„They don’t make them like they used to!” Diese englischsprachige Redewendung schwirrte mir nach der Vorstellung von „Anything Goes“ in der Münchner Reithalle im Kopf umher. Sie beschreibt eine Sehnsucht nach einer völlig anderen Zeit und Art der Musical-Unterhaltung, die den besonderen Reiz von „Anything Goes“ zweifelsohne ausmacht. Das Musical ist ein 30er-Jahre-Klassiker, wie er im Buche steht: Die screwballkomödiantische Handlung an Bord eines amerikanischen Luxus-Dampfers ist voller Romantik, Irrungen und Wirrungen und parodistischer Elemente und endet, trotz all dem Chaos, natürlich mit einem Happy End.

Genauso wie es auf dem Schiff auf der Bühne zugeht, war auch die Entstehung des Stückes derart chaotisch, dass meines Erachtens darüber ein komplettes Backstage-Musical geschrieben werden könnte. (Warum ist das noch nicht passiert?) Broadway-Produzent Winton Freedley, frisch zurück von einer Insel in der Karibik, auf die er wegen einiger produzierter Flops vor seinen Gläubigern geflohen war, engagierte die Buchautoren Guy Bolton und P.G. Wodehouse, die eine Komödie über eine illustre Gesellschaft und deren exzentrisches Verhalten bei einem Schiffbruch schrieben. In kürzester Zeit musste dieses Libretto jedoch von Regisseur Howard Lindsay, gemeinsam mit den Journalisten Russel Crouse komplett umgeschrieben werden, da sich kurz vor Probenbeginn des Musicals eine tatsächliche Schiffskatastrophe ereignete, die in den Medien Schlagzeilen machte und die Erfolgsaussichten für ein Stück mit derart ähnlichem Inhalt wohl sehr gering ausgefallen wären. So entstand 1934 Anything Goes (Ein Großteil des neues Buches wurde von den Autoren ziemlich hektisch auf deren Zugfahrt zu den Vorvorstellungen in Boston verfasst.) und der einzige Grund, warum die Handlung auch hier auf einem Schiff spielt, ist die Tatsache, dass das Bühnenbild für die Urproduktion bereits fertig gewesen war. Der Erfolg blieb trotz Beinahe-Schiffbruch nicht aus: das Musical schaffte es auf damals beachtliche 400 Aufführungen. That’s Show Business!

Ein Cole Porter-Hit nach dem anderen!

In der turbulenten Entstehung des Musicals gab es eine Konstante: die Evergreens von Songwriter-Genie Cole Porter, die jazzig, pfiffig und melodiös sind. Nur sehr wenig tragen sie zum Voranschreiten der Story bei und könnten in ihrer Reihenfolge auch beliebig verändert werden. Doch nicht nur entspricht dies dem Stil der Zeit, Porter war auch ohnehin nicht dafür bekannt gewesen, viel Wert auf die sinnvolle Integration seiner Musik in die Handlung zu legen. Immerhin bezeichnete sich der reiche Porter als professioneller Amateur und das Songschreiben war eher nur ein Hobby für ihn.

© Christian POGO Zach

Dieses Auftauchen der Musicalsongs aus dem Nichts mag aus heutiger Sicht kritisiert werden aber die Folge ist, dass sie damit fast zum Herzstück des Musicals werden, wenn die Handlung mal wieder innehält, um das Publikum mit „I Get A Kick Out Of You“, „All Through The Night“ oder einem anderen Porter-Hit zu erfreuen. Obwohl „Anything Goes“ anlässlich einer Broadway-Wiederaufnahme 1987 mit neuen Witzen, Dialogen, Songs und Arrangements an einen zeitgenössischen Geschmack angepasst wurde (verantwortlich für das neue Script waren dabei John Weidmann und Timothy Crouse, Russel Crouses Sohn) und auch diese Version in der Reithalle in München gespielt wird, lässt es trotzdem noch seine 30er Jahre-Herkunft und die Verwandtschaft zum Vaudeville, der Revue und dem Varieté durchblicken.

Weniger ist mehr!

Dementsprechend verlässt es sich ganz auf seine plötzlich auftauchenden Songs und die Darsteller, die in diesen ihr ganzes gesangliches, tänzerisches und komödiantisches Talent präsentieren dürfen. Der Zuschauer sollte also nicht darauf hoffen, dass Mega-Musical-typisch ein überbordendes  Bühnenbild, spektakuläre Kostüme oder aufdringliche Lightshows aufgefahren werden. In Josef E. Köpplingers Inszenierung dominieren eine hübsche Drehbühne, welche die Schiffsrehling der SS American darstellt, Gold leuchtende Glühbirnen, die einen Hauch von Good-Old-Broadway-Flair verbreiten und größtenteils stilechte 30er-Jahre-Mode. (Die neonfarben leuchtenden Rettungswesten etwa wirken jedoch eher unzeitgemäß.)

© Christian POGO Zach

Choreografin Regina Ricarda Ludigkeit lässt auch hier in der Titelnummer wie gewohnt die Stepptanzfüße fliegen (Obwohl der starke Hall in der Spielstätte jede Art von präziser Rhythmus-Erkennbarkeit sehr schwierig macht. Und leider musste sich gerade diese Nummer bei mir den Vergleich mit der 2011 am Broadway gesteppten Choreographie von Kathleen Marshall gefallen lassen, die meines Erachtens schlicht und ergreifend unschlagbar ist!).  Doch das gesteppte „Anything Goes“ und noch viel mehr die kleineren Nummern bleiben vor allem wegen den tollen Darstellern in Erinnerung, was sicherlich im Sinne des Stückes und der Inszenierung liegt.

Im Nachhinein kam ich nicht umhin, diese Inszenierung von „Anything Goes“ mit der aktuell am Broadway laufenden Produktion von „Chicago“ zu vergleichen. Sicherlich haben die Stücke hinsichtlich ihrer Entstehungszeit, Konzeption und Komplexität nicht viel miteinander zu tun. Was ich jedoch als Parallele sehe ist die Tatsache, dass sie beide von der Faszination des Zuschauers von Performern leben. Ebenso wie „Chicago“ am Broadway braucht „Anything Goes“ in München außer dem Darsteller, seiner Anwesenheit auf der Bühne, seinen Bewegungen, seiner Stimme und dem „catchy tune“, den diese zum Besten gibt, eigentlich nicht viel mehr um zu begeistern. Erneut wird die Nähe zum Vaudeville erkennbar, auf dessen Stilistik ja „Chicago“ auch größtenteils beruht.

Anna Montanaro stoppt die Show!

Vielleicht ziehe ich die Parallele aber auch einfach nur wegen Anna Montanaro, die ja bekanntlich in eben jenem Stück als eine der wenigen Deutschen am Broadway auftreten durfte und hier in München Nachtclubsängerin Reno Sweeney gibt, die absurderweise gleichzeitig eine von feurigen Showgirl-Engeln umringte Bußpredigerin ist. (Eine Anspielung des Stückes auf die damals in den USA prominente Skandalpredigerin Aimée Semple McPherson.) Was soll ich sagen: den Status eines Musicalstars unterstreicht Montanaro hier mehr als deutlich. Sie legt Reno zwar in ihrem Witz etwas derber und weniger sinnlich an, doch die Aura, die sie auf der Bühne umgibt, ist umwerfend (Nicht zuletzt wegen den toll sitzenden Goldlocken).

© Christian POGO Zach

Stimmlich trumpft sie vor allem im Akt II-Showstopper „Blow Gabriel Blow“ derart auf, dass ich am Ende am liebsten aufgesprungen wäre und meine Sünden vor Gott gestanden hätte, wären  nicht ohnehin schon einige durch Montanaro angeheizte „Hallelujah“-Rufe aus dem begeisterungsfähigen Abonnentenpublikum erklungen. Allgemein gehört „Gabriel“ wohl zu den besten Nummern des Abends, sowohl wegen dem fulminant aufspielenden Jazz-Orchester unter der Leitung von Michael Brandstätter. als auch der Choreographie von Frau Ludigkeit, die das Musicalensemble, das Ballett und sogar den Chor in das sinnlich-verruchte Treiben von Renos Messe mit einbezieht und in einem atemberaubenden Moment gegen Ende der Nummer Montanaro als Reno auf den Händen ihrer Verehrer die Treppe der Schiffsbrücke heruntergleiten lässt. (Ich wünschte, ich wäre einer von ihnen gewesen!)

Man hätte es sich angesichts ihrer „Chicago“-Vorgeschichte zwar schon denken können, doch die Hauptdarstellerin beeindruckt auch mit ihrem kraftvollen und präzisen Tanzstil, gerade in den Duetten mit ihren drei männlichen Nebendarstellern: „You’re the Top“ mit Daniel Prohaska (als Loverboy Billy Crocker charmant und stimmlich begeisternd), „Friendship“ mit Boris Pfeifer (als über seinen Status unglücklicher Kleinganove Moonface Martin wunderbar überzogen und rasant) und zuletzt „Gypsy in Me“, einer Comedy-Nummer mit Hannes Muik (als Lord Evelyn Oakleigh so britisch wie man es in der deutschen Sprache eben sein kann), in der dessen Figur seine innere wilde Zigeunerseite enthüllt. Zugegeben in solchen Moment erkennt man dann doch die Altbackenheit von „Anything Goes“, wenn es nach heutigen Standards mal nicht so politisch korrekt zugeht und Stefan Bischoff und Christian Schleinzer als  Chinesen Luke und John über die Bühne blödeln. (Zeig mir einen Chinesen, der so „Chinesisch“ ist!) Doch ist im Stück ohnehin alles schon so sehr überdreht und hektisch, dass man über derartigen Ausrutscher hinwegsieht und sich denkt: „Sie wussten es damals einfach nicht besser!“

Dementsprechend kriegt man auch ein recht unspektakuläres „Ja, ne, is‘ klar!“-Ende geliefert, was den zweiten Akt schon etwas flau wirken ließe, wären da nicht die Songgrößen von Cole Porter. So darf sich gegen Ende des Stücks eine bis dahin ohnehin schon unfassbar witzig aufspielende Sigrid Hauser als männerverschlingende Gangsterbraut Erna mit „Buddie Beware“ verdienten Zusatzapplaus abholen, dabei von einer ganzen Horde steppender Matrosenboys umringt.

© Christian POGO Zach

Und wie in der Geschichte des Stückes üblich hat man in die ohnehin schon sehr willkürliche Ursprungshandlung noch weitere Songs des Altmeisters eingebaut. („It’s Delovely“ wurde 1962 im Rahmen des Off-Broadway-Revivals in das Stück integriert, das in der Urproduktion eigentlich gestrichene „Easy To Love“ im Broadway-Revival 1987.) Eine weitere Ergänzung in München ist Porters wohl größter Hit „Night And Day“, der in einer traumhaften Sequenz soulig von Previn Moore als Kapitän des Schiffes angestimmt wird. Und auch Gärtnerplatz-Favoritin Dagmar Hellberg erhält als Matrone Evangeline Hartcourt ihren Moment im Rampenlicht, wenn sie ihre alte Flamme Elisha Whitney (wunderbar dösbaddelig und leider ohne richtiges Gesangssolo: Erwin Windegger) mit einem grandios intonierten „Let’s Do It!“ rannimmt. Zuletzt sei noch Katharina Lochmann erwähnt, die in den besuchten zwei Vorstellungen Debütantin Hope Hartcourt rollendeckend souverän singt und spielt und trotz aller Bravheit gegenüber ihrem Schwarm Billy auch ein paar Mal kess sein darf.

„Anything Goes“‘ Ausgelassenheit und Fröhlichkeit mag insofern verwundern, da es in nicht gerade ausgelassenen und fröhlichen Zeiten entstanden ist: Wirtschaftskrise, erstarkender Nationalismus, immer noch vorherrschender Kolonialisierungsdrang des Westens, Bigotterie,… Die Liste könnte noch weitergeführt werden. Davon lässt das Stück nicht viel erahnen, außer vielleicht durch einige darauf anspielende Witzeleien (So bekümmert Elisha gegenüber Evangeline sein Beileid angesichts des Suizids ihres im Börsencrash Bankrott gegangenen Ehemanns: „Er sprang wie ein wahrer Gentleman!“). „Anything“ Goes ist purer Eskapismus und hilft den Menschen, heute wie damals, ihren Sorgen zu entfliehen. Man wird jetzt nicht über den Sinn des Lebens nachdenken aber auf alle Fälle zwei kurzweilige, vergnügliche Stunden verbringen. Und auch das ist heute wie damals Aufgabe des Musicals, in seiner Eigenschaft als Unterhaltungstheater. In dieser Hinsicht kann ich meine zu Beginn genannte Redewendung doch noch abändern: „They still make them like they used to!“

Letzte Vorstellung in der Reithalle München am 08. Januar 2017.

Premiere München: 28.02.2013 (Deutsches Theater Zelt)
Besuchte Vorstellung: 04.01.2017 (Reithalle München)
Buch: Guy Bolton, P. G. Wodehouse, Howard Lindsay und Russel Crouse
Neufassung: Timothy Crouse und John Weidman
Musik &Lyrics: Cole Porter
Musikalische Leitung: Michael Brandstätter
Regie: Josef E. Köpplinger
Choreographie: Ricarda Regina Ludigkeit

Beitragsbild: © Christian POGO Zach