Das Theater Hof wagt sich zwischen Musical-Uraufführungen wie „Einstein – Das Musical“ und „Rasputin“ (Premiere im Herbst 2017) sowie Klassikern wie „Annie get your gun“ (Premiere am 28. April 2017) nun an ein viel zu selten gespieltes Juwel des deutschsprachigen Musicals: „Der Ring“ von Frank Nimsgern.

Theater Hof
© H. Dietz Fotografie/Theater Hof

Dass Opernliebhaber nichts mit Musicals anfangen können, diese sogar oft als „seichte Unterhaltung“ im Musiktheater bezeichnen, ist absolut nichts Neues. Daher könnte man es aus Perspektive des „Kulturadels“ fast schon als traurigen Versuch belächeln, eine der größten deutschen Opern als Vorlage für ein Musical zu nehmen. Das Symphonic Rock Musical – vielleicht wird es mal Zeit für die Musical-Wortneuschöpfung des Jahres – „Der Ring“ von Frank Nimsgern und Daniel Call wurde im Dezember 2007 am Theater Bonn uraufgeführt und ist nach seiner dortigen Spielzeit wie viele andere deutsche Musicals wieder in der Versenkung verschwunden. In Hof wird nun eine überarbeitete Version gezeigt, welche auch als „Der Ring – Reloaded“ bezeichnet wird. Das Stück hat den deutschen Musical-Uraufführungen, von denen es inzwischen immer mehr gibt, vor allem musikalisch viel voraus, jedoch hätte man noch ein wenig mehr „reloaden“ können, weswegen ich zwar definitiv einen grandiosen Abend in Hof hatte, dieser jedoch mit sehr vielen Stolpersteinen gepflastert war.

Ein Ring sie alle zu knechten… oder so

Das Musical behandelt die Nibelungen-Sage, wie man sie sich von Richard Wagner auch gerne in 4 Teilen und insgesamt 16 Stunden Opern-Epos ansehen kann. Ich persönlich bevorzuge dann doch lieber die kurze Musicalversion, in der die Handlung auf knackige zweieinhalb Stunden heruntergekürzt ist. Nachdem die Götter den Menschen den Ring der Macht geschenkt haben, macht sich Gier, Neid und Hass auf der Welt breit. Um dem ein Ende zu bereiten, versenken die Götter den Ring im Rhein, wo er jahrhundertelang von den Rheinamazoni bewacht wird. Aus Unachtsamkeit heraus gelingt es dem Zwerg Alberich, diesen zu stehlen. Göttervater Wotan stiehlt diesen daraufhin mit einer List wieder zurück, da er den Ring den Riesen Fasolt und Fafner als Bezahlung für seinen neuen Palast versprochen hat. Alberich, der den Ring wieder für sich möchte, schmiedet daraufhin einen Menschen aus Stahl – Siegfried –, der ihm den Ring wieder zurückerobern soll. Dies gelingt ihm auch, doch auch bei ihm macht sich schnell die Macht des Ringes bemerkbar.

© H. Dietz Fotografie/Theater Hof
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Musikalisch ist Frank Nimsgern hier definitiv ein fantastischer Score gelungen, der mich seit Langem endlich mal wieder mit vielen Ohrwürmern nach Hause geschickt hat. Die Musik kombiniert viele verschiedene Genres miteinander. Das Hauptaugenmerk liegt auf der rockigen Musik, aber auch Funk, Soul und Anleihen sowohl an die Originalmusik von Wagner als auch bombastische Filmkompositionen á la „Fluch der Karibik“ sind zu erkennen. Die Musik kommt von einer vierköpfigen Band hinter der Bühne, bei der auch Frank Nimsgern persönlich zur Gitarre greift. Da viele Elemente der Musik unmöglich von einer vierköpfigen Band kommen können, wurde bestimmt auch das ein oder andere Musikelement (Click-Tracks) eingespielt. Dies erfüllt hierbei jedoch voll und ganz seinen Zweck und tut dem Live-Charakter keinen Abbruch.

Mein großes Sorgenkind waren die Texte von Daniel Call. Es gibt viele misslungene Übersetzungen, aber solch ausbaufähige, ja beinahe plumpen Originaltexte habe ich selten gehört. Wenn man nach Wut, Mut und Gut, Glut als eine gelungenen Abwechslung empfindet, ist man wohl definitiv am Tiefpunkt der deutschen Sprache angekommen. Ich hatte hier immer das „Reim dich oder ich fress dich“-Motto vor Augen und eigentlich dachte ich, dass wir im Bereich der deutschen Texte von diesem Qualitäts-Level schon lange entfernt sind.

© H. Dietz Fotografie/Theater Hof
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Hier kam mir zum einen die Akustik zu Gute, die vor allem im ersten Akt nicht die Beste war, weswegen ich viel vom Text einfach überhören konnte. Jedoch ging durch diese „Abmischung“ auch viel von der fantastischen Musik verloren und ich konnte oft nur erahnen, wie grandios und kraftvoll manche Lieder hätten sein können. Im zweiten Akt erschien mir die Akustik jedoch leicht verbessert – Zwar war es immer noch weit entfernt vom Optimum, welches ich bei einem Rock-Musical eigentlich erwarte, jedoch hatte ich mehr Zugang zur Musik als noch im ersten Akt.

Weniger ist mehr

Das Bühnenbild von Herbert Buckmiller hingegen war eines der vielen Inszenierungs-Highlights. Das Hauptbühnenbild stellte den Salon eines versunkenen Luxusschiffes auf dem Grund des Rheins dar und erzeugte durch eine leichte Schräge einen schönen 3D-Effekt, wodurch die Bühne noch größer wirkte als sie sowieso schon war. Durch den bläulichen Lichteinfall hatte man wirklich das Gefühl, sich unter Wasser zu befinden. Da die Nibelungen-Sage auch die Frage der inneren menschlichen Abgründe behandelt, hat das Bühnenbild mir persönlich diese Grundidee perfekt vermittelt. Auch die vielen anderen Bühnenbilder und Ausstattungen waren wohl durchdacht und haben dem Publikum doch Raum für Auslegungen gelassen. Vor allem die Lösung der Drachenszene war so grandios und trotzdem simpel, dass diese szenische Umsetzung das doch etwas verhaltene Publikum zu einem kurzen Szenenapplaus hingerissen hat.

© H. Dietz Fotografie/Theater Hof
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Ich weiß auch nicht, wie ich das persönlich einordnen soll, aber inzwischen bin ich lange in keinem Musical mehr gewesen, bei dem ich mich nicht in mindestens einer Szene gefragt habe, was hier nun der tiefere Sinn sein soll. Bei „Der Ring“ war es insbesondere das Solo von Siegfried „Brenn mir den Tag“. Die Szene hätte so stark sein können, wäre nicht das Ballettensemble wie ein Fremdkörper in Glitzerkostümen um ihn herumgetänzelt. Für mich hat das die gesamte Szene regelrecht zerstört und war zudem in meinen Augen einfach nur sehr unnötig. Dazu muss ich betonen, dass mich der Einsatz eben dieses Ensembles und die zum Teil eher albernen Choreographien des Öfteren an diesem Abend gestört haben. Auch oder vielleicht sogar besonders im Musicalbereich ist weniger oft mehr und ich würde es sehr begrüßen, wenn man sich mal wieder auf die Substanz einer Geschichte und die Qualität einer Cast konzentrieren könnte, ohne irgendwelche Ablenkungsmanöver zu starten.

Perfekte Cast ohne Abstriche

Chris Murray ist wieder am Theater Hof zu sehen und findet genau die richtige Balance zwischen dem zynischen, witzigen und im Grunde doch selbstsüchtigen Zwerg Alberich. Auch gesanglich scheint die Rolle und das gesamte Musical wie für ihn gemacht. Christian Venzke gibt als Wotan so etwas wie Alberichs Gegenspieler. Auch er singt die Partitur mühelos und mit der nötigen Kraft in der Stimme.

Christopher Brose und Zodwa Selele sind als Siegfried und Gottestochter Brunhilde in Hof engagiert. Beide singen ihre Parts beeindruckend und setzen sowohl in ihren Soli als auch in ihrem Liebesduett gerne noch eine Schippe oben drauf, wie es sich standesgemäß für ein Rock-Musical gehört. Die beiden haben zudem auch die Lieder mit dem meisten Ohrwurmpotenzial abbekommen und haben es daher auch neben den optischen Vorzügen leicht beim Publikum. Zodwa Selele ist im Gegensatz zu Chris Murray, Christian Venzke und Christopher Brose zum ersten Mal in ihrer Geburtsstadt Hof zu sehen.

Jessica Kessler, Cornelia Löhr und Georgia M. Reh geben als Rheinamazonen das Soul-Trio, wobei vor allem Jessica Kessler oft den Hauptpart übernimmt. Auch schauspielerisch haben sie das Publikum mit vielen witzigen Dialogen und Zwischenkommentaren auf ihrer Seite.

© H. Dietz Fotografie/Theater Hof
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Alles in allem hatte ich einen fantastischen Abend in Hof und es war definitiv eine gelungene Abwechslungen zu den doch eher klassischen Musical-Spielplänen anderer Stadttheater. Das Theater bietet zudem nicht nur die vielen Vorzüge eines modernen Theaterhauses, auch habe ich mich als Besucher sehr wohl und versorgt gefühlt. Im Theater war bereits die Neufassung der CD für 15€ zu erwerben. Hierzu sei gesagt, dass es es sich im Grunde um die bereits vorhandene CD der Uraufführung aus Bonn handelt, allerdings finden sich nun 30 Titel auf der CD statt 29. Neu sind hier die Songs „Noch könnt ihr spotten“ gesungen von Chris Murray und „Macht ist vergänglich“, während „Sei wie du bist“ nicht mehr auf der CD zu finden ist. Es lohnt sich also nicht, die CD noch einmal neu zu erwerben, wenn man bereits eine zuhause hat, jedoch ist sie perfekt als Neuanschaffung, was bestimmt viele Zuschauer nach der Vorstellung genutzt haben.

Uraufführung: 16.12.2007 (Theater Bonn)
Besuchte Vorstellung: 30.10.2016 (Theater Hof)
Musik/Konzept: Frank Nimsgern
Lyrics: Daniel Call
Regie: Reinhardt Friese
Choreographie: Barbara Buser
Musikalische Leitung: Frank Nimsgern
Bühnenbild: Herbert Buckmiller
Kostüme: Annette Mahlendorf
Besetzung: Chris Murray (Alberich), Christian Venzke (Wotan), Christopher Brose (Siegfried), Zodwa Selele (Brunhild), Jessica Kessler (Rheinamazone Zärtlichkeit), Cornelia Löhr (Rheinamazone Lust), Georgia M. Reh (Rheinamazone Schmerz)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © H. Dietz Fotografie/Theater Hof