Die Regie-Arbeit einer Musicalinszenierung ist wohl eine der größten Herausforderungen, die es im Theaterbereich gibt. Vor allem, wenn man noch am Anfang seiner Karriere steht und bisher nicht viele Erfahrungen im Bereich Musiktheater sammeln konnte. Die Regisseurin der Bremer Inszenierung von „tick…tick…BOOM!“, Laure Achouline-Cousin, hat sich gemeinsam mit Boris Hagen trotzdem an das Projekt gewagt und gibt im Interview einen Einblick in die Höhen und Tiefen einer Musicalproduktion.

KULTURPOEBEL: Laure, du kommst, genau wie Boris, aus dem klassischen Sprechtheater und hast bei “tick…tick…BOOM!” deine ersten Regie-Erfahrungen im Musical-Bereich gesammelt. Wie kam es zu der Entscheidung, dich an ein Musical zu wagen und warum gerade “tick…tick…BOOM!”?

Laure: Das Genre Musical war mir eher fremd. Ich glaube auch, dass es in Frankreich viel weniger verbreitet oder beliebt ist als in Deutschland. Ich habe aber gleich zugesagt, trotz – oder wegen – allen Klischees und der Herausforderung. Das Script hat mir gefallen, dieses war natürlich die allererste Voraussetzung. Aber viel mehr: beim Lesen konnte ich schon Bilder vor meinen Augen entstehen sehen. Ich glaube, dass dies das Entscheidende ist. Es hatte für mich sofort eine Art Selbstverständlichkeit.

Mich haben besonders die vom Stück gestellten Fragen angesprochen. Auch die Figuren, die jede auf ihre Art etwas hat, worin man sich wiedererkennen kann. Ich persönlich kann Jons Dilemma sehr gut nachvollziehen und es fällt mir leicht, mich mit der Figur zu identifizieren. Die Lebensphase, in der er sich bei dem Stück befindet sowie die inneren Widersprüchen, mit den er zu kämpfen hat, klingen mir oft sehr vertraut.

Laure Achouline-Cousin
Laure Achouline-Cousin (© Lennart Schaffert/KULTURPOEBEL)

Ich glaube nicht falsch zu liegen, wenn ich sage, dass dieses Musical besonders aufgebaut ist: mit langen Sprechpassagen und vor allem richtigen Charakterrollen. Da würde ich sogar so weit gehen und sagen, dass ich von Anfang an versucht habe, meine klassischere „Sprechtheater-Herkunft“ als Vorteil zu nehmen: Und zwar bin ich bewusst so vorgegangen, wie ich es bei Theater immer gemacht habe. Ich bin der Überzeugung, dass diese andere Perspektive etwas Neues und hoffentlich Interessantes gebracht hat, auch wenn es in der ersten Phase die Darsteller verwirrt haben mag.

Ich glaube, in unserer beider Namen zu sprechen, wenn ich sage, dass Boris und ich versucht haben, das Theatralische und das Innerliche bei der Inszenierung/Spielweise so fein wie möglich zu erarbeiten, um den Kern der Figuren herauszuholen. Mir war wichtig, dass diese Ebene nicht verloren geht, oder durch den Gesang überspielt wird – was jetzt nicht heißt, dass ich nicht gerade großen Spaß daran hatte, mit den Mitteln des Genres zu arbeiten – und ich gebe es zu, mich schamlos bei all den Klischees zu bedienen… Es ist nunmal ein Musical über ein Musical!

Ich hoffe, es geschafft zu haben, das „Hin-und-Her-Spielen“ mit dieser doppelten Ebene rüberzubringen.

KULTURPOEBEL: Was war deine größte Herausforderung bei der Regie-Arbeit von “tick…tick…BOOM!”?

Laure: Es war von Anfang an ein sehr spannendes Projekt. Ich hatte schon hauptsächlich in dem universitären Rahmen Regie-Erfahrung gesammelt und mich daran auszuprobieren, ohne eine große Musical-Kennerin zu sein, war vielleicht gewagt. Aber ich habe viel gelernt. Und bereue es keine Sekunde!

Noch dazu kommt für mich als Französin die Frage der Sprache. Sich bei so vielen Mitbeteiligten durchzusetzen, oder überhaupt verstehen zu lassen, kann in der Fremdsprache oft anstrengend sein.

Aber sicherlich extrem herausfordernd war, von so vielen verschiedenen Faktoren abzuhängen. Im Sprechtheater hat man zwar schon mit einer kollektiven Kunst zu tun, aber am Ende behält die Regie das letzte Wort. Mit Menschen mit solch unterschiedlichen Untergründen und Bereichen zusammen arbeiten zu müssen war nicht immer einfach – der Kontrollfreak in mir hat oft gelitten.

Es war aber auch extrem spannend und sehr bereichernd; Und das ist die Erinnerung, die ich

nach dem Premierenstress behalten will. Es ist ein unvergleichbares und einfach wunderschönes Gefühl, zum ersten Mal diesen magischen Effekt zu bezeugen, dass sich plötzlich all die Puzzleteile doch zusammenfügen lassen und dass alles, was man bisher geprobt hatte –meistens jeder in seinem Bereich für sich: Musik, Technik, Gesang und Schauspiel – Gestalt annimmt und zu einem Ganzen wird.

KULTURPOEBEL:Was macht das Musical “tick…tick…BOOM!” für dich so besonders? Hast du eine Lieblings-Szene?

Laure: Eine meiner Lieblingszenen ist das Gespräch zwischen Michael und Jon im letzten Drittel des Stückes… Ich will aber nicht zu viel verraten! Und natürlich „Zucker“!

„tick..tick…BOOM!“ ist insofern besonders gebaut, dass es quasi ein „Kammermusical“ ist – mit nur drei Darstellern und nicht vielen Möglichkeiten für Ortswechsel oder das Spiel mit Requisiten. Das „Externe“ muss also abstrakt dargestellt werden, bzw. hauptsächlich über das Schauspiel. Dies bringt mich wieder zu dem, was ich schon oben erwähnt hatte: Wir mussten den Mittelweg zwischen diesem Spiel mit dem Genre finden und zum Teil eine leichte Ironie, die dazu gehört und einem „ernsthafteren“ und klassischeren Zugang zu den Figuren und deren Komplexität. Eine gewisse Distanz musste da sein, aber nicht so spürbar, dass sie die Tiefe verhindern durfte.

Boris Hagen ((c) Lennart Schaffert/KULTURPOEBEL)
Der zweite Regisseur im Team: Boris Hagen (© Lennart Schaffert /KULTURPOEBEL)

KULTURPOEBEL: Wie ist allgemein dein Bild vom Genre Musical? Eher Kommerz-Entertainment oder Plattform für anspruchsvolle Themen?

Laure: Ich kannte mich am Anfang des Projekts mit Musicals kaum, oder so gut wie gar nicht aus –mittlerweile habe ich ein bisschen nachgeholt… Für mich geht es in erster Linie um Unterhaltung. Dies verhindert aber nicht, dass schwere Themen, wie es bei unserem Stück der Fall ist, angesprochen werden. Die Form des Musicals an sich bringt nun eine Leichtigkeit, die das Genre für mich ausmacht und sich nicht mit einem komplexeren oder anspruchsvollen Inhalt widerspricht. Im Gegenteil, gerade dieser Kontrast kann die Aussage eines Musicals noch stärker wirken lassen – wie ich es zum Beispiel bei „Rent“ empfunden habe.

Und die Musik spielt natürlich ihre eigene Rolle. Was die Emotionalität anbetrifft, kann sicherlich ein gutes Musical durch eine starke Musik schneller „packen“.

Das Genre mag weniger komplex als die Oper sein, ohne Frage. Dafür aber können meiner Ansicht nach Themen angesprochen werden, die der Vielseitigkeit des Alltags viel besser entsprechen –eben weil ein Musical dem Publikum a priori einen leichteren und direkteren Zugang zum Stück ermöglicht.

Ich habe es im Laufe der Proben selbst erlebt: die Figuren wie die Story liegen dem modernen Publikum näher und dies gerade, weil es einem leichter fällt, sich in diese Kunstform hineinziehen zu lassen. Daher würde ich nicht zu schnell die Wirkung des Genres Musical unterschätzen. Es ist einfach eine andere Art für ein anderes Ziel. Letztendlich spielt man für das Publikum.

Zur Person: Laure wurde in Paris, Frankreich, geboren. Erste Schauspielerfahrungen sammelte sie 2009 an der Université de Lille, während sie dort ihren Bachelor in Literatur und Philosophie machte. Im Sommer 2012 wechselte sie an die Universität Bremen und engagiert sich seitdem beim Theater InCognito (TiC). Nachdem sie zunächst als Ensemblemitglied bei dem Universtitätstheater TiC mitwirkte, sammelte Laure ab Oktober 2014 u.a. im Rahmen der Inszenierungen von „Das Gespräch – P&K“ oder „Eine Stille für Frau Schikaresch“ erste Regie-Erfahrungen. Neben der Teilnahme an Projekten der französischen Theatergruppe der Universität Bremen, gründete sie 2014 ihre eigene Amateur-Gruppe, die unabhänig von der Uni eigene Projekte realisiert. Seit dem Sommersemester 2015 studiert Laure Philosophie im Master an der Universität Hamburg.

„tick…tick…BOOM!“ ist noch am 4. und 5. November 2016 sowie am 20. und 21. Januar 2017 im Bremer Schnürschuh Theater zu sehen. Infos und Tickets gibt es unter www.ticktick-boom.de

Die Produktion wird mit freundlicher Unterstützung von WG-gesucht.de, RNO Bremen, Papa Türk und der Deutschen Hochschulwerbung durchgeführt.

Beitragsbild: © Lennart Schaffert/KULTURPOEBEL

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Marina Pundt

„After silence, that which comes nearest to expressing the inexpressible is music.“ – (Aldous Huxley)

Lieblings-Musical(s): „Hedwig and the Angry Inch“, „Next to Normal“, „American Idiot“, “Once”
Lieblings-Komponist: Jeder, der es schafft, mich mit seiner Musik zum Tanzen oder zum Weinen zu bringen. Oder beides gleichzeitig.
Lieblings-Texter: Stephen Trask
Musical-Fan seit: … ich entdeckt habe, dass es Musicals mit Tiefgang und Rock-Musik gibt.
An Musicals fasziniert mich: … wie Energie und Emotionen durch Musik, Schauspiel und Tanz von der Bühne in den Publikumsraum übertragen werden.