Ein unerwarteter Stau, unzuverlässige Navigationsgeräte, Bahn-Verspätungen und -Ausfälle – auf dem Weg ins Musical-Theater kann Vielerlei passieren und nicht immer schafft man es – trotz gewissenhafter Planung – pünktlich in eine Vorstellung. Was nun? Wird man überhaupt noch in den Saal gelassen? Und warum beharren Vorderhaus-Mitarbeiter darauf, gewisse Szenen für den Nacheinlass abzuwarten? Alles Willkür? Mitnichten. Hier ein paar Hintergrundinformationen für den Umgang mit „Zuspätkommern“.

Um dies gleich klarzustellen: Für mich persönlich gibt es nichts Schlimmeres, als sich monatelang auf einen Musical-Besuch zu freuen, nur um dann – aus welchen Gründen auch immer – zu spät im Musical-Theater anzukommen, durch das Parkhaus zu hetzen und in einem vollkommen leeren Foyer zu landen, während sich mehr als tausend anderer Leute bereits im Saal befinden und eine Show genießen. Ich bin sehr glücklich, dass mir dies bisher erst ein einziges Mal passiert ist – oft war es aber mindestens knapp und die Gefühlsachterbahn, die ich in solchen Momenten durchlebt habe, hat mich zu einem eher unentspannten Reisegefährten werden lassen. Schließlich investiert man nicht nur viel Vorfreude in einen Musical-Besuch, sondern auch viel Geld, muss gerade bei Großproduktionen sehr! teure Kartenpreise, häufig samt Anfahrt und Hotelübernachtung bezahlen. Dass man dann den Anfang einer Show verpasst und beim Eintreffen im Theater noch nicht einmal direkt in den Saal gelassen wird, ist – wie man sich vorstellen kann – ein großes persönliches Ärgernis. Wenn man dann noch an Vorderhaus-Mitarbeiter gerät, die nicht gerade die verbalen Samthandschuhe tragen, kann es da auch schnell passieren, dass man die Schuld bei anderen sucht und die Wut auf Theater-Offizielle überträgt.

So, ich bin da. Ich will jetzt rein!

Ich habe allergrößtes Verständnis für diejenigen, die zu spät kommen und hierüber not amused sind. Ich habe aber auch Verständnis für die Vorderhaus-Mitarbeiter und deren Verhalten – wohl auch, weil ich während meiner Ausbildung selbst in der Gästebetreuung gearbeitet und einiges erlebt habe. Die einen nehmen die Situation hin und suchen vor allem bei sich selbst nach der Schuld für die Verspätung, andere machen das Theater, die schlechte Beschilderung oder das Verhalten Dritter für das späte Erscheinen verantwortlich und kommunizieren dies auch mit Nachdruck. Unabhängig von dem Reflektionswillen Einzelner können viele vor allem eines nicht verstehen: Warum wird man nicht direkt in den Theatersaal gelassen? Schließlich ist man jetzt ja da.

Solche Situationen sind kommunikative Herausforderungen für die Theater-Mitarbeiter und sicherlich finden manche hier nicht die richtigen Worte oder den passenden Ton, was die Verärgerung einzelner Gäste nur steigert. Diese haben grundsätzlich das Recht auf eine kundenfreundliche Betreuung und viele Erklärungs-Stunts, von denen in Foren berichtet wird, würden mich als Gast wohl auch nicht gerade beruhigen. Der Ton macht schließlich die Musik. Wenn ich aber von Forderungen lese, die sollen doch im Vorderhaus alle mal kulanter sein und mich einfach reinlassen, sobald ich da bin und die Warterei sei willkürlich, dann finde ich dies – vorsichtig ausgedrückt – fragwürdig. Ich hoffe, hier nun ein wenig Licht in dieses häufig diskutierte Thema bringen zu können.

Restriktive Kulanz

Grundsätzlich gilt: Kein Einlass nach Vorstellungsbeginn. Dies ist der rechtliche Rahmen, in dem wir uns bewegen. Nun wird dies von Theater zu Theater unterschiedlich gehandhabt. Gerade Stadttheater sind teilweise sehr restriktiv und auch wir erlauben bei unserer aktuellen Produktion von „tick…tick…BOOM!“ in Bremen keinen Nacheinlass, weil die Zuschauer den Saal über die Bühne betreten müssen.

Gerade bei den großen Long-Run-Produzenten wie Stage Entertainment oder Mehr! Entertainment wird dies aber etwas lockerer gehandhabt. Hier hat man bei den großen Shows immer die Möglichkeit, zu bestimmten, von den Lizenzgebern bestimmten Szenen in den Saal gelassen zu werden. Dies ist aber pure Kulanz und nicht als selbstverständlich hinzunehmen!

Bei Stage Entertainment-Großproduktionen wie „Der König der Löwen“, „Das Wunder von Bern“, „Mary Poppins“, „Tarzan“ oder „Tanz der Vampire“ wurden im ersten Akt ca. drei bis vier Szenen von den jeweiligen Produzenten und Lizenzgebern festgelegt, während denen es dem Vorderhaus erlaubt ist, mit Taschenlampen bewaffnet Gäste in den dunklen Saal zu bringen. Meist sind dies die weniger dramatischen Momente im Musical, in denen eine Störung von außen nicht übermäßig schlimm ist, Ablenkungs-minimierend könnte man dies auch bezeichnen. Man stelle sich vor, Gäste würden bei „Elisabeth“ während „Ich gehör nur mir“ in den Saal gebracht. Ein absolutes Unding! So sind es die heiteren, weniger handlungstreibenden Szenen, die für den Nacheinlass auserkoren werden, bei „Das Wunder von Bern“ beispielsweise „So wird dat nie wat“ oder bei „Der König der Löwen“ das Lied „Die Jagd der Löwinnen“.

Und dann steht plötzlich von Krolock vor dir

Dies ist eine absolut sinnvolle Handhabe, da ein permanenter, nicht an Szenen gebundener Nacheinlass eine enorme Störung von Darstellern und Publikum sowie ein hohes Sicherheitsrisiko bedeuten würde. Man stelle sich vor, man würde als Gast bei „Der ewige Kreis“ direkt in den großen Elefanten rennen oder dem Grafen von Krolock vor „Gott ist tot“ über den langen Mantel stolpern. Von Shows wie „Tarzan“ oder „Starlight Express“ jetzt mal ganz abgesehen.

Darüber hinaus bekommen Darsteller sehr wohl mit, was im Publikum passiert. Wenn die Saaltür aufgeht und ein Lichtschein vom Foyer in den Saal fällt, ist das eine große Ablenkung. Ich selbst weiß noch, wie ich einmal zwei Gäste, die etwa zehn Minuten zu spät waren, auf ihre Plätze im Parkett, Reihe 1 Mitte, bringen musste. Bis ich die beiden Herrschaften einmal in Dunkelheit 30 Reihen nach vorne gelotst hatte, waren schon ein paar Sekunden vergangen. Dann merkte ich dummerweise, dass andere Gäste bereits auf besagten Plätzen Platz genommen hatten. Nun standen wir also zu dritt direkt vorm Dirigenten in einem ausverkauften 2000-Plätze-Theater und ich musste den falsch sitzenden Gästen im Dunkeln begreifbar machen, dass sie bitte aufstehen mögen. Natürlich verstanden diese das nicht, weil sie nicht den Unterschied zwischen Rang (wo sie eigentlich Plätze in der ersten Reihe hatten) und Parkett kannten und auch nicht kennen wollten. Als mich irgendwann die ersten Darsteller ungläubig anstarrten und ich die beiden Herrschaften in der ersten Reihe nicht zum Aufstehen bewegen konnte, trat ich dann den Rückzug an und manövrierte die beiden Zuspätkommer auf die einzigen freien Plätze im ersten Rang. Eine unschöne, zumal sehr schweißtreibende Situation, die erst in der Pause gelöst werden konnte.

Fakt ist aber: Ich habe – nicht intendiert – ziemlich viel Unruhe bei Darstellern und Publikum gestiftet und viele zeigten sich danach verärgert. Auch zurecht, weil die Cast durch die Saal-Action aus ihren Rollen herausgerissen wurde und sich nicht voll auf ihre Performance konzentrieren konnte. Was diese kleine Privat-Show in Reihe 1 für das Show-Erlebnis des Publikums bedeutet hat, brauche ich wohl nicht weiter auszuführen. Meine Rettung war nun, dass die Szene sowieso eher klamaukig war. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn ich so etwas während „Der letzte Tanz“ oder „Einladung zum Ball“ abgezogen hätte.

Jetzt seid doch mal nicht so!

Sollten sich die Vorderhaus-Mitarbeiter nun aber trotzdem mal ein bisschen lockerer machen und bei nicht ausverkauften Shows die Gäste einfach willkürlich in den Saal bringen und auf die Vorgaben der Lizenzgeber pfeifen? Ich kann es gar nicht klarer sagen: N.E.I.N.! Zwar ist es verlockend, – auch für Mitarbeiter – Gäste einfach auf noch freie Plätze im hinteren Parkett oder Rang zu bringen statt sie warten zu lassen, aber die Ablenkung der Darsteller ist weiterhin gegeben und darüber hinaus sitzen Verantwortliche der Produktion im Saal, wie zum Beispiel der künstlerische Leiter oder der Stage Manager. Letzterer verfasst zu jeder Vorstellung einen Showbericht und vermerkt auch, ob Nacheinlässe gut geklappt haben. Würde ein Mitarbeiter nun Gäste außerhalb der vorgegebenen Szenen nacheinlassen, würde das dem ganzen Vorderhaus erheblichen Ärger – teilweise von allerhöchster Lizenzgeber-Stelle – bescheren. Glaubt mir: Dem sollte sich kein kleiner teilweise über externe Dienstleister beschäftigter und damit Produktions-unabhängiger Angestellter aussetzen.

Um das nochmal klar zu sagen: Wenn man zu spät kommt, darf man sich ärgern. Wenn hierfür tatsächlich eine fehlerhafte Beschilderung oder anderweitige externe Begebenheiten verantwortlich sind, darf man auch gern etwas ungemütlicher auftreten und eine unfreundliche Betreuung durch Vorderhausmitarbeiter ist in jedem Fall ein Unding. Aber man sollte nicht unreflektiert auf einen sofortigen Nacheinlass bestehen und sich – so schwer es ist – in Verständnis für die Situation üben und vielmehr noch Rücksicht auf Darsteller, Publikum und die eigene Sicherheit nehmen. Es ist unser aller Theater-Erlebnis, das Musical kreiert die schönsten und einzigartigsten Momente – es sollte in niemandes Interesse sein, dies nachhaltig zu stören.

Beitragsbild: © KULTURPOEBEL.de / Marina Pundt

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.