Wien – Stadt der Musik, der Sachertorte und der Publikumslieblinge. Während viele immer noch wegen Sissi und Franz in die österreichische Hauptstadt pilgern, bin ich schon lange einem anderen Touristenmagneten verfallen. Drew Sarich ist schon seit Jahren nicht mehr bei den Vereinigten Bühnen wegzudenken und hätte langsam aber sicher einen Platz in den Wiener Reiseführern verdient. Zumindest ich bin nicht richtig in Wien gewesen, wenn ich nicht Drew Sarich auf der Bühne gesehen habe.

© Anna Sophie Grünwald

Drew Sarich wurde am 24. August 1975 in St. Louis, Missouri geboren und wusste schon früh, dass es ihn auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zieht. 1993 begann er seine Ausbildung am Boston Conservatory, wo er 4 Jahre lang Musik, Schauspiel und Tanz studierte. Nach seinem Abschluss zog er 1997 nach New York, wo er hauptsächlich am Off-Broadway zu sehen war und als Background-Sänger bei einer Tour von Liza Minnelli mitwirkte. Im Jahr 1999 bekam er die große Chance, die Erstbesetzung des Quasimodo im Disney-Stück „Der Glöckner von Notre Dame“ in Berlin zu übernehmen. Was eigentlich als Try-Out für den Broadway geplant war, spielte letzten Endes 3 Jahre im Theater am Potsdamer Platz und Drew Sarich ging – statt zurück nach New York – nach Wien, um dort im Raimund Theater in „Hair“ mitzuwirken. Erst nach vielen Produktionen in Wien – aber auch in Deutschland – zog es ihn wieder zurück in die USA.

© Stage Entertainment

Im Dezember 2005 wurde das Musical „Lestat“ mit der Musik von Elton John in San Francisco uraufgeführt. Das Musical, welches auf dem Buch „Gespräch mit einem Vampir“ und dem Film „Interview mit einem Vampir“ beruht, wechselte anschließend an den Broadway, wo es im März 2006 im Palace Theatre Premiere feierte. Drew Sarich spielte ursprünglich die Rolle des Laurent und übernahm für die Produktion in New York die Rolle des Armand und war auch als Understudy Lestat zu sehen. Das Stück wurde bereits im Mai 2006 abgesetzt, wodurch Drew Sarich die Chance hatte, in der Revival-Produktion von „Les Misérables“ am Broadway mitzuwirken. 2007 übernahm er die Hauptrolle des Jean Valjean und war in dieser Rolle auch am Londoner West End zu sehen. Im März 2008 kehrte er wieder nach Wien zurück, erst um als Jesus in einer konzertanten Version von „Jesus Christ Superstar“ mitzuwirken und übernahm anschließend Anfang 2009 die Hauptrolle des Kronprinzen Rudolf in dem Frank Wildhorn-Musical „Rudolf – Affaire Mayerling“. 2010 wurde er überraschend als neuer Graf von Krolock im Kultmusical „Tanz der Vampire“ angekündigt. Diese Rolle übernahm er in Wien und anschließend in Berlin. Ein weiterer Meilenstein seiner Karriere war die Rolle des Boxers Rocky in der Uraufführung des gleichnamigen Musicals nach dem Erfolgsfilm von und mit Sylvester Stallone. 2013 übernahm er die Rolle des Phantoms in der konzertanten Fassung und deutschsprachigen Erstaufführung von „Love never dies“ in Wien. Bis zum 31. Dezember 2016 war er als Che im Erfolgsmusical „Evita“ im Ronacher in Wien zu sehen.

Jahr Musical Rolle Ort
1999 Der Glöckner von Notre Dame Quasimodo Theater am Potsdamer Platz, Berlin
2000 Hair Berger Raimund Theater, Wien
2002 Hedwig and the Angry Inch Hedwig Glashaus der Arena, Berlin
2003 Jekyll and Hyde Dr. Jekyll/Mr. Hyde Musical Dome, Köln
2004 Barbarella Sun/Master of Keys Raimund Theater, Wien
2004 Jesus Christ Superstar Jesus Passau
2005 Jesus Christ Superstar Jesus Ronacher, Wien
2005 Jesus Christ Superstar Judas Amstetten
2005 Dracula Dracula Theater St. Gallen
2005 Lestat Laurent Curran Theatre, San Francisco
2006 Lestat Armand Palace Theatre, New York
2006-2007 Les Miséserables Grantaire Broadhurst Theatre, New York
2007 Les Misérables Jean Valjean Broadhurst Theatre, New York
2007-2008 Les Misérables Jean Valjean Queen’s Theatre, London
2008 Jesus Christ Superstar Jesus Wiener Stadthalle, Wien
2009-2010 Rudolf – Affaire Mayerling Rudolf Raimund Theater Wien
2010 Evita Che Magdeburg
2010-2011 Tanz der Vampire Graf von Krolock Ronacher Wien
2011 Jesus Christ Superstar Jesus Ronacher, Wien
2011 Sister Act Curtis Shank Ronacher Wien
2011-2012 Tanz der Vampire Graf von Krolock Theater des Westens Berlin
2012 Jesus Christ Superstar Jesus Ronacher Wien
2012-2015 Rocky Rocky Operettenhaus Hamburg
2013 Love never dies Phantom Ronacher Wien
2014 Jesus Christ Superstar Jesus Circus Krone München
2015 Jesus Christ Superstar Jesus Raimund Theater Wien
2016 Evita Che Ronacher Wien
2016 Messiah rocks Solist Raimund Theater Wien
2016 The Last 5 Years Jamie Brick 5, Wien
2016 Luna Prinz Alvar Burg Perchtholdsdorf

Mit Drew Sarich verbinde ich inzwischen eine sehr lange und vor allem vielfältige Bühnen-“Freundschaft“. Ich denke, dass ich neben Mark Seibert keinen anderen Darsteller in so vielen unterschiedlichen Rollen und Stücken gesehen habe wie ihn, was nicht verwunderlich ist, wenn man seine lange Liste an Stücken betrachtet, in denen er mitgewirkt hat. Ich denke, dass kein zweiter Darsteller so wandlungsfähig und vielseitig einsetzbar ist wie Drew Sarich. Er meistert sowohl klassische Rollen wie das Phantom in „Love never dies“ oder Jean Valjean in „Les Misérables“ als auch die modernen und rockigen Parts wie Jesus in „Jesus Christ Superstar“ oder Rocky. Vor allem seitdem er als Nachfolger von Thomas Borchert für die Grafenrolle in der Wiener Revival-Produktion von „Tanz der Vampire“ gecastet wurde, bin ich mir ziemlich sicher, dass er jede Rolle auf seine Art und Weise perfekt ausfüllen kann. Man kommt also letzten Endes gar nicht an Drew Sarich vorbei, wenn man sich im deutschsprachigen Raum für Musicals interessiert.

Schnörkellos, geradlinig, ehrlich

© Morris MacMatzen

Man will es auch gar nicht. Zumindest habe ich noch niemanden getroffen, der Drew Sarich nicht mag und das ist auch einzigartig, da sich bei vielen Darstellern irgendwann die Geister scheiden. Drew Sarich schätze ich wie keinen zweiten auf einer Musicalbühne und bin unfassbar dankbar, dass so ein Ausnahmekünstler in Wien und Deutschland „hängen geblieben“ ist. Seine gesanglichen und schauspielerischen Rolleninterpretationen sind immer sehr geradlinig und genau das mag beeindruckt mich am meisten. Besonders packen mich immer seine ruhigen Momente, jene, in denen er leise und fast ohne etwas zu sagen, genau das ausspricht, was die Rolle gerade bewegt. Er eignet sich die Charaktere schauspielerisch immer komplett an und versinkt vor allem in den dramatischen Momenten vollends in seiner Rolle, während ich jedoch immer den gewissen Drew-Sarich-Faktor im Hintergrund wiedererkennen kann, wodurch alles noch menschlich und für mich nachvollziehbar erscheint. Nie habe ich Kronprinz Rudolf und seinen Selbstmord besser verstanden. Nie habe ich bei der „Unstillbaren Gier“ mehr mitgelitten. Nie habe ich Rocky beim Kampf gegen Apollo Creed mehr angefeuert. Und nie hat mich eine Performance mehr bewegt und begeistert als sein „Gethsemane“ in „Jesus Christ Superstar“. Vor allem seine Rolleninterpretation als Jesus in den vielen konzertanten Versionen der Rock-Oper von Andrew Lloyd Weber ist für mich bisher unerreicht und ich lasse eigentlich keine Gelegenheit aus, ihn in dieser Rolle zu bewundern. Das Stück wird auch dieses Jahr an Ostern wieder im Ronacher in Wien aufgeführt und ich kann nur jedem ans Herz legen, Drew Sarich in seiner Paraderolle live zu erleben.

Let him go

Nun hatte ich am 5. Januar 2017 bei seinem Konzert „Let him go“ die Chance ihn in einer ganz neuen Rolle zu sehen und wahrscheinlich war es sogar die beste Rolle, in der ich ihn bisher sehen durfte. Nämlich als er selbst mit seinen eigenen Songs. Und auch wenn er mich bisher immer begeistert hat, hat er es mir diesmal besonders angetan. Vielleicht, weil dieses Mal zu 100 % Drew Sarich auf der Bühne stand. Ein Mann, den ich zwar in seinen Rollen inzwischen glaube zu kennen, aber eigentlich nie wirklich kennen gelernt habe. Im Wiener Stadtsaal spielte er zusammen mit dem Endwerk-Orchester Songs aus seinen beiden Alben „Silent Symphony“ sowie „Let him go“. Zwei Alben, die ich sehr gern höre und die auf der Bühne dank des Charmes ihres Komponisten noch viel besser zur Geltung kommen, vor allem wenn man sieht und hört, mit welcher Begeisterung Drew Sarich seine eigenen Songs zum Besten gibt und eine musikalische Geschichte rund um einen Roadtrip und der Suche nach sich selbst inszeniert.

Seine Musik ist genauso ehrlich, charmant und schnörkellos wie ich den Mann hinter all den Musicalmasken vermute. Sein Album ist definitiv kein Musicalalbum. Es werden keine bekannten Musical-Hits gecovert, wie man es von vielen seiner Kollegen kennt. Dies wird wahrscheinlich manche Fans erst einmal enttäuschen. Für mich ist es jedoch herrlich erfrischend, wenn sich ein talentierter Musicaldarsteller an seine eigene Musik wagt. Vor allem, wenn es ein so herausragender Darsteller ist, welcher der Welt mehr zu erzählen hat als er es in den für ihn geschriebenen Rollen vermag. Drew Sarich ist mit seinem Konzert noch in Linz und in St. Pölten (Karten hier) zu erleben und ich hoffe, dass sich noch viele Fans finden, die ihn auf seinem Roadtrip begleiten möchten.

Beitragsbild: © Bernhard Mayr