl das Wiener als auch das internationale Publikum zufrieden stellt. Das Buch stammt von Christian Struppeck, der auch die Idee zu dem Musical hatte, weshalb dieses oft als sein „Baby“ bezeichnet wird.

Komödiantisch leicht aber keinesfalls seicht

Das Musical befasst sich mit der Liebesgeschichte rund um das Ehepaar Emanuel und Eleonore Schikaneder, dem Glamourpaar der Theaterszene des 18. Jahrhunderts. Der erste Akt beginnt im Jahr 1789 am Theater an der Wieden. Eleonore Schikaneder hat von ihrem verstorbenen Lebensgefährten Johann Friedel den Theaterbetrieb geerbt, steht jedoch mit ihrer Theatergruppe vor dem Aus, da sie als Frau diesen nicht übernehmen darf. Ihre jahrelange Freundin Barbara Gerl schlägt vor, ihren Noch-Ehemann Emanuel, der gerade in Wien weilt, um Hilfe zu bitten, da dieser eine Theaterlizenz besitzt. Da Eleonore ablehnt, die verzweifelte Theatergruppe dies jedoch als einzigen Ausweg sieht, erzählt Eleonore rückblickend vom ersten Kennenlernen und der Ehe mit Emanuel. Der erste Akt endet mit der Trennung aufgrund Emanuels Untreue und der Tatsache, dass seine Affäre Anna Maria Miller ein Kind erwartet. Eleonore brennt daraufhin mit dem jungen Autor Johann Friedel nach Wien durch, um dort das Theater an der Wieden zu übernehmen. Der zweite Akt setzt größtenteils wieder im „Hier und Jetzt“ zu Beginn des ersten Akts ein. Nachdem sowohl Eleonore als auch Emanuel aufeinander angewiesen sind, um das Theater und ihre jeweilige Existenz zu retten, behandelt der zweite Akt hauptsächlich den Weg zu ihrem größten Erfolg: Der Uraufführung von Mozarts „Die Zauberflöte“.

© VBW / Deen van Meer
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Nachdem meine anfängliche Euphorie um „Schikaneder“ aufgrund der doch sehr zweigeteilten Kritiken nach den ersten Previews etwas gedämpft war, kann ich sagen, dass mich „Schikaneder“ in voller Linie überzeugt und begeistert hat. Vor allem der größte Kritikpunkt, dass das Stück mehr einer Oper als einem Musical gleicht, hat mich sehr beunruhigt. Keinesfalls wollte ich nach all der Vorfreude ein zweites Fiasko wie bei „Gefährliche Liebschaften“ in München erleben, wo ich am liebsten bereits in der Pause wieder gegangen wäre, eben weil es mir zu viel Oper war. „Schikaneder“ ist zwar sehr klassisch und dem Stück fehlen definitiv die modernen Elemente (Drums, Gitarren, etc.), wie sie z.B. bei „Mozart!“ zu finden sind, aber von den Punkten, die mich hauptsächlich an Opern stören, sind wir hier sehr weit entfernt. Fast will ich sagen, dass alle Dinge, die mich an Opern erfreuen würden, hier aufgegriffen werden und das Musical genau dadurch zu einem ganz besonderen Stück wird.

Durchweg eine musikalische Glanzleistung

Der Score ist wie bereits erwähnt klassisch und orientiert sich sehr an der Musik Mozarts aus dem 18. Jahrhundert. Hier hat Stephen Schwartz ganze Arbeit geleistet und dem Komponisten-Genie ein musikalisches Denkmal errichtet. Die Musik ist unfassbar schön anzuhören und dank dem über 30-köpfigen Orchester entfaltet die Partitur ihre volle Wirkung. Dem Musical fehlt wirklich das dramatische Ohrwurm-Solo, wie man es von Schwartz` anderen Musicals kennt und sollte eine CD produziert werden, wird diese wohl kaum in Dauerschleife bei mir im Player laufen, aber live auf der Bühne vermisse ich nichts. Zudem fehlen im Gegenzug auch die langweiligen „Lückenfüller-Songs“ bzw. Szenen, welche die Handlung in keinster Weise voranbringen und lediglich schön anzuhören – obgleich entbehrlich – sind. Vor allem „Ich träum groß“, welches bereits im Vorfeld zu hören war, zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung und ist sowohl der Hit als auch die Botschaft des Stückes.

Sollte man doch mal genug von der klassischen Musik haben, ist es einfach nur ein Traum, sich das Bühnen- und Kostümbild von Anthony Ward genauer anzuschauen. Herzstück des Bühnenbilds ist eine Bühnenkonstruktion aus Holz, welche wohl genau den Maßen der Bühne vom Theater an der Wieden nachempfunden ist. Diese ist auf der Drehbühne platziert und durch Drehung eben dieser kann der Zuschauer immer genau nachvollziehen, ob sich die Handlung gerade auf, neben oder hinter der Bühne ereignet. Dies ist zum einen sinnvoll, da sich die Story immer in irgendeinem Theater abspielt und zum anderen wird so ein äußerst imposanter Effekt für den Zuschauer kreiert, da die Holzkonstruktion mit ca. 8m Höhe einfach nur riesig ist und die Bühne im Raimund Theater voll ausnutzt.

Träum groß

Die Überraschung war eher gering, als der Wiener Publikumsliebling Mark Seibert als Hauptdarsteller vorgestellt wurde. In „Schikaneder“ hat er Gelegenheit, zum einen seine unfassbar komische Seite auszuspielen und zum anderen Töne anzuschlagen, von denen ich gar nicht wusste, dass er sie singen kann. Vor allem bei seinem Solo „Letzter Vorhang“ muss selbst ich als Fan gestehen, dass ich ihm solch ein Gefühl und eine Traurigkeit in der Stimme niemals zugetraut hätte. Mit dieser Rolle hat er sich definitiv schauspielerisch und gesanglich eine Liga nach oben gespielt.

© VBW / Deen van Meer
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Milica Jovanovic spielt Schikaneders Ehefrau und ist in meinen Augen die eigentliche Hauptrolle im Stück, da sie fast ständig auf der Bühne ist und die Handlung meist aus ihrem Blickwinkel erzählt wird. Gesanglich gibt sie trotz der ständigen und schnellen Kostümwechsel alles und besticht durch ihren wunderschönen, klaren und kräftigen Sopran. Ihre Rolle durchlebt von Trauer bis Triumph alle Facetten und sie gibt im Stück die starke und zugleich sympathische Theaterfrau, die es wohl auch ohne Mann an ihrer Seite schaffen würde.

West End-Star Katie Hall gibt die Geliebte Schikaneders, Maria Anna Miller, die dank ihrer naiven Art schnell zum Publikumsliebling avanciert. Dafür dass sie erst seit Kurzem Deutsch lernt, ist ihre Aussprache einwandfrei und sehr gut verständlich. Der leichte Akzent, der an wenigen Stellen doch noch hörbar ist, gibt der Rolle eher noch den letzten komischen Feinschliff, als das er stören würde. Florian Peters übernimmt die Rolle des Johann Friedel, mit dem Eleonore zum Ende des ersten Aktes durchbrennt. Im Gegensatz zu Katie Hall bleibt er aber eher blass, was jedoch an der Rolle selbst liegt. Johann Friedel ist schüchtern und stellt das genaue Gegenteil zum Theatermann Schikaneder dar, was vor allem in seinen Song „Träum klein“ klar wird.

Weiter zu erwähnen sind noch Franziska Schuster als Barbara Gerl und Armin Kahl als Benedikt Schack, welche die jeweiligen besten Freunde des Theaterpaars mimen. Obwohl sie eigentlich „nur“ als Nebenrollen angedacht sind und öfter wieder im Ensemble untertauchen, habe ich sie doch immer wie alte Freunde auf der Bühne begrüßt, wenn es mal wieder darum ging, Vermittler oder Retter in der Not zu spielen.

© VBW / Deen van Meer
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Oft habe ich das Gefühl habe, dass bei anderen Musicals zu viele Charaktere im Laufe der Handlung vorgestellt werden, während man sich bei „Schikaneder“ einfach auf die wenigen bereits Vorhandenen konzentriert, was es mir als Zuschauer einfach macht, eine Beziehung zu den einzelnen Charakteren aufzubauen und den Überblick zu behalten.

„Schikaneder“ ist daher ein Musical, das endlich die Hilferufe der Fans erhört und sich all den Punkten angenommen hat, die seit Jahren in der deutschen Musicalszene vernachlässigt worden sind: Ein phänomenal großes Orchester, eine Handlung mit Hand und Fuß, ein beeindruckendes Bühnenbild und Musik, die neben all den Schlager-Popsicals endlich mal wieder eine andere Richtung einschlägt. Dank all dieser Punkte ist „Schikaneder“ einfach nur ein Live-Erlebnis der Extraklasse und ich wünsche diesem Stück allen Erfolg dieser Welt, da es sonst wohl der endgültige Todesstoß für die Kreativität des deutschsprachigen Musicals wäre.

Uraufführung: 30.09.2016 (Raimund Theater Wien)
Besuchte Vorstellung: 01.10.2016 (Raimund Theater Wien)
Musik und Originallyrics: Stephen Schwartz
Übersetzung: Michael Kunze
Buch: Christian Struppeck
Regie: Trevor Nunn
Choreographie: Anthony van Laast
Musikalische Leitung: Koen Schoots
Bühnen- und Kostümbild: Anthony Ward
Besetzung: Mark Seibert (Emanuel Schikaneder), Milica Jovanovic (Eleonore Schikaneder), Florian Peters (Johann Friedel), Katie Hall (Maria Anna Miller), Hardy Rudolz (Franz Moser/Josef von Bauernfeld), Reinwald Kranner (Karl Marinelli), Franziska Schuster (Barbara Gerl), Armin Kahl (Benedikt Schack), Katja Reichert (Josepha Hofer)

Tickets und weitere Infos findet Ihr hier.

Beitragsbild: © VBW / Deen van Meer