„The Last Five Years” ist ein Kammermusical: Zwei Darsteller, fünf Musiker, einen Regisseur und eine Handvoll Set-, Sound- und Licht-Designer braucht es, um die nahegehende Geschichte von Jamie und Cathy zu erzählen, die sich nach fünf Jahren Beziehung trennen und im Wechsel von den Höhen und Tiefen ihrer Liebe singen.

Doch zunächst muss kurz die Geschichte dieser wohl ungewöhnlichsten Musical-produktionsfirma Deutschlands erzählt werden:

Es ist Sommer 2012: Die Lehrerinnen Anna-Isabel Calzado-Leckert (Geschichte und Englisch) und Marina Beermann (Geschichte und Biologie) fahren mit mehreren Schulklassen nach London. Sie schauen sich dort Billy Elliot an und sind begeistert: Der Hauptdarsteller ist Schüler, gefördert und ausgebildet von der Stage Theatre Society in Kent, die überschulisch Schüler fördert, semiprofessionell agiert und maßgeblich das Londoner West End mit Jungdarstellern versorgt. Die beiden Lehrerinnen reisen erneut nach England, dieses Mal nach Kent und beschließen auf dem Rückweg: Das machen wir auch! An ihrer Schule arbeiten sie seither mit ungefähr 120 Kindern, die mit „Hairspray“ bereits die vierte Produktion auf die Beine stellen. Die Lehrerinnen etablieren eine jährliche Schülerfahrt nach Kent, bringen auch dort Musicals auf die Bühne, in Frankfurt vereinbaren sie eine Kooperation mit dem Drama-Network des English Theatre und holen Hannah Grover, Hauptdarstellerin in Ghost, mit ins Boot. Diese gibt Workshops für die riesige Schülergruppe. In den Produktionen stehen teilweise alle 120 gleichzeitig auf der Bühne. 2015 kam dann der nächste Impuls: Was wir mit Schülern können, wollen wir auch mit Profis machen. Sie casten in London Hauptdarsteller, Regie und Musikalische Leitung, engagieren studierende Musiker von der Frankfurter Hochschule für Musik, suchen Ankersponsoren, treten privat in Vorleistung. Die Schülerfahrten erhalten EU-Förderung aus dem Erasmus-Topf. Das Lehrerinnen-Produktionsteam hat einen Anspruch, der vielen Theatern gut stehen würde: Ihre Musicalproduktionen sollen Fair Trade sein, mit (zumindest perspektivisch) fairen Gehältern für alle Beteiligten.

Soviel zur Vorgeschichte. Nun zum Stück. Cathy (Hannah Grover) und Jamie (Andy Coxon) lernen sich kennen, verlieben sich und heiraten. Seine Karriere als Schriftsteller ist schnell erfolgreich; schon mit 23 bekommt er einen großen Vertrag mit einem renommierten Verlag und von da an geht es stetig bergauf. Währenddessen hangelt sich Cathy als Schauspielerin von einer kleinen Tour- oder Community Theater-Produktion zur nächsten und wird zunehmend frustrierter. Letztendlich verlässt Jamie sie. Das Stück erzählt diese vordergründig simple Geschichte auf narrativ interessante Weise: Während Jamies Version in chronologischer Reihenfolge abläuft, bewegt sich Cathy rückwärts durch die Zeit und beginnt mit der Trennung. Die beiden Zeitebenen werden von Song zu Song abwechselnd in Szene gesetzt und es kommt nur am Ende des ersten Aktes, also in der Mitte des Zweiakters, zu einer echten Begegnung.

Als Ort hat das Produktionsteam die Katakombe in Frankfurt ausgewählt. Auf der kleinen Studiobühne finden hier neben zwei Holzbänken noch fünf Musiker Platz. Über ihnen hängen Möbel, Lichterketten, Bücher, Fotos, die Requisiten und Erinnerungen einer Beziehung (Set Design: Andreas Leckert, Erik Javoric). Die Bühne ist insgesamt sehr stimmig und unterstützt dieses Erlebnis von großer Nähe.

Näher kann man hochkarätigen Darstellern nicht kommen

Es ist eine Besonderheit, dass man als Zuschauer, sowohl optisch als auch akustisch fast im Geschehen mittendrin ist. Nur zu Beginn ist das Klavier relativ laut und droht, die anderen Instrumente und Sänger zuzudecken, das wird jedoch sehr schnell sehr viel besser (Tontechnik: Sven Neumann). Ab dann untermalt, kommentiert und begleitet die kleine Band unter der Leitung von Ellie Verkerk das Bühnengeschehen mit stilsicheren Grooves und teils virtuosen Soloeinlagen. Das sehr präzise Zusammenspiel und das Gefühl fürs Miteinandermusizieren sorgen für einen transparenten Klang. Die Musiker bewältigen auch technisch anspruchsvolle Passagen mit so gelassener Selbstverständlichkeit, dass auch die Abstimmung auf die Darsteller bestens gelingt.

In „Still Hurting“ stellt sich Cathy vor: Mit glitzernden, tränenerfüllten Augen und einer Stimme, die sowohl tonal als auch emotional begeistert, verkörpert sie den Schmerz des Verlassenwerdens. Bereits in dieser ersten Szene kann sich der Zuschauer dankbar schätzen, einer so hochkarätigen Bühnenleistung so nah sein zu dürfen.

Unterschiedliche Phasen im Leben: Ein Collegeboy und eine Frau

Jamie gibt in „Shiksa Goddess” als ersten Eindruck einen Einblick in seine Haltung gegenüber einer neuen Partnerin: Solange sie nicht – wie er – aus einer jüdischen Familie kommt, ist er offen für Außergewöhnliches. Er wirkt dabei sehr jung, collegejungenhaft, sowohl von seinen Gedanken als auch von seiner Spielweise her, eher einfältig. Ein großer Reifeunterschied zwischen den Figuren Jamie und Cathy wird hier erstmals deutlich.

Zeitlich kurz vor dem Ende der Beziehung eingeordnet, singt Cathy in „See I’m Smiling“ davon, dass sie noch Hoffnung für die Beziehung hat und dass sie sich sicher ist, dass beide aus dieser Krise gestärkt herausgehen werden, schließlich ist er zu ihr nach Ohio gekommen. Doch kurz vor dem Abend verlässt er sie schon wieder und es werden ihrerseits Vorwürfe laut: „Du kannst nicht mal einen Tag erleben, an dem es nicht um Dich geht. Immer musst du zu Partys gehen.“ Und auch ihren Geburtstag verbringt er nicht mit ihr.

Als Zuschauer ist es wirklich hilfreich, vor Beginn des Stücks zu wissen, dass gleichzeitig vor- und rückwärts erzählt wird. Denn ohne diese Information muss es ein großes Rätsel sein, was da gerade auf der Bühne passiert. Das ist im Stück bereits angelegt, insbesondere für Zuschauer, für die englisch nicht die Muttersprache ist, ist es durchaus anspruchsvoll, zu folgen.

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Andy Coxon, Hannah Grover; Foto: TMS

Jamie und Cathy ziehen zusammen. Irgendwie ist alles gut, er sagt, er habe seine persönliche Aphrodite gefunden und doch ist für ihn alles „Moving Too Fast“, es geht alles zu schnell. Die Zuschauer sehen hier den fünf Jahre jüngeren Jamie und die fünf Jahre ältere Cathy, sie stehen an unterschiedlichen Punkten im Leben, haben unterschiedliche Bedürfnisse und Themen. So verfestigt sich der Eindruck, dass die beiden nicht so gut zusammenpassen. Das ist durch die gegenchronologische Narration so vorgesehen, wird aber durch den tatsächlichen Altersunterschied zwischen Coxon und Grover und sein sehr jugendliches Spiel noch unterstrichen.

Sehnsucht, Flirt, Schmerz, Romantik

Cathy erlaubt uns einen weiteren Blick in ihre Gefühlswelt, „I’m A Part of That“ singt sie und meint damit seine verrückten Ideen, die Welt, die er mit seinen Worten erschafft. Mehr folgt sie seinen Impulsen als ein eigenes Leben zu führen, das ist ihr klar. Sie wüsste auch nicht, wo sie sonst sein sollte. Wieder schafft Grover es, den Zuschauer nah hineinzuziehen ins Leben der beiden. Als sei man mit ihr im Wohnzimmer, könne sie sehen, ihr Gefühl mitempfinden und doch als Publikum nur schauen und nicht eingreifen.

Andy Coxon zeigt in „The Schmuel Song“ Jamies originelle, kreative Seite.

Jamie zeigt einen besonders schönen Moment der Beziehung der beiden: Mit Weihnachtsmütze performt er den „Schmuel Song”, liest dabei aus einer seiner Geschichten, umspielt die nicht-anwesende Cathy, liest ihr vor, spielt mit verstellten Stimmen, spricht in Akzenten, wechselt zwischen Gesangsstilen vom kinderliedartigen Nanana-Part zur russischen Opa-Stimme. Und am Ende überträgt er die Moral seiner Geschichte auf Cathys Leben und wünscht ihr ebenso viel Erfolg mit ihrer Bühnenkarriere wie er sie gerade als Autor erlebt „Good-bye to wiping ash-trays – Hello to Cathy the big star“. Er macht das mit viel Charme. Das ist ein Mann, wie ihn sich viele Frauen wünschen. Und doch blitzt dabei auch immer hervor, dass sich da jemand selbst für ziemlich unwiderstehlich hält. Zur Krönung folgt die ultimative Liebeserklärung „Have I mentioned today how lucky I am to be in love with you.“ Sehr charmant. Auch Hannah Grover hat viel Witz. In „A Summer in Ohio” zeigt sie sowohl ihre eigene als auch Cathys originelle und gewinnende Seite und eine ordentliche Prise unterhaltsame Wut.

Ein einziger Moment der echten Begegnung

Nur einen einzigen Moment der tatsächlichen Begegnung erleben die Zuschauer mit: Einen Abend unter dem Sternenhimmel mit Heiratsantrag. Zunächst schauen beide Sterne an, aber nicht einander. Die Bänke, die zuvor orthogonal zum Publikum standen und zwei Hälften der Bühne markierten, stehen nun parallel und bilden optisch eine Fläche wie eine Decke unterm Firmament. „Will you share your life with me for the next ten minutes?“ ist die Frage, die beide beschäftigt. Wie viele solcher Momente des echten Zusammenseins hätten die beiden wohl, wenn die Beziehung in gleicher chronologischer Reihenfolge erzählt würde? Bevor und nachdem sich die beiden Zeitströme kreuzen, sieht man auch erstmals die gleiche Szene aus beiden Perspektiven, auch inszenatorisch sehr gut von Kirk Jameson durch das Umdrehen der Spielrichtung umgesetzt. Als Zuschauer wünscht man sich die Möglichkeit, das Stück auseinandernehmen, vorspulen, rückspulen und neu zusammensetzen zu können. Mal etwas nebeneinander auszuprobieren, komplette Szenen hinzuzudichten. Es ist ein Stück, dass die Kreativität anregt und Fragen aufwirft: Wünscht man sich das in einer Beziehung nicht auch manchmal? Die Zeit anzuhalten, Situationen wiederzuerleben oder sie mal aus dem Blickwinkel des anderen erleben zu können? Aus zehn Minuten wir dann doch eine Perspektive fürs ganze Leben: „Will you share your life with me for the next ten lifetimes?” lautet der Heiratsantrag. Zarter Gesang, zarter Kuss: In diesem Moment sind sie wirklich zusammengewesen, im gleichen Gefühl, im gleichen Moment.

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Andy Coxon, Hannah Grover; Foto: TMS

Doch schon gleich im Anschluss, in „A Miracle Would Happen/When You Come Home to Me”, berichtet Jamie von seiner Wahrnehmung, seit der Hochzeit schrecklich attraktiv für andere Frauen zu sein. Er trägt nun Jacket und wirkt, als wolle er die fremden Frauen einerseits abschütteln, könne aber andererseits der Versuchung kaum widerstehen. In einer perfekten Welt würden alle Frauen wie Mr. Ed aussehen, das Pferd, singt er. Dann hätte er dieses Problem nicht mehr, von dem er sich zu überzeugen versucht, dass er es nicht hat. Das ist auch für die Beziehung eine Herausforderung.

Zusammengeschnitten sind in „Climbing Uphill/Audition Sequence“ solche Momente, in denen sie ihm verspricht, auf ihn zu warten und zu lächeln, wenn er nach Hause kommt und solche, in denen er verspricht: Ich bin gleich da. Doch nicht nur die aggressiven Rhythmen und teils dissonanten Akkorde verraten dem Zuschauer, dass seine Versprechungen leer sind. Obwohl auch hier in unterschiedlichen Zeitebenen agiert wird, zeigt sich doch, dass die Beziehung von alltäglichen Enttäuschungen geprägt ist.

Zeitebenenverschiebung schneidet starke Kontraste zusammen

Cathy zeigt sich völlig frustriert: Sie muss sich zureden, dass sie wertvoll, attraktiv und talentiert ist, denn sie droht, an den ständigen Bewertungen durch Casting-Jurys, der Warterei und dem Aufrufen als Nummer zu zerbrechen. Wieder zeigt Grover ihre verzweifelt-komische Seite durch das gekonnte Ausspielen von Cathys ungefilterten Gedankengängen beim Casting: „Soll ich lauter singen? Warum schaut der Regisseur sich in den Schoss? Warum starrt der meinen Lebenslauf an? Schau mich an! Hör auf mich anzustarren!“ Sie steckt in einer wahren Sinnkrise.

Einen besonders schrecklichen Charakterzug Jamies zeigt Coxon in „If I Didn’t Believe in You“. Er erklärt ihr mit zunächst scheinbar fürsorglichen Worten aber höchst attackierender, vorwurfsvoller, demütigender Körpersprache und Stimme, dass er an sie glaube, schreit sie an, unterbricht sie, manipuliert sie und schiebt dabei edle Gründe vor. Und auch auf der Wortebene ist er dann richtiggehend grausam, wenn er ihr sagt: „I’ll not fail so you can be comfortable / I will not lose because you can’t win.“ Andy Coxon spielt Jamie in Teilen so überzeugend unsympathisch, dass man sich fragt, was Cathy je an ihm fand – auch wenn die Weihnachtsepisode und ihr „I’m a Part of That” einen kleinen Eindruck davon vermitteln. Dahingegen bleiben ihre schlechten Eigenschaften stark im Hintergrund. Das macht den Zuschauer parteiisch und verschleiert ein bisschen die eigentliche Intention des Stücks, die doch ist, zu zeigen, dass beide Fehler gemacht haben, dass die Beziehung ein Lernprozess war, dass die Zeit nun einfach vorbei ist. Diese Verschiebung bewirkt aber einen interessanten Effekt: „The Last Five Years” wird so zu einem Stück, das vielleicht dabei helfen kann, eine Trennung mit neuen Augen zu sehen und zumindest dem verlassenen Partner die Augen für die Fehler des anderen zu öffnen.

Bei Cathy vollzieht sich der Zeitsprung in die Vergangenheit nun sehr plötzlich. Während bei ihrem Kostüm und in ihrer Spielweise vorher sehr subtile Rückwärtsschritte gemacht wurden, ist sie in „I Can Do Better Than That“ nun unvermittelt zum kleinen Mädchen geworden, trägt Pferdeschwanz und verniedlicht in Körpersprache und Duktus die bisher so integere – wenn auch krisengeschüttelte – Frau. Einen kleinen Zweifel lässt sie an ihrer Rolle als selbstlos Aufopfernede in der Beziehung doch durchblicken: Erzählt sie gerade, dass sie einen süßen, liebenswerten Typen kennengelernt hat, der gut im Bett ist und fragt sich doch stets, ob sie nicht noch einen besseren abstauben könnte?

„Hey kid, good morning“ lautet die erste Zeile, die Jamie im Schlafanzug an eine imaginäre zweite Person richtet, die er zu umarmen und zärtlich aufzuwecken scheint. Kurz entsteht der Eindruck, er und Cathy haben nach der Hochzeit nun auch Nachwuchs bekommen und er sei ein sehr liebevoller Vater. Doch dann heißt es „Come back to bed kid, and take me inside you” und „Nobody Needs to Know”. Wieder hat er eine Affäre.

Auch in „Goodbye Until Tomorrow/I Could Never Rescue You“ bewirkt die Gegeneinanderschaltung der Szenen aus den unterschiedlichen Teilen der Beziehung, dass ein großes Gefälle zwischen den beiden Figuren entsteht. Die sich aufopfernde, völlig verliebte Frau, die immer wieder verspricht „I will be waiting for you“, wird dem Fremdgeher grausam gegenübergestellt.

Gemeinsam Sterne betrachten? Noch ist Jamie beim Erzählen kurz vor, Cathy bereits Minuten nach dem einzigen Moment des Stücks,, in dem beide das Gleiche erleben.

„The Last Five Years” bietet eine großartige Gelegenheit, so nah, wie kaum an einem anderen Ort zwei große Stimmen und muttersprachliche Darsteller zu erleben. Durch leichte Änderungen in der Spielweise könnte mehr Harmonie in Schwächen und Stärken der beiden Protagonisten hergestellt werden, sodass beide Figuren gleichermaßen liebenswert und fehlerhaft wirken, aber auch so wie es ist, ist das Stück unbedingt erlebenswert und schafft durch die außergewöhnliche Narration, die herrliche musikalische Umsetzung und die beiden hochkarätigen Hauptdarsteller Einsichten in eine theatral aufbereitete Beziehung, die viele Anknüpfungspunkte bietet, über Partnerschaft nachzudenken oder einfach mitzufühlen.

Welt-Premiere: 2001 (Northlight Theater, Chicago)
Premiere Frankfurt: 01.10.2016 (Katakombe, Frankfurt)
Besuchte Vorstellung: Dienstag, 4.10.2016
Musik/Buch/Lyrics: Robert Jason Brown
Musikalische Leitung: Ellie Verkerk
Regie: Kirk Jameson
Bühne: Andreas Leckert, Erik Javoric
Ton: Sven Neumann
Licht: Tim Schön, Thomas Giegerich
Besetzung: Hannah Grover (Cathy), Andy Coxon (Jamie)
Band: Ellie Verkerk (Leitung/Piano), Jonas Wiesner (Gitarre), Sebastian Muhl (Bass), Nicolas Max (Violine), Elias Schomers (Cello)

Beitragsbild: © The Musical Season (TMS)