Nicht wenige Musical-Fans und -Kritiker bezeichnen „Sunset Boulevard“ als Andrew Lloyd Webbers bestes Werk – eine gewagte These in Anbetracht der namhaften Konkurrenz, die ebenfalls seiner Feder entsprungen ist. Nun ist so eine Aussage natürlich immer höchst subjektiv und reine Geschmackssache – ein Geheimtipp ist das Stück hierzulande aber allemal. In Dortmund wird das Musical nun mit prominenter Cast in einer bewährten Inszenierung und der Version für große Orchester aufgeführt.

„Sunset Boulevard“ kann man getrost als opulentes Werk mit Kammermusical-Charme bezeichnen – die spannende Handlung fokussiert sich auf lediglich vier Personen, die den Großteil der Spielzeit auch alleine auf der Bühne miteinander interagieren. Es gibt vergleichsweise nur wenige Ensemble-Nummern, welche die teils düstere Stimmung etwas auflockern, aber nie langfristig brechen. Somit ist „Sunset Boulevard“ ein äußerst intensives, intimes und intelligentes Stück Musiktheater, das auch deutsche Schauspielhäuser – Gott sei dank – immer häufiger für sich entdecken.

© Thomas M. Jauk / Stage Picture
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In Dortmund wird das Musical nun in Gil Mehmerts Inszenierung auf die Bühne des Opernhauses gebracht, die 2011 in Bad Hersfeld premierte. Diese sagt sich von dem Bühnenbild-Bombast der Londoner Ur-Version vollkommen frei und legt den Fokus sehr stark auf die Darsteller und die Geschichte selbst. Um das gleich vorweg zu nehmen: Wer „Sunset Boulevard“ bereits in Bad Hersfeld gesehen hat, wird höchstens Unterschiede in gewissen Feinheiten feststellen, die Inszenierung ist größtenteils noch dieselbe – reduziert, funktional, aber äußerst kreativ (Autojagd-Szene!). Unterstützt von Stefan Schmidts eindrucksvollem Lichtdesign funktioniert die ursprünglich für Bad Hersfeld konzipierte Inszenierung auch im großen Opernhaus – Schauwerte hat Webbers Musical sowieso am wenigsten nötig, da Musik und Story genug Substanz haben, um auch in zurückgenommener Szenerie zu bestehen.

Es sind die Filme, die klein geworden sind…

Das Musical beruht auf dem Film-Klassiker „Sunset Boulevard“ von Billy Wilder aus dem Jahr 1950, welcher in Deutschland unter dem Titel „Boulevard der Dämmerung“ veröffentlicht wurde. In diesem rechnete Wilder gnadenlos mit der Filmindustrie ab und zeichnete ein sehr kritisches Bild der Traumfabrik Hollywood. Im Mittelpunkt: Der in Vergessenheit geratene Star Norma Desmond, im Film gespielt von Gloria Swanson.

Norma Desmond hatte ihre große Zeit, als die Bilder zwar schon laufen, aber noch nicht sprechen konnten. Dass der Stummfilm schon längst dem Tonfilm weichen musste, will die exzentrische Diva einfach nicht wahrhaben. In ihrer luxuriösen Villa am berühmten Sunset Boulevard, unweit der Hollywood- Traumfabriken, hat sie sich ihre eigene Realität geschaffen und wartet auf eine günstige Gelegenheit für ihr Comeback. Als der junge Drehbuchautor Joe Gillis zufällig auf ihr verwildertes Anwesen gelangt, gerät er in den Sog ihrer faszinierenden Persönlichkeit – mit tödlichem Ausgang.

© Thomas M. Jauk / Stage Picture
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Schon in den 1970er Jahren entstand die Idee, Wilders Film in ein Musical umzuwandeln. Dem nahm sich schließlich Andrew Lloyd Webber zusammen mit Don Black und Christopher Hampton an und brachte das Stück schließlich am 12. Juli 1993 im Londoner Adelphi Theatre zur Uraufführung.

Webber war erneut ein Meisterwerk gelungen. Sein Score ist eingängig, facettenreich und komplex. In bester Manier der großen Monumentalwerke der Anfangszeit Hollywoods hat er eine ergreifende und opulente, dramatische Musik komponiert, die alleine für sich genommen schon Bilder und Assoziationen im Kopf des Publikums entstehen lässt. Dabei hat er die zwei Welten, zwischen denen sich das Stück bewegt, musikalisch ganz klar voneinander abgegrenzt. In Normas Villa – und damit eben in jener düsteren Welt der Stummfilm-Diva – dominieren klassische, dramatisch-schwere Töne, während es in den Paramount Studios und in den Hotspots der jungen Kreativen Hollywoods beschwingt-jazzig zugeht. Nicht zuletzt beinhaltet das Musical Showstopper wie „Nur ein Blick“, „Als hätten wir uns nie Goodbye gesagt“, „Ein gutes Jahr“ und das Titellied „Sunset Boulevard“, welche allesamt auf keinem „Best of Webber“-Album fehlen dürfen.

Kein Star wird jemals größer sein…

© Thomas M. Jauk / Stage Picture
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Eine jede Inszenierung von „Sunset Boulevard“ steht und fällt mit dem jeweiligen Hauptdarsteller-Quartett und am meisten wohl mit der Besetzung der alternden Stummfilm-Diva Norma Desmond. Für diese Rolle konnte mit Pia Douwes die absolute Leading-Lady des deutschsprachigen Musicals gewonnen werden. Douwes verkörperte die Norma Desmond schon auf Tour durch die Niederlande und beweist sich als absolute Idealbesetzung. Sie gibt eine größenwahnsinnige, exzentrische, aber auch verzweifelte und verletzliche Norma, die ganz in ihrer eigenen Welt lebt – sie einfach als verrückt zu bezeichnen würde ihrer Geschichte nicht gerecht werden, vielmehr ist sie zerbrochen an ihrem Ruhm und Selbstbild – eben an ihrer Größe und dem, was „dieses Hollywood“ aus ihr gemacht hat. Anfangs wirkt sie stark und selbstsicher – eine Fassade, die im Laufe der Handlung immer mehr Risse bekommt, ehe sie letztlich im großen Finale geistig umnachtet vor die Polizei tritt.

Die Rolle verlangt schauspielerisch und gesanglich alles von einer Darstellerin ab und Pia Douwes überzeugt in jeder Sekunde eines jeden norma’schen Gemütszustandes. Ihren größten Moment hat sie zweifelsohne in den Paramount Studios bei „ Als hätten wir uns nie Goodbye gesagt“. Mit welcher Hoffnung, Intensität und gesanglicher Extraklasse sie dieses Lied verkörpert, ist absolut beeindruckend.

© Thomas M. Jauk / Stage Picture
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Wie schon bei der Tournee konnte Oliver Arno für die Rolle des Joe Gillis gewonnen werden. Eine nicht minder vielseitige Rolle, weil auch dieser Charakter in die Mühlen Hollywoods gerät und ebenfalls nicht einfach als Schmarotzer abgeurteilt werden kann, der es sich in Normas Welt gut gehen lässt und seine Gönnerin ausnutzt. Der junge Drehbuchautor ist hin und hergerissen zwischen zwei Welten und zwei Frauen und obgleich er für Betty Schaefer wohl die tieferen Gefühle hegt, ist er Norma gegenüber nicht gleichgültig. Oliver Arno gibt einen sehr charmanten Joe Gillis und spielt die verschiedenen Facetten seiner Rolle gekonnt aus. Als Zuschauer/in kann man sich seiner Ausstrahlung kaum erwehren und sympathisiert automatisch mit dem verzweifelten Autor. Gesanglich meistert Arno den Part souverän, obwohl ich anmerken muss, den Titelsong von anderen Darstellern schon kraftvoller gehört zu haben.

In Gil Mehmerts Werkinterpretation kommt dem Butler Max eine zentrale Rolle zu. Er zieht im Hintergrund die Fäden und ist der Regisseur von Normas ganz persönlichem Film. Anfangs gerät er als ergebener Hausdiener nicht selten aus dem Fokus der Aufmerksamkeit und lüftet das Geheimnis um seinen Teil der Geschichte erst gegen Ende des Stückes – eine spannende, weil geheimnisvolle und ebenfalls höchst vielschichtige Rolle, die Hannes Brock beeindruckend meistert. Warum er so aussehen muss, als wäre seine Maske dem „Tanz der Vampire“ entsprungen, bleibt wohl ein Geheimnis der Produktion – Immerhin unterstreicht dieses Erscheinungsbild aber seine ohnehin große Bühnenpräsenz.

© Thomas M. Jauk / Stage Picture
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Wietske van Tongeren stand bereits in der Bad Hersfelder Inszenierung als Betty Schaefer auf der Bühne und holt aus der kleinen Rolle das Maximum heraus. Die junge, lebensfrohe und ambitionierte Paramount-Sekretärin ist so etwas wie der Gegenentwurf zur verbitterten Stummfilm-Diva und gerade durch ihre positive Ausstrahlung, die van Tongeren auf die Bühne bringt, kann man Joe Gillis` Zerrissenheit nochmal stärker nachempfinden. Im Zusammenspiel mit Oliver Arno harmoniert sie prächtig und hinterlässt auch stimmlich einen starken Eindruck.

Das restliche Ensemble ist gut, aber nicht überragend besetzt. Gerade in den Ensemble-Nummern wie „Schwab`s Drugstore“ oder „Nur noch ein Jahr“ fehlt es an gesanglicher Energie und Dynamik. Diese Lieder könnten eine viel größere Intensität entwickeln und damit auch viel stärker mitreißen.

Die Version für große Orchester

Für das Opernhaus Göteborg und die English National Opera verfasste Andrew Lloyd Webber eine Version für große Orchester, die hierzulande nun erstmals in Dortmund gegeben wird. In Zeiten der Orchesterreduzierungen ein tolles Zeichen des Opernhauses, das mit dem kompletten Klangkörper der Symphoniker aufwartet. Dadurch wirkt die ohnehin beinahe schon monumentale Musik von „Sunset Boulevard“ noch voller und beweist sich als absoluter Hörgenuss. Ein weiterer Beweis dafür, wie wichtig ein großes Orchester für die Wirkung eines Musicals sein kann. Gerade bei den Instrumental-Stellen stellte sich bei mir eine Gänsehaut ein, die ich – obwohl langjähriger Fan des Stückes – eben da noch nie erlebt hatte.

Einzig zu kritisieren wäre auch in diesem Zusammenhang die wirklich schwache Akustik des Opernhauses, welche die Musik am völligen Ausschöpfen ihres Potentials hindert. Aber auch dies ist ja für Dortmund kein neues Thema.

Fazit:

Alles in allem beweist sich das Opernhaus Dortmund auch mit dieser Produktion als deutsche Instanz im Musical-Bereich und liefert eine überzeugende Inszenierung des Webber-Klassikers, die vor allem dank der grandiosen Hauptdarsteller und dem opulenten Orchester begeistern kann.

Sunset Boulevard (Gesamtaufnahme)

Price: EUR 20,19

2.9 von 5 Sternen (4 customer reviews)

36 used & new available from EUR 0,49

Aufführungen in Dortmund bis zum 22.01.2017.

Mehr Informationen und Tickets hier.

Welturaufführung: 12.07.1993
Premiere Dortmund: 08. Oktober 2016
Aufführungsdauer: ca. 2:30h, eine Pause
Musik: Andrew Lloyd Webber
Buch und Liedtexte: Don Black, Christopher Hampton
Deutsche Übersetzung: Michael Kunze
Regie: Gil Mehmert
Musikalische Leitung: Ingo Martin Stadtmüller
Choreografie: Melissa King
Bühne und Kostüme: Heike Meixner
Licht: Stefan Schmidt
Sound-Design: Marc Schneider-Handrup
Dramaturgie: Wiebke Hetmanek
Besetzung: Pia Douwes (Norma Desmond), Oliver Arno (Joe Gillis), Wietske van Tongeren (Betty Schaefer), Ks. Hannes Brock (Max)

Beitragsbild: © Thomas M. Jauk / Stage Picture

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.