Am 10. November feierte das Lindical „Hinterm Horizont“ seine Hamburg-Premiere und macht sich nun daran, auch in der Hansestadt den Panikvirus zu verbreiten. Im Vergleich zur fünfjährigen Berlin-Spielzeit gab es einige Änderungen und obgleich das Stück noch die selben Stärken und Schwächen wie in der deutschen Hauptstadt offenbart, überzeugt es – zumindest mich – auf der Reeperbahn ein wenig mehr als am Potsdamer Platz.

Das laut Stage Entertainment erfolgreichste Hauptstadt-Musical aller Zeiten spielt seit letzter Woche nun also in Hamburg – auf der „geilen Meile“, die nun als große „Vor-Zugabe“ (die eigentliche Zugabe ist ja „Mein Ding“) fulminant besungen wird. Ein stimmungsvolles und mitreißendes Finish, das die letzten Zweifel, ob das vormals medienwirksam propagierte Berlin-Musical wirklich in die Elb-Metropole passt, ausräumt. Zugegeben war auch ich äußerst skeptisch, ob dieses Stück in Hamburg auch nur ansatzweise so funktionieren würde wie in Berlin, wo sich 90 Prozent der Handlung abspielt – zumal ich von der künstlerischen Qualität des Musicals auch nicht gerade begeistert war, als ich es vor gut zwei Jahren im Theater am Potsdamer Platz gesehen habe.

Nach Besuch der Hamburger Medienpremiere muss ich aber feststellen, dass das Stück durch den Spielstättenwechsel etwas an Qualität gewonnen hat und solide Unterhaltung mit einigen Schwächen aber eben auch starken Momenten bietet.

Hinterm Horizont
© Stage Entertainment

Die große Udo-Show

„Hinterm Horizont“ schildert die deutsche Teilung aus der Perspektive Udo Lindenbergs, der sich für die Verständigung zwischen West und Ost stark machte. Als erster westdeutscher Rockstar erhielt er die Erlaubnis in der DDR aufzutreten und lernte bei seinem dortigen Gastspiel die junge Jessy kennen, sein Mädchen aus Ostberlin. Als die Stasi von der Liebe zwischen den beiden erfährt, versucht sie über die junge Frau an Informationen über den rebellischen Sänger zu gelangen. Jessy sieht sich mit der vollen Härte des Unrechtsstaates konfrontiert, während die Zukunft ihrer großen Liebe mehr und mehr ungewiss ist.

Die Geschichte von Thomas Brussig, welche er in enger Zusammenarbeit mit Regisseur Ulrich Waller und Udo Lindenberg verfasste, hat ungemein viel Potential und das Zeug, einen wirklich ergreifenden und emotionalen Musical-Abend zu kreieren. Leider gelingt die Umsetzung in meinen Augen aber alles andere als optimal. Die Dramaturgie ist wenig ausgefeilt, die Charaktere viel zu klischeehaft (die komplette STASI wird dargestellt als tölpelhafte Witzfiguren)

und der Humor ist größtenteils platter als platt. Hinzu kommt, dass etliche Szenen wie beispielsweise das Doppelgänger-Casting, Elmars Erklärung, was einen richtigen Rockstar ausmacht oder die pseudo-wissenschaftliche Analyse des Udo Lindenberg während einer STASI-Sitzung den Handlungsfluss stark bremsen und neben der Tatsache, dass sie sehr gewollt-lustig anmuten, den Panikrocker noch mehr in den Fokus der Geschichte stellen, als es ohnehin schon der Fall ist und auch nötig wäre. Dies hat neben der Frage der Sinnhaftigkeit eben auch zur Folge, dass gerade der erste Akt deutliche Längen aufweist.

Hier spielt sicherlich auch das allgemeine Problem von Jukebox-Musicals eine Rolle, dass Songs eben nicht ähnlich handlungstreibend sind wie bei „klassischen“ Musicals und teilweise in die Story konstruiert wirken. So sind der „Sonderzug nach Pankow“ oder das Lindenberg-Medley zu Ende des zweiten Aktes zwar schön anzuhören – die Frage nach dem „Warum?“ stellt sich aber trotzdem.

Ergreifende Melodien

Alex Melcher und Josephine Busch  (c) Stage Entertainment/Morris Mac Matzen
Alex Melcher und Josephine Busch © Stage Entertainment/Morris Mac Matzen

Musikalisch ist „Hinterm Horizont“ allerdings extrem stark. Die Songs reißen mit und entfalten großes Ohrwurm-Potential. Szenen wie „Moskau“ oder „Seid willkommen in Berlin“ erweisen sich eben auch aufgrund der Kompositionen als absolute Showstopper und auch die Balladen sind sehr gefühlvoll geraten. Leider – und das ist musikalisch der einzige Kritikpunkt – werden viele Songs nur angespielt bis zum ersten Chorus und entfalten daher nicht ihr komplettes Potential. Gerade das Titellied „Hinterm Horizont geht`s weiter“ hätte ich zu Beginn des ersten Aktes gern noch etwas länger gehört.

Neben den bereits benannten schwächeren Szenen sind es somit vor allem Songs wie „Verbotene Stadt“, „Mädchen aus Ost-Berlin“ oder „Bis ans Ende der Welt“, die ganz starke, intensive und beeindruckende Momente kreieren und eine Ahnung davon vermitteln, welch fantastisches Musical hier im Ganzen hätte entstehen können.

Alex Melcher und Josephin Busch tragen die Show

Ein weiterer Pluspunkt neben der tollen Musik ist die grandiose Cast, die im Stage Operettenhaus auf der Bühne steht.

Alex Melcher gibt einen charmanten und herrlich-aufgedrehten Udo Lindenberg und sorgt sowohl schauspielerisch als auch gesanglich für wahre Höhepunkte. Eine absolute Idealbesetzung!

Dies gilt auch für Josephin Busch, die mit großer Ausstrahlung und Sicherheit agiert und schauspielerisch von der Vorlage wohl am meisten gefordert ist. Ihre Stimme harmoniert mit der von Alex Melcher darüber hinaus sehr gut und beide geben ein schönes Paar ab.

Auch Nadja Petri als Jessy heute, David Nadvornik als rebellischer Sohn Steve und Marcus Schinkel als Elmar überzeugen restlos und können sowohl in ihren Songs als auch in den Dialog-Szenen auf sich aufmerksam machen.

Die weitere Cast agiert mit sehr viel Spielfreude und gibt ein harmonisches Gesamtbild ab. Hier hat Stage Entertainment wirklich alles richtig gemacht.

Stage Entertainment/Morris Mac Matzen
© Stage Entertainment/Morris Mac Matzen

Udo und Hamburg

Die Änderungen, die am Stück vorgenommen wurden, tun dem Musical gut, fallen auf, haben aber sicherlich nicht zu einer Neuinszenierung geführt, von der Ulrich Waller im Vorfeld gesprochen hat. Sicherlich wurde der Hamburg-Bezug etwas ausgebaut und ein, zwei Lieder ergänzt, aber die fundamentalen Änderungen sind ausgeblieben.

Und doch hat mich „Hinterm Horizont“ ein wenig mehr gepackt als noch in Berlin, was sicherlich auch der Größe des Theaters geschuldet ist. Die Bühne des Operettenhauses ist kleiner als die am Potsdamer Platz und das minimalistische Bühnenbild wirkt hier nicht ganz so verloren und eben eindrucksvoller. Darüber hinaus muss ich gestehen, dass mich das Finale rund um „Hinterm Horizont geht`s weiter -Reprise“, „Reeperbahn“ und „Mein Ding“ sehr mitgerissen hat und ich abschließend feststellen muss, dass „Hinterm Horizont“ solide Unterhaltung mit einigen starken Momenten, einer grandiosen Cast, aber eben auch vielen Schwächen bietet. Udo Lindenberg und Hamburg, das passt tatsächlich. Aber zwischen „Hinterm Horizont“ und mir persönlich hakt es weiterhin.

Welturaufführung: 13.01.2011 (Theater am Potsdamer Platz Berlin)
Premiere Hamburg: 10. November 2016
Aufführungsdauer: ca. 3 h, eine Pause
Musik: Udo Lindenberg
Buch: Thomas Brussig, Udo Lindenberg, Ulrich Waller
Regie: Ulrich Waller
Besetzung: Alex Melcher (Udo Lindenberg), Josephin Busch (Jessy jung), Nadja Petri (Jessy heute), David Nadvornik (Steve), Marcus Schinkel (Elmar), Boris Böhringer (Vater, Marco heute, Eddie, Prof. Scheuerlich), Holger Dexne (Stasi Patschinsky), Ralf Novak (Stasi Krause) und Weitere

Beitragsbild: © Tina Acke / Stage Entertainment

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.