Nach der deutschsprachigen Erstaufführung 2008 im Wiener Ronacher ist das Hit-Musical von Mel Brooks, „The Producers“, wieder etwas in der Versenkung verschwunden. Nun wagt sich das Theater Regensburg an den politisch nicht ganz korrekten Stoff und beweist, dass das Stück in Deutschland einfach in die kleinen Stadttheater gehört und eben nicht in die großen Musical-Paläste.

Es ist doch immer wieder interessant zu beobachten: Als nach dem Weltmeistertitel 2014 bei der Siegesfeier in Berlin die Argentinier mit dem Gaucho-Song aufgezogen wurden, hat das niemanden so wirklich interessiert – außer natürlich uns Deutsche, die der ganzen Nationalmannschaft und dem Land selbst eine Lektion über politische Korrektheit verpasst haben. Die Amerikaner hingegen nehmen das dunkelste Kapital unserer Geschichte, garnieren es mit viel Glitzer und einer ordentlichen Portion schwarzem Humor und präsentieren das Ergebnis in einer dreistündigen Show am Broadway. Die Reaktion der Amerikaner: Eine ausverkaufte, 6-jährige Spielzeit am Broadway, grandiose Kritiken und 12 Tony-Awards für eine Show, die neben den Deutschen eben auch das Genre Musical aufs Korn nimmt.

Ich wäre so gerne ein Producer!

Jochen Quast
© Jochen Quast

Spätestens seit der 90er-Jahre-Fernsehserie „Die Nanny“ weiß man, wie witzig das Leben eines Broadway-Produzenten rund um die Suche nach Investoren, die Rumärgerei mit Künstlern bis hin zum Traum vom großen Hit und dem Tony-Award sein kann. Nun wollen die beiden Hauptcharaktere von „The Producers“, Max Bialystock und Leo Bloom, genau das Gegenteil: Den größten nur möglichen Flop produzieren und mit den Einnahmen der Investoren noch am Premierenabend verschwinden. Der Plan des ungleichen Paares in Person von Max, bereits langjähriger Broadway-Produzent, der jedoch langsam die Schnauze voll hat vom Showbusiness und dem Buchhalter Leo, der seinem tristen Alltag entkommen und ein Produzent werden möchte, klingt simpel: Finde das schlechteste Stück, hole dir den schlechtesten Regisseur, besetze es mit den schlechtesten Darstellern und verschwinde mit den Investorengeldern, die du vorher alten, reichen Damen abgeknöpft hast. An sich ein todsicherer Plan. Jedoch zeigt auch immer wieder die Realität, dass am Broadway nichts sicher und planbar ist.

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Nach langer Suche und vielen, vielen miesen Drehbüchern, finden die beiden schließlich das in ihren Augen schlechteste Stück aller Zeiten: „Frühling für Hitler“ von Frank Liebkind, einem in Lederhose und Sturmhelm gekleideten Bayer, der über den Dächern von New York seine Tauben züchtet und ziemlich genau das Bild eines geflohenen Nazi-Deutschen verkörpert. Weiter geht es mit dem schlechtesten Regisseur, den sie im schwulen Roger de Bris und seinem tuntigen Kreativteam finden. Nach einem großen Hitler-Casting besetzen sie die Hauptrolle gleich noch mit dem Autor des Stückes und geben der blonden Schwedin Ulla, die nebenher noch als Sekretärin in ihrem Büro mithilft, die weibliche Hauptrolle. Nun passiert am Premierenabend das, was wohl niemand geahnt hätte: Das Stück ist so schlecht, dass alle es für eine grandiose Satire halten und feiern den neuen Broadway-Hit. Nun sitzen Max und Leo jedoch mitsamt ihren ergaunerten Investorengeldern und gefälschten Büchern in der Falle.

Ein bisschen Spaß darf manchmal auch sein

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Mel Brooks` Musical „The Producers“ basiert auf seinem Oscar-prämierten Film „Frühling für Hitler“ („The Producers“) aus dem Jahr 1968 und war ebenso ein Erfolg wie die Musicalversion, die 2005 auch noch verfilmt wurde. Ganze 12 Tony-Awards hat „The Producers“ im Jahr 2001 abgeräumt und hält seitdem den ungebrochenen Rekord für die meisten Tony Awards, die jemals einem Musical verliehen wurden. Selbst „Hamilton“ konnte den Rekord dieses Jahr nicht brechen und ging „nur“ mit 11 Auszeichnungen nach Hause. Nach einer erfolgreichen Spielzeit am Broadway und einer 2-jährigen Aufführung im Londoner West End, gaben auch die Vereinigten Bühnen Wien bekannt, dass das Stück ab dem 30. Juni 2008 im Wiener Ronacher zu sehen sein würde. Hier bewiesen die Vereinigten Bühnen Wien viel Mut und mussten nach einem Jahr leider jene traurige Bilanz ziehen, die viele erfolgreiche Broadway-Shows in Deutschland in der Vergangenheit ereilt hat und auch momentan fleißig rund um das Musical „Hamilton“ diskutiert wird (Artikel von Rasmus findet ihr hier). Natürlich gibt es keinen Indikator für den Erfolg einer Show, aber in meinen Augen kann ein Stück wie „The Producers“ in Deutschland einfach nicht als große En-Suite-Produktion funktionieren und passt vom Stoff her perfekt in ein Stadttheater wie Regensburg.

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Ich habe oft gelesen, dass das Problem bei „The Producers“ darin besteht, dass die hiesigen Zuschauer noch nicht bereit dafür sind, sich diesem dunklen Kapital der deutschen Geschichte mit Humor zu nähern und dass diese grundsätzliche Einstellung letztendlich zum frühen Aus der Show in Wien geführt hat. Vor allem das Premierenpublikum in Regensburg hatte mit dieser Art von Humor augenscheinlich absolut keine Probleme und ich habe mich persönlich ebenfalls köstlich amüsiert. Natürlich schwingt immer ein bisschen das schlechte Gewissen und ein unbestimmtes Gefühl von Schuld mit, das man seit Schulzeiten anerzogen bekommen hat. Jedoch zieht das Stück ebenso, wenn nicht sogar mehr, das Showbusiness und Musical-Genre durch den Kakao und daran hat sich auch niemand gestört. Warum also die falsche Scham vor einem steppenden und lächerlichen Hitler? Natürlich sollte man die Ernsthaftigkeit dieser Thematik niemals aus den Augen verlieren, aber ein wenig Humor würde uns manchmal auch nicht schaden.

Nun wäre auch ich nicht extra für diese Show nach Wien gefahren und hätte 120€ für eine Karte ausgegeben. Für mich ist es einfach nicht die Art von Show, die ich unbedingt sehen muss. Vor allem musikalisch blieb bei mir nicht viel hängen und die Musik diente eher dazu, die satirische Handlung zu unterstreichen. Darüber hinaus ist der Score in bester Golden-Age-Manier komponiert, wirkt dabei aber etwas einseitig und hält wenige Ohrwürmer bereit. Hier lag auch das große Problem, das ich mit der Show hatte: Das Musical war gut und ich hatte einen grandiosen Abend, aber dass dieses Stück die meisten Tonys aller Zeiten abgeräumt hat, ist mir doch unverständlich. Nichtsdestotrotz wird das Theater Regensburg dank seinem fulminanten Orchester unter der musikalischen Leitung von Alistair Lilley dem Score mehr als gerecht und verwöhnt das Publikum mit einem satten Broadway-Klang.

Das Gute ist oft so nah

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Das Theater Regensburg bringt „The Producers“ mit viel Witz und netten filmischen Einfällen auf die Bühne des Theaters am Bismarckplatz. Regisseur Dominik Wilgenbus inszeniert nach der Broadway-Originalregie von Susan Stroman, welche auch für den Film übernommen wurde. Die deutsche Übersetzung ist hierbei eine überarbeitete Version von Nina Schneider. Die Drehbühne kommt bei dieser Inszenierung voll zur Geltung und wechselt bzw. dreht sich von Max‘ Büro zu den zahlreichen anderen Kulissen, die den Zuschauer mit viel Liebe zum Detail an den Broadway der 1960er Jahre entführen. Ebenso wie das Bühnenbild überzeugen auch die vielen verschiedenen Kostüme von Claudia Doderer und vermitteln ein authentisches Bild der Zeit, in der die Handlung spielt.

Die Rollen wurden alle vom eigenen Ensemble besetzt, obwohl es wohl einen regelrechten Ansturm von vielen Musical-Darstellern aus ganz Deutschland gab, die bei dieser Produktion mitwirken wollten. Neben den grandiosen Hauptdarstellern kommt auch der Opernchor des Hauses sowie Tänzer aus dem Tanzensemble unterstützend zum Einsatz. Vor allem für das Stück im Stück „Frühling für Hitler“ sind die beeindruckenden Tanzeinlagen in kurzen Offiziers-Kostümen eine wahre Augenweide und zaubern bei so viel professionellem Blödsinn auch den letzten hartnäckigen Zuschauern eine Lächeln auf die Lippen.

Sebastian M. Winkler als Max Bialystock und Benno Schulz als Leo Bloom geben das ungleiche Gaunerpaar und punkten hier vor allem durch ihre witzigen Dialoge. Auch sonst wird gesteppt, getanzt und gesungen, was das Zeug hält, weswegen man niemals darauf kommen würde, dass die beiden eigentlich in der Schauspielsparte zu Hause sind. Vor allem Benno Schulz überzeugt als ängstlicher, manchmal hysterischer Zwangsneurotiker mit Traum von der großen Bühne, während Sebastian M. Winkler den großen Broadway-Macker gibt, der mir zwar optisch manchmal zu wenig der aalglatte Manager-Typ war, dies aber schauspielerisch und auch gesanglich wieder ausgleichen konnte.

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Christian Schlossig als Alt-Nazi Franz Liebkind, Matthias Laferi als Regisseur Roger de Bris und Tamás Mester als selbsternannter Lebensabschnittsassistent Carmen verkörpern ihre Rollen allesamt glaubhaft und mit der richtigen Portion Humor. Grandios war auch Martina Fender als Schwedin Ulla, welche einen so überzeugenden schwedischen Akzent spielt, dass man fast meinen könnte, dass sie wirklich Schwedin ist. Vor allem bei ihrem großen Solo „Was du hast, das zeig auch“ spielt, singt, und tanzt sie sich nicht nur in die Herzen ihrer beiden Chefs.

Alles in allem eine absolut gelungene Show. Vielleicht wird „The Producers“ nach der Spielzeit in Regensburg auch für andere Stadttheater attraktiver und bringt frischen Wind in die Spielpläne der deutschen Theaterlandschaft. Denn eine Nachhilfe im Über-sich-selber-Lachen würde uns garantiert nicht schaden…

Uraufführung: 19.4.2001 (St. James Theatre, New York)
Premiere und besuchte Vorstellung: 10.12.2016 (Theater am Bismarckplatz, Regensburg)
Musik & Lyrics: Mel Brooks
Buch:
Mel Brooks, Thomas Meehan
Regie: Dominik Wilgenbus
Choreographie: Yuki Mori
Musikalische Leitung: Alistair Lilley
Bühnenbild: Peter Engel
Kostüme: Claudia Doderer
Besetzung: Sebastian M. Winkler (Max Bialystock), Benno Schulz (Leo Bloom), Christian Schossig (Franz Liebkind), Matthias Laferi (Roger de Bris), Tamás Mester (Garmen Ghia) Martina Fender (Ulla)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: © Jochen Quast

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Nadine Jobst
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An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.