Bei der Pressekonferenz zur kommenden Neuinszenierung des Kultmusicals „Tanz der Vampire“ wartete das Kreativteam mit vielen Neuerungen auf. Vor allem in der Handlung gibt es zum ersten Mal eine grundlegende Veränderung und das Grafenschloss wird durch ein Sanatorium ersetzt. Nach anfänglichem Schock und mal ein paar Nächte darüber schlafen, stelle ich mehr und mehr fest, dass ich mich mit den neuen Ideen nicht nur anfreunden kann, sondern dass dies vielleicht sogar den Anfang einer neuen Musical-Ära im deutschsprachigen Raum bedeuten könnte.

Am 18. Februar 2017 startet endlich die groß angekündigte Neuinszenierung von „Tanz der Vampire“ im Theater St. Gallen. Bereits im Vorfeld hat mich diese Produktion mehr interessiert als die gegenwärtige Tour, die nach Berlin und München nun wieder im Stuttgarter Palladium Theater eingezogen ist. Während ich zwar „Tanz der Vampire“ immer noch zu meinen absoluten Lieblingsstücken zähle, bin ich doch mehr und mehr gelangweilt von der Inszenierung, die seit fast 20 Jahren durch Deutschland zieht. Vor allem die Neuinszenierung aus dem Jahr 2009 im Wiener Ronacher hat mich hier sehr viel mehr begeistert, da sie den Vampiren ein viel moderneres und in meinen Augen auch passenderes Facelift verpasste und somit hatte ich auch hohe Erwartungen an die Produktion in St. Gallen, wobei meine größte Hoffnung jene war, dass es sich um die besagte Inszenierung aus Wien handeln würde. Meine schlimmste Befürchtung war, dass es  im Endeffekt die gleiche Produktion wird, die wir momentan auch in Deutschland zu sehen bekommen und das einzige Neue der Schweizer Dialekt ist.

Hans Kudlich, Werner Signer, Franz Blumauer © Anna-Tina Eberhard

Dass ich mich hierbei so weit verschätzen würde, hätte ich wohl nicht gedacht. Das Kreativteam rund um Regisseur Ulrich Wiggers nimmt das Wort „Neu“ äußerst ernst und vertreibt die Vampire aus ihrem Schloss in ein Sanatorium. Auch die Familie Chagall muss aus ihrem gemütlichen Wirtshaus ausziehen und wird nun zu dem Besitzer besagter Anstalt. Es handelt sich somit nicht nur um eine neue Inszenierung, sondern um eine komplett neue Interpretation des Klassikers von Roman Polanski. Ich muss gestehen, dass ich im ersten Moment mehr als skeptisch war. Ich hielt es sogar ehrlich gesagt für einen ganz schlechten Scherz, schließlich kann man doch dieses Meisterwerk nicht einfach so grundlegend verändern. Ein paar neue Kostüme. Gerne. Ein größeres Orchester. Unbedingt! Aber die komplette Handlung umschreiben? Bitte nicht. Aber dann kam ich doch etwas in Zwiespalt mit mir selbst und meiner ewigen Predigt, doch endlich mal etwas Neues auf die Bühne zu bringen. Will ich denn nun eine neue Inszenierung oder nicht? Und vielleicht ist es auch mal an der Zeit, nicht nur das szenische Konzept wie Kostüme und Kulissen zu überdenken.

Neue Wege finden…

Hierbei sei dazu gesagt, dass die Texte von Michael Kunze sowie die Musik von Jim Steinman, die „Tanz der Vampire“ so einzigartig macht, unverändert bleiben. Und ist der St. Gallener Ansatz nicht genau das, was Stadttheater seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar immer schon machen: Sie nehmen die klassischen Stücke und verlagern sie in neue Zeiten, an neue Orte oder geben der Handlung eine ganz neue Richtung. Die Herausforderung ist hierbei fast immer, dass die Musik und die Texte noch Sinn ergeben müssen. Oft bin ich erstaunt, wie gut es funktioniert, öfter jedoch, was für ein Blödsinn dabei herauskommt. Vielleicht auch, weil langsam alles da gewesen ist und die Ideen immer absurder werden müssen. Warum sich dann nicht an die modernen Opern sprich Musicals wagen, die man abgesehen von der klassischen Originalinszenierung selten, wenn nicht sogar noch nie in einem anderen Konzept gesehen hat. Wenn es mit einem Kultstück wie „Tanz der Vampire“ klappt, dann könnte es doch bestimmt auch mit anderen Musicals klappen und somit vielleicht eine ganz neue und spannende Perspektive für Stadttheater und Musicalfans darstellen.

Mercedesz Csampai (Sarah), Thomas Borchert (Graf von Krolock) und Ensemble © Anna-Tina Eberhard

Die Gefahr besteht hierbei natürlich, dass vom eigentlichen Stück letzten Endes nichts mehr übrig bleibt und auch die ursprünglichen Werte und Gedanken, die das Autorenteam im Sinn hatten verloren gehen. Hierzu hat Rasmus bereits vor einiger Zeit einen äußerst interessanten Artikel zur Problematik mit der Werktreue geschrieben. Vor allem die Angst, dass viele Stücke zerstört und Opfer von zu motivierten Regisseuren werden, ist hierbei groß, da jedoch Michael Kunze in gewissen Maße mit den Änderungen einverstanden ist, müssen wir uns zumindest hierüber erstmal keine Sorgen machen.

…ohne jedoch die Kernaussage zu verlieren

Auch freunde ich mich immer mehr mit der Idee eines Sanatoriums an, welches sich sehr gut mit den eigentlichen Thematiken von „Tanz der Vampire“ verbinden lässt. Gut, zu Anfang dachte ich wirklich eher, dass diese Idee bei viel zu viel Sangria auf Mallorca entstanden ist. Je mehr ich mich damit befasse, umso mehr gefällt mir jedoch der Gedanke. Ohne genau zu wissen, wie am Ende die fertige Produktion aussieht und ob man mit Sanatorium nun eine Art Kurklinik meint oder wirklich eine psychiatrische Anstalt, finde ich das Thema äußerst spannend. Vor allem die Ensemble-Nummern wie „Knoblauch“ oder „Ewigkeit“ kann ich mir sehr gut vorstellen und auch die großen Balladen wie „Unstillbare Gier“, in der es schließlich auch um nichts anderes geht, als den Wahnsinn aufgrund gewisser Sehnsüchte, passen meines Erachtens ziemlich gut in ein Sanatorium. Meine Sorge ist natürlich groß, dass das Ganze zu sehr ins Lächerliche gezogen wird und man statt auf Umhänge nun auf Zwangsjacken setzt, denn das wäre in meinen Augen definitiv der falsche Weg. Wenn man das Ganze jedoch richtig anpackt und die richtige Balance zwischen Grusel, Witz und Ernsthaftigkeit findet, könnte man hier etwas Großartiges schaffen.

© Anna-Tina Eberhard

Natürlich könnte der Schuss gerade bei den eingefleischten Fans gewaltig nach hinten losgehen, da „Tanz der Vampire“ wie kein zweites Musical die Massen ins Theater lockt, die sonst nicht ins Musical gehen und die Meisten wahrscheinlich doch mit der Erwartung nach St. Gallen kommen, das klassische „Tanz der Vampire“ zu sehen. Da die Musik dieselbe bleiben wird und dies bei Musicals doch das Haupterkennungsmerkmal ist, wird es vielleicht nicht so dramatisch ausfallen wie zuletzt bei „Barricade“ oder der „Phantom der Oper“-Tour, die immer wieder mit dem Original von Andrew Lloyd Webber verwechselt wird und die Zuschauer doch immer enttäuscht zurücklässt. Jedoch bringt „Tanz der Vampire“ vor allem in Deutschland eine viel größere Fangemeinde mit, die wahrscheinlich schockiert sein wird, dass ihre Vampire nicht mehr wie im Original im Schloss hausen. Daher bleibt zu hoffen, dass das Konzept gut genug durchdacht ist, damit auch ein Großteil der Fangemeinde der neuen Interpretation eine Chance gibt.

Ich bin jedenfalls äußert gespannt, was das Theater St. Gallen auf die Beine stellen wird und bin nun hin und hergerissen, mich doch noch auf den Weg in die Schweiz zu machen. Und wem es nicht gefällt und der Sache absolut keine Chance geben möchte, kann auch nach Stuttgart fahren und sich den Klassiker in Dauerschleife ansehen. Ich sehe die Produktion in St. Gallen nun auf jeden Fall noch mehr als Alternative und Chance, mal etwas Neues zu versuchen.

Tickets und weitere Informationen zur Neuinszenierung von „Tanz der Vampire“ in St. Gallen gibt es hier.

Beitragsbild: © Andreas J. Etter/Theater St. Gallen

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.