Am 26.11.2016 feierte das Mittelalter-Musical „Der Kaiser & die Gauklerin“ im Heilig-Geist-Saal in Nürnberg seine Premiere. Es ist eine Produktion des Musicalnetzwerks Nürnberg e.V., einem Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Musicalschaffende in der Metropolregion Nürnberg zusammen zu bringen und nun das vierte Jahr in Folge ein Musicalprojekt verwirklicht.

Dieses Jahr handelt das Stück vom römisch-deutschen Kaiser Karl IV (1316-1378), der für die Einführung der „Goldenen Bulle“, einem wichtigen Regelwerk für das Heilige Römische Reich und für den Bau der Frauenkirche und des Hauptmarktes in Nürnberg verantwortlich war. Er residierte häufig in der Kaiserstadt und hielt dort Hoftage ab.

Der Inhalt des Musicals ist schnell erzählt: Wir befinden uns in Karls Lebensphase, als er mit seiner zweiten Frau Anna von der Pfalz verheiratet war. Der Kaiser – in dem Bemühen sein Volk egal aus welcher Schicht anzuerkennen – lädt eine Gauklertruppe, die vor den Toren Nürnbergs gastiert, gegen den Willen der Kaiserin auf seine Burg ein. Er findet Gefallen an einer Gauklerin, die ebenfalls Anna heißt und provoziert dadurch Konflikte mit seinem Hof. Der Kaiser lernt das Leben der einfachen Leute kennen und seine Gesinnung wird durch den Einfluss der Gaukler in eine positive Richtung gelenkt, wo Gerechtigkeit und Versöhnung dominieren.

Lautenklänge und Moriskentänze

Andreas Rüsing schafft es mit seiner Komposition, die Stimmung des Mittelalters einzufangen und verpasst der mittelalterlichen Musik einen neuen Aufguss, indem er sie mit modernen Elementen kombiniert. Einerseits ertönen dramatische Klänge, wenn es um die Konflikte am kaiserlichen Hof geht, anderseits wird die Musik durch heitere und verspielte Melodien, wenn die Gaukler auf den Plan treten, aufgelockert. Die musikalische Darbietung kulminiert in der Wirtshausszene im Finale des ersten Aktes, als der Kaiser und seine Tochter sich inkognito unter das gemeine Volk mischen und dem lustigen Treiben folgen. Die schwungvolle Melodie und der energiegeladene Tanz lassen zur Pause hin den sprichwörtlichen Funken aufs Publikum überspringen.

Dementsprechend hoch waren die Erwartungen, die der zweite Akt aber leider nicht zu erfüllen vermochte. Der vermeintlich zu erwartende Höhepunkt bleibt leider in den Kinderschuhen stecken. Die Konflikte der Hauptpersonen lösen sich zu schnell und in nicht durchwegs glaubhafter Weise auf. Geschichte und Spannung flachen ab und am Ende kann man nur noch sagen: Es ist Weihnachten!

Der Mönch und seine Schäfchen

Den dramaturgischen Schwächen zum Trotz wissen einige Darsteller mit ihrer Performance zu überzeugen. Der unangefochtene „man of the match“ ist Christoph Ackermann. Er schafft es, den Franziskaner-Mönch und Haushofmeister des Kaisers, der Karls Umgang mit dem niederen Volk geringschätzt, unbarmherzig und dabei gleichzeitig so ulkig darzustellen, dass er die anderen Charaktere in jeder Szene in den Schatten stellt und sich in die Herzen der Zuschauer spielt.

© Anett Rothhardt
© Anett Rothhardt

Frank Loman gibt einen charismatischen Kaiser, der mit seiner Präsenz das Amt würdevoll verkörpert. Das Stück hätte ihm jedoch mehr Möglichkeiten bieten können, seine bemerkenswerte Stimme in einer glanzvollen Nummer voll zur Geltung zu bringen. Auch Gitti Rüsing als Kaiserin Anna wird ihrer Rolle gerecht. Sie stellt die seelischen Zwänge mit dramatischer Ernsthaftigkeit und majestätischem Gehabe glaubhaft dar. Die Gauklerin Anna wird von Marina Pechmann gespielt, die gesanglich und schauspielerisch zwar eine ansehnliche Leistung bietet, jedoch einige Chancen, ihrer Rolle Tiefgang zu verleihen, nicht wahrnimmt. Das Tanzensemble, bestehend aus vier Tänzerinnen, konnte die Atmosphäre durch die mittelalterlichen Tanzeinlagen und Gauklerspiele eindrucksvoll transportieren. Gelegentlich schlichen sich bei manchen Darstellern Textunsicherheiten und falsche Töne ein, die bei der vierten Vorstellung allerdings nicht mehr auftauchen sollten.

Einmaliges Ambiente und leidenschaftliches Engagement

Ein Lob kann man auf jeden Fall auch dem Marketing aussprechen. Präsentation und Werbung lassen keine Wünsche offen. Das Ambiente und die Dekoration des Foyers vermitteln eine stimmungsvolle Atmosphäre. Sogar die Menükarte ist passend zum Stück gestaltet. Auch die Zettel zur Zuschauerbefragung mit der Möglichkeit, Verbesserungsvorschläge zu machen, fehlen nicht, was den Willen zur Selbstreflexion zeigt. Das Bühnenbild, das mit „aufwändige Projektionen“ beworben wurde, kann leider diesem Anspruch nicht gerecht werden. Dafür sind die Kostüme der Zeit und dem Stand der Charaktere angepasst und gut durchdacht.

© Anett Rothhardt
© Anett Rothhardt

Durch das ganze Stück ziehen sich Gegensatzpaare, die in verschiedenen Formen zur Entfaltung kommen: Kaiser – Gaukler, reich – arm, bunte Farben – schlichte Braun- und Grautöne, ernste Klänge – heitere Musik, dramatische Gesangsoli – ausgelassene Tanznummern. Das Musical ist bestrebt, die bestehenden Ungleichheiten zu nivellieren, verliert jedoch dadurch an Glaubwürdigkeit.

Trotzdem verdient das Musical Anerkennung. Dem Kreativteam ist es gelungen, einen historischen Stoff um ein lokales Thema als Musical aufzubereiten. Es ist ein Beispiel für eine Produktionslandschaft, die sich in Deutschland zaghaft zu entwickeln beginnt: Musicalschaffende losgelöst von monopolistischen Produktionsfirmen – mit eigenen Autoren und kreativen Ideen.

Insgesamt betrachtet ist „Der Kaiser & die Gauklerin“ eine kurzweilige, unterhaltsame Vorstellung. Wer jedoch mehr über den historischen Kaiser Karl IV. erfahren möchte, dem sei noch der Besuch der Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg empfohlen.

Das Stück wird noch bis zum 06.01.2017 im Heilig-Geist-Saal in Nürnberg gezeigt.

Tickets und weitere Informationen gibt es hier.

Uraufführung: 26.11.2016
Besuchte Vorstellung: 02.12.2016
Regie und Libretto: Werner Müller
Choreographie: Marc Bollmeyer
Musikalische Leitung und Komposition: Andreas Rüsing
Besetzung: Frank Loman (Kaiser Karl), Marina Pechmann (Gauklerin Anna), Christoph Ackermann (Haushofmeister), Gitti Rüsing (Kaiserin Anna), Alexander Krüger (Johann der Gaukler), Aimée Biedermann (Katharina) und Weitere
Tanzensemble: Mirjam Baur, Noelle Weinmann, Marie-Sophie Weidinger, Rebecca Coray

Beitragsbild: © Anett Rothhardt

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.