Eve Rades studierte an der renommierten Bayerischen Theaterakademie August Everding in München und stand noch während ihrer Ausbildung in „Grand Hotel“ (Staatstheater am Gärtnerplatz / Ensemble) und „Frühlings Erwachen“ (Deutsches Theater München / Ilse) auf der Bühne.

In ihre Heimat Berlin kehrte sie für das Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ zurück, wo sie alternierend die Rolle der jungen Jessy verkörperte. In den letzten Jahren war sie parallel zu ihrem Long-Run-Engagement aber auch immer wieder im Stadttheater zu sehen – unter anderem als Lucy Harris in Wildhorns „Jekyll & Hyde“ (Bühnen der Stadt Gera) und Natalie in der Dortmunder „next to normal“-Inszenierung. Aktuell verkörpert sie die Titelrolle der „Evita“ am Staatstheater Darmstadt (hier findet ihr unsere Review) und tourt als Bibi in „Bibi & Tina – Die große Show“ durch Deutschland.

KULTURPOEBEL: Eve, du stehst momentan in der Titelrolle von „Evita“ auf der Bühne des Staatstheaters Darmstadt. Was hat dich am meisten an Rolle und Produktion gereizt?

Eve Rades: In erster Linie die beeindruckende Geschichte dieser Frau, die aus dem Nichts kam und sich nach oben gekämpft hat. Ich fand sehr spannend, mit welchem Ehrgeiz und Geschick sie ihren Weg gegangen ist und wie facettenreich der Charakter an sich ist. Da kann man auch selbst schauen, wo steckt das in einem drin und solch große Konflikte spielen zu können, macht immer Spaß. Zudem ist Evita eine DER großen Frauenrollen und ich hatte anfangs gar nicht darüber nachgedacht, dass ich diesen Part einmal spielen würde. Ich habe mich darauf beworben, mir aber eigentlich keine großen Chancen ausgerechnet und dass es letztlich geklappt hat, ist natürlich ein Traum!

KULTURPOEBEL: Mir fällt es immer schwer, Evita einzuschätzen, bzw. auch einen Draht zu ihr zu finden, denn in erster Linie agiert sie berechnend, egoistisch und machtgeil – Ches Kommentare tragen ihren Teil dazu bei, sie nicht im allerbesten Licht erscheinen zu lassen. Findest du sympathische Seiten an der Rolle?

Eve Rades und Carl van Wegberg in "Evita" © Michael Hudler
Eve Rades und Carl van Wegberg in „Evita“ © Michael Hudler

Eve Rades: Ich habe in meiner Darstellung versucht, verschiedene Facetten zu zeigen. Klar ist sie berechnend, weil sie ihr Ziel erreichen will, aber man muss auch immer beachten, welches Leben sie als Kind hatte und warum sie so handelt. Ihr Vater ist früh verstorben und konnte nicht in dem Maße für sie sorgen, wie sie es sich gewünscht hätte. Sie wollte ein besseres Leben, hat ihre Familie laut den Biografien aber nie vergessen und sich dieser immer verbunden gefühlt. Der meiner Meinung nach größte Konflikt besteht darin, dass sie Angst hat, vergessen zu werden und dass ihr Leben irgendwann keine Bedeutung mehr hat.
Klar ist aber auch, sie hätte sich nie in Perón verliebt, wenn er der Putzmann bei den Feierlichkeiten gewesen wäre. Erfolgt macht ja manchmal auch sexy und die beiden haben sich in diesem Moment gegenseitig angezogen – zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

KULTURPOEBEL: Evita wurde ja schon von vielen großen Stars des Genres verkörpert. Gab es eine Interpretation, an der du dich besonders orientiert hast?

Eve Rades: Ich habe vorher nur den Film mit Madonna und die Wiener Inszenierung mit Katharine Mehrling gesehen – wusste zu dem Zeitpunkt aber nicht, dass ich diese Rolle selbst bald übernehmen würde. Ich versuche immer, im Vorfeld so wenig wie möglich zu sehen, weil ich Angst habe, ansonsten manches zu übernehmen und dann nicht mehr ganz frei in meiner eigenen Interpretation zu sein. Ich versuche immer, erstmal  in mir selbst zu suchen. Ich weiß noch, dass ein Kollege und guter Freund aus der Dortmunder „next to normal“-Produktion mir bei einem Filme-Abend einmal ein paar Ausschnitte zeigen wollte und ich hatte zwar Lust es zu sehen, war aber noch gar nicht bereit dafür, weil ich nicht wollte, dass mich das irgendwie beeinflusst.
Ansonsten habe ich in der Vorbereitung zu „Evita“ viel in den Biografien gelesen und wir hatten eine sehr gute und engagierte Dramaturgin, die mit Rat und Wissen zur Seite stand.

KULTURPOEBEL: „Evita“ steckt voller schauspielerisch und gesanglich anspruchsvoller Szenen. Welche ist die größte Herausforderung für dich?

Eve Rades: Für mich persönlich ist „Buenos Aires“ am anstrengendsten. Das Lied macht total Spaß, aber ich bin immer glücklich, wenn das Tempo nicht allzu schnell ist, sodass ich die Wörter noch greifen kann, die Tänze gut geklappt haben und ich keinen Textverdreher habe.

Eve Rades und Ensemble in "Evita" © Michael Hudler
Eve Rades und Ensemble in „Evita“ © Michael Hudler

KULTURPOEBEL: Ich finde gerade bei diesem Lied auch auffällig, dass Tim Rice oft sehr, sehr viele Wörter auf sehr wenige Noten getextet hat, also das ist ja eine Herausforderung für jede Sprechtechnik…

Eve Rades: „Du bist schlecht, du bist gut, voll Juwelen…“. Wenn ich das „voll Juwelen“ nicht gegriffen bekomme, wird es eng. Normalerweise hatte ich mit Texten immer wenig Probleme, aber hier gab es fast keinen Durchlauf vor der Premiere, bei dem ich nicht einen kleinen Textfehler hatte. Irgendwann habe ich mir dann gesagt: Okay, du bleibst in der Rolle, egal, was passiert!

KULTURPOEBEL: Du spielst ja nicht nur am Stadttheater, sondern hast in Berlin auch die Jessy in „Hinterm Horizont“ verkörpert. Wie schaffst du es, eine Rolle bei teilweise acht Vorstellungen pro Woche frisch zu halten?

Eve Rades: Ich sehe das immer als Challenge für mich. Wir haben ja sozusagen Punkt A und Punkt B, wo ich mit einer Rolle hinmöchte, vom Regisseur vorgegeben. Was ich dazwischen mache, ist von Abend zu Abend und Spielpartner zu Spielpartner unterschiedlich. Und wenn du mal einen Moment hast, wo du denkst „Heute war es mal nicht ganz so frisch“, ist es wichtig, dass du nicht nur zurückblickst und dir eben sagst „Der nächste Moment ist da und du hast wieder die Chance.“ Ich glaube, bei jedem wird es mal den Moment geben, wo man merkt, dass man es gerade nicht so gefühlt hat wie sonst. Gerade am Anfang war ich dann teilweise sauer auf mich selbst oder enttäuscht. Wenn man dann aber gut zu sich ist und sich vor Augen führt, dass man keine Maschine ist, sondern ein Mensch, bleibt man auch offener und entspannter, als wenn man verbissen etwas versucht. Mein Ziel ist immer, rauszugehen, dem anderen zuzuhören und dann darauf zu reagieren – natürlich in den Spielregeln, dass das Stück nicht verändert wird.

Eve Rades und Dustin in der Dortmunder Produktion von "Next to normal" © Björn Hickmann / Stage Picture
Eve Rades und Dustin Smailes in der Dortmunder Produktion von „Next to normal“ © Björn Hickmann / Stage Picture

Ich hatte aber auch immer wieder Phasen, in denen ich den Long-Run für kurze Zeit verlassen und für andere Engagements geprobt habe. So habe ich mich immer gefreut, wiederzukommen und empfand die Rolle als Zuhause.

Bei „Evita“ achte ich jetzt natürlich noch sehr stark auf die Texte, während diese bei „Hinterm Horizont“ einfach drin waren – auch, wenn ich mal sechs Wochen etwas anderes gemacht habe und zurückgekommen bin. Das war dann schon sehr erstaunlich.

Kulturpoebel: Ist das vielleicht auch eine Strategie, sich parallel zum Long-Run noch Engagements am Stadttheater oder anderen kleineren Bühnen zu suchen, um eine Rolle spannend und die eigene Tätigkeit abwechslungsreich zu halten?

Eve Rades: Ich finde es vor allem gesund für die Darsteller, wenn es wie bei „Hinterm Horizont“ eben Alternates, zwei Erstbesetzungen und Back-Ups gibt. Dadurch, dass man sich die Rolle teilt, bleibt die Frische erhalten. Und wenn man dann noch die Möglichkeit bekommt, andere Produktionen machen zu können, kommt man mit neuen Eindrücken zurück. Man wächst ja auch an jeder Rolle, die man spielen darf und bringt neue Erfahrungen mit.

KULTURPOEBEL: Gab es eine Rolle oder Produktion, in der du dich besonders weiterentwickelt hast?

Eve Rades: „next to normal“ war sowohl musikalisch als auch vom Thema her eine große Herausforderung für mich. Generell bin ich aber sehr glücklich, dass ich bei jedem Projekt, das ich machen darf, sehr viel lerne. Die Natalie in „next to normal“ ist eine ganz andere Rolle als Evita. Als ich damals bei „Hinterm Horizont“ angefangen habe, dachte ich „Oh… auf dieser großen Bühne sollst du mal stehen…verrückt!“ Und dann habe ich das gemacht und irgendwann war dann der Punkt, an dem ich auch gesanglich etwas Neues ausprobieren wollte. Dann kam „Jekyll & Hyde“ und war eine neue Herausforderung und so ging es dann bis zu Natalie, die auch immer schon eine Traumrolle von mir war. Da habe ich mich sehr gefreut. Ich hoffe, es bleibt so, denn selbstverständlich ist es nicht.

 

„Evita“ am Staatstheater Darmstadt: Vorstellungen vom 15. Oktober 2016 bis 17. Juni 2017. Tickets gibt es hier.

„Bibi und Tina – Die große Show“: Tickets und Informationen gibt es hier.

Beitragsbild: © Urban Ruths

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.