Kürzlich verriet Stage Entertainment-Gründer Joop van den Ende in einem Interview mit der niederländischen Zeitung „De Volkskrankt“ seine Pläne für „Hamilton“ in Deutschland. Demnach sei geplant, den Broadway-Blockbuster 2019 in Deutschland und danach in den Niederlanden zu zeigen. Diese Meldung heizte die ohnehin schon gern geführten Diskussionen weiter an, ob „Hamilton“ auch hierzulande funktionieren könnte. Glaskugelschau ist immer ein mühseliger Zeitvertreib, ganz ausschließen sollte man einen potentiellen Erfolg aber nicht.

Scheinbar wagt die Stage Entertainment etwas. Dies zumindest ist überraschender als die eigentliche Stückwahl, denn nachdem sich das Unternehmen Jahre lang mit großem Enthusiasmus an einem ewig redundanten Programm erfreute und viele Musical-Fans den deutschen Ensuite-Standorten längst den Rücken gekehrt haben, bringt die Stage bald also ein Stück nach Deutschland, dessen kommerzieller Erfolg immerhin ein großes Wagnis darstellt. Damit hatten wohl die wenigsten gerechnet – trotz des unglaublichen und wohl auf Jahre unnachahmbaren Erfolges und Hypes rund um die aktuellen Produktionen am Broadway und in Chicago.

© Joan Marcus / PR
© Joan Marcus / PR

Ganz so fern liegt diese Wahl auch für ein wirtschaftlich denkendes Unternehmen aber nicht. Ein Stück, das am Broadway seit über einem Jahr erfolgreicher läuft als „Der König der Löwen“, bis Mitte 2017 so gut wie ausverkauft ist und sogar schon in Deutschland nicht zuletzt durch die öffentliche Auseinandersetzung mit Donald Trump und Mike Pence Aufsehen erregt hat, ist zumindest keine mutigere Wahl als hierzulande ebenfalls unbekannte Musicals wie „Waitress“, „Fun Home“ oder vormals „Wicked“. Natürlich bedeutet ein Broadway-Erfolg keinen automatischen Deutschland-Erfolg, aber ein Stück, das sich in den USA so unfassbar und beinahe pervers gut verkauft, MUSS man als Musical-Produzent zwangsläufig auch für andere Märkte auf dem Schirm haben!

Hinzu kommt, dass „Hamilton“ auch künstlerisch ein absoluter Meilenstein des Genres ist und dem Musical als Solches neue Akzente setzt. Davon zeugen neben dem Hype, der mehr durch Qualität des Stückes als durch pures Marketing zu erklären ist, auch 8 Drama Desk Awards, 11 Tony Awards und nicht zuletzt ein Grammy und der renommierte Pulitzer-Preis.

Geht der Traum der deutschen Musical-Fans also in Erfüllung?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Man liest und hört sehr unterschiedliche Reaktionen auf die Verlautbarungen. Neben großem Jubel liest man teilweise auch von Gleichgültigkeit dem Stück gegenüber oder Zweifeln, dass dieses Stück als Long-Run die großen Massen anziehen kann.
Jeder soll seine Meinung haben und vertreten dürfen und was den einen gefällt, stößt bei anderen eben auf weniger Begeisterung. Neben begeisterten Stimmen hört man hier und da auch von einzelnen, die dem Stück wenig abgewinnen konnten, was auch vollkommen in Ordnung und bei jedem anderen Musical auch der Fall ist. Jeder erlebt ein Musical nunmal anders und wendet auch seine ganz subjektiven Kriterien bei der Bewertung einer Show an.

Die „Interessiert-mich-nicht-Ich-mag-kein-Hip-Hop-Was-so-gehypt-wird-kann-gar-nicht-gut-sein“-Fraktion finde ich dahingehend erwähnenswert, als dass mir diese bei „Hamilton“ in besonderem Maße auffällt. Hieraus spricht in den meisten Fällen Skepsis dem Inhalt, aber eben auch dem für Musicals ungewohnten Musik-Stil gegenüber. Auch ich bin nicht mit wehenden Fahnen in diese Show gerannt, weil ich Hip Hop und RnB für gewöhnlich sehr, sehr wenig abgewinnen kann.

Umso überraschter war ich, als sich eine Gänsehaut nach der anderen bei mir einstellte und ich von dieser Fülle an Showstoppern und ergreifenden, innovativen Melodien einfach nur sprachlos zurückgelassen wurde. Mittlerweile würde ich sogar so weit gehen, zu behaupten, dass „Hamilton“ – meiner Meinung nach – den überzeugendsten Musical-Score überhaupt sein Eigen nennen darf. Dies ist aber wieder ein Thema für sich und sei nur aufgeführt, um den „Hamilton“-Skeptikern Mut zu machen, sich einmal durch die Spotify-Playlist zu klicken.

Insofern bin ich begeistert von dieser Entscheidung, sofern sie denn Wirklichkeit wird, denn in drei Jahren kann sehr viel passieren und bei den neuen Stage Entertainment- Anteilsverteilungen ist von außen schwer einschätzbar, welches Gewicht das Wort des Firmen-Gründers noch hat.

Aus unternehmerischer Sicht liegt die Wahl wie oben beschrieben nicht im Bereich des absolut Überraschenden (auch aus Sicht der Produktionskosten, da das Bühnenbild sehr einfach gehalten ist), obgleich man der Stage Entertainment endlich mal wieder – und in einem Maße wie seit „Wicked“ nicht mehr – viel Mut attestieren muss. Kann „Hamilton“ in Deutschland als Long-Run also funktionieren und acht Shows die Woche circa 2.000 Plätze füllen – fernab von der Standortdiskussion, die spannend zu verfolgen sein wird?

Wenn alles bleibt wie immer, sieht es schlecht aus…

In meinem Artikel „Warum die aktuellen Broadway-Hits in Deutschland nicht funktionieren würden“ vom Februar diesen Jahres habe ich die Aussichten hierfür sehr negativ bewertet und geschrieben:

„Das Ende vom Lied ist nun, dass die Stage Entertainment seit Jahren das gleiche Publikum bespaßt – nämlich mittelalte bis alte, meist weibliche Personen mit einem soliden Finanzstatus, die einmal im Jahr mit Gatten und Kindern so richtig unterhalten werden möchten – samt Piccolöchen in der Pause versteht sich. Das Musical ist ein teurer Spaß, Angebote wie Day Seats, TKTS oder Ähnliches existieren nicht und die super-tollen Young Tickets sind auch ziemlich frech, wenn man bedenkt, dass 40 Euro für Studenten eben wider Erwarten nicht gerade ein Schnäppchen sind!

Wollte man nun „Hamilton“ nach Deutschland bringen, so hätte sich an der Zielgruppe des Stückes nichts geändert. Ein Hip-Hop/RnB- Musical spricht nunmal eben nicht Oma Erna und Opa Helmut an, sondern eher deren Enkel. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn das Musical jetzt in Hamburg gezeigt würde. Einziges Problem: Wie sollen denn die ganzen jungen Menschen, die einmal jährlich in den „König der Löwen“ mitgeschleppt werden und das auch ganz gut finden, nun wissen, dass „Hamilton“ ein Musical ist, das in ihrer Sprache geschrieben und in jener Musik komponiert ist, mit der sie sich identifizieren können? Ein Stück eben, das sie beeindruckt und berührt und ihnen vor Augen führt, dass Musical weit mehr vermag, als bloß zu unterhalten? Da kann eine Marketing-Abteilung noch so gut sein: das Stück würde wahrscheinlich floppen. Denn die Zielgruppe von „Hamilton“ ist für das Musical als Genre eben in Deutschland nicht erschlossen.“

Das sehe ich auch heute noch genauso: Wenn die Stage Entertainment ihrer Zielgruppendefinition treu bleibt, dieselben Marketing-Maßnahmen anwendet wie sonst (Helene Fischer-Show, Carmen Nebel, etc.), Michael Kunze übersetzt und die gleichen horrenden Preise genommen werden, sehe ich wenige Chancen, dass „Hamilton“ auch hierzulande erfolgreich sein kann.

Soweit muss es aber ja nicht kommen und ich persönlich bin der Meinung, dass „Hamilton“ unter gewissen Bedingungen sehr wohl als deutscher Long Run funktionieren kann.

Das Thema ist doch viel zu amerikanisch…

An diesem Argument scheiden sich nicht erst seit „Hamilton“ die Geister. Kann ein Stück über einen amerikanischen Gründervater in Deutschland gut gehen? Ich glaube, dass es sich hierbei sowieso um einen der größten Irrtümer überhaupt handelt, ein Stück muss ja nicht per se urdeutsch sein, um hierzulande erfolgreich zu laufen und von Interesse zu sein. Sicherlich, Alexander Hamilton ist den allerwenigsten in Deutschland ein Begriff, aber ist das denn so wichtig? Das Musical erzählt die Geschichte eines armen Außenseiters, der es bis zur rechten Hand George Washingtons schaffte, ein extrem bewegtes Leben führte und schließlich im Schießduell mit seinem einstigen Freund starb. Darüber hinaus geht es vor allem um die Frage, was von einem selbst bleibt, wenn man nicht mehr da ist, um das eigene Vermächtnis eben. Das finde ich persönlich sehr viel spannender als ein Musical über Katzen oder das Wettrennen von Eisenbahnen. Nur weil der Name eines Musicals bei einem Publikum nicht bekannt ist, heißt es nicht, dass das Stück kein Erfolg werden kann. Sicherlich hat es ein solches Stück aber schwerer als ein „Ich war noch niemals in New York“ oder „Mamma Mia“, aber ein Hip Hop Musical über „Konrad Adenauer“ halte ich nicht für aussichtsreicher als eines über Alexander Hamilton.

Die historische Evita ist in Deutschland auch nicht über alle Maßen bekannt gewesen, trotzdem hat es das Musical nicht nur hier zu großem Erfolg gebracht. Auf der anderen Seite sind Musicals mit deutschen Themen wie „Das Wunder“ oder „Frühlings Erwachen“ (Wien) kommerziell nicht die großen Würfe gewesen. Auch hierüber könnte man stundenlang diskutieren und die Meinungen gehen sehr stark auseinander. Ich bin aber überzeugt davon, dass ein unbekannter Name beziehungsweise eine unbekannte Handlung noch lange keinen Flop zur Folge haben (eine andere Feststellung wäre für das Genre sehr traurig), allerdings macht es eine unbekannte Vorlage schwerer, ein Stück auf Anhieb zum großen Blockbuster werden zu lassen. Schwerer, aber nicht unmöglich!

© Joan Marcus / PR
© Joan Marcus / PR

An dieser Stelle ist sicherlich ein gutes, zielgruppenorientiertes, modernes Marketing gefragt, die Ressourcen um ein solches zu leisten, sollte die Stage Entertainment haben. Viele Youtube-Videos, virales Marketing, Influencer-Marketing und entsprechende Blogger-Relations werden meiner Meinung nach ein nicht zu verkennender Schlüssel für den Erfolg sein. Auftritte in der „Helene Fischer“-Show eher weniger.

Die Übersetzung kann doch gar nichts werden…

Ja, das ewige Übersetzungs-Thema macht „Hamilton“ auf Deutsch zu einer enormen Herausforderung für jede Vorstellungskraft. Klar ist auch: Wenn das Stück eine Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Übersetzung von den ewig bekannten Kunzes-Adenbergs-Schröders bekommt, wird das Stück sehr viel an Qualität verlieren. Viele sind auch der Meinung, „Hamilton“ sei nicht übersetzbar und sollte lieber auf Englisch gespielt werden. Auch mir blutet ein wenig das Herz, bei der Vorstellung, die sehr poetischen und kraftvollen Lyrics könnten an Aussagegehalt verlieren, aber ein Long-Run in Deutschland auf Englisch ist kommerziell purer Selbstmord. Wenn die Produzenten aber Hip-Hop-affine Wortpoeten finden, die sich weniger an eine Übersetzung, als vielmehr eine etwas freiere Adaption trauen, könnte das Ergebnis vielversprechender als gedacht werden. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Es gibt keine geeigneten Darsteller in Deutschland…

Die Besetzung des Musicals überträgt die aktuelle Bevölkerung Nordamerikas auf die damalige und nicht zuletzt der Auruf zu einem „Non-White-Casting“ sorgte am Broadway für teils heftige Reaktionen. Es wird nicht einfach sein, hierzulande Darsteller zu finden, die mit denen am Broadway mithalten können. Aber wie van den Ende verriet, wähle man aktuell Künstler aus der Hip Hop-Szene aus, die man nun in Schauspiel und Tanz coachen würde. Eine Musicaldarsteller-Ausbildung für Rapper sozusagen. Ein nachvollziehbarer und richtiger Schritt, obgleich man Musicaldarsteller, die rappen können, nicht vom Casting ausschließen sollte. Geht man diesen Weg weiter, könnte auch aus Darstellersicht eine sehr authentische und hochwertige deutschsprachige „Hamilton“-Produktion entstehen. Und verpflichtet man noch ein, zwei bekanntere Rapper, so könnte man diese als Influencer für Musical-ferne Zielgruppen instruieren, was gleich zum nächsten Punkt überleitet:

© Joan Marcus / PR
© Joan Marcus / PR

Das aktuelle Stage-Publikum wird mit „Hamilton“ nichts anfangen können

Dies habe ich bereits vorangehend erläutert. „Hamilton“ bietet nun die Chance, sich Publika zu erschließen, die mit Musicals bislang eher Negatives assoziiert haben. „Hamilton“ bietet das Potential, junge Menschen anzusprechen und vor allem mit der Erkenntnis nach Hause zu schicken, dass Musical eben vielseitig ist. Somit kann „Hamilton“ eben auch mit Vorurteilen aufräumen und Lust auf dieses Genre als Ganzes machen,…

…wenn denn der Preis stimmt.

Ein sehr wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Punkt! Neue Zielgruppen bedeuten auch neue Preise. Und neue Preise bedeuten nicht 160 Euro an einem Samstag-Abend oder Young-Tickets für 45 Euro inklusive aller Gebühren. Wissen die Leute nicht, was sie erwartet, muss man auch die preisliche Schwelle etwas herabsetzen und ein Publikum mit entsprechenden Angeboten – seien es jetzt Day-Seats, Lotteries oder Ahnliches – locken. Fakt ist: Die aktuelle Preispolitik würde bei „Hamilton“ wahrscheinlich mäßig funktionieren.

Das alles liest sich nach einem „How to do „Hamilton“ in Deutschland“-Guide. Dies ist zugegebenermaßen vermessen, da ich die genauen Lizenzbedingungen nicht kenne und wie alle anderen auch nur Vermutungen anstellen kann und es immer leichter ist, Ratschläge zu geben, als etwas wirklich umsetzen zu müssen. Viele meiner Ansichten sind auch absolut diskutierbar und bilden auch nur einen bestimmten Standpunkt in der Diskussion ab.

Alles, was ich hiermit sagen möchte, ist: „Hamilton“ kann sehr wohl scheitern! Es kann aber genauso gut funktionieren. Nämlich dann, wenn man einen vernünftigen Standort findet, eine gute Marketing-Strategie fährt, die Preispolitik anpasst, sich ein neues Publikum erschließt und künstlerisch die richtigen Stellschrauben dreht. Alleine der Mut zu diesem Stück ist aber absolut lobenswert! Warten wir ab, was daraus wird und hoffen wir das Beste.

Beitragsbild: © Joan Marcus

TEILEN
Vorheriger ArtikelNews: Neuverfilmung von „Little Shop of Horrors“ geplant
Nächster ArtikelReview: „Evita“ in Darmstadt – Starke Inszenierung eines Klassikers
Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.