Mit enormem personellen und ausstatterischem Aufwand bringt das Staatstheater Kassel in einer Kooperation mit dem Staatstheater Braunschweig „Ragtime“ von Stephen Flaherty, Terrence McNally und Lynn Ahrens als Deutsche Erstaufführung äußerst opulent und schwungvoll auf die große Bühne des Opernhauses.

„Ragtime“ ist an sich schon ein ziemliches Wahnsinnsprojekt. Der 1975 erschienene Roman von E.L.Doctorow überspannt einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren am Beginn des 20. Jahrhunderts und wartet mit enorm großem Bühnenpersonal sowie zahlreichen Auftritten realer historischer Persönlichkeiten wie Harry Houdini, J.P. Morgan, Henry Ford und vielen  anderen auf. Die über 20 Hauptakteure teilen sich drei große Erzählstränge, die sich immer wieder kreuzen, und zahlreiche Nebenschauplätze. Angesichts dieser Dimensionen war wohl schon die 1981 erschienene Filmversion von Milos Forman ein großes Wagnis, das damals allerdings mit acht Oscarnominierungen und zahlreichen anderen Auszeichnungen honoriert wurde.

In den 1990ern entstand schließlich die Musicalversion. Sie wurde für sagenhafte 13 Tony Awards nominiert und gewann vier davon, darunter „Bestes Buch“ und „Bester Original-Score“. Die Musik komponierte Stephen Flaherty (hierzulande wohl am bekanntesten als Komponist von „Rocky“), die Liedtexte steuerte Lynn Ahrens bei. Terrence McNally fiel die Aufgabe zu, die komplexe Handlung in eine aufführbare Form zu bringen. Wie das Londoner Programmheft der 2016er Produktion verrät, war Doctorow selbst bei der Premiere begeistert, auch wenn ihn manche Kürzungen sehr schmerzten. McNally erinnerte ihn allerdings daran, dass „[Doctorows] perfektes ‚Ragtime‘ länger sei als Wagners ‚Parsifal‘ und ‚Ring‘ zusammen“. Auch die heutige Fassung verlangt mindestens 13 Hauptrollen plus Ensemble/Chor und hat eine Spielzeit von knapp 3 Stunden.

Große Besetzung auf großer Bühne

Am Staatstheater Kassel stellt man sich dieser Herausforderung mit vollem Personal- und Ausstattungseinsatz. Die Besetzungsliste des Programmhefts verzeichnet über zwanzig Personen, darunter einige Gäste, das eigens zusammengestellte „Harlem-Ensemble“ sowie Opernchor und Statisterie. Soviel sei bereits verraten: Der Aufwand lohnt sich. Es ist – neben vielen sehr guten Einzelakteuren – vor allem eine grandiose Ensembleleistung, die den Theaterabend in Kassel so unterhaltsam und mitreißend macht.

Markus Schneider (Jüngerer Bruder) und Ensemble ; © Volker Beinhorn, Staatstheater Kassel

Der Co-Star des Ensembles ist die opulente und doch detailverliebte Ausstattung (Thomas Gruber, Mathilde Grebot). Schon vor Beginn der Aufführung sind vor dem Vorhang in der Bühnenmitte Miniaturen und Gegenstände, zum Beispiel ein Zirkuszelt, ein Ford Model T, ein Football, aufgebaut – kleine Symbole für Orte und Motive der Handlung.

Die Eröffnungsnummer „Ragtime“ transportiert den Zuschauer sowohl musikalisch als auch kostümtechnisch direkt ins Jahr 1902. Die Herausforderung, trotz des riesigen Rollenensembles die Übersicht zu behalten, wurde von den Autoren intelligent angegangen: Die Personen stellen sich einfach selbst in der dritten Person vor. Ebenso geschickt werden die Akteure von Philipp Kochheim (Inszenierung) auf der Bühne platziert. Die drei Gruppen, in denen sich die Haupterzählstränge abspielen, werden durch Licht, Position und Kostüme voneinander abgesetzt  und funktionieren doch als ein großes Ganzes. Da wären die schwarzen Einwanderer, in erster Linie durch den Ragtime-Pianisten Coalhouse Walker jr. repräsentiert, die jüdischen Immigranten am Beispiel des lettischen Künstlers Tateh und seiner Tochter und schließlich eine typische amerikanische Upper-Class-Familie. Die Familienmitglieder haben (bis auf den Sohn Edgar) keine Namen, sondern werden lediglich mit Mutter, Vater, Jüngerer Bruder und Großvater bezeichnet.

Grandiose Einzelleistungen beeindruckende Ensembles

Wie der Roman verbindet das Musical die Geschichte dieser drei Gruppen bzw. ihrer Vertreter immer wieder miteinander und lockert sie mit „Gastauftritten“ der  Rollen mit historischem Vorbild wie J.P. Morgan, Harry Houdini oder Henry Ford auf. Die Gäste des „Harlem-Ensembles“, angeführt von Alvin Le-Bass als Coalhouse und Dionne Wude als Sarah machen nicht nur musikalisch eine sehr gute Figur, sondern beeindrucken auch tänzerisch.

Alvin Le-Bass (Coalhouse) und Ensemble ; © N. Klinger, Staatstheater Kassel

Le-Bass versteht es, Coalhouses Weg vom erfolgreichen Ragtime-Pianisten zum mordenden Outlaw nachvollziehbar zu machen. Nicht zufällig ist der Name Coalhouse Kleists Michael Kohlhaas so ähnlich: Auf der Suche nach Gerechtigkeit, nach Wiederherstellung seines Lebenstraums wird er zum Kriminellen. Die schwierige Aufgabe gelingt Alvin Le-Bass sowohl darstellerisch beeindruckend als auch stimmlich scheinbar mühelos. Dionne Wudes großer Moment – und mit ein Highlight des Abends – ist die Ballade „Your Daddy’s Son“. Ihre Stimme berührt in den leisen, intimen Passagen genauso wie bei den dramatischen Belt-Stellen.

Monika Staszak (Mutter), Mike Garling (Vater) ; © N. Klinger, Staatstheater Kassel

Stimmlich und darstellerisch ebenbürtig ist Monika Staszak als Mutter der weißen Oberschicht-Familie. Dabei bleibt sie trotz der anspruchsvollen Gesangsparts immer kontrolliert, auch in den Höhen wird sie nicht schrill – man könnte ihr den ganzen Abend zuhören. Die Familienszenen zeigen die unterschiedlichen Versuche, das Leben sinnvoll zu gestalten. Die Mutter macht dabei eine sehr tiefgreifende Veränderung durch. Die innere Emanzipation von ihrem Ehemann, die sich in „rebellischen“ Handlungen wie der Aufnahme der schwarzen Sarah mit ihrem neugeborenen Kind in ihrem Haus ausdrückt, wird von Staszak durchweg glaubwürdig dargestellt. Mike Garling als Vater ist zu Beginn weniger authentisch, überzeugt aber vor allem in den frühen Szenen im zweiten Akt und gefällt auch stimmlich. Markus Schneider gibt einen sehr präsenten Jüngeren Bruder, dem man ähnlich wie Coalhouse seinen Weg in die Radikalität absolut abnimmt.

Der dritte Hauptstrang legt den Fokus auf Tateh und seine Tochter. Randy Diamond als Tateh scheint unerschöpfliche Energiereserven zu besitzen. Er kann vor Optimismus sprudeln, vor Wut außer sich geraten und vor Angst um seine Tochter und die Zukunft verzweifeln – häufig innerhalb der selben Szene. Damit reißt er auch Kristina-Sofia Katsagiorgis mit, die – besonders in Anbetracht ihres jungen Alters – eine beeindruckende schauspielerische Leistung zeigt. Auch zusammen mit Stavros Katsagiorgis (der auch als Erzähler die große Verantwortung des ersten Auftritts des Abends trägt) entstehen sehr authentisch-verspielte Szenen.

Randy Diamond (Tateh), Kristina Sofia Katsagiorgis (Mädchen) ; © N. Klinger, Staatstheater Kassel

Zwischen den Episoden der Haupthandlung finden sich ebenfalls einige Glanzlichter auf den Nebenschauplätzen. Der Umfang des Stücks und die Anzahl der Rollen machen es leider unmöglich, an dieser Stelle über alle diese großartigen Leistungen zu berichten. Beispielhaft sei hier Janina Moser als Vaudeville-Star Evelyn Nesbit erwähnt, die herrlich verrückt und überdreht über die Bühne tanzt, später aber auch frustriert und zynisch die abgehalfterte Diva gibt.

Mike Garling (Vater),Valentino L. McKinney ( Matthew Henson), Henning Leiner (Admiral Peary) und Statisterie ; © N. Klinger, Staatstheater Kassel

Die Ausstattung als „heimlicher Hauptdarsteller“

Alle diese Einzelleistungen verbinden sich mit dem klanggewaltigen Opernchor zu beeindruckenden großen Ensembleszenen (Gänsehaut-Moment: „Till We Reach That Day“). Überhaupt ist eine große Stärke dieser Inszenierung, dass Regie, Musik und Ausstattung aus dem Vollen schöpfen können.
Auf der großen Opernhaus-Bühne fahren zwei angedeutete Segelschiffe herum, Coalhouse und Sarah können in einem „echten“ Model T über die Bühne rollen und selbst der Zug (zumindest das Ende des letzten Wagens) muss nicht nur imaginär mit Tateh und seiner Tochter abfahren.

Dabei verliert die Ausstattung nie den Blick fürs Detail. Die Entfremdung des Jüngeren Bruders von der Familie wird im Farbkonzept seiner Garderobe nachgezeichnet, die Chormitglieder werden nicht uniformiert, sondern tragen individuelle Kostüme. Ein großer Wurf ist die „Daumenkino“-Szene im ersten Akt, hier spielen Bühnenbild, Licht (Dirk Thorbrügge) und Choreographie (Kati Farkas) hervorragend zusammen.

Auch das Orchester ist in voller Stärke besetzt, mittlerweile leider schon ein Luxus, den sich fast nur noch Stadt- und Staatstheater leisten. Ein sehr lohnender Luxus, wie man sagen muss, denn Xin Tan am Dirigentenpult kann so die verschiedenen Musikrichtungen (selbstverständlich Ragtime, aber auch Klezmer, Vaudeville und einige Anklänge an „unsere“ Gegenwart) stilsicher und klangstark abbilden. Die Musiker spielen mit Freude und wohldosiertem musikalischem Witz, wo nötig aber auch mit großer Dramatik und bewegen sich mühelos durch sämtliche Stile.

Randy Diamond (Tateh), Kristina Sofia Katsagiorgis (Mädchen) ; © N. Klinger, Staatstheater Kassel

Die Bühnen- und Ensemblegröße hat nicht ausschließlich Vorteile; es dauert manchmal etwas länger, bis der große Chor von der Bühne gegangen ist und in manchen Szenen würde man sich mehr Aktion, auch im Hintergrund wünschen. Andererseits wirken manche der intimeren Szenen auf der großen Bühne ein wenig verloren oder werden mit unnötig viel Aktion versehen. Dass das auch sehr gut funktionieren kann, zeigt sich zu Beginn des zweiten Aktes; die Bühne wird über die Lichtstimmung „verkleinert“, sodass sofort mehr Intimität entsteht.

Ein großes Problem war in der besuchten Vorstellung die Klangbalance / Tontechnik. Sehr häufig war das Orchester den Stimmen gegenüber relativ laut, was vor allem in den Dialogen die Textverständlichkeit sehr leiden ließ. Während der Lieder hatte man durch die Übertitelung – das Stück wird mit deutschen Dialogen und englischen Liedtexten gespielt – eine bessere Chance, zu folgen. In einigen Szenen spielte sich die Handlung sehr weit hinten auf der Bühne ab und machte es damit besonders für den unverstärkten Chor schwer, sich verständlich zu machen.

Fazit: Beeindruckender Theaterabend, unbedingt ansehen!

Diese kleinen Schwächen sollten jedoch niemanden von einem Besuch im Staatstheater Kassel abhalten. Die technischen Probleme können im Lauf des Runs bestimmt noch behoben werden, und so stark besetzt, so klanggewaltig und visuell überwältigend wird man das ohnehin nicht oft gespielte „Ragtime“ wohl nur sehr selten sehen. Und schließlich ist es sehr zu begrüßen, wenn auf deutschen Bühnen Musicals mit Anspruch ihren Platz finden und behaupten. Denn bei all dem Spektakel sollte die (fast schon erschreckend aktuelle) Schlussaussage, Tatehs Filmidee, die auch im Programmheft zitiert wird, nicht vergessen werden: „Eine Schar von Jungs, weiße, schwarze, christliche, jüdische, muslimische, reiche, arme, […] stets gemeinsam trotz aller Verschiedenheit. Ein Traum von dem, was unsere Gesellschaft sein könnte.“

„Ragtime“ am Staatstheater Kassel

Welturaufführung: 08.12.1996 (Toronto)
Broadwaypremiere: 18.01.1998
Premiere Kassel:
28.01.2017 (Opernhaus)
Besuchte Vorstellung: 11.02.2017
Romanvorlage: E.L. Doctorow
Buch: Terrence McNally
Deutsche Übersetzung: Roman Hinze
Lyrics: Lynn Ahrens
Musik: Stephen Flaherty
Musikalische Leitung: Xin Tan, Deniola Kuraja
Inszenierung: Philipp Kochheim
Regieassistenz und Abendspielleitung: Franziska Schumacher
Bühne: Thomas Gruber
Inspizienz: Felicia Stachow
Kostüme: Mathilde Grebot
Ausstattungsassistenz: Brigitte Schima
Licht: Dirk Thorbrügge
Dramaturgie: Christian Steinbock
Choreinstudierung: Marco Zeiser Celesti
Choreografie: Kati Farkas
Dance Captain: Markus Schneider
Besetzung: Alvin Le-Bass (Coalhouse Walker Jr.), Dionne Wudu (Sarah), Mike Garling (Vater), Monika Staszak (Mutter), Markus Schneider (Jüngerer Bruder), Randy Diamond (Tateh), Sonja Tièschky (Emma Goldman), Janina Moser (Evelyn Nesbit), Philipp Georgopoulos (Harry Houdini), Darrin Lamont Byrd (Booker T. Washington), Dieter Hönig (Großvater), Stavros Katsagiorgis (Junge), Kristina-Sofia Katsagiorgis (Mädchen), Tina Ajala / Amani Robinson (Sarahs Freundin), Bernhard Modes (Henry Ford / Charles S. Whitman / Kinobuchkäufer, Michael Boley (J.P. Morgan), Nils Zeuner (Willie Conklin / Stanford White / Polizist), Noel Sanchez (Richter / Passant), Henning Leiner (Admiral Peary / Feuerwehrmann / Regieassistent), Micheal Kuzma (Weißer Anwalt / Catcher), Sebastian Meder (Polizist / Reporter / Harry K. Thaw / Bürokrat), Valentino L. McKinney (Matthew Henson), Dominik Doll (Schwarzer Anwalt), Sabine Roppel (Kathleen / Fürsorgebeamtin), „Harlem-Ensemble“ [Tina Ajala, Amani Robinson, Nina Baukus, Denise Obedekah, Dapheny Oosterwolde, Catherine Chikosi, Dominik Doll, Gavin-Viano Fabri, OJ Lynch, Valentino L. McKinney), Opernchor und Statisterie des Staatstheaters Kassel

Orchester: Staatsorchester Kassel

Vorstellungen im Staatstheater Kassel: 28.01.2017 – 29.06.2017

Tickets gibt es hier.

© Beitragsfoto: N. Klinger, Staatstheater Kassel