Wenn ich mich so in den einschlägigen Foren und Facebook-Gruppen der Musical-Szene umschaue, fällt mir immer mehr auf, dass die Musical-Fans zwar ihren Evergreens wie „Tanz der Vampire“ oder „Elisabeth“ treu bleiben, sich jedoch auch nach neuen Musicals sehnen: Nach neuen Stoffen, neuer Musik, neuen Charakteren, die es für sich  zu entdecken lohnt. Vor   allem im deutschsprachigen Raum werden vergleichsweise selten neue Stücke entwickelt, ein Großteil der neuen Shows hierzulande werden aus dem englischsprachigen Ausland importiert. In Potsdam jedoch tut sich was: Das neue Musical „WEMMICKS“ entsteht.

Jeder kennt das Klischee des faulen Studenten, der seine Zeit lieber mit Partys, Reisen und Freunden verbringt, als in der Uni zu sitzen und zu büffeln. Ephraim Peise und Dominik Grittner passenjedoch keinesfalls zu diesem zweifelhaften Bild:

Beide studieren an der Filmuniversität Babelsberg und machten sich im Zuge ihres Studiums an ihr eigenes Musical. Peise, der Filmmusik studiert, komponierte die Musik während Grittner das Buch beisteuerte. Gemeinsam mit ihrem Kern-Kreativteam, bestehend aus Sandra Thieme (Kostümdesign) und Sebastian Grutza (Bühnen- und Charakter-Design), kreieren sie das Musical „WEMMICKS“, basierend auf dem erfolgreichen Kinderbuch „You are special“ von Max Lucado.

„Wir sind die Wemmicks und wir sind aus Holz…“

Die Wemmicks sind ein Volk von Holzfiguren, das sein Holz aus Scham vor seinenUnebenheiten unter der pompösen Kleidung des Modezars Cesario verdeckt, der gleichzeitig der Anführer der Wemmicks ist. Als der kleine Wemmick Punchinello herausfindet, dass er allergisch auf die Kleidung von Cesario reagiert, wird schnell klar, dass er der Auserwählte einer alten Prophezeiung ist. Gemeinsam mit einer Untergrundbewegung der Wemmicks versucht er, Cesario daran zu hindern, seinen teuflischen Plan in die Tat umzusetzen und das ganze Wemmick-Dorf zu versklaven.

© WEMMICKS
© WEMMICKS/Monira Kamal

Peise und Grittner sind überzeugt davon, dass sich Wertvorstellungen im Musicaltheater am besten vermitteln lassen, wenn sie in eine attraktive Show mit starken, witzigen und cleveren Charakteren, beeindruckenden Bühnenbildern und fesselnder Musik eingebettet sind und wollen genau dies mit „WEMMICKS“ erreichen. Unterstützt werden sie dabei vom Filmorchester Babelsberg, das einen Teil der Musik bereits eingespielt hat, dem Studiengang Filmmusik, dem Komponistenverband und einigen privaten Förderern.

Am 10. Dezember fand eine Lesung des ersten Aktes des Musicals statt. Das Kreativteam lud in die Filmuniversität Babelsberg ein und erweckte die Wemmicks zum ersten Mal vor Publikum zum Leben. Christoph Apfelbeck, Björn-Ingmar Böske, Jemima Braun, Sebastian Anton Maria Brummer, Irene Eggerstorfer, Tabea Elkarra, Marlene Fröhlich, Tobias Goetz, Jadelene A. Panésa, Michaela Prostmeier, Sabrina Reischl, Melanie Thieke und Lukas Witzel standen auf der Bühne und verkörperten die verschiedenen Rollen. Begleitet wurden sie von Lidia Kalendareva am Piano.

(c) WEMMICKS
© WEMMICKS/Monira Kamal

Work in Progress

Bevor ich meine Eindrücke aus dem Reading schildere, möchte ich darauf hinweisen, dass die „WEMMICKS“ ein Work in Progress sind, was bedeutet, dass bis zur finalen Version des Musicals noch einige Änderungen an Musik und Text vorgenommen werden, sodass ich mir keine Rezension im eigentlichen Sinne erlauben will.

Trotzdem möchte ich besonders die Musik hervorheben, die im ersten Akt bereits einige Ohrwürmer bereithält. Im ersten Moment klingt sie sehr poppig und eingängig, wobei durch die Klavierbegleitung und das eingespielte Schlagzeug freilich kein finaler Eindruck entstehen konnte. Nach der Veranstaltung wurden Bühnenbild-Entwürfe und zwei vorab gedrehte Musikvideos, untermalt von den Aufnahmen des Filmorchesters Babelsberg, gezeigt, die erahnen ließen, welches Potential in „WEMMICKS“ steckt und welch fantastischer Sound die von Peise komponierte Musik birgt, wenn sie von einem Orchester gespielt wird.

Wemmicks
© Sebastian Grutza

Das Musical „WEMMICKS“ spricht hauptsächlich Kinder an, weshalb man sich erstmal in diese Zielgruppe hineinversetzen muss. Dementsprechend zündeten einige Witze nicht unbedingt und manche Szenen, wie zum Beispiel die, in der sich eine junge Wemmick-Frau mehr „Holz vor der Hütte“ wünscht, sorgten eher für Stirnrunzeln als für Lacher.

Vielleicht ist es schon eine Art Berufskrankheit, jedoch habe ich mir sofort versucht vorzustellen, wie das Ganze mit Kostümen und Bühnenbild auf der Theaterbühne aussehen wird und ich muss gestehen, dass ich schnell an die Grenzen meiner Vorstellungskraft geriet. Nicht, weil ich mit den Skizzen nichts anfangen konnte, sondern eher, weil ich mich fragte, wie dieses durchaus aufwändige Vorhaben technisch realisiert werden könnte – vor allem finanziell. „WEMMICKS“ ist eben kein kleines Kammermusical mit drei Darstellern und einer vierköpfigen Band, sondern eine dieser Produktionen, die auf eine große Bühne eines 1500-Plätze-Theaters gehört.

Bitte mehr davon!

Im nächsten Herbst soll nun das komplette Musical, ebenfalls in Form einer Lesung, dieses Mal jedoch begleitet von einem Live-Orchester, gezeigt werden, um so potentielle Sponsoren oder Produzenten für das Projekt gewinnen zu können. Für die deutschsprachige Musical-Landschaft wäre ein Stück wie „WEMMICKS“ meiner Meinung nach eine Bereicherung, das die kreativen Köpfe Deutschlands vielleicht dazu inspiriert, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen, sich Gleichgesinnte zu suchen und somit die Entwicklung neuer Musicals hierzulande antreibt.

Ich persönlich hoffe inständig, dass die Arbeit des „WEMMICKS“-Teams belohnt wird und dass das Musical wirklich eines Tages auf die Bühne kommt. Auch damit Musical-Fans mal wieder etwas völlig Neues zu sehen bekommen.

Mehr Informationen gibt es unter www.wemmicks-musical.com und www.facebook.com/wemmicksmusical

Buch: Dominik Grittner
Musik: Ephraim Peise
Produktion: Lisa Nawrocki, Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf
Regie: Patrick Mai
Kamera: Monira Kamal
Maske: Aisha King
Kostüme: Sandra Peise
Set Design: Sascha Röder
Figurendesign: Sebastian Grutza

Beitragsbild: © WEMMICKS/Monira Kamal

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Marina Pundt
"After silence, that which comes nearest to expressing the inexpressible is music." - (Aldous Huxley)

Lieblings-Musical(s): "Hedwig and the Angry Inch", "Next to Normal", "American Idiot", “Once”
Lieblings-Komponist: Jeder, der es schafft, mich mit seiner Musik zum Tanzen oder zum Weinen zu bringen. Oder beides gleichzeitig.
Lieblings-Texter: Stephen Trask
Musical-Fan seit: … ich entdeckt habe, dass es Musicals mit Tiefgang und Rock-Musik gibt.
An Musicals fasziniert mich: … wie Energie und Emotionen durch Musik, Schauspiel und Tanz von der Bühne in den Publikumsraum übertragen werden.