Der Jänner war ein stressiger Monat. Dementsprechend vom Alltag gehetzt erreichten meine Begleitung und ich gerade noch rechtzeitig das Ronacher. Um es gleich vorweg zu nehmen: Wir kamen um einiges besser gelaunt aus dem Stück, als wir hineingegangen waren. Denn das Musical versteht sich als Feelgood – Stück und macht in dieser Hinsicht seine Sache außerordentlich gut.

© VBW / Deen van Meer

Inhaltlich orientiert sich die Handlung um die beiden Streithähne an den Filmen, welche wiederum auf den Romanen von Giovannino Guareschi fußen. Don Camillo (Andreas Lichtenberger) ist der konservative, engagierte Dorfpfarrer, der um keinen Trick verlegen ist, die Einwohner des Dorfes wieder in die Kirche zu bringen. Peppone (Frank Winkels) ist der kommunistische Bürgermeister des Dorfes Boscaccio und bester Feind Don Camillos. In lose zusammenhängenden Episoden wird erzählt, wie Don Camillo und Peppone versuchen, sich gegenseitig zur Weißglut zu bringen und sich schließlich doch vertragen, wobei sie noch eine Fehde zwischen dem reichen Bauern Filotti (Reinhard Brussmann) und seinem Nachbar Brusco (Thorsten Tinney) beenden.

„Menschen, die sich streiten und versöhnen und verstehn…“

Dass diese einfach gestrickte Handlung so gut funktioniert, ist vor allem der sehr bodenständigen Inszenierung geschuldet. Die Bühne hat sich stilecht in eine italienische Piazza verwandelt, das Orchester befindet sich hierbei auf einem Balkon, der auch von den Darstellern bespielt werden kann. Der Fluss, an dem das Dorf gelegen ist, wird durch ein in die Bühne eingetieftes Wasserbecken mit echtem Wasser verdeutlicht. Hierdurch wird eine ganz eigene Atmosphäre kreiert, die Idee  ist also schon allein deswegen beeindruckend und führt dazu, dass  auch das durchschnittlichste Liebeslied noch bezaubernd wirkt. Unterhaltsam sind auch die Choreographien von Dennis Callahan samt der Regie von Andreas Gergen, die in jede noch so kleine Szene Bewegung bringen. Erfrischend ist hierbei besonders, dass gerade die Choreographien sowohl unüblich als auch einprägsam sind und somit zum lockeren Ton des Stückes beitragen. Auch der Slapstick der alten Filme wird überzeugend in die Musicalversion übernommen: Sehr gelungen ist etwa die Szene, in der sich Don Camillo und Peppone um den Taufnamen des Sohnes von Peppone schlagen.

© VBW / Deen van Meer

Gesanglich und schauspielerisch besonders eindrucksvoll ist Andreas Lichtenberger als Don Camillo. Ihm gegenüber scheint Frank Winkels (Peppone) eher blass, was aber auch an der Rolle liegt. Da Don Camillo eine Figur ist, die durch ihre ständigen Zwiegespräche mit Jesus als eine an ihren Grundsätzen Zweifelnde dargestellt und dem Charakter gerade hierdurch eine gewisse Komplexität verliehen wird, hat Winkels es auch schwerer, in seiner Rolle gleichermaßen aufzufallen, weil diese Komplexität und Tiefe seinem Charakter vorlagenbedingt einfach fehlt. Das Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller ist aber sehr gelungen – es ist eine Freude dabei zuzusehen, wie Komik schon allein dann entsteht, wenn beide gleichzeitig auf der Bühne stehen. Unbedingt positiv hervorzuheben ist weiterhin Femke Soetenga als Lehrerin Laura Castelli, die es sogar in dieser eher kleinen Rolle schafft, in Erinnerung zu bleiben sowie Maya Hakvoort, welche die Rolle der alten Gina gerade durch die exzellente Imitation der Körpersprache einer alten Frau sehr glaubhaft interpretiert. Jaqueline Bergrós Reinhold und Kurosch Abbasi als Liebespaar Gina und Mariolino harmonieren gut miteinander, wobei sie allerdings ihre Rolle mit derart viel sprudelnder Energie ausstattet, dass er gerade im direkten Vergleich mit ihr eher unauffällig bleibt.

© VBW / Deen van Meer

Trotz der sehr schematischen Anlage der Figuren sind die ausgewählten Figurentypen jedoch authentisch und werden mit Liebe zum Detail miteinander in Beziehung gesetzt. Selbst die auf dem Marktplatz herumstreunenden Katzen und Hunde dürfen nicht fehlen.  Ob allerdings die Puppen, mit denen die streunenden Tiere dargestellt werden, nun einfallsreich oder unfreiwillig komisch wirken, sei dahingestellt – das Potential zum Kultstatus haben sie allemal. Ähnlich der Figuren ist auch die Musik eher einfach komponiert und wenig charakterzeichnend, dafür reichhaltig an Ohrwürmern (etwa: „Heimat“; „36 Häuser“ oder auch „Don Camillo & Peppone“). Melodien wie diese sorgen für gute Laune, allerdings  kristallisiert sich hierbei leider kein wirkliches Highlight heraus.  Wenig tiefgründig sind die Songtexte: Liedzeilen wie  „…und ich fühle, hier gehör ich hin, weil ich hier zuhause bin“, strotzen nicht gerade vor Einfallsreichtum, passen aber zum Stück, welches mehr darauf abzielt, den Zuschauer gediegen zu unterhalten, als eine tatsächlich innovative Geschichte zu erzählen. Auch die Dialoge regen zum Schmunzeln an, sind aber im Allgemeinen eher harmlos.

© VBW / Deen van Meer

Dementsprechend rar sind die Überraschungsmomente. Einen überraschenden Showeffekt gibt es jedoch schon, der hier allerdings nicht im Detail verraten werden soll, aber in direkter Verbindung zu dem oben beschriebenen Wasser steht. Die Idee ist wirklich ganz nett und der Effekt für sich genommen beeindruckend, leider wirkt er aber wie ein Fremdkörper in diesem Stück, das viel mehr auf die Beziehungen der Charaktere untereinander gerichtet ist und hierdurch mehr gewinnt, als durch eine große Show.

 „36 Häuser, 170 Seelen sind vielleicht nicht wichtig für den Rest der großen Welt…“

Insgesamt ist es nett anzusehen, wie das Leben von Menschen, die unterschiedliche Ansichten vertreten und in einem kleinen Dorf zusammenleben, trotz aller Streitigkeiten harmonisch  gestaltet werden kann –  die Möglichkeiten, hier und da ein wenig Tiefgang einzustreuen, werden allerdings geflissentlich ignoriert. Dies ist an sich zwar schade, tut dem Stück selbst aber ganz gut, weil so ermöglicht wird, eine gewisse Leichtigkeit beizubehalten. Es gibt also ein sehr unaufgeregtes und trotzdem unterhaltsames Musical im Ronacher zu sehen, welches sicherlich nicht das Musicaltheater revolutioniert, aber durchaus gute Laune beschert. Ob das Stück nun herzig ist oder spätestens mit der Doppelhochzeit am Ende die Grenze zum Kitsch eindeutig überschreitet, liegt im Auge des Betrachters. Dem Publikum jedenfalls gefällt es sehr gut, Standing Ovations sind keine Seltenheit. Tatsächlich ist das gesamte Musical  ein wenig so, wie die kleine Welt von Don Camillo und Peppone porträtiert wird: idyllisch, ein bisschen bieder und nicht übermäßig intellektuell, dafür aber trotz aller Diskrepanzen ein wirklicher Ort der Geborgenheit und Lebensfreude.

Premierendatum Uraufführung: 30.4.2016 (Theater St. Gallen)
Premiere in Wien: 27.1.2017 (Ronacher)
Musik: Dario Farina
Buch/ Lyrics: Michael Kunze
Regie: Andreas Gergen
Musical Supervision und Orchestrierung: Koen Schoots
Bühnenbild: Peter J. Davison
Kostümbild: Yan Tax
Choreographie: Dennis Callahan

Besetzung der Hauptrollen: Maya Hakvoort (Die alte Gina), Andreas Lichtenberger( Don Camillo), Frank Winkels (Peppone), Jaqueline Bergrós Reinhold (Gina), Kurosch Abbasi (Mariolino), Reinhard Brussmann (Filotti), Ernst Dieter Suttheimer (Nonno), Thorsten Tinney (Brusco), Femke Soetenga (Laura Castelli)

Tickets und weitere Informationen findet ihr hier.

Beitragsbild: © VBW / Deen van Meer

TEILEN
Vorheriger ArtikelNews: „Sister Act“ ab März 2017 im Rhein-Main-Theater in Niedernhausen
Nächster ArtikelNews: Carin Filipčić und Hans Neblung in „Die Brücken am Fluss“ in Trier
Anna Seifert
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.