Der Musicalfilm „La La Land“ von Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle ist gerade in aller Munde. Emma Stone und Ryan Gosling spielen die Hauptrollen,  die Musik stammt von Justin Hurwitz. „La La Land“ gewann bereits sieben Golden Globe Awards und ist für 14 Oscars nominiert. Seit dem 12. Januar 2017 läuft der Film auch in den deutschen Kinos. „La La Land“ lässt lang vergangene Zeiten des klassischen amerikanischen Musicalfilms wieder auferstehen und ermöglicht gleichzeitig eine gegenwärtige Blickweise auf dieses Genre.

„La La Land“ spielt in Los Angeles und handelt von Mia Dolan einer jungen Schauspielerin, die verzweifelt versucht Erfolg in Hollywood zu haben, von Casting zu Casting hetzt und ihren Lebensunterhalt in einem Café auf dem Studiogelände von Warner Bros. verdient. Der Pianist Sebastian Wilder träumt davon, eine Jazzbar zu eröffnen und hält sich mit Gelegenheitsjobs in Restaurants und Bands über Wasser. Das Schicksal führt die beiden immer wieder an verschieden Orten zusammen, sie werden ein Paar und kämpfen für ihre künstlerischen Ambitionen.

Exkurs: Die Geschichte des amerikanischen Musicalfilms

Die Entstehung des Genres fällt mit dem Aufkommen des Tonfilms in den 1920er Jahren zusammen. „The Jazz Singer“ aus dem Jahr 1927 gilt als der erste Tonfilm in Spielfilmlänge und auch als erster Musicalfilm. Die Produktionszahlen belegen, dass der Musicalfilm damals ein sehr populäres Genre war. Zwischen Januar 1929 und Juni 1930 gab es 128 Produktionen von Musicalfilmen. Die ersten Versuche der Produktionsfirmen, die auch immer intensiver Broadway-Komponisten und -Texter anwarben und zunehmend eine Herausforderung für das künstlerische Schaffen in New York darstellten, waren „The Broadway Melody“ (1929) und „42nd Street“ (1933). Einen großen Aufschwung erzielte die Branche durch das Musicalfilm-Traumpaar Fred Astaire und Ginger Rogers, das von 1933 bis 1939 in zahlreichen Produktionen zusammen zu sehen war. In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg tat sich die Firma MGM (Metro-Goldwyn-Mayer) durch zahlreiche Produktionen von Musicalfilmen hervor. In dieser Zeit entstanden Filme wie „Annie Get Your Gun“ (1950), „Show Boat“ (1951), „An American in Paris“ (1951) und „Singin’ In The Rain“ (1952). In den sechziger Jahren ging die Produktion der Musicalfilme zurück. Wo vor mehr als 30 Jahren die Musicalfilmproduktionen Hollywood dominierte, wurden diese in den 60er Jahren bedeutungsloser.

© Studiocanal

Trotzdem sind in dieser Zeit einige Musicalfilme entstanden, die auch heute noch einen hohen Bekanntheitsgrad haben: „West Side Story“ (1961), „Mary Poppins“ (1964), „My Fair Lady“ (1964) und „The Sound of Music“ (1965). In den 70er und 80er Jahren entstanden die Musical- und Tanzfilme, die vor allem Rock-, Pop- und Discomusik verarbeiteten und Verfilmungen von Musicals, die bereits am Broadway spielten: „Fiddler On The Roof“ (1971), „Cabaret“ (1972), „Jesus Christ Superstar“ (1973), „The Rocky Horror Picture Show“ (1975), „Saturday Night Fever“ (1977), „Grease“ (1978), „Hair“ (1979), „Footloose“ (1984), „A Chorus Line“ (1985), „Dirty Dancing“ (1987). In den 90er Jahren entstanden viele Disneyfilme mit Musicalcharakter: „Beauty And The Beast“ (1991), „Aladdin“ (1992) und „The Lion King“ (1994). In den letzten Jahren erschienen einige Musicalfilme nach Bühnenvorlagen, wie beispielsweise „Chicago“ (2002), „Phantom Of The Opera“ (2004), „Rent“ (2005), „Mamma Mia!“ (2008) und „Les Misérables“ (2012).

„Entertainment is the key of life.“

Schon die Eröffnungsszene von „La La Land“ schreit dem Zuschauer lauthals ins Gesicht: „Ich bin ein Musicalfilm!“ Menschen, die mit ihren Autos im Stau stecken, fangen plötzlich an zu singen und zu tanzen. Es folgt eine fünfminütige Choreografie, immer mehr Menschen springen aus ihren Autos, schließen sich dem bunten Treiben an und hüpfen singend über  die Straße. Die komplette Szene kommt ohne erkennbare Schnitte aus und hier zeigt sich schon die phantastische Kameraarbeit von Linus Sandgren, der scheinbar auch die Kamera an der Choreografie teilhaben lässt. Somit wird der Zuschauer direkt Teil des Films und man bekommt sofort das Gefühl für den Rhythmus des Musicalfilms. In einem solchen wird vornehmlich suggeriert, dass Unterhaltung der Schlüssel des Lebens ist. Deswegen nutzen die im Stau stehenden Menschen die verlorene Lebenszeit, indem sie sich glücklich singen und tanzen.

„The couple is the plot.“

Das wichtigstes Merkmal eines Musicalfilms ist die „dual-focus narrative“ (Doppelfokus-Erzählung). Die Dualität bezieht sich hierbei auf verschiedene Aspekte der Handlung, allen voran das Zusammenfinden eines Liebespaares, das oft mit Gegensätzen wie Gut und Böse, Reich und Arm oder unterschiedlichen sozialen Wertvorstellungen zu kämpfen hat. Letztendlich aber werden die Gegensätze überwunden und die Liebe siegt. Die Geschichte ist banal, nur auf den einzig wichtigen Handlungsstrang, nämlich die Zusammenführung des Liebespaares, ausgelegt. Auch wenn es viele Musicalfilme gibt, die aus der Reihe fallen und vor allem spätere Filme auch andere Themen behandeln, lässt sich doch der klassische Musicalfilm, wie er vor allem in den 20er bis 60er Jahren produziert wurde, anhand dieses Merkmals genau definieren.

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Jeden einzelnen Aspekt des Musicalfilms kann man auf die Dualität beziehen, wie beispielweise Setting, Kameraposition, Musik und Tanz. Speziell dem Duett der weiblichen und männlichen Hauptpersonen kommt eine wichtige Rolle im Musicalfilm zu. In diesem einen Lied wird die komplette Idee des „dual-focus narrative“ wiedergegeben. Die Auflösung der Dualität in der Handlung wird durch die Heirat herbeigeführt, die gleichermaßen auch alle weiteren Widersprüche versöhnt.

Die Dualität in „La La Land“

„La La Land“ fokussiert sich ausschließlich auf das Paar Mia und Sebastian. Schon zu Beginn zeigt sich die Dualität im Setting und in den Kamerapositionen, wenn der Zuschauer zuerst Mias Leben kennenlernt, um dann später die gleichen Stunden aus Sebastians Leben zu betrachten. Man sieht wo die beiden wohnen, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen und welchen Umgang sie pflegen. Auf einer Party lernen sie sich näher kennen und auch hier erkennt man die Dualität. Sie steppen gemeinsam und dieser Tanz ist wie in den älteren Musicalfilmen in einer Einstellung – also ohne Schnitt – gedreht, um den Fluss der Bewegung der beiden Körper nicht durch filmische Mittel zu unterbrechen, was die Natürlichkeit verloren gehen ließe. Auch der Gesang ist ein wichtiges Mittel, um die Dualität zu definieren. Typischerweise finden die Charaktere im Lied zusammen, wenn sie gemeinsame musikalische Motive teilen. So hat Sebastian sein eigenes instrumentales Klavierthema, das Mia später im Film mit Gesang füllt.

„Ich tanze mit dir in den Himmel hinein…“

Der Musicalfilm definiert oft einen „Ort des Paares“, der eine symbolträchtige Bedeutung in der Geschichte der Beziehung hat. In „La La Land“ ist dies eine Bank, von der aus man über die Los Angeles sehen kann, wo auch ihr erstes „Pas de deux“ stattfindet. Des Weiteren gibt es im Musicalfilm das Motiv des „rooftop song and dance“ (Hausdach Lied und Tanz). In diesem Fall ist der „rooftop“ das Griffith Obersavtory in L.A., von wo aus sich das Paar tanzend in den Himmel träumt. Die Choreografie stammt von Mandy Moore, die es einerseits versteht, große Ensemblenummern zu Beginn des Filmes geschickt für filmische Zwecke zu choreografieren und andererseits die Tänze der Hauptcharaktere mit vielen Analogien zu Musicalfilmen mit Fred Astaire und Ginger Rogers anzureichern.

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Justin Hurwitz, der schon 2014 in dem Musikfilm „Whiplash“ mit Damien Chazelle zusammenarbeitete, schrieb einen in sich stimmigen Soundtrack. Er spannt den Bogen von flotten Broadway-Nummern über Jazzmusik bis zu ruhigen Klavierthemen. Die verschiedenen Themen werden am Ende in einer siebenminütigen Sequenz miteinander kombiniert, sodass man beim Verlassen des Kinosaals einige Ohrwürmern vor sich hin pfeift.

Emma Stone und Ryan Gosling

Schauspielerisch glänzt allen voran Emma Stone. Sie schafft es mit ihrer Leinwandpräsenz ihrem Charakter eine Tiefe zu verleihen, wie es selten der Fall ist. Obwohl die Geschichte, wie es einem richtigen Musicalfilm gebührt, der maximale Kitsch ist, spielt sie ihre Rolle überzeugend, sodass sie den Film in einen sehenswerte Streifen verwandelt und der Zuschauer die Banalität der Vorlage gerne verzeiht.

Ryan Gosling schafft es leider nicht, sich aus Emma Stones Schatten herauszuspielen. Genauso wenig tut er sich singend, tanzend oder Klavier spielend hervor. Man stellt sich allgemein die Frage, warum bei der Besetzung der beiden Hauptrollen nicht sorgfältiger vorgegangen wurde. Ist es sinnvoll die Hauptrollen eines MUSICALfilms mit Schauspielern zu besetzen, die gesanglich und tänzerisch nicht viel zu bieten haben? Die Antwort ist da wohl: Fred Astaire und Ginger Rogers kann es nur einmal geben!

Warum „La La Land“ den klassischen amerikanischen Musicalfilm für unsere Zeit neu interpretiert.

In „La La Land“ geht es um Träume. Ein Liebespaar träumt davon eine gemeinsame Zukunft zu haben. Doch leider sieht die Realität oft ganz anders aus. Der Film passt die Themen der alten Musicalfilme an unsere moderne Gesellschaft an, die mehr Komplexität von solch einer Geschichte erwartet. In vielen Musicalfilmen gibt es surrealistische Traumsequenzen, welche die Träume der Charaktere zeigen. Die letzten Minuten von „La La Land“ präsentieren eine solche Sequenz, wie der Film als ein traditioneller Musicalfilm hätte enden müssen, dies aber außerhalb der Traumsequenz nicht tut. Er zeigt die Realität der Traumfabrik „Hollywood“, das Streben nach beruflicher Erfüllung, das häufig nicht mit dem privaten Glück vereinbar ist und im Leben nicht immer alles so kommt, wie man es sich erträumt.

„La La Land“ hebt den klassischen Musicalfilm auf eine weitere Ebene, denn hier geht es nicht nur um Vergnügen und das Finden der wahren Liebe, sondern um die Realität, die zuvor anders erträumt wurde. Es ist ein Musicalfilm, der die meiste Zeit stille Töne anschlägt und viel mehr Tiefgang hat als so manch einer seiner Vorgänger. Mit „La La Land“ ist es gelungen, die Magie der alten Musicalfilme einzufangen und dieser einen modernen Aufguss zu geben.

Beitragsbild: © Studiocanal

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.