Dass Musical nicht gleich Musical ist, ist nicht erst seit revolutionären Stücken wie „Rent“, „Next to Normal“ oder „Hamilton“ bekannt. Und dass Musical nicht immer gleichzusetzen ist mit aufwändigen Bühnenbildern, 20-köpfiger Cast, 40-köpfigem Orchester und einem 2000-Plätze Theater, ist schon lange kein Geheimnis mehr – eher ein neuer Trend, der sich zunehmend auch im deutschsprachigen Raum abzeichnet. So auch im Schmidts TIVOLI auf der Hamburger Reeperbahn. Dort spielte vom 8. bis zum 12. November zum ersten Mal das Musical „Hedwig and the Angry Inch“.

© Dennis Veldman
© Dennis Veldman

Wer sich auf einen besinnlichen Musical-Besuch gefreut und sich für „Hedwig and the Angry Inch“ entschieden hat, sollte beim nächsten Mal definitv besser recherchieren. Das Schmidts TIVOLI zeigte eine Version von „Hedwig“, die es in sich hat: Die Rock-n-Roll-Drag Queen Hedwig (gespielt vom fantastischen Sven Ratzke) scheut sich nicht, die intime Atmosphäre des Theaters zu nutzen und das Publikum ins Stück einzubeziehen. Da kann es schonmal passieren, dass Hedwig dir das Bier wegtrinkt, über die Brillengläser leckt (ich hoffe, der arme Mann hatte Brillenputztücher dabei), deinen Kopf bei einem 1-A-Lapdance in seinem Schritt versenkt oder dich dazu zwingt, sie auf deinem Rücken durch das Theater zu tragen, während sie sich in feinster Blowjob-Manier ein Astra genehmigt und dir danach ins Gesicht rülpst. Wer mit solchen Einlagen kein Problem hatte (oder einen Platz gebucht hat, der sich nicht am Gang befindet), wird in Schmidts TIVOLI einen der unterhaltsamsten Theaterbesuche seines Lebens gehabt haben.

Gleichzeitig thematisiert das Musical aber auch Themen wie Armut, Identitätsfindung und die Schattenseiten des Musikbusiness, sodass, neben den humoristischen Elementen des Stückes, auch die nachdenklichen Momente nicht zu kurz kommen.

Wer gehen will, muss etwas zurück lassen

Hedwig wuchs auf der falschen Seite der Berliner Mauer, der DDR, unter dem Namen Hansel auf. Dort verliebte sie sich erst in die Musik und dann in den amerikanischen GI Luther Robinson, dem sie durch eine Heirat in die USA folgen will. Damit die Ehe in der DDR ermöglicht werden kann, muss Hansel sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen. Die Operation geht schief, sodass er fortan mit 2,5 Zentimetern – einem „angry inch“ – zwischen seinen Beinen leben muss und (physisch) weder Mann noch Frau ist. Er nimmt den Namen seiner Mutter, Hedwig Schmidt, an und verlässt, offiziell als Frau, Deutschland. In den USA platzt Hedwigs Traum von der großen Liebe zu ihrem GI und so findet sie sich in einem heruntergekommenen Trailerpark wieder, während in Deutschland die Mauer fällt. Hedwig lernt einen neuen Mann, Tommy, kennen und lieben und lehrt ihm die Geheimnisse des Songwritings und der Glam-Rock-Musik, die sie sich in ihrer Kindheit selbst beibrachte. Schnell steigt er, mit Hilfe der von Hedwig geschriebenen Songs, zum Superstar auf, während Hedwig mit ihrer Band „The Angry Inch“ und ihrem Mann Yitzhak durch die Welt tourt und in schäbigen Clubs auftritt.

1998 feierte das Musical von Stephan Trask (Musik und Gesangstexte) und John Cameron Mitchell (Buch) seine Premiere am Off-Broadway mit John Cameron Mitchell als Hedwig und Miriam Shor als Yithzak. Die gleiche Besetzung ist auch in der 2001 erschienenen Verfilmung von „Hedwig“ zu sehen. Die Broadway-Premiere fand erst 2014 statt – mit dem „How I Met Your Mother“-Sar Neill Patrick Harris in der Rolle der Hedwig. Die Inszenierung gewann vier Tony Awards (bester Hauptdarsteller, beste Nebendarstellerin (Lena Hall), bestes Lichtdesign und beste Wiederaufnahme). Aktuell tourt die Broadway-Produktion mit Darren Criss („Glee“) durch die USA.

Vom Broadway auf die Reeperbahn

Im Hamburger Schmidts TIVOLI wird die Hedwig von Sven Ratzke gespielt, der die Rolle bereits von 2013 bis 2014 übernahm. Seine Darstellung ist gleichzeitig glamourös, abgehoben und herrlich versaut, sodass es einfach nur Spaß macht, ihm zuzuschauen. Er beherrscht die Bühne und das Publikum perfekt und sorgt durch seine spontanen Einfälle auf die Publikumsreaktionen für unzählige Lacher. Ratzke zeigt sowohl die selbstbewusste als auch die verletzliche Seite der Hedwig in allen Facetten, überzeugt mit einer kraftvollen und voluminösen Stimme und ist somit für mich eine perfekte Besetzung der Rolle.

Maria Schuster und Sven Ratzke © Oliver Fantitsch
Maria Schuster und Sven Ratzke (© Oliver Fantitsch)

Sein Mann Yitzhak wird von Maria Schuster dargestellt, die zwar – bedingt durch die Vorlage von Mitchell und Trask – zunächst viel im Hintergrund bleibt, am Ende jedoch ihre Chance im Rampenlicht bekommt und diese auch zu nutzen weiß.

Die Band, bestehend aus Florian Friedrich (Bass & Musical Director), Sebastian Gampert (Keys), Hans Schlotter (Drums) und Jakob Nebel (Gitarre), spielt die Glamrock/Country/Powerpop-Songs mit viel Energie, ist perfekt abgemischt und sorgt durch die Einbindung in das Stück für zusätzliche Lacher. An manchen Stellen konnte ich gar nicht fassen, dass der fantastische Sound lediglich von einer vierköpfigen Band stammt.

Das Bühnenbild ist sehr schlicht gehalten. Die Handlung wurde von einer alten Autowerksatt zwischen Treptow und Kreuzberg direkt ins Schmidts TIVOLI verlegt, sodass die Szenerie lediglich aus einigen Requisiten, wie einem Garderobenständer, einem Barhocker und einigen Schirmlampen besteht und dadurch viel authentischer wirkt, als die Kulisse einer Autowerkstatt und der Inszenierung in dem intimen Theater somit direkt in die Karten spielt.

Zum Teufel mit der Werktreue

Die Erzählweise von „Hedwig and the Angry Inch“ unterscheidet sich wesentlich von den meisten Musicals, indem die Story eben nicht von verschiedenen Darstellern ausgespielt wird, sondern von Hedwig selbst bei einem ihrer Konzerte erzählt wird. So gleicht der Besuch einer „Hedwig“-Vorstellung mehr einer Draq Queen-Revue mit Songeinlagen als einem „klassischen“ Musicalabend. Und genau das ist es, was „Hedwig“ so besonders macht. In Kombination mit der Publikumsinteratkion und dem speziell an die Auftrittslocation angepassten Text (Werktreue wird bei „Hedwig“ vergleichsweise nicht besonders groß geschrieben und textliche Änderungen werden von John Cameron Mitchell und Stephen Trask ausdrücklich gewünscht, solange sie „hilarious“ sind), wird jede „Hedwig“-Vorstellung zu einem einzigartigen Erlebnis – so auch im Schmidts TIVOLI.

© Oliver Fantitsch
© Oliver Fantitsch

Fazit

„Hedwig and the Angry Inch“ ist eines dieser Musicals, das auch bekennenden Musical-Hassern gefallen wird. Es ist unkonventionell, pervers und unfassbar witzig und wer sich auf dieses Erlebnis gepaart mit feinster Glamrock-Musik mit Country-, Powerpop- und Punkeinflüssen einlässt, wird mit purem Entertainment samt Tiefgang belohnt. Es bleibt zu hoffen, dass „Hedwig“ bald wieder im Schmitdts TIVOLI Halt macht.

Welturaufführung: 14. Februar 1998, Jane Street Theater, Off-Broadway
Rezensierte Vorstellung: 11. November 2016 in Schmidts TIVOLI
Musik und Gesangstexte: Stephen Trask
Buch: John Cameron Mitchell
Regie: Guntbert Warns
Bühne: Momme Röhrbein
Kostüme: Angelika Rieck
Maske: Ulrike Reimann
Deutsche Übersetzung: Rüdiger Bering, Wolfgang Böhmer
Besetzung: Sven Ratzke (Hedwig), Maria Schuster (Yitzhak), Florian Friedrich (Bass & Musical Director), Sebastian Gampert (Keys), Hans Schlotter (Drums), Jakob Nebel (Guitar)

Hedwig and the Angry Inch

Price: EUR 23,81

5.0 von 5 Sternen (2 customer reviews)

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Beitragsbild: © Oliver Fantitsch

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Marina Pundt
"After silence, that which comes nearest to expressing the inexpressible is music." - (Aldous Huxley)

Lieblings-Musical(s): "Hedwig and the Angry Inch", "Next to Normal", "American Idiot", “Once”
Lieblings-Komponist: Jeder, der es schafft, mich mit seiner Musik zum Tanzen oder zum Weinen zu bringen. Oder beides gleichzeitig.
Lieblings-Texter: Stephen Trask
Musical-Fan seit: … ich entdeckt habe, dass es Musicals mit Tiefgang und Rock-Musik gibt.
An Musicals fasziniert mich: … wie Energie und Emotionen durch Musik, Schauspiel und Tanz von der Bühne in den Publikumsraum übertragen werden.