Am 20. November 2016 stand der große Grafenwechsel bei Tanz der Vampire im Deutschen Theater in München an. Jan Ammann treibt nun sein Unwesen als Graf von Krolock und löst somit Thomas Borchert in der Hauptrolle ab. Da Jan Ammann als Graf in der Ur-Produktion mein Lieblingsdarsteller ist, ließ ich mich natürlich nicht zweimal zum Tanz bitten.

Der Weg des Grafen

Jan Ammann wurde am 25. August 1975 in Billerbeck geboren und erhielt bereits in jungen Jahren klassischen Gesangsunterricht. Nach einer professionellen Opernausbildung unter anderem in Texas, München und New York, interessierte er sich mehr und mehr für das Genre Musical, da ihm bei Opern der schauspielerische Aspekt fehlte. Somit spielte er noch während seiner Ausbildung den Tony in „West Side Story“ und landete schließlich in Füssen bei „Ludwig II – Sehnsucht nach dem Paradies“. Im Jahr 2007 übernahm er kurzfristig die Rolle des Biests in der Berliner Produktion von „Die Schöne und das Biest“, da der eigentliche Hauptdarsteller Yngve Gasoy-Romdal erkrankt war. Nach einer intensiven Probenzeit von nur 2 Wochen stand er zum ersten Mal als Biest auf der Bühne und wurde dadurch erst wirklich einem größeren Publikum bekannt. Da er bereits vorher für „Tanz der Vampire“ vorgesungen hatte und die Rolle des Grafen nie bekommen hat, zeigt es mal wieder, dass genau solche Zufälle oft die glücklichen Weichen für grandiose Karrieren stellen. Ein Jahr später, im Herbst 2008, übernahm er zum ersten Mal die Rolle des Grafen von Krolock in Oberhausen und ist seitdem eigentlich nicht mehr aus diesem Musical wegzudenken. Nach einem kurzen Abstecher als Kerchak in „Tarzan“ und Maxim de Winter in „Rebecca“ (wir freuen uns auch schon auf die Produktion in Tecklenburg mit ihm und Pia Douwes in den Hauptrollen), ist Jan Ammann nun wieder ab dem 20. November 2016 als Graf von Krolock im Deutschen Theater in München zu sehen.

Jahr Musical Rolle Ort
1999 West Side Story Tony Freilichtbühne Coesfeld
2000-2003 Ludwig II – Sehnsucht nach dem Paradies König Ludwig Festspielhaus Füssen
2005-2007 Ludwig² – Der Mythos lebt König Ludwig Festspielhaus Füssen
2007 Mar I Cel Said Opernhaus Halle
2007 Die Schöne und das Biest Biest Theater am Potsdamer Platz, Berlin
2008 Jekyll & Hyde Jekyll/Hyde Stiftsruine Bad Hersfeld
2008-2010 Tanz der Vampire Graf von Krolock Metronom Theater Oberhausen
2010-2011 Tanz der Vampire Graf von Krolock Palladium Theater Stuttgart
2011-2013 Rebecca Maxim de Winter Palladium Theater Stuttgart
2013 Show Boat Gaylord Ravenal Stiftsruine Bad Hersfeld
2013-2014 Victor/Victoria King Marchand Schauspielhaus Stuttgart
2014-2016 Tarzan Kerchak Apollo Theater Stuttgart
2016 Tanz der Vampire Graf von Krolock Theater des Westens Berlin
2016-2017 Tanz der Vampire Graf von Krolock Deutsches Theater München
2017 Rebecca Maxim de Winter Freilichtspiele Tecklenburg
© eventpress / stage
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Meine erste „Begegnung“ mit Jan Ammann war, als ich die Castvorstellung zur Produktion von „Tanz der Vampire“ in Oberhausen gesehen und sofort gemerkt hatte, dass da nach Jahren endlich ein Graf auf die Bildfläche getreten war, der für mich auch nur ansatzweise an den verstorbenen Steve Barton heranreichen könnte. Alle Darsteller des Grafen waren für mich immer sehr gut und treffend besetzt, jedoch hat es bis dato kein Graf geschafft, mich auch nur ansatzweise so zu berühren, wie es Steve Barton alleine auf Videos oder nur auf der CD geschafft hat. Zwischenzeitlich war sogar die Angst da, dass ich in dieser Hinsicht einfach verwöhnt und uneinsichtig bin und es vielleicht sogar gar nicht zulasse, dass jemand besser ist als der Mann, der für mich seit meiner Kindheit einfach „Der Graf“ war. Zum Glück hat dann endlich jemand beschlossen, Jan Ammann diese Rolle zu geben! Als dann bekannt wurde, dass „Tanz der Vampire“ nach seiner Spielzeit in Oberhausen mit Jan Ammann in der Rolle des Grafen nach Stuttgart kommen würde, habe ich schnell beschlossen, dass ich ihn unbedingt live sehen muss und ich wurde definitiv nicht enttäuscht.

Zumindest in der „klassischen“ Inszenierung habe ich also endlich „meinen“ Grafen gefunden. Ich rede hier von der klassischen Form, da ich Jahre später noch einmal bekehrt wurde, was die Grafen angeht. Und zwar von Drew Sarich, der die Rolle jedoch in der Wiener Revival-Produktion ganz neu interpretiert hat und ich daher grundsätzlich zwischen der klassischen Version, die in Deutschland gespielt wird und der neueren Wiener Produktion unterscheide.

Nun übernimmt Jan Ammann wieder die Rolle des Grafen von Krolock in München und löst somit den „Herbstgrafen“ Thomas Borchert ab. Wir haben bereits ausführlich über die Tourversion von „Tanz der Vampire“ hier und hier berichtet.

Spür‘ das Glück der Traurigkeit

Am 20. November 2016 kehrte Jan Ammann nunmehr in seine Paraderolle zurück und begeistert bis Ende der Spielzeit im Deutschen Theater das Münchner Publikum mit seiner Rolleninterpretation, die ich von den verschiedenen, allesamt grandiosen Darstellern am liebsten mag. Ich habe das Stück schon so oft live gesehen und ich liebe einfach die melancholischen Liedtexte von Michael Kunze, die beinahe schon an ein Gedicht erinnern, zum einen unfassbar aussagekräftig sind und dann wieder so immens weit ausgelegt werden können, dass ich mir oft nächtelang den Kopf zerbrechen könnte, was sie denn nun aussagen. Jan Ammann sieht als Graf von Krolock nicht viel anders aus als seine Kollegen, ebenso macht er genau die gleichen Bewegungen, hat eine ähnliche Gestik, auch sagt und singt er die gleichen Wörter, jedoch habe ich bei ihm immer das Gefühl, als würde er mir die Weisheiten von „Tanz der Vampire“ jedes mal wieder neu erzählen. Bei einem Liedtext ist mir während seiner Premieren-Vorstellung in München plötzlich klar geworden, wie ich Jan Ammanns Interpretation am Besten beschreiben kann bzw. wie ich ihn wahrnehme, wenn er in dieser Rolle ist: „Spür das Glück der Traurigkeit“.

© eventpress / stage
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Bei seiner Rolle ist immer diese große Traurigkeit vorhanden, die sich zwar erst bei „Die Unstillbare Gier“ wirklich zuspitzt, jedoch ist diese Melancholie bei Jan Ammann immer greifbar. Zugleich bin ich jedoch auch glücklich darüber. Nicht wirklich glücklich, jedoch habe ich mich des Öfteren dabei ertappt, wie ich lächle bzw. ihm ermunternd zulächle, wenn er singt bzw. erzählt. Das Glück der Traurigkeit ist für mich in gewisser Hinsicht, nicht alleine durch die Traurigkeit zu gehen. Das ist eine Erkenntnis, die ich selbst lernen musste und hierbei spielt bestimmt die persönliche Erfahrung eine Rolle, weswegen jeder für sich selbst eine Beschreibung finden muss, wie er die Texte auslegt.

Bei Jan Amman habe ich immer das Gefühl, dass er das Publikum einlädt, ihn bei seiner Trauer zu begleiten, ein „offener“ Graf sozusagen. Man ist bei „Die unstillbare Gier“ auch nicht überrascht, dass der vornehme und doch böse Graf plötzlich Gefühle hat, die nun aus ihm herausbrechen. Irgendwie hat man bei Jan Ammann schon immer gewusst, dass da noch etwas in ihm schlummert und „Die Unstillbare Gier“ gibt dem Ganzen dann nur eine Geschichte zu etwas, was der Zuschauer schon die ganze Zeit ahnt. Eine Zuschauerin meinte nach der Vorstellung zu mir, dass man am liebsten auf die Bühne gehen, ihn in den Arm nehmen und sagen will, dass alles wieder gut wird. Wie einen Freund, den man in einer schweren Not nicht alleine lassen will. Und hierin liegt für mich einfach das Glück der Traurigkeit bzw. das Geheimnis, warum ich Jan Ammann als Graf einfach grandios finde.

Auch gesanglich ließ Jan Ammann an seinem Münchner Premieren-Abend natürlich wie gewohnt keine Wünsche offen und zeigte sowohl seinen Fans als auch den Neulingen, warum er zur Top-Riege der deutschen Musicaldarsteller gehört. Ich freue mich riesig, dass Jan Ammann nun auch in München wieder in der Hauptrolle zu sehen ist und noch viele weitere Zuschauer in seinen Bann ziehen kann. Schließlich ist er inzwischen wie ein Freund auf der Bühne, den man immer wieder gerne ein kurzes Stückchen auf seinem traurigen Pfad begleiten möchte.

„Tanz der Vampire“ ist noch bis zum 15.01.2017 im Deutschen Theater München zu sehen.

Tickets und weitere Informationen findet ihr hier.

Beitragsbild: © eventpress / stage

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Nadine Jobst

„What if life were more like theatre? Wouldn’t that be grand?“ – (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart… Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.