Mit „Mary Poppins“ hat Stage Entertainment das berühmteste Kindermädchen der Welt zum ersten Mal auf eine große deutsche Musicalbühne geholt. Nach der deutschsprachigen Erstaufführung in Wien im Oktober 2014 wurde in Stuttgart am 23. Oktober Premiere gefeiert. Große Bekannt- und Beliebtheit verdankt „Mary Poppins“ dem gleichnamigen Film mit Julie Andrews von 1964, für das Musical wurden allerdings Elemente aus dem Film und den Büchern von Pamela Lynwood Travers zu einer etwas anderen, aber gleichermaßen magischen Handlung zusammen gezaubert.

Ein zauberhaftes Kindermädchen

Die Familie Banks hat ein Problem. Sie sind Bediensteten-technisch etwas unterbesetzt, da die Kinder Jane und Micheal gerade ihr gefühlt einhundertes Kindermädchen vergrault haben. Die Eltern George und Winifred Banks sehen kaum einen Ausweg mehr, Mrs. Banks geht sogar so weit, Mr. Banks‘ altes Kindermädchen, Mrs. Andrews engagieren zu wollen – Mr. Banks steht dem eher mit Schrecken gegenüber. In dieses Szenario taucht wie aus dem Nichts Mary Poppins auf, als hätte der Wind sie dorthin geweht. Sie entspricht genau den Wünschen der Kinder. Adrett ist sie und schlagfertig, denn „in den Besten Kreisen“ mache man es genauso wie sie es vorschlägt. Zusammen mit ihrem Freund Bert, der mal Straßenkünstler, mal Schornsteinfeger oder Straßenlaternenanzünder ist, entführt sie die Kinder in ihre wundervolle Welt, lässt sie bestimmte Situationen aus einem anderen Blickwinkel sehen und vermittelt ihnen sehr subtil, was einen guten Menschen ausmacht.

Vom Buch auf die Leinwand auf die Bühne(n)

1934 veröffentlichte Pamela Lynwood Travers den ersten von insgesamt vier „Mary Poppins“-Bänden, 1964 wurde er dann mit Julie Andrews als Mary Poppins und Dick van Dyke als Bert sehr erfolgreich verfilmt.

Kleiner Fun Fact am Rande: Für Julie Andrews war dies die erste Kinorolle und sie nahm sie nur an, weil die Eliza aus „My Fair Lady“ an Audry Hepburn vergeben wurde, Julie Andrews war damals für den Geschmack des Studiobosses noch zu unbekannt. Sehr frustrierend für sie insofern, da sie die Rolle der Eliza schon erfolgreich am Broadway gespielt hatte. Allerdings relativierte sich das wieder, als sie 1965 den Oscar für die Beste Hauptdarstellerin in „Mary Poppins“ gewann und Audrey Hepburn für „My Fair Lady“ nicht einmal nominiert wurde. Die Musik, die bis auf wenige Songs auch in der Bühnenversion zu hören ist, wurde von den Gebrüdern Richard M. und Robert B. Sherman komponiert.

Nachdem der wohl größte Produzent des West Ends, Cameron Mackintosh, 1993 die Rechte zur Entwicklung einer Bühnenadaption erwarb, wurde „Mary Poppins“ 2004 in Bristol uraufgeführt, nur um nach einem Monat Previews nach London ins Prince Edward Theatre umzuziehen, wo es bis 2008 spielte. 2006 hatte es außerdem Premiere im New Yorker New Amsterdam Theatre und schloss dort 2013. Die deutschsprachige Erstaufführung war im Oktober 2014 im Wiener Ronacher mit Annemieke van Dam und David Boyd. Letzterer ist auch jetzt in Stuttgart als Bert zu sehen. Im Januar diesen Jahres flog Mary ein letztes Mal über die österreichische Bühne, um nun seit dem 23. Oktober im Apollo Theater in Stuttgart herab zu schweben. Die Musik von den Gebrüdern Sherman wurde von George Stiles und Anthony Drewe ergänzt, Julia Fellowes überarbeitete das Buch und James Powell führt in Stuttgart Regie.

© Stage Entertainment
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Starke Darsteller, insgesamt nur kleine Schwächen

Als Mary Poppins hat man die Bühnen- und auch Stage Entertainment-erprobte Elisabeth Hübert gewinnen können. Hübert spielte bis vor Kurzem die Annette Ackermann in „Das Wunder von Bern“ und flog so direkt von Hamburg nach Stuttgart. Ihre Interpretation der Mary war ganz ohne Zweifel eine absolute Glanzleistung! Mary ist etwas strenger als im Film, nichtsdestotrotz gelingt Hübert der Balanceakt zwischen unduldsamer Matrone und liebevoller Nanny. Mary ist immer noch eingebildet und selbstverliebt, aber irgendwie absolut bezaubernd. Das einzige, was einem an Elisabeth Hübert auffallen könnte, ist, dass sie gesanglich nicht klassisch ausgebildet wurde und die Songs so einen anderen Charme als im Original haben. Eine sehr kleine Anmerkung, in allen anderen Bereichen ist Elisabeth Hübert nun wirklich völlig ohne Fehler.

David Boyd war bereits in Wien in der Rolle des Bert zu sehen. Eine Figur, die ihm wie auf den Leib geschrieben ist. In jedem Moment auf der Bühne sieht er einfach toll aus und jeder, der mit ihm spielen darf, ist zu beneiden. Der Rolle kommt außerdem sehr zugute, dass Boyd ausgebildeter Balletttänzer ist – Bert bewegt sich so mit einer wunderbaren Leichtigkeit über die Dächer Londons. Und bei dem Schornsteinfegerlied „Schritt um Schritt“ beweist er, dass man nicht nur auf dem Boden steppen kann. Man sollte noch einen kleinen Seitenblick auf Berts Berufswahl werfen: Er verkörpert immer die eher nicht so angesehenen Berufe: dreckiger Straßenkünstler, noch dreckigerer Schornsteinfeger, als Laternenanzünder ganz unten an der Karriereleiter angekommen. Doch da es um Bert, einen absoluten Sympathieträger geht, erscheinen diese Berufe in einem völlig neuen, fantastischen Licht: Er zaubert Bilder an tristen Regentagen und bringt Glück, wenn man ihm die Hand schüttelt.

Livio Cecini ist in Stuttgart als George Banks zu sehen. Den ganzen Abend hindurch erinnerte er mich stark an John Cleese, weswegen ich ihn nicht so sehr als despotisches Familienoberhaupt, sondern eher als einen in der Vaterfigur etwas verlorenen Mann gesehen habe. Das passt vielleicht weniger zu dem Familienverständnis dieser Zeit, aber umso besser zu seiner schwierigen Kindheit.

© Stage Entertainment
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Seine Frau Winifred wird – wie in der niederländischen Version – von Jennifer van Brenk verkörpert. Sie spielt die gescheiterte Schauspielerin als anfänglich etwas verlorenes graues Mäuschen, zeigt aber bei dem Streitgespräch mit Mr. Banks eine andere Seite ihrer Winifred.

In weiteren Rollen zu sehen sind Maaike Schuurmans als Mr. Banks altes Kindermädchen, der „Höllenhund“ Mrs. Andrews – eine sehr starke Performance, wobei Schuurmans gelegentlich zu „junge“ Momente hat – Mrs. Andrews müsste ja eigentlich etwas um die 70 sein. Betty Vermeulen bietet als Vogelfrau wunderbar ihr Futter für zwei Pennies an und Petra Welteroth und Niklas Abel geben als Angestellte der Familie ein sehr lustiges und auflockerndes Gespann ab.

Mary, die „Spaß-Bremse“

Die Musik kam von einer Live-Band, war aber – wie in fast allen Stage-Häusern – am Anfang zu laut, bis sich das Ohr langsam daran gewöhnte. Besonders schade war das aber bei der Steppnummer der Schornsteinfeger, da man die Tänzer kaum verstanden hat und alles auch eher matschig und dumpf klang.

Zentraler Punkt des Bühnenbildes war das große Haus der Familie Banks, das sich in bester Origami-Manier auffalten lässt und stark an ein Puppenhaus erinnert. Auf insgesamt drei Etagen spielen sich die Szenen ab, nur hätte man meiner Meinung nach daraus mehr machen können. In der ersten Etage etwa sind zusätzliche Türen ziemlich plump aufgemalt, das war insofern sehr schade, da sich die Bühnenbildner durchaus mit illusionistischen Zeichnungen auskennen, wie man bei dem Bühnenbild der Bank sehen kann. Auch wäre es gerade bei so einer großen Bühne schön, mehrere Ebenen zu bespielen, was – ausgenommen von dem Haus – nur äußerst selten passierte. So wirkte die ganze Choreographie des Parkspaziergangs eher wirr und ohne Struktur, wobei sie mit den fantastischen Tänzern großes Potenzial gehabt hätte (Choreographie: Matthew Bourne).

© Stage Entertainment
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Trotzdem sind einige sehr schöne Ideen umgesetzt worden wie etwa das Ensemble bei dem Drachenlied (sehr, sehr schöne Technik bei den Drachen übrigens!), das im Hintergrund wie ein Scherenschnitt beleuchtet aussieht. Etwas plump sah es für mich aus, wenn Mary einen Zauber wirkte. Dann wurde der jeweilige Gegenstand mit grünen Lichtpunkten beleuchtet, wie sie zu Weihnachten an amerikanischen Häusern zu sehen sind. Das hat seine Wirkung zumindest bei mir leider komplett verfehlt, aber bei Preisen von bis zu 165 Euro pro Karte war dies bestimmt kein Budget – Problem. Es sei denn, das Budget ging für den 9 Meter großen Regenschirm mit Papageienknauf drauf, der zwar sehr hübsch aussah, aber sonst auch keine Aufgabe hatte.

Definitiv erwähnenswert sind die Kostüme (Bühnen- und Kostumdesign: Bob Crowley). Mary sieht natürlich immer fantastisch aus, aber besonders achten sollte man auf die Szene kurz vor dem Parkspaziergang, denn die Personen tragen in der Szene davor und währenddessen die gleichen Kleider, nur ungemein bunter! Achtet hierbei auf Bert, der mit seinem Pinsel dem Polizisten hinterherläuft und ihn ebenfalls einfärbt. In die Kostüme der Schornsteinfeger wurden rund 6000 Swarovski-Kristalle eingenäht. Sie glitzern zwar sehr hübsch, aber warum tun sie das? Um zu zeigen, dass sie nicht dreckig sind? Wer eine Antwort weiß, darf sehr gerne kommentieren!

In Vorbereitung auf den Musicalabend habe ich mich noch einmal eingehend mit dem Mythos „Mary Poppins“ beschäftigt, soll heißen, ich habe das Buch gelesen. Was mir dort immer wieder in den Sinn kam: Warum ist Mary Poppins so populär und so geliebt? Mal ganz davon abgesehen, dass ich so manche Erziehungsmethoden aus heutiger Sicht nicht gutheißen kann, ist Mary ja an und für sich keine nette Person, eigentlich ist sie eine ziemlich eingebildete Spaßbremse. Wie gesagt, hier geht es um die Figur, wie sie im Buch dargestellt wird! Doch nach diesem Musicalbesuch habe ich es verstanden. Ich finde zwar immer noch, dass sie eine eingebildete Spaßbremse ist, aber der Zauber, der sie umgibt, hat auch mich an diesem Abend in den Bann gezogen.

Tickets für „Mary Poppins“ in Stuttgart findet ihr hier

Uraufführung: 15.9.2004 (Bristol Hippodrome, Bristol, England)
Premiere Stuttgart: 23.10.2016 (Stage Apollo Theater Stuttgart)
Besuchte Vorstellung: 10.11.2016
Musik/Lyrics: Robert B. & Richard M. Sherman / George Stiles& Richard Drewe
Buch: P. L. Travers / Julian Fellowes
Deutsche Texte/ Buch: Wolfgang Adenberg / Ruth Deny
Regie: Richard Eyre / James Powell
Choreographie: Matthew Bourne
Bühnen- & Kostümbild: Bob Crowley
Besetzung: Elisabeth Hübert (Mary Poppins), David Boyd (Bert), Livio Cecini ( George Banks), Jennifer van Brenk (Winifred Banks), Maaike Schuurmans (Mrs. Andrew), Betty Vermeulen (Vogelfrau), Petra Welteroth (Mrs. Brill), Niklas Abel (Robertson Ay), Dirk Lohr (Admiral Bloom/Generaldirektor), Maria Danae-Bansen (Alternierende Mary Poppins/Cover Winifred Banks), Maryanne Kelly (Walk In Miss Andrew/Vogelfrau/Mrs. Brill), Anastasia Bain (Mrs. Cory), Roimata Templeton (Miss Lark/Cover Vogelfrau), Lisa Kolada, Lydia Bannister, Brittany Hope, Nandi von Beurden, Julie-Denise Hyangho, Karina Rapley, Melanie Orter-Stassen, Maik Lohse, Joshua Denyer, Marco Heinrich, Stefan Preuth, Christopher Bolam, Calum Flynn, Matt Cox, Andrea Luca Cotti, Dennis Hupka, David Hardenberg, Fabian Kaiser u.a.

Beitragsbild: © Stage Entertainment