Am 19. Februar 2017 wurde das Disney-Musical „Newsies“ auch bei uns in den deutschen Kinos gezeigt. Da ich mir ungern ein gutes Broadway-Musical entgehen lasse und ich vor Kurzem erst selbst im wunderschönen Pantages Theatre in Los Angeles war und noch einmal an die weltweite Kino-Vorführung erinnert wurde, ließ ich mich hier nicht zweimal bitten und wurde nicht enttäuscht. Das Musical bot, was ich mir eigentlich selten von Shows aus dem Hause Disney erwarte: Eine eindrucksvolle Show, die mich wirklich berührt und zugleich die ganze Vorstellung über mitreißt.

In der Theorie gerate ich immer vollends in Verzückung, wenn ich höre, dass mal wieder einer meiner alten Lieblingsfilme aus Kindertagen als Musical auf die Bühne gebracht werden soll. In der Theorie sitze ich auch immer ganz begeistert in der Vorstellung und schmelze auch dahin, wenn eines meiner alten Lieblingssongs live performt wird. Leider allerdings nur in der Theorie. So gut Disney-Shows wie „Aladdin“, „König der Löwen“ oder „Tarzan“ auch immer gemacht sind, so fehlt mir in der Praxis doch immer etwas der Zauber, den ich von meiner Kinderzeit noch in Erinnerung habe.

© Disney Theatrical Productions

Vielleicht ist es bei „Newsies“ anders, weil ich den Film aus dem Jahr 1992 nie gesehen habe und dieser somit nicht mit meinen viel zu hohen Erwartungen, die sich seit fast 20 Jahren angesammelt haben, konkurrieren muss. Vielleicht liegt es auch daran, dass es sich um eine Real-Verfilmung handelte und ich habe bei „Mary Poppins“ schon gemerkt, dass dies bei mir persönlich besser funktioniert, als wenn ein Zeichentrickfilm auf die Bühne gebracht wird. Wahrscheinlich war es eine Vielzahl von Gründen, weswegen mich „Newsies“ mehr begeistert hat als alle seine Geschwister vor ihm zusammen. Jedoch möchte ich den Hauptgrund nicht verschweigen, da in meinen Augen dank der fulminanten Tanz-Szenen etwas geschaffen wurde, was die Story auch wirklich 3 Stunden lang trägt und nicht nur für 10 Minuten.

Nutze den Tag

Das Musical befasst sich mit dem Streik der Zeitungsjungen – genannt Newsies – in New York im Jahr 1899. Da die Verkaufszahlen der Zeitungen aufgrund langweiliger Schlagzeilen zurückgehen, beschließt Joseph Pulitzer, den Einkaufspreis für seine Zeitung „The New York World“ anzuheben. Die einzigen Leidtragenden sind hierbei die Zeitungsjungen, da diese nun mehr Zeitungen verkaufen müssen, um am Ende des Tages denselben Betrag wie zuvor zu verdienen. Da auch andere Zeitungen schnell nachziehen und ihre Preise erhöhen, sehen die Zeitungsjungen, hauptsächlich obdachlose Waisenkinder, ihre Existenz gefährdet und ein Streik wird organisiert, der sich schnell auf ganz New York ausbreitet. Protagonist der Handlung ist hierbei Jack Kelly, der inoffizielle Anführer der Newsies der „The New York World“, welcher eigentlich davon träumt, irgendwann New York hinter sich zu lassen und nach Santa Fe zu gehen.

© Disney Theatrical Productions

Das Musical feierte am 25. September 2011 Premiere im Paper Mill Playhouse in New Jersey und wurde anschließend an den Broadway transferiert, wo es ab dem 15. März 2012 im Nederlander Theatre zu sehen war. Das Musical lief über zwei Jahre bis zum 24. August 2014 in New York und ging anschließend auf Tour durch Nordamerika. Die Tour-Station im Pantages Theatre in Los Angeles wurde im September 2016 aufgezeichnet und konnte schließlich mit einem Großteil der ursprünglichen Besetzung vom Broadway am vergangenen Wochenende weltweit im Kino bewundert werden. Die Musik stammt von Disney-Urgestein Alan Menken. Zusammen mit Jack Feldman, der die Lyrics beisteuerte, gab es auch für dieses Musical einen Tony-Award für die „Beste Musik“. Insgesamt war das Musical 8 Mal für den Tony nominiert und gewann zwei der begehrten Trophäen. Neben dem Award für die beste Musik, gewann das Musical – absolut verdient – auch in der Kategorie „Beste Choreographie“.

Ganz großes Kino

Während jedes Disney-Musical etwas Besonders vorzuweisen hat, sind es bei „Newsies“ wohl die Tanznummern, welche das Stück ausmachen. Klingt im ersten Moment ziemlich unspektakulär und langweilig gegenüber der „Puppetkunst“ in „Der König der Löwen“ oder der Flugakrobatik in „Tarzan“. Jedoch haben es die äußerst kreativen und energiegeladenen Tanzsequenzen geschafft, mich durch das ganze Stück hindurch zu tragen, was für mich immer der Hauptknackpunkt bei vielen anderen Stücken ist, da sich oft auf einer „guten“ Idee ausgeruht wird, an der ich mich allerdings meist nach ein paar Minuten satt gesehen habe und die im Endeffekt doch nicht so über alle Maßen fantastisch ist, wie es sich im ersten Moment anhört.

© Disney Theatrical Productions

Christopher Gattelli hat hier absolut zu Recht den Tony für die beste Choreographie eingeheimst. Die Choreographien vermitteln zum einen spektakulär den aggressiven Charakter, mit dem die Jungs ihren Streik durchsetzen wollen und werden andererseits immer noch mit diesem gewissen Lächeln vorgetragen, welches konstitutiv für das typische Disney-Feeling ist. „Newsies“ ist eben in erster Linie ein Familienmusical und auf diesem Gebiet ist Disney nach wie vor konkurrenzlos. Vor allem die kleinen Elemente, wie das Zerreißen der Zeitungen mit den Füßen, um dann mit diesen über die Bühne zu schlittern, sind nett anzusehen und erfüllen doch den tiefgründigen Zweck dahinter. Auch die vielen unterschiedlichen Tanzstile von Stepptanz bis zu Akrobatik helfen dabei, dass dem Zuschauer garantiert nicht allzu schnell langweilig wird.

Die Musik von Alan Menken ist gewohnt Ohrwurm-lastig und verbreitet gute Laune, wie man es von seinen vielen anderen Arbeiten für Disney bereits kennt. Neben den vielen Ensemble-Nummern, gibt es auch die gewohnten starken Solo-Stücke und auch das klassische Liebes-Duett kommt nicht zu kurz. Die Lieder sind zwar allesamt fantastisch, jedoch merkt man, dass der eigentliche Star die Tanz-Szenen sind. Ohne die Leistung der einzelnen Darsteller oder den fantastischen Score von Alan Menken schmälern zu wollen, steht alles ein wenig im Schatten der imposanten und schnellen Choreographien und man merkt, dass das Musical vor allem aufgrund der Gruppendynamik des Ensembles funktioniert.

© Disney Theatrical Productions

Das Bühnenbild von Tobin Ost und Sven Ortel besteht im Grunde aus einem Gerüst mit vielen Treppen und Ebenen, durch Verschieben der einzelnen Elemente wird immer wieder ein neues Bühnenbild erschaffen. Vor allem, wenn es darum ging, die Straßen von New York und die „Heimat“ der Newsies darzustellen, klappte dies hervorragend und vor allem das Zuhause von Jack Kelly über den Dächern von New York wurde sehr eindrucksvoll dargestellt. Wenn es jedoch darum ging, das Büro von Joseph Pulitzer oder das Theater von Medda Larkin darzustellen, war ich etwas enttäuscht, da das Gerüst meist wie ein weggeworfenes Spielzeug auf der Bühne stand während man Requisiten wie teure Büromöbel davorschob und diese in meinen Augen oft etwas verloren auf der großen Bühne wirkten.

Nichts geht übers Original

Für die Kino-Aufnahme, welche bereits im September aufgenommen wurde, holte man einen Großteil der Originalcast vom Broadway zurück. Allen voran Jeremy Jordan (unser Musicalstar des Monats August 2016) als Jack Kelly, der einfach ein unfassbares Talent sein Eigen nennen darf. Vor allem bei seinem Solo und Showstopper-Song „Santa Fe“ kurz vor der Pause hat er wohl nicht nur mich mit seinem Stimmvolumen und seinen Emotionen aus dem Kinosessel gehauen. Während er mich in manchen Szenen stark an Aladdin erinnerte, woran wahrscheinlich Alan Menken nicht ganz unschuldig ist, überzeugte er mich neben seinem stimmgewaltigen Gesang vor allem schauspielerisch. Noch ein Pluspunkt an diesem Disney-Stück ist wohl auch die doch etwas komplexere Thematik, in der es nicht nur darum geht, ob du letzten Endes die Prinzessin kriegst, sondern ob man für seinen Traum wirklich alles andere aufgeben darf. Jack Kelly ist daher der ganz untypische Anti-Held in der Disney-Welt, da er wirklich erst einmal an seine Prinzipien zweifelt und diese sogar kurz für Geld über Board wirft, um seine Träume zu verwirklichen. Jeremy Jordan schafft es somit souverän die doch menschlichen Facetten seiner Rolle glaubhaft zu übermitteln.

© Deen van Meer

Als einzige Frau in der Männerrunde war Kara Lindsay als junge Reporterin Katherine zu sehen, die mit ihrem Artikel über den Streik der Newsies endlich den großen Durchbruch schaffen will. Gesanglich, schauspielerisch und auch tänzerisch überzeugte sie und war rundum bezaubernd, doch vor allem während des Duetts mit Jeremy Jordan hätte ich ihr – etwas platt ausgedrückt – gerne das Mikro abgedreht, weil sie gegen die Überstimme ihres Gesangspartners etwas zu verzweifelt anzukämpfen schien. Auch konnte ihr Solo mich als einziges nicht ganz überzeugen, was vielleicht aber auch mitunter am Song lag. Jedoch hat es eine Frau auch wirklich schwer in einem solch – nennen wir es – Männer-dominanten Musical.

Andrew Keenan-Bolger spielte Jacks besten Freund und Mitbewohner Crutchie. Da dieser auf Krücken angewiesen ist und eigentlich härter als alle anderen Newsies arbeiten muss, war er wohl die tragischste Figur im Stück. Die Tatsache jedoch, dass er sich trotz allem nicht unterkriegen lässt und dann erst recht doppelt so hart arbeitet, während die anderen schon aufgeben wollen, machte ihn wohl für viele zum Liebling der Show. Umso unverständlicher war es für mich, dass er im zweiten Akt so wenig vorkam. Abgesehen von seiner einzigen Solo-Nummer, in die er so viel Traurigkeit und dennoch ungebrochenen Optimismus legte, wurde er im zweiten Akt im wahrsten Sinne des Wortes weggesperrt. Zwar ist der Grund, warum er so wenig im zweiten Akt vorkommt, absolut gerechtfertigt und wichtig für die Handlung, schade um diese liebenswerte Rolle ist es trotzdem.

Ben Fankhauser als Davey und Ethan Steiner als Les kommen am Anfang des Stückes neu zu den Newsies und sind ein wenig die Außenseiter, da sie im Gegensatz zu allen anderen keine Waisenkinder sind, sondern ihrer Familie mit dem Verkaufen von Zeitungen unter die Arme greifen müssen. Man merkt, dass vor allem Davey, der ältere Bruder, gebildeter als die restlichen Kinder ist, schnell wird er jedoch zu einem der Hauptanführer im Streik gegen die großen Zeitungsbosse. Les hingegen ist das typische kleine Kind, welches sich sofort offenherzig mit den anderen älteren Kindern anfreundet und schnell von allen akzeptiert wird, weil er eben der „Kleine“ ist. Hier bin ich immer wieder fasziniert, welche Talente Amerika bereits in jungen Jahren zu bieten hat.

Ich hoffe sehr, dass man solche Übertragungen oder auch Aufzeichnungen im Kino öfter zu sehen bekommt. Zwar wird man natürlich nie ganz das Live-Erlebnis im Theater erreichen, jedoch kommt man dem mit der Atmosphäre im Kino ziemlich nah und man sieht so viele Musicals, die man wahrscheinlich sonst verpasst hätte. Vor allem bei „Newsies“ ist mir aufgefallen, wie fantastisch vor allem die großen Solo-Nummern sind, wenn man den Darsteller dank der Kameraführung von ganz nah in gestochen scharfen Bildern bewundern kann. Jedoch kann dies Fluch und Segen zugleich sein, da ich vor allem bei den rasanten Ensemble-Nummern lieber einen weiteren Gesamtblick auf das Bühnengeschehen gehabt hätte. Nichtsdestotrotz würde ich gleich noch einmal ins Kino rennen, wenn es bei uns in Deutschland mehr als eine Vorstellung gegeben hätte, vor allem weil diesmal auch der Preis in Ordnung war und mit 12€ nicht sehr viel mehr gekostet hat, als ein normaler Kinobesuch. Nun hoffe ich noch stark auf eine DVD. Die ist zwar noch nicht offiziell bestätigt, ich bezweifle jedoch stark, dass Disney es sich nehmen lässt und keine DVD von diesem fantastischen Musical veröffentlicht.

Beitragsbild: © Deen van Meer