Seit der deutschen Erstaufführung von „next to normal – fast normal“ ist die Stadt Fürth zumindest bei Musical-Fans bekannt geworden. Das Stadttheater Fürth, das meist im Schatten vom Staatstheater Nürnberg steht, hat in den letzten Jahren schon einige schöne Musical-Eigenproduktionen auf die Bühne gebracht. Es scheint schon fast zur Tradition zu werden, alle paar Jahre ein Musical mit Bezug zu Fürth auf die Bühne zu bringen. Dafür eignen sich Jubiläen besonders gut.

„Petticoat & Schickedance“

Im Jahr 2007 feierte Fürth seine 1000-jährige urkundliche Erwähnung. Zu diesem Event schrieben der Komponist Thilo Wolf und der Schriftsteller Ewald Arenz das Musical „Petticoat & Schickedance“. In dem Musical geht es um die drei berühmten Fürther Max Grundig, Gustav Schickedanz und Ludwig Erhard, die sich darüber streiten, wer der Beste von ihnen sei. Ein Engel schickt sie ins heutige Fürth, wo sie einen Wettbewerb um den Titel des besten Unternehmers austragen müssen. Den Sprachwitz und die Pointen mit Lokalkolorit nahm das Publikum begeistert auf. Der Inhalt und die Musik der 50er Jahre trugen zu einer bunten und witzigen Show bei, in der natürlich auch viel Petticoats und Schickedances zu sehen waren. Aufgrund der großen Nachfrage erlebte das Stück noch mehrere Spielzeiten am Fürther Stadttheater.

„Bahn frei!“

© Thomas Langer/ Stadttheater Fuerth
© Thomas Langer/ Stadttheater Fuerth

2010 gab es erneut ein Jubiläum in Fürth, welches mit einem weiteren Fürth-Musical gefeiert wurde: 175 Jahre erste deutsche Eisenbahnfahrt mit dem „Adler“, der zwischen Nürnberg und Fürth verkehrte. „Bahn frei!“ unterscheidet sich dramaturgisch wie auch musikalisch von „Petticoat & Schickedance“, beschäftigt es sich doch mit der wechselvollen Biografie des Friedrich List und der Blütezeit der ersten Eisenbahn – mit all ihren Problemen in der Gesellschaft, für welche die neu gewonnene Mobilität gleichzeitig Fluch und Segen war. Die Musik greift diese Stimmung ebenfalls auf. Dem Komponisten Thilo Wolf gelingt es, diese Höhen und Tiefen musikalisch zu vereinen. Abwechslungsreiche Klänge wie Big Band, Klassik oder Tango-Sound: Es war alles geboten und stimmig.

Durch ihren lokalen Bezug sind die beide Stücke eher für das ortsansässige Publikum geeignet. Vor allem „Petticoat & Schickedance“ ist auf lokales Ambiente beschränkt und zieht auch daraus seinen Erfolg. „Bahn frei!“ – zwar ebenfalls mit Fürth-Bezug – ist allerdings auch für den geneigten Musicalbesucher ohne Ortskenntnisse empfehlenswert.

„Der Tunnel“

In der Spielzeit 2015/16 brachten Thilo Wolf und Ewald Arenz ihr drittes gemeinsames Musical für das Fürther Stadttheater auf die Bühne. „Der Tunnel“ feierte am 16. Oktober 2015 seine Premiere. Auch hier ist der Fürth-Bezug gegeben, zwar nicht inhaltlich, aber das Musical basiert auf dem gleichnamigem, 1913 erschienenen Roman des Fürther Schriftstellers Bernhard Kellermann. In dem Werk geht es um den Ingenieur Mac Allen, der seine Vision von einem Tunnel unter dem Atlantik zwischen Europa und Amerika verwirklichen will. Größenwahn, Kapitalismus, Geldgier, Reichtum, Zusammenbruch. Um diese Themen kreist die Handlung des Stückes, das in beklemmender Atmosphäre unaufhaltsam auf die bevorstehende Katastrophe zusteuert.

Die Musik greift mit ihren Swing-Klängen die Zeit der 20er Jahre auf. Die Band besteht aus acht Musikern, welche die sechs Darsteller musikalisch begleiten.

„Der Tunnel“ war beim Deutschen Musical Preis 2016 in vier Kategorien nominiert (Beste Komposition, Bestes Musikalisches Arrangement, Bestes Bühnenbild und Beste Darstellerin in einer Nebenrolle). Bettina Meske gewann den Preis für die beste Darstellerin in einer Nebenrolle. Auch der Preis für das beste Bühnenbild ging an die Produktion.

Dieses ist durchaus eine sehr eindrucksvolle Konstruktion, eine Drehbühne auf der dutzende verschieden hohe Türme stehen, auf denen die Darsteller agieren. Durch Videoprojektionen verwandeln sich diese Türme in Hochhäuser, gestapelte Geldmünzen oder das Innere des Tunnels. Als Zuschauer ist man streckenweise gefordert, durch die eigene Vorstellungskraft die Handlung zu deuten, zum Beispiel wenn die geldgierige Börsenspekulantin Woolf und Mac Allen auf Geldmünzen stehen und über Einnahmen debattieren oder wenn Mac Allen seine Pläne erklärt und dabei symbolhaft versucht, die große Drehbühne zu bewegen.

Dieses Beispiel zeigt, dass nicht immer die große Show nötig ist, um eine Botschaft zu transportieren. Es zeigt eine andere Weise, wie Musical möglich ist: Kleine Ensembles, minimalistische Ausstattung, aber große Themen wunderbar auf die Bühne gebracht.

© Thomas Langer
© Thomas Langer

Genau das brauchen wir! Kleinere Theater, die sich nicht scheuen, einen komplizierten Stoff auf die Bühne zu bringen und Autoren, die eigene Stücke schreiben. Uns fehlt die Vielfalt in der deutschen Musicallandschaft. Obwohl das Musical so viel mehr an Möglichkeiten bietet, ist es hier noch nicht so etabliert wie beispielsweise im englischsprachigen Raum.

Der Weg, den das Stadttheater Fürth beschreitet, ist daher beispielhaft, erstrebens- und nachahmenswert.

Was steht als Nächstes an?

Wie anfangs erwähnt, entwickelt sich Fürth in den letzten Jahren wahrlich zu einem Geheimtipp unter Musicalfans. Nicht nur die Eigenproduktionen mit Fürth-Bezug sind zu empfehlen, auch „next to normal“ erlebt im April 2017 schon seine dritte Spielzeit im Stadttheater und im Januar 2017 – zum Lutherjahr, 500 Jahre Reformation – feiert das Musical „Luther – Rebell Gottes“ mit Thomas Borchert in der Titelrolle seine Premiere.

Wir sind schon gespannt, was sich das Fürther Stadttheater in den nächsten Jahren noch so einfallen lässt…

Beitragsbild: © Guenter Meier/Stadttheater Fürth

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.