Natürlich ist die Entscheidung, ob man ein Musical mag oder nicht, sehr subjektiv und oft auch durch Vorurteile geprägt. Wenn ich ABBA hasse, werde ich „Mamma Mia“ auch nicht mögen. Wenn ich kein Fan von schnulzigen Storylines bin, werde ich meine Augen in „Phantom der Oper“ kaum offen halten können. Wenn ich Boxen nicht mag, ist „Rocky“ nichts für mich. Oder doch?

Im Januar findet die Denière von „Rocky“ im Stuttgarter Palladium Theater statt. Mein Herz blutet. Ja wirklich. Ich gebe zu, dass ich nicht unbedingt begeistert war, als ich hörte, dass Stage Entertainment  sich an den Oscar-prämierten Filmstoff aus dem Jahr 1976 macht und drückte mich einige Monate davor, mir „Rocky“, damals noch im Hamburger Operettenhaus, anzusehen.

Viele vermuten vielleicht, dass ich mit dem Thema „Boxen“ oder mit Sylvester Stallone nichts anfangen kann und ich deshalb einer Musicalversion des Stoffes so skeptisch gegenüber stand.  Aber das Gegenteil ist der Fall: ich habe ALLE „Rocky“-Filme mehrmals gesehen, habemir Sylvester Stallone zuliebe sogar die „Rambo“-Teile angeschaut und manchmal sitze ich Samstag-abends lieber vorm Fernseher und schaue Boxkämpfe anstatt betrunken durch irgendwelche Clubs zu torkeln.

© Stage Entertainment
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Genau wie bei der Verfilmung meiner Lieblingsbücher bekam ich nun also Angst, dass Stage Entertainment mir durch das Musical meine perfekte „Rocky“-Illusion, die durch die Filme in meinem Kopf vorherrschte, zerstört. Nichtsdestotrotz konnte ich mich eines Tages nicht mehr wehren und betrat, auf Rasmus` Empfehlung hin, gemeinsam mit ihm das Operettenhaus. Drei Stunden später stand ich quasi auf der Lehne meines Sitzes, um Rocky (damals Drew Sarich) bei seinem Endkampf gegen Apollo Creed anzufeuern.

Danke, Stage Entertainment

So kritisch ich dem Produktionsunternehmen Stage Entertainment, beziehungsweise dessen Stück- oder Castingentscheidungen sowie deren Preispolitik gegenüber stehe, im Fall von „Rocky“ muss ich sagen: Danke.

Das Musical wurde von Stephen Flaherty (Musik), Lynn Ahrens (Liedtexte) und Thomas Meehan (Buch) geschrieben, Regie führte Alex Timbers, der unter anderem als Co-Creator der Amazon-Serie „Mozart in the Jungle“ bekannt ist. Neben den Produzenten Stage Entertainment und Sylvester Stallone himself, fungierten die Klitschko-Brüder als Co-Produzenten.

Nach einer achtjährigen Vorbereitungszeit gab es 2011 den ersten Workshop in New York auf den auch prompt die Bekanntmachung der Premiere von „Rocky“ am 18. November 2012 in Hamburg folgte. Das Projekt war mit seinen rund 20 Millionen Dollar Produktionskosten, von denen allein 4,3 Millionen Dollar auf das gigantische Bühnenbild gehen, ein großes Risiko für die Produzenten. Die Story um den erfolglosen Boxer Rocky Balboa, der eines Tages die (vermeintlich aussichtslose) Chance bekommt, gegen den Schwergewichts-Weltmeister Apollo Creed zu kämpfen, spricht auf den ersten Blick nicht unbedingt eine große Zielgruppe an: Männer gehen (angeblich) nicht gern ins Musical, Frauen zwar schon, aber sie stehen (angeblich) nicht auf Boxen. So zumindest das Klischee.

© Stage Entertainment
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Zum Glück gab es ja noch die Liebesgeschichte zwischen Rocky und der schüchternen Adrian, die man marketingtechnisch verkaufen konnte. Trotz der verschiedenen Werbestrategien und –kampagnen, die nacheinander auf die unterschiedlichen Aspekte des wirklich vielseitigen Musicals aufmerksam machen sollten, blieben in Hamburg irgendwann die Zuschauer aus. Inoffiziell natürlich, aber wer, wie ich, öfter in „Rocky“ war, konnte das ausgedünnte Parkett und den geschlossenen Rang im Operettenhaus irgendwann nicht mehr ignorieren. Im August 2015 verließ das Musical  also Hamburg und zog weiter nach Stuttgart, wo Rockys letzter Kampf nun am 12. Januar 2017 stattfindet. Wie die Stuttgarter Zeitung berichtet, sind nun aber wirklich die fehlenden Besucher Schuld, denn anscheinend war „Rocky“ für eine Laufzeit von zwei Jahren angelegt, die nun auf 14 Monate verkürzt wurde, um Platz für „Tanz der Vampire“ zu machen. Am Broadway konnte „Rocky“ leider auch nicht die Massen mobilisieren und schloss hier ebenfalls nach wenigen Wochen, weil die Show mit ihren hohen Produktions- und Aufführungskosten schon eine sehr hohe Auslastung benötigt, um schwarze Zahlen zu schreiben.

Wie es mit diesem tollen, aber kommerziell scheinbar wenig erfolgreichen Musical nun also weitergeht, ist schwer zu sagen. Ich muss aber zugeben: Ich bin leider nicht sehr optimistisch, dass „Rocky“ in nächster Zeit wieder im deutschsprachigen Raum aufgeführt wird.

Von Liebe, Hass und Ignoranz

Fakt ist aber auch, dass sich die Geister der Musical-Fans an „Rocky“ scheiden: Die einen lieben es, die anderen finden es langweilig und musikalisch schwach und viele interessiert es einfach nicht. Woran liegt das? Ist die Zielgruppe von „Rocky“ wirklich so divers? Sind die Musical-Fans und das allgemeine Publikum nicht offen für neue oder – auf den ersten Blick – abwegige Stoffe? Oder ist das Musical einfach schlecht?

Diese Frage global zu beantworten steht mir nicht zu und wäre sowieso ein höchst subjektives Unterfangen. Jeder Musical-Fan oder zumindest -Interessierte hat seine ganz eigenen Gründe, „Rocky“ zu lieben, zu hassen oder zu ignorieren, ich selbst kann hier nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen:

Ich selbst war überaus skeptisch gegenüber „Rocky“ und habe es von der ersten Sekunde an geliebt. Allein das Bühnenbild hat mich von Anfang an aus dem Stuhl gerissen und ist den Ticketpreis schon (fast) wert. Musikalisch erfindet das Musical das Rad zwar nicht neu, kann jedoch mit ein paar Ohrwürmern und hübschen Melodien aufwarten: Natürlich ist „Eye of the Tiger“ eines der Highlights der Show (Fun Fact: Der Song kam im ersten „Rocky“-Film eigentlich gar nicht vor), doch auch Songs wie „Dieser Mann“, „Fight from the Heart“ oder „Standzuhalten“ sind erstens eingängig und stellen zweitens eine emotionale Bindung zu dem Charakter von Rocky Balboa her, die durch die Filme, zumindest für mich, niemals aufkam. Was mich zum nächsten und vielleicht wichtigsten Punkt bringt, der mich endgültig zum Fan der Musicalversion von „Rocky“ machte: Die durchaus tiefgründige Story. Auf den ersten Blick scheint die Geschichte nicht wirklich facettenreich und der Charakter des dümmlichen, aber liebenswerten Boxers wirkt, besonders in den Filmen, oft recht eindimensional. Das Musical schafft es, einen Einblick „hinter die Kulissen“ von Rockys Fassade zu geben sowie seine Selbstzweifel und vor allem seine Gefühle gegenüber Adrian charmant und nachvollziehbar darzustellen, sodass wohl auch der gefühlskälteste Eisblock von Mensch spätestens in der Mitte des zweitens Aktes nicht mehr anders kann, als mit Rocky zu leiden. Die Kombination dieser drei Faktoren macht „Rocky“ für mich persönlich zu einer so besonderen Produktion.

© Stage Entertainment
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Im Laufe der Zeit habe ich viele meiner Freunde und sogar meine Familie überreden können, sich „Rocky“ anzusehen. Allesamt waren vorher eher mittelmäßig motiviert, mich nach Hamburg zu begleiten und allesamt kamen regelrecht euphorisch aus der Vorstellung und bedankten sich bei mir dafür, dass ich sie mitgeschleppt hatte.

Traut euch was!

Das alles zeigt mir mal wieder, dass man sich manchmal einfach auf etwas Neues einlassen sollte, auch wenn es am Anfang noch so abwegig erscheint – vor allem was Musicals betrifft. Das Genre ist so vielseitig und überraschend, dass man vermutlich nur schwer sagen kann, ob einem ein Stück gefällt oder eben nicht, bevor man es selbst gesehen hat. Dank „Rocky“ bin ich selbst ein wenig mutiger geworden, gehe häufiger mal in Musicals, die ich sonst vielleicht eher gemieden hätte und werde dafür oft belohnt.

Das Problem: Die Preise. Vielleicht würde mir „Ich war noch niemals in New York“ gefallen. Aber möchte ich 90 € aufwärts bezahlen, um das herauszufinden? Nein. Und hier befinden wir uns wieder in der Preispolitik-Misere, die uns Musical-Fans dazu zwingt, Prioritäten zu setzen. Selbstverständlich gehe ich lieber in ein Musical, bei dem ich mir sicher sein kann, dass es mir gefällt, als ein Drittel meiner Monatsmiete für etwas auszugeben, das mir eventuell zusagen, eventuell aber auch den schlechtesten Abend meines Lebens bescheren könnte.

Mein Tipp: Verlasst euch nicht auf Werbung oder Marketingkampagnen der Produktionsunternehmen. Mund-zu-Mund-Propaganda hingegen ist ein guter Weg um zu herauszufinden, in welches Musical ihr euch ruhig mal trauen könntet. Sicher, die Meinungen gehen immer auseinander, aber wenn es euren Freunden gefällt und sie mit allen Mitteln versuchen, euch in das Musical zu schleppen, gebt ihnen eine Chance. Es könnte sich lohnen. So wie bei mir und „Rocky“.

Rocky-the Musical (Originalversion Hamburg)

Price: EUR 15,99

4.2 von 5 Sternen (56 customer reviews)

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Beitragsbild: © Stage Entertainment