Iris Limbarths Inszenierung der Musicalkomödie „The Addams Family“ hatte am 24. und 25. September mit zwei unterschiedlichen Besetzungen des Jungen Staatsmusicals am Staatstheater Wiesbaden Premiere. Das Stück bietet amüsante Abendunterhaltung mit guten Stimmen und großen, ästhetischen Szenenbildern.

Familie Addams ist ein ungewöhnlicher Clan: Alles, was andere Menschen ekelt oder gruselt, erfreut die morbiden Gemüter von Vater Gomez, Mutter Morticia, Tocher Wednesday, Sohn Pugsley und deren Verwandtschaft. Und so erschreckt es die friedhofsliebende Familie, dass Tochter Wednesday plötzlich sogar lebendige Häschen und Vögelchen niedlich findet sowie den gänzlich ungruftigen Lukas Beineke, der die 18-Jährige heiraten möchte. Bei einem gemeinsamen Abendessen soll die bisher geheime Verlobung verkündet werden. Beide Kinder hoffen, dass sich ihre Familien für einen Abend „normal“ verhalten können, doch ein Zaubertrank der Großmutter bringt mehr Wahrheiten zutage als den Beteiligten lieb ist.

Nachwuchsförderung und Publikumsvergnügen gleichermaßen

Beim Jungen Staatsmusical spielen Nachwuchsdarsteller, es ist in den vergangenen 29 Jahren zu einer Talentschmiede geworden. Die Hauptdarsteller freilich haben meist schon jahrelange Bühnenerfahrung, Tim Speckhardt beispielsweise ist seit 2004 Ensemblemitglied. Die Bühnenerfahrung zahlt sich aus: Als Gomez Addams überzeugt er nicht nur mit seinem kraftvollen und präzisen Gesang, sondern auch mit Entertainerqualitäten, Witz und Timing. Die Spannung, einerseits die Familie souverän zu repräsentieren und andererseits sowohl bei Frau als auch Tochter gehörig unter dem Pantoffel zu stehen, trägt er glänzend. Die Gomez-Rolle steht ihm hervorragend und er leitet bestens durch den Abend.

Tim Speckhardt führt als Gomez Adams (Mitte) galant durch den Abend. Die Bilder wurden von der Pressestelle des Hessischen Staatstheaters bereitgestellt und zeigen nicht nur die Besetzung des besuchten Termins. Foto: Andreas Etter

Anna Heldmaier ist als Morticia kalt, tiefstimmig und bizarr – und genau so soll es sein. Ihr Gesichtsausdruck wirkt von der ersten Szene an („Bist du ein Addams”) als habe sie in eine Zitrone gebissen und sie hält den Ausdruck mit hohen Brauen und spitzem Mund bis zur letzten Szene, wenn sie ihrer Tochter und deren Verlobten wünscht: „Möget ihr viele Kinder haben und mögen sie euch genauso viel Kummer bereiten, wie ihr ihn uns bereitet habt!” Viele Solostücke hat Morticia nicht, doch „Ja, der Tod steht um die Ecke” ist ein Highlight der Produktion, auch weil Heldmaier so geschickt zwischen Chanson- und Musicalstil wechselt.

Sehr beeindruckend sind auch Denia Gilbergs Gesangseinlagen: In „Ein Problem”, „Neue Wege”, „Verrückter als du” ist sie ausdrucksstark, mitreißend und umwerfend, auch wenn die ganz hohen Stellen manchmal wackeln. Schön ist auch ihre Wandlung anzusehen; während sie in der ersten Szene noch allein mit ihrer Mimik kleine Vögel töten könnte, verändert sie die Liebe zu einer niedlichkeitsverzückten Träumerin, die allerdings nun aus Ungeschicklichkeit und überhöhter Begeisterung weiterhin für kleine Tiere zum Verhängnis wird.

Unbedingt erwähnenswert ist zudem Ann-Kristin Laubers Auftritt als Alice Beineke  in „Das Warten”. Der Becher mit dem wahrheitsbringenden Zaubertrank geht versehentlich an sie und verwandelt die biedere Spießermutter in eine losgelöste, sexuell fordernde Akteurin, die den Butler bedrängt, sich die Kleider vom Leib reißt und vor der versammelten Festtagsgesellschaft ihren Mann Mal (ebenfalls schön wandlungsfähig: Benjamin Geipel) mit vollem Körpereinsatz dazu auffordert, die eingeschlafene eheliche Lust endlich wieder aufleben zu lassen. Das Publikum schaut mit offenen Mündern und Ohren, begeistert ob der stimmgewaltigen, gefühlsintensiven, schonungslosen Offenbarung.

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Alice Beneke verliert in „Das Warten“ alle Hemmungen. Foto: Andreas Etter

Eine Besonderheit des Jungen Staatsmusicals in Wiesbaden ist das sehr große Ensemble von Ahnen, die die Aufführung umrahmen. Zusätzlich zu den Rollendarstellern wurden mindestens 24 junge Menschen von Maske und Kostümabteilung gepudert, mit weißen Perücken ausgestattet, in Pluderhosen und Rockschöße gekleidet. Das ist dramaturgisch zwar nicht erforderlich, ergibt aber ein opulentes Gesamtbild, wenn beim Abendmahl steile Treppen dicht mit Ahnen bestellt sind oder in den Zwischenszenen der mondgesichtige Onkel Fester (Peter Emig) als sympathischer, schönstimmiger Erzähler vom Ensemble mit irrem Blick wie von einer tanzenden weißen Wolke umgeben wird („Über Liebe reden ist wunderschön“). Mit dem großen Ensemble und der Zweitbesetzung aller Hauptrollen betreibt das Junge Staatsmusical geschickte Nachwuchsförderung: Junge Bühnenbegeisterte erleben aufwändige Theaterproduktionen, werden so in Tanz, Schauspiel und Gesang gefördert und wachsen in Rollen hinein; ca. 50 Darsteller werden so involviert. Die Choreographien (Myriam Lifka) beinhalten in der „Addams Family“-Produktion viele chorische Improvisationen und freie Bewegungsteile, bei denen schauspielerischer und körperlicher Ausdruck stärker im Vordergrund stehen als Synchronität oder Akrobatik. Die Bewegungen sind genrestimmig und passen zum Gesamtbild.

The Addams Family Eine neue Musical Comedy Textbuch von Marshall Brickman & Rick Elice Musik & Liedtexte von Andrew Lippa Inszenierung: Iris Limbarth Musikalische Leitung: Frank Bangert Bühne: Britta Lammers Kostüme: Heike Korn Musikalische Einstudierung: Ulrich Bareiss Choreografie: Myriam Lifka Gesangseinstudierung: Ulrich Bareiss Auf dem Bild Peter Emig, Ensemble Foto: Andreas Etter
Kompliment an Make-up und Kostüm: Wie ein Mond umgeben von Wolken wirkt Onkel Fester (Peter Emig), wenn er die Liebe und La Luna besingt. Foto: Andreas Etter

„Normal ist eine Frage der Perspektive: Was für die Spinne normal ist, ist für die Fliege eine Katastrophe.“

Humor zieht „The Addams Family“ vor allem aus der verkehrten Welt, in der alles Verzückung hervorruft, was andernorts abstößt: Ratten, Spinnenweben, Folterinstrumente und abgehackte Hände dekorieren den Raum; fürs Verwöhnwochenende sucht man ein möglichst heruntergekommenes Hotel mit Kakerlakengarantie; Monster unterm Bett versüßen die Träume. Familie ist hier – ganz offen und ohne, dass es für irgendjemanden ein echtes Problem wäre – Quelle von Lüge, Intrige und Folter. Egoistische Taten gelten als heroisch. Die schönsten Komplimente für seine Frau sind für Vater Gomez in schwärmend präsentierten medizinischen Metaphern zu finden: „Sie ist Meningitis, Grippe, Krebsgeschwür, sie ist meine Hepatitis B.“ Sohn Pugsley (Nils Hausotte) singt, er würde es sehr vermissen, wenn seine Schwester nicht mehr im Haus wäre, um ihn zu quälen, ihn auf den heißen Herd setzt oder an den Strom anschließt. Lukas Beineke (David Rothe) wird erst dann für Gomez als „Mein Sohn!“ in die Arme genommen, als er von seinen Plänen, Gerichtsmediziner zu werden, erzählt und Mutter Morticia rupft routiniert die Blüten der langstieligen Rosen ab, die man ihr überreicht. Die etwas platten Pointen von Grandma Addams (sehr energetisch und den Schenkelklopfer-Textzeilen zum Trotz mit gutem Timing von Viktoria Reese auf die Bühne gebracht) passen nicht ganz zum restlichen Humor, bieten aber Möglichkeit und Anlass für lokale und aktuelle Anspielungen.

Die Addams Family zeigt uns, welche anderen Blickwinkel man noch aufs Leben einnehmen kann. So ist es zum Beispiel für Morticia immer wieder aufbauend, dass das Leben kein Dauerzustand ist, sondern immer mehrere Optionen für ein Ende bereit hält, denn „man stirbt schon mal beim Fieberkrampf, beim Titelkampf, im Auspuffdampf“ und auch dem Sohn gibt sie diese Philosophie als guten Zuspruch mit auf den Weg: „Das Leben ist ein Balanceakt auf dem Seil und am anderen Ende wartet der Tod.“ Diese Aussichten geben ihr Hoffnung . Entsprechend wirkt es für die Zuschauer am Ende des Stücks völlig stimmig und erleichternd, wenn Gomez seine Frau fragt: „Na, bist du nun unglücklich mein Liebling?“ Und sie strahlt: „Oh, ja, ja, vollkommen!“ Diese Haltung ist irgendwie erleichternd: Vielleicht ist ja im Leben doch nicht alles so schlimm, was wir gelegentlich als belastend empfinden?

Die Figuren der Addams Family haben einen hohen Wiedererkennungswert. Aus diesem Grund tragen sie auch in allen Inszenierungen des Stücks dies- oder jenseits des Atlantiks die annäherend selbe Kleidung und Frisuren. Der Gruftlook wird perfekt nachempfunden: Hinternlange schwarze Haare, tiefes Dekolleté und boden-

The Addams Family Eine neue Musical Comedy Textbuch von Marshall Brickman & Rick Elice Musik & Liedtexte von Andrew Lippa Inszenierung: Iris Limbarth Musikalische Leitung: Frank Bangert Bühne: Britta Lammers Kostüme: Heike Korn Musikalische Einstudierung: Ulrich Bareiss Choreografie: Myriam Lifka Gesangseinstudierung: Ulrich Bareiss Auf dem Bild Peter Emig Foto: Andreas Etter
Onkel Festers Liaison mit dem Mond. Foto: Andreas Etter

langes Samtkleid für Morticia, Nadelstreifen für Gomez, Kinnbob und schwarzweißes Kragenkleid für Wednesday sowie Bubenhosen und Streifenshirt für den jungen Pugsley. Und Butler Lurch (Mike Burs), der sich mit großem Gespür für akustischen Witz ausschließlich paralinguistisch grunzend verständigt, trägt vom Kopf bis zum riesigen Schuh Frankensteins-Monster-Optik. Für den Musicalkenner ist es gelegentlich schade, wenn Szenen – wie auch die wundervoll schwebende Mondromanze zwischen Onkel Fester und La Luna – an vielen Spielorten gleich inszeniert werden und nicht für eigene künstlerische Einfälle genutzt werden; für den Erstzuschauer ist aber die Gesamtoptik von Bühne (Britta Lammers) und Kostüm (Heike Korn) ein herrlicher Augengraus – man entschuldige die themeninspirierten Wortspiele – in perfekt-perfider Umsetzung.

Während beim Ensemble mehr Ahnen als üblich das Bild schmücken, ist es bedauerlich, dass beim Orchester weniger Musiker im Einsatz sind als vorgesehen. Leider zeigt sich auch in Wiesbaden der mittlerweile in vielen Musicalproduktionen auftretende Trend zur Reduzierung der Orchestergröße. Das fällt hier gerade in der Ouvertüre sehr deutlich negativ auf, insbesondere die fehlenden echten Streicher vermisst man auch im weiteren Verlauf mehrmals. Wie auch sonst fällt dies beim ersten Besuch vermutlich nicht besonders auf, für Kenner des Original-Scores ist es aber ein mittelgroßer Wermutstropfen.  Davon abgesehen kommen Andrew Lippas Kompositionen dank der präzisen Arbeit von Frank Bangert sehr druckvoll und doch transparent auf die Bühne. Highlights sind „Bist du ein Addams”, „Verrückter als du“, „Das Warten”, „Ja, der Tod steht um die Ecke” und der „Tango de amore”. Die Partitur sieht viele Reprisen und Variationen von Themen vor. So entsteht ein Running Gag-Effekt, wenn Gomez zunächst in „Die zwei Dinge” und später in „Die drei Dinge” aufzählt, womit er sich in den Beziehungen zu Frau und Tochter besser zurückhalten sollte.  Insgesamt sind die verschiedenen Musikstile eng an die Charaktere geknüpft: Es gibt Flamenco-artiges für Gomez, rockig-frische Songs für Wednesday, chansonhafte Vaudeville-Arrangements mit Ukulele-Begleitung für Onkel Festers Intermezzi und seine Mondromanze („Sagt der Mond ‘Ich liebe dich’”).

Die Tontechnik (Dominik Maria Scheiermann, Stephan Cremer) bringt den musikalischen Gesamtklang bestens zur Geltung. Nur bei ganz wenigen Stellen, bei denen Ensemble und mehrere Hauptrollen gleichzeitig verschiedene Linien  singen, gerät die Balance etwas verloren und einzelne Solostimmen dominieren zu stark.

„Er ist ein Verwandter, zweifach entfernt“

In Richtung der Autoren geht der Wink, dass nicht jedes Lied für Handlung oder Witz unbedingt nötig wäre und sich der Effekt der zwischengeschobenen Erzählszenen etwas abnutzt, auch wenn die Melodien eingängig und angenehm sind. Überhaupt wird gelegentlich ein bisschen übererklärt und häufig wiederholt, aber das tut der allgemeinen Kurzweil kaum Abbruch. An Übersetzerin Anja Hauptmann gerichtet, möchte man an einigen Stellen noch ein paar Verbesserungen vorschlagen, wenn beispielsweise erklärt wird, Wednesday habe eine „Zulassung“ für ihre Armbrust und keinen Waffenschein oder wenn ein „Verwandter, zweifach entfernt“, erwähnt wird, da wäre es flüssiger von einem zweifachentfernten Verwandten zu sprechen, damit der anschließende Gag gut funktioniert. Leider geht auch übersetzungsbedingt die Pointe verloren, wenn Lukas Wednesday literarische Helden aufzählt, die zu ihren Angebeteten zurückkommen: Tristan, Odysseus, Romeo – und Wednesday damit nichts anfangen kann, weil sie „zu Hause unterrichtet wurde“. Da gäbe es noch lustigere Einfälle, die im hiesigen kulturellen Kontext, wo Homeschooling keine Rolle spielt, besser funktionieren und trotzdem auch zum  Spielort New York passen.

Alles in allem: Wer „The Addams Family” noch nicht gesehen hat, sollte in Wiesbaden die Chance ergreifen. Wer’s schon kennt und liebt: auch. Das Publikum am 25.09. sieht das ebenso: Schon beim Schlussakkord gab es ehrlich begeisterte Standing Ovations.

Mareike Hachemer und Thomas Wagner

Welt-Premiere: April 2010 (Broadway, New York City)
Premiere Wiesbaden: 24.09.2016 (Kleines Haus, Hessisches Staatstheater Wiesbaden)
Besuchte Vorstellung: 25.09.2016
Buch/Lyrics: Marshall Brickman / Rick Ellis / Andrew Lippa
Musik: Andrew Lippa
Musikalische Leitung, Arrangements: Frank Bangert
Musikalische Einstudierung: Ulrich Barreis
Regie: Iris Limbarth
Regieassistenz: Luise Lauter
Inspizienz: Michael Schmiedel / Franziska Spring
Choreographie: Myriam Lifka
Bühne: Britta Lammers
Kostüme: Heike Korn

Besetzung: Tim Speckhardt/Norman Hofmann (Gomez Addams), Anna Heldmaier/Felicitas Geipel (Morticia Addams), Denia Gilberg/Maja Dickmann (Wednesday Addams), Nils Hausotte/Johannes Wieland (Pugsley Addams), Peter Emig/Rainer Maaß (Onkel Fester), Viktoria Reese/Lisa Krämer (Grandma Addams), Mike Burs/Gilbert Besier (Lurch), Benjamin Geipel (Mal Beineke), Ann-Kristin Lauber/Constanze Kochanek (Alice Beineke), David Rothe/Johannes Atzinger (Lukas Beineke)

Die Ahnen: Lisa Krämer, Leonie Gossel, Maja Dickmann, Constanze Kochanek, Anna Stecking, Sophie Hein, Laura Bittorf, Fanni Hamar, Lena Anthes, Helen Graffert, Vivien König, Katharina Hofmann, Janina Jost, Lale Rüther, Viviana Indraccolo, Lisa Schaar, Daniel Al-Hami, Norman Dobrovsky, Camillo Guthmann, Fabian Kastl, Christian Sattler, Daniel Weidemann, Johannes Wieland, Sebastian Wieland, Christian Rosprim alternierend: Dwayne Gilbert Besier, Mike Burs, Viktoria Reese, Denia Gilberg, Anna Heldmaier, Nils Hausotte, Tim Speckhardt, David Rothe  

Band: Ulrich Bareiss (Einstudierung, Keyboard), Claus Weyrauther (Keyboard), Holger Dietz (Schlagzeug), Hansi Maloleppsy (Bass), Patrick Hoss (Gitarre), Joachim Braun (Trompete), Jens Hunstein, Bodo Christmann, Stephan Völker (Reeds)

Tickets gibt es hier.

Beitragstitelbild: Andreas Etter, Staatstheater Wiesbaden