„Evita“ steht in dieser Spielzeit so häufig auf dem Spielplan deutscher Stadttheater wie selten zuvor in seiner beinahe 40-jährigen Produktionsgeschichte. Die Inszenierung des Staatstheaters Darmstadt sticht alleine schon aufgrund der interessanten Besetzung aus der Masse hervor und überzeugt mit Ideen, die der teilweise etwas problematischen Vorlage frische Akzente verleihen.

„Evita“ ist wohl den Meisten ein Begriff, auch jenen, die dem Genre Musical nur am Rande begegnen. Dass der Score des Stückes ungemein rockiger und damit moderner anmutet, als es das allseits bekannte „Don`t Cry for Me, Argentina“ vermuten lässt, wissen allerdings die Wenigsten. Musikalisch gehört „Evita“ zu einem der besten und abwechslungsreichsten Stücke, die Webber gelungen sind. Und mit „A New Argentina“ wartet das Stück in meinen Augen auch mit einem der kraftvollsten und beeindruckendsten Akt-Finalstücken überhaupt auf. Ensemblenummer wie „Rainbow Tour“ oder „And the Money Kept Rolling In (and Out)!“ reißen mit, während Balladen wie „You must love me“ oder „Another Suitcase in Another Hall“ in ihrer Intensität stark berühren. Wohl auch der Hitdichte des Scores ist es zu verdanken, dass „Evita“ das allererste Musical britischen Ursprungs war, das mit dem begehrten Tony-Award ausgezeichnet wurde. Leider – und das sei vorweg gesagt – vermag aber auch die Musik nicht, den sehr zähen letzten 20 Minuten etwas Dynamik zu verleihen und wirkt gegen Ende etwas uninspiriert. Schade, denn sonst wäre das Musical ein noch größeres Meisterwerk als es sowieso schon ist!

© Michael Hudler
© Michael Hudler

High flying, adored…

„Evita“ erzählt die Lebensgeschichte der argentinischen Präsidentengattin Eva Perón, die ihrer Armut entfliehen konnte und auf dem Weg nach Oben vielerlei Hindernisse bewältigte und Betten bewohnte. Als Nationalheilige gefeiert, gereichte sie zur Identifikationsfigur eines ganzen Volkes, obwohl ihre Taten und ihr Gehabe häufig mehr Sein als Schein waren. Durch das Musical führt die Figur des Revoluzzers Che, der Evitas Leben und Wirken kritisch hinterfragt und süffisant kommentiert. Sozusagen der Ur-Lucheni des Musicals.

Komponist Andrew Lloyd Webber und Texter Tim Rice erzählen die Geschichte in beinahe Revue-artigem Tempo und haben das Meisterwerk vollbracht, aus diesem großen, öffentlichen Leben ein Musical mit Kammerspiel-Charakter zu kreieren, das sich auf wenige Hauptprotagonisten – Evita, Juan Perón, Ché und anfangs noch Magaldi – fokussiert.

Wie man sich vorstellen kann, steht und fällt jede Produktion mit dem entsprechenden Hauptdarsteller-Trio. Und hier kann man das Staatstheater Darmstadt zu seiner mutigen Wahl nur beglückwünschen.

Starkes Trio

In der Vergangenheit wurde die Titelrolle oftmals mit Darstellerinnen besetzt, denen man die 15-jährige Eva vom Optischen her nicht unbedingt abnahm. In Darmstadt setzt man mit Eve Rades auf eine Darstellerin, die sowohl die junge als auch „alte“ (sofern man eine 33-Jährige so bezeichnen möchte) Evita glaubhaft und authentisch darzustellen vermag.
Dabei haben es Webber und Rice nicht unbedingt gut mit ihren Evitas gemeint und eine extrem schwer intonierbare Partitur geschaffen. So hat Tim Rice oftmals viel zu viele Silben auf zu wenige Noten getextet und damit ein paar schöne Zungenbrecher geschaffen (beispielsweise bei „Buenos Aires“).

© Michael Hudler
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Auch gesanglich sind manche Töne und Höhen nur sehr schwer zu leisten. Eve Rades kann hierbei aber in allen Belangen überzeugen, meistert ihren Part gesanglich souverän und bietet eine differenzierte und facettenreiche Darstellung, welche Evitas Verhalten nachvollziehbarer macht. Sie zeichnet die junge Eva nicht als kalte, gefühllose und machtgeile Unsympathin, sondern macht sehr anschaulich, dass am Anfang ihres Weges sehr wohl Enttäuschungen stehen, aus denen sie lernt und die entsprechenden Schlüsse zieht. So ist ihr Verhalten auch immer ihren Erlebnissen der Vergangenheit geschuldet und ich persönlich habe viel eher eine Verbindung zu dieser Figur gefunden als in anderen Inszenierungen, obgleich Evita weiterhin ein kritisch zu hinterfragender Charakter bleibt.

Mit Carl van Wegberg setzt das Staatstheater auf einen ungewöhnlich jungen Darsteller in der Rolle des Juan Perón, was historisch nicht unbedingt nachvollziehbar ist (Juan Perón war über 20 Jahre älter als seine erste Ehefrau), dem Stück aber einen frischen Look verpasst. Das ist insofern interessant, als dass die Attraktivität des Paares und damit auch dessen Wirkung auf die Massen sowie die Verehrung beider auch auf optischer Ebene nachvollziehbarer wird. Somit ist diese Wahl ein weiterer kluger Einfall, um die Glorifizierung des Paares trotz des kritischen Wirkens für das heutige Publikum begreifbar zu machen. Hinzu kommt, dass van Wegberg sowohl schauspielerisch als auch stimmlich voll überzeugen kann und einen starken, aber Evita gegenüber auch zärtlichen Perón gibt.

Dominik Hees ist in der Rolle des Che der heimliche Star des Abends, was rollenbedingt aber auch naheliegt. Trotzdem muss man es erstmal schaffen, den Erzähler so stimmstark, sarkastisch, intensiv, aber auch gefährlich, eben als würdigen Revolutionär auf die Bühne zu bringen. Hinzu kommt, dass er spätestens seit „Buddy-Holly“ auch einen sehr guten Ruf als Gitarrist genießt und Lieder wie „High Flying, Adored“ oder den Anfang von „Waltz of Eva and Che“ in Darmstadt eben auch selbst mit Gitarre begleitet. Das sorgt selbst bei „Evita“-Kennern für überraschende und spannende Momente und genau diese sind es, welche die Inszenierung so wertvoll machen.

Das weitere Ensemble agiert mit großer Spielfreude auf gesanglich und tänzerisch sehr hohem Niveau. Ich habe mich häufiger dabei erwischt, wie ich das Geschehen hinter dem eigentlichen Geschehen verfolgte, weil das authentische Spiel jedes Einzelnen die entsprechende Szene zu einem realistischen und lebendigen Ganzen entwickelte. Hierbei sei vor allem die Bühnenpräsenz und Vielseitigkeit der Akteure erwähnt, die ich in diesem Maße nur selten bei einem Ensemble wahrgenommen habe und welche Songs wie „The Art of the Possible“ oder „ Good Night and Thank You“ zu Highlights des Abends werden ließ. Hinzu kommen die dynamische Darbietung der anspruchsvollen und kreativen Choreographien von Sabine Arthold sowie die kraftvollen Harmonien, die für den Ausdruck des revolutionären Volksgeistes ungemein wichtig und essentiell für die Wirkung des Stückes sind. Rollenbedingt seien Tim Hüning als Magaldi und Claudia Artner als Peróns Geliebte hervorzuheben, welche ebenfalls eine überzeugende Performance bieten und die wenigen Momente, die sie haben, voll ausnutzen.

Frische Inszenierung

Regisseur Erik Petersen verleiht der Charakter-und damit Story-Entwicklung viele neue, interessante Akzente und baut Elemente ein, die mich trotz Kenntnis der Vorlage positiv überrascht haben. So wird Ches Handlungsmotivation mehr Tiefe verliehen, indem er anfangs ebenfalls als begeisterter Anhänger Evitas gezeichnet wird, dessen Perón-kritischer Aktivismus letztlich eine Folge der Enttäuschung über die leeren Versprechen und zwielichtigen Aktivitäten der First Lady ist.

© Michael Hudler
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Leider kann aber auch Petersens Inszenierung die sehr langatmigen letzten 20 Minuten nicht retten. Das Problem ist, wie bereits angesprochen, dass die Show sehr lange Zeit ein ungemein hohes Tempo fährt und Etappen sowie ganze Jahre ihres Lebens teilweise in nur einem Song abfertigt. Mit ihrer Erkrankung wird dieses Tempo aber abrupt ausgebremst und – zwar ganz schön anzuhören – fehlt es Webbers Musik an Inspiration.

Das Bühnenbild von Dirk Hofacker spart hingegen nicht an Wow-Effekten und muss sich hinter deutschen Long-Runs definitiv nicht verstecken. Die Opulenz der Ausstattung sorgt für viele beeindruckende Momente, beispielhaft genannt seien der Sternenhimmel bei „High Flying, Adored“ oder das Ende des Stückes, wenn Evita in den Nebel schreitet. Hier entstehen ganz große Bilder, die auch nach dem Besuch noch nachwirken.

Das Orchester unter der musikalischen Leitung von Michael Nündel spielt kraftvoll auf und wird vom Ton genau in der richtigen Lautstärke abgemischt.

Wer eine starke Inszenierung dieses Klassikers sehen möchte, die in allen Belangen überzeugen kann und eine frische Herangehensweise wählt, sollte unbedingt den Weg nach Darmstadt antreten. Eine in allen Belangen so überzeugende Stadttheater-Produktion sieht man nicht alle Tage – auch bei einem vielgespielten Stück wie „Evita“ nicht.

London-Premiere: 21.06.1978 (Prince Edward Theatre)
Premiere Darmstadt: 15.10.2016
Besuchte Vorstellung: 02.12.2016
Text: Tim Rice
Musik: Andrew Lloyd Webber
Deutsche Übersetzung: Michael Kunze
Musikalische Leitung: Michael Nündel
Regie: Erik Petersen
Choreografie:
Sabine Arthold
Bühne:
Dirk Hofacker
Kostüme: Verena Polkowski
Dramaturgie: Catharina von Bülow
Besetzung: Eve Rades (Eva Perón), Dominik Hees (Che), Carl van Wegberg/ Sascha Oliver Bauer (Perón), Tim Hüning (Ensemble/ Magaldi), Claudia Artner, Bettina Schawarz (Ensemble/ Peróns Geliebte), Nina Bülles, Christopher Dederichs, Lena Lafrenz, Florian Weigel, Chadi Yakoub, Lydia Ackermann, Anja Bildstein, Sabine Orthey-Berns, Gundula Schulte, Malte Godglück, Werner Volker Meyer, Khvicha Khozrevanidze, Jaroslav Kwasniewski

Vorstellungen im Staatstheater Darmstadt: 15. Oktober 2016 bis 17. Juni 2017
Tickets gibt es hier.

Beitragsbild: © Michael Hudler