Der Studiengang „Musical“ der Theaterakademie August Everding feiert diesen Herbst sein 20-jähriges Jubiläum und wagt sich nicht nur an die deutsche, sondern sogar an die europäische Erstaufführung des Broadway-Musicals „Big Fish“. Was am Broadway leider floppte, zeigt in Deutschland, dass Musical auch anders kann: Verträumt, farbenfroh und doch mit einer tiefgründigen und herzerwärmenden Geschichte über Väter, Söhne und große Heldentaten.

© Lioba Schoeneck/Theaterakademie August Everding
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Müsste ich den vergangenen Theaterabend im Prinzregententheater in München mit einem Wort beschreiben, würde ich sagen „Gelb“. Damit ist zum einen die Farbe gemeint, zum anderen allerdings auch die Verknüpfung, die ich damit verbinde. Gelb war schon immer meine Lieblingsfarbe und ich verbinde mit ihr Wärme, Farbe, Freude, ein wenig Melancholie und viele Erinnerungen aus meiner Kindheit. Eine ganze Palette an glücklichen Gefühlen also. Sobald man sich mit „Big Fish“ auseinandersetzt, sei es nun der Film von Tim Burton oder das Musical, trifft man öfter auf diese Farbe, weswegen ich schon eine gewisse Grundsympathie mitgebracht habe. Dass ich jedoch während der ganzen Vorstellung lächelnd im Theatersaal saß, hatte nichts mit dem Meer aus gelben Narzissen zu tun, die spätestens zum Ende des ersten Aktes die gesamte Bühne erleuchtet haben, sondern weil das Stück für mich auch genau die Eigenschaften der Farbe aufgefasst hat: Es ist warm, es ist farbenfroh und die gesamte Cast strahlte wahre Spielfreude aus. Aber auch die wunderschöne und doch traurige Geschichte eines Vater-Sohn-Konflikts hat mich wahrlich berührt.

Von großen Fischen und gelben Narzissen

© Lioba Schoeneck/Theaterakademie August Everding
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Das Musical handelt von Will und seinem Vater Edward. Während Will eher realistisch veranlagt ist, beweist sich Edward als Träumer und Geschichten-Erzähler und glaubt, dass alles gut wird, wenn man es nur selbst zulässt. Das Musical behandelt die doch schwierige Beziehung der beiden und spielt in drei Handlungsebenen: Zum einen sind es die Rückblenden von Edward, wenn er wieder eine glorreiche Geschichte über seine Vergangenheit erzählt. Die zweite Ebene zeigt die Kindheit von Will, als sein Vater ihm alle diese Geschichten erzählt hat und wie er langsam mehr und mehr Zweifel bekommt, was an den Geschichten seines Vaters über Hexen, Riesen und Helden wirklich wahr sein kann. Die letzte Ebene spielt in der Gegenwart, als der erwachsene Will, der nun verheiratet ist und selbst Vater wird, erkennt, dass er seinen Vater eigentlich nicht kennt, da alle Geschichten, die er ihm erzählt hat, in seinen Augen nicht der Wahrheit entsprechen. Als Edward krank wird und Will nun endlich verbittert wissen will, wer sein Vater eigentlich ist, findet er heraus, dass hinter jeder Geschichte doch ein Fünkchen Wahrheit steckt.

Das Musical mit der Musik von Andrew Lippa wurde am 2. April 2013 im Oriental Theatre in Chicago uraufgeführt und lief dort bis zum 5. Mai 2013. Im gleichen Jahr wechselte es an den Broadway ins Neil Simon Theatre und öffnete dort am 5. September 2013. Offizielle Premiere war einen Monat später am 6. Oktober 2013. Leider wurde die Produktion bereits am 29. Dezember 2013 nach 132 Vorstellungen geschlossen. Ein hartes Los, das viele gute Musicals trifft, da das Angebot am Broadway einfach zu groß und vielseitig ist. Nun erfährt das Musical dieses Jahr doch noch sein verdientes Revival. Neben Australien wagt sich auch die Bayerische Theaterakademie August Everding in Form des Musicalabschlussprojektes 2016 an das Stück und zeigt in der Übersetzung von Nico Rabenald die europäische Erstaufführung. Das Stück wird nach den leider viel zu wenigen Aufführungen in München dann noch in Ludwigsburg und Heilbronn gezeigt.

© Lioba Schoeneck
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Warum einfach, wenn es auch kreativ geht

„Big Fish“ ist einerseits eine Komödie mit viel Witz und Fantasie, was vor allem durch Edward und seine Geschichten deutlich wird. Im Grunde ist es aber ein Drama-Musical über den Konflikt zwischen Vater und Sohn. Hier wurde in meinen Augen genau die richtige Mischung gefunden und die Emotionen werden sehr gut auf den Zuschauer übertragen, während man jedoch auch dem Wohlfühl- und Schmunzel-Faktor gerecht wird.

Das Bühnenbild von Sam Madwar ist aus Kostengründen simpel gehalten und es kommen sehr viele Projektionen zum Einsatz. Diese sind jedoch mit so viel Liebe zum Detail umgesetzt, dass ich die Szenerie überzeugender fand als so manche Ausstattungsorgien der großen Musicalhäuser. Wobei man bei einem Musical wie „Big Fish“, in dem ein Riese mit einer Größe von 3 Metern sowie Nixen und Werwölfe vorkommen, schwer von einem einfach Bühnenbild sprechen kann. Vor allem der Riese war einfach nur fantastisch umgesetzt und es hat ein Weilchen gedauert, bis ich hinter den Trick gekommen bin, wie die Darstellung funktioniert. Hier hat man gemerkt, wie gut die einzelnen Elemente wie Kostüme, Bühnenbild und technische Umsetzung zusammenarbeiten, dass alles die perfekte Illusion vermittelt. Auch die wunderschönen Kostüme von Ulli Kremer verdienen eine Erwähnung. Vor allem die Kostüme der Zirkusleute waren besonders farbenprächtig und detailverliebt, doch auch die restliche Bühnenkleidung machte nicht den Eindruck einer günstigen „Schülerproduktion“, sondern ließ die verschiedenen Handlungsebenen mit ihren unterschiedlichen Jahrzehnten und Orten absolut authentisch wirken.

© Lioba Schoeneck/Theaterakademie August Everding
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Da die Bühne bis zum Orchestergraben voll genutzt und erweitert wurde, spielt das Orchester unter der Leitung von Tom Bitterlich hinter der Bühne. Durch das Fehlen des Orchestergrabens fühlte sich das Geschehen auf der Bühne nochmal näher an. Ein wunderschöner „Effekt“ war auch, als sich beim Schlussapplaus die hintere Bühnenwand öffnete und dieser beeindruckende Klangkörper sichtbar wurde.

Musicaldarsteller 2.0

© Lioba Schoeneck
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Als Vater-Sohn-Gespann waren Benjamin Oeser als Edward und Matias Lavall als Will zu sehen. Während Edward mit seinen vergangenen Erzählungen den ersten Akt etwas dominierte, konzentriert sich der zweite Akt mehr auf seinen Sohn Will, der in der Gegenwart nach Antworten sucht. Benjamin Oeser spiegelt dabei fantastisch die verschiedenen Altersstufen seiner Rolle wider, dass ich Anfangs dachte, es wären sogar zwei Darsteller auf der Bühne. Erstaunlich mit welcher Leichtigkeit er vom alten, kränklichen Edward zum jugendlichen Abenteurer wechselte. Seine positive Energie und Begeisterung war jederzeit greifbar und sowohl schauspielerisch als auch gesanglich kann man hier von einem grandiosen Darsteller sprechen, den wir hoffentlich in Zukunft noch öfter sehen werden. Ihm gegenüber steht Matias Lavall als Will. Während ich ihm im ersten Akt schon gut fand, hat er im zweiten Akt noch einmal eine Schippe drauf gelegt und überzeugte mit starken schauspielerischen Momenten und gesanglichen Glanzleistungen.

Theresa Weber spielte als Sandra sowohl Edwards Ehefrau als auch Wills Mutter sowie sämtliche hübsche Frauen in den Erzählungen von Edward, wie der junge Will seinen Freunden und somit uns Zuschauern mitteilt. Sie muss zwar nicht ganz so oft wie Edward zwischen den verschiedenen Altersstufen wechseln, doch auch ihr gelingt diese schauspielerische Wandlung zwischen der jungen und alten Sandra ganz wunderbar. Wiebke Isabella Neulist spielt Josephine, die schwangere Ehefrau von Will und punktet mit ihrer warmen Art, mit der sie versucht, neben Sandra zwischen den beiden Herren zu vermitteln.

© Lioba Schoeneck/Theaterakademie August Everding
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Julia-Elena Heinrich verkörpert die Hexe und Edwards Jugendliebe Jenny Hill. Vor allem in ihrem Gesangssolo als Hexe kam ihre kraftvolle Stimme besonders gut zur Geltung. Auch überzeugt sie mit einer grandiosen Ausstrahlung, wodurch sie mir auch in den Ensemble-Szenen immer aufgefallen ist. Auch das restliche Ensemble hat einen tollen Job gemacht und sang und tanzte sich mit so viel Spielfreude aber auch Professionalität durch den Abend, dass ich immer wieder betonen muss, dass die Theater-Akademie August Everding absolut zu den besten Schulen gehört, die Deutschland im Musicalbereich zu bieten hat.

Ein Musical wie „Big Fish“ zeigt auch ganz klar, was die Amerikaner und Londoner schon lange wissen. Musical ist nicht nur seichte, komödiantische Unterhaltung, es kann auch durchaus ernst zunehmendes Musiktheater sein, welches nicht nur fantastische Sänger und Tänzer, sonder auch Charakterdarsteller benötigt. Die bekannte Floskel, dass Musicaldarsteller tanzen, singen und schauspielern können, aber von allem nur ein bisschen, ist einfach nur frech und stimmt so absolut nicht. Die Akademie in München hat mit ihrer Cast bewiesen, dass sie zumindest schonmal mit ernstzunehmendem Nachwuchs helfen kann, diesem Vorurteil entgegen zu treten. Vielleicht schaffen es noch mehr von diesen fantastischen Stücken nach Deutschland und machen meine gelbe Musical-Welt noch vielseitiger.

Tickets und weitere Infos findet ihr hier: https://www.theaterakademie.de/spielplan-tickets/stueckinfo/big-fish.html

Uraufführung: 2.4.2013 (Oriental Theatre, Chicago)
Besuchte Vorstellung: 10.11.2016 (Prinzregententheater, München)
Musik: Andrew Lippa
Lyrics: Andrew Lippa
Regie: Andreas Gergen
Choreographie: Danny Costello
Musikalische Leitung: Tom Bitterlich
Bühnenbild: Sam Madwar
Kostüme: Ulli Kremer
Besetzung:
Benjamin Oeser (Edward), Matias Lavall (Will), Theresa Weber (Sandra), Wiebke Isabella Neulist (Josephine), Julia-Elena Heinrich (Hexe, Jenny Hill), Robert Lankester (Riese Karl), Miles Benson (Junger Will)

Big Fish (Original Broadway Cast Recording)

Price: EUR 8,99

4.7 von 5 Sternen (4 customer reviews)

1 used & new available from EUR 8,99

Beitragsbild: © Lioba Schoeneck/Theaterakademie August Everding

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
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Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.