„Wenn man will, dass es richtig gemacht wird, muss man es selbst machen.“, steht in der Pressemappe des Vereins Kangaroo Entertainment – und ja, der Hinweis, jetzt gäbe es endlich mal Kängurus in Österreich, findet sich da auch. So charmant-locker, wie die Mitglieder von Kangaroo Entertainment sich selbst und das von ihnen inszenierte Stück „First Date“ im Internet präsentierten, weckten sie natürlich das Interesse des Kulturpoebels.

Der Verein besteht nach eigenen Angaben aus einer Gruppe von SchauspielerInnen, MusikerInnen, RegisseurInnen, MedientechnikerInnen und KostümdesigerInnen, die sich entweder noch in der Ausbildung befinden oder eine solche bereits abgeschlossen haben. „First Date“ ist nach „Twisted“ ihr zweites Stück, welches sie vom 11.2. – 17.2. (Zusatzshow am 18.2.!) im Brick 5 zeigen. Mit beiden bisher aufgeführten Musicals hat Kangaroo Entertainment Stücke ausgewählt, die sowohl in Deutschland als auch in Österreich nicht übermäßig bekannt sind. Tatsächlich sind beide Stücke in der Version von Kangaroo Entertainment als deutschsprachige Erstaufführungen auf die Bühne gebracht worden.

Das Stück – kurzweilig mit einigen Klischees

Das von ihnen nun inszenierte Musical „First Date“ begleitet einen Mann und eine Frau bei einem ersten Blind Date. Casey (Pamina Lenn) und Aaron (Dominik Grubenthal) sind Mittelpunkt der Geschichte, ihre Konversationen geben vielen Charakteren – Mutter, bester Freund, Ex-Freundin, Therapeut, etc.-  den Anlass, aufzutreten und ihre Meinung zur sich anbahnenden Beziehung kundzutun. Werden sich die beiden wiedersehen?

© Matheo Radeck

Die Handlung mag im ersten Moment originell klingen, sie hätte sich allerdings bei genauerer Betrachtung auch in vielen Sitcoms so finden lassen. Ähnlich einer Sitcom ist auch die lockere Erzählweise, ähnlich häufig die Lacher aus dem Publikum. Und ja, auch ich fand das Stück über weite Strecken wirklich lustig. Das liegt vor allem daran, dass alle Dialoge einen gewissen Sprachwitz besitzen, was für einige Klischees entschädigt. Denn die Probleme beim ersten Date bewegen sich laut dem Stück zwischen der Frage, ob es sich für die Frau ziemt, etwas anderes als Salat zu essen und warum Männer ohne Bad Boy- Image nicht sexy sind hin und her. Zwar versucht „First Date“ in einigen Szenen ernstere Töne anzuschlagen, etwa wenn Casey ihre Beziehungsangst erörtert oder Aaron über seine verstorbene Mutter reflektiert. Zum Teil lassen der etwas augenzwinkernde Erzählstil und die bereits erwähnten flotten Dialoge die Hoffnung aufkommen, das Ganze sei ironisch gemeint – etwa, wenn es einen längeren Song darüber gibt, wer die Rechnung bezahlen sollte. Tatsächlich aber werden mehr Klischees bestätigt als widerlegt. Deutlich wird dies durch die etwas platte Charakterisierung der Figuren: Aaron ist ein spießiger, schüchterner, junger Mann ohne besagtes Bad Boy-Image, Casey eine zunächst tough wirkende junge Frau mit Datingerfahrung, deren Unsicherheit sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Hinzu kommt Caseys bester, homosexueller Freund, der betont tuntig als ihr „Notfallanruf“ fungiert und Aarons bester Kumpel, der nie um einen Tipp in Beziehungsangelegenheiten verlegen ist.

Die zum Musical gehörigen Lieder spiegeln die schwungvolle, aber etwas oberflächliche Erzählung gut wider: Einerseits sind sie schnell, eher rockig angelegt und sorgen für gute Stimmung – andererseits sind sie, mit Ausnahme von Caseys berührendem Solo, einander allesamt ziemlich ähnlich. Auffällig ist, dass die Musik im Allgemeinen eher nicht zum Fortschreiten der Handlung eingesetzt wird. Vielmehr wird ein im Dialog von Casey und Aaron aufgekommenes Thema in einem Song noch einmal erörtert, bevor dann zum nächsten Thema übergegangen wird. Das lässt zwar eine gewisse Komplexität vermissen, trifft jedoch zunächst den Tonfall eines üblichen ersten Dates, bei dem unterschiedliche Themen kurz angerissen werden, ohne sie tiefergehend zu erörtern. Allerdings bleiben diese schnellen Themensprünge auch dann bestehen, als die beiden Protagonisten beginnen, mehr von sich preiszugeben. Hier wirkt das Erzähltempo einem möglichen – und wie ich finde, wünschenswerten – Tiefgang entgegen.

Inhaltlich enthalten die Songs einige gute Ideen: Erwähnenswert ist etwa der Auftritt der Suchmaschine Google, die mit ihren Verbündeten Twitter, Facebook und Co. ein Lied darüber singt, dass alles dem Internet in Erinnerung bleibt. Sprachlich witzig ist auch der Song, mit dem sich Aaron schließlich von seiner Ex-Freundin (Gini Lampl) löst.

Trotz einer gewissen Belanglosigkeit in seiner Thematik strahlt das Stück also eine unglaubliche Leichtigkeit in der Erzählweise aus, die den Musicalbesuch zu einem sehr kurzweiligen Erlebnis werden lässt.

Die Inszenierung – flott und originell

Hierzu trägt die auf ganzer Linie beeindruckende Inszenierung einen nicht unerheblichen Teil bei: Das Stück selbst eignet sich ausgezeichnet für einen Aufführungsort wie das Brick 5, da für das Erzählen der Geschichte nicht viel Platz und wenig technischer Schnickschnack benötigt wird.

© Matheo Radeck

Die diesem Aufführungsort immanente familiäre Atmosphäre wird sich durch das Bühnenbild noch einmal in besonderer Weise zu Nutzen gemacht: Die Bar, in der das Date stattfindet, wird durch Tische und Stühle und durch zwei auf einer etwas erhöhten Bühne aufgestellten Barhocker dargestellt. Der Hintergrund zeigt das Foto einer Skyline – Ort der Handlung ist also New York. Wirklich raffiniert ist aber, dass der Darsteller des Kellners (Max Haustein) in der Bar den Zuschauern in der ersten Reihe tatsächlich Kleinigkeiten zu Essen und zu Trinken an den Platz bringt. So wird auch das Publikum in das Geschehen mit eingebunden. Dass Casey und Aaron zunächst auf den Barhockern Platz nehmen und erst, als sie etwas zu essen bestellen zu einem der Tische wechseln, ist einer der Momente, die  das Stück mit andauernder Bewegung und auch einer gewissen Authentizität ausstatten. Die Hauptrollen Casey und Aaron werden von Pamina Lenn und Dominik Grubenthal gespielt. Eine wirkliche Entdeckung ist hierbei Pamina Lenn, welche schauspielerisch  und gesanglich sowohl eine  ausgeflippte junge Frau  darstellen kann, als auch eine verletzliche. Dominik Grubental ist ihr schauspielerisch ebenbürtig, wirkt aber zum Teil etwas unsicher im Gesang – dennoch meistert er seine Premiere auf einer Musicalbühne famos.

©Matheo Radeck

Die übrigen Darsteller spielen sowohl die anderen Besucher der Bar als auch die weiteren Charaktere im Leben von Casey und Aaron. Durch einfachste Änderungen in den Kostümen verwandeln sie sich geschickt von Restaurantbesuchern zu den jeweiligen Figuren im Leben der Hauptcharaktere. So wird aus dem grundsätzlich in schwarz gekleideten Kellner (Max Haustein) im Nu durch das Umhängen eines Kreuzes ein Priester. Die Wandlungsfähigkeit der DarstellerInnen ist durch das Ausfüllen von zum Teil völlig unterschiedlichen Charakteren besonders beeindruckend. Insbesondere hervorzuheben ist Alexander Höllinger, der zwischen klischee-schwulem Notfallanruf Reggie und rappendem, zukünftigen Sohn von Casey und Aaron hin- und herpendelt.

Fazit – ein gelungener Abend

Insgesamt ist „First Date“ in Wien durchaus sehenswert. Wirklich innovativ ist hierbei weniger die Handlung des Stückes, als die Inszenierung von Kangaroo Entertainment, welche sehr durchdacht wirkt, dabei aber nie die Leichtigkeit der zu erzählenden Handlung außer Acht lässt und sowohl in Bühnenbild, als auch Regie und Choreographie durch sehr gute, teilweise auch neue Ideen glänzen kann. Ebenso überzeugen die DarstellerInnen auf ganzer Linie.

Der Spaß am Musical ist jedem Mitglied von Kangaroo Entertainment sichtlich anzumerken. Es ist eine Freude mitanzusehen, wie sich dieser ganz automatisch auch auf das Publikum überträgt, welches am Premierenabend noch lange Standing Ovations gab und auch später noch zum Großteil im Brick 5 anwesend war, um angeregt und begeistert über den Abend diskutieren zu können.

Zusatzshow am 18.02.2017, 19 Uhr im Brick 5, Wien. Tickets und weitere Informationen gibt es hier.

Premierendatum Uraufführung: 10.3.2010 (ACT Theatre, Seattle)
Premiere in Wien: 11.2.2017 (Brick 5)
Musik: Alan Zachary; Michael Weiner
Buch: Austin Winsberg
Deutsche Übersetzung: Nico Rabenald
Regie/Choreographie: Jascha Geber
Regieassistenz: Annabelle Leitinger
Bühnenbild: Florian Leitinger
Kostüme: Nina Batik
Licht: Markus Schiefer
Ton: Gabriel Geber
Besetzung der Hauptrollen: Dominik Grubenthal (Aaron), Pamina Lenn (Casey), Helena Lenn, Benedikt Berner, Gini Lampl, Alexander Höllinger, Max Haustein
Band: Benjamin Brokke, Max Rott, Renan Spörk, Gernot Brandl, Alexander Rott, Johanna Weinstich, Teresa Müllner

Beitragsbild: © Matheo Radeck

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Anna Seifert
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ (Victor Hugo)

Lieblings-Musical(s): „We Will Rock You“, „Sweeney Todd“
Lieblings-Komponist: Stephen Sondheim
Lieblings-Texter: Stephen Sondheim, Tim Minchin
Musical-Fan seit: …ich mit 12 Jahren „Starlight Express” in Bochum sah.
An Musicals fasziniert mich: Die Vielfältigkeit der behandelten Themen sowie die Möglichkeit, eine Geschichte durch Tanz, Gesang und Schauspiel gleichzeitig erzählen zu können.