Selbst dem Gelegenheitsmusicalbesucher wird es wohl nicht entgangen sein, dass „Tanz der Vampire“ am 26.01.2017 seine zweite Wiederaufnahme in Stuttgart feierte. Wurde man doch in den letzten Wochen auf allen Kanälen konfrontiert mit: „Der Erfolg kehrt zurück!“, „Die Vampire sind wieder zuhause!“ und „Diese Liebe endet nie!“. Zwischen der ganzen Werbung hallten immer wieder die Schreie der Fans: „Wer wird den Grafen spielen?“ Anfang Januar wurde dann bekanntgegeben, dass Mathias Edenborn diese Rolle in der Stuttgarter Spielzeit übernehmen wird und die restliche Cast mit kleinen Änderungen im Ensemble komplett bestehen bleibt.

Geschichten beginnen mit: Es war einmal…

Es war einmal ein Musical in Wien, das feierte am 4. Oktober 1997 seien Uraufführung. Damals ahnte noch keiner welch ein Erfolg dieses Stück später im deutschsprachigen Raum haben würde. Nach einer dreijährigen Spielzeit wanderte es weiter nach Stuttgart ins Apollo Theater (das damals Musical Hall 1 hieß), wo es ebenfalls drei Jahre gezeigt wurde. Danach war es in anderen Städten in Deutschland zu sehen – Hamburg, Berlin, Oberhausen, dann wieder Stuttgart und Berlin. Seit der deutschen Erstaufführung 2000 wurde das Stück bis 2013 (bis auf wenige Wochen) ununterbrochen in Deutschland gezeigt. Als „die Vampire“ 2013 im Theater des Westens gastierten, wurde bekanntgegeben, dass „Tanz der Vampire“ Deutschland nun für einige Zeit verlassen wird – große Trauer bei den Fans. Zum Glück währte die Pause nicht lange und Stage Entertainment beschloss, „Tanz der Vampire“ im April 2016 in Berlin, wo es drei Jahre zuvor von uns gegangen war, wieder zu beleben. Die Rechnung, den „Tanz der Vampire“-Hype wieder auszulösen, ging auf. (Unser Bericht über den Start der Tournee in Berlin ist hier zu lesen, über die Station in München hier und hier.)

© Stage Entertainment

„Als wir versammelt war’n beim letzten Mal.“

„Die Stuttgarter lieben ‚Tanz der Vampire‘!“ was bestimmt richtig ist, da die Stuttgarter 2010 vor die Wahl gestellt wurden, welches Musical aus früheren Spielzeiten wieder zurückkehren sollte. Die Wahl fiel auf „Tanz der Vampire“, was wieder eine lange Spielzeit nach sich zog. Jetzt sind wir im Jahr 2017 und „Die Vampire kehren zurück!“ in ihre angebliche „Lieblingsstadt“. Vielleicht angezogen von den leckeren Maultaschen oder von „a vertele Lemberger“ (schwäbischer Rotwein). Höchstwahrscheinlich sind es jedoch die Fans und auch die einmal-im-Jahr-ins-Musical-gehenden Zuschauer, die durch ihren Besuch den Saal im Palladium Theater füllen. Denn die Worte Stuttgart und Vampire gehören nach ihrer langjährigen gemeinsamen Geschichte irgendwie zusammen. „Ich fahre nach Stuttgart zu den Vampiren!“ hört sich einfach gut an. Der Verdienst der anderen Spielstätten soll jetzt nicht geschmälert werden, denn auch dort lief das Musical sehr gut und gerade Berlin mit seinem atmosphärischen Theater des Westens erhebt schon seit geraumer Zeit den Anspruch auf die Vampir-Heimat. Doch die Stuttgarter Gruft als historischer Ort der deutschen Erstaufführung ist durch die vielen Spielzeiten, welche „die Vampire“ dort verbrachten, einfach zur „Heimat“ geworden. Auch wenn ein Vampir gerne reist und andere Städte besucht, braucht er trotzdem eine Gruft mit seinem Heimatsarg und seiner Heimaterde. Und diese befindet sich nunmal dort, wo in Deutschland der Vampir-Hype erstmals ausgelöst wurde.

„Ich lad‘ dich ein zum Mitternachtsball.“

Mathias Edenborn ist der vierte Graf der Tourneeproduktion, der diese Rolle schon im Stuttgarter Apollo Theater und im Theater des Westens in Berlin gespielt hat. Dem deutschsprachigen Publikum ist er vor allem als Radames in der deutschen Erstaufführung von „Aida“, als Fiyero in „Wicked“ (Stuttgart und Oberhausen) und als Marktgraf Gerold in „Die Päpstin“ bekannt. Zuletzt spielte er das Phantom in „Das Phantom der Oper“ und in „Liebe stirbt nie“. Nun kehrt er nach Stuttgart zurück und spielt die Erstbesetzung des Grafen von Krolock im Palladium Theater.

Der gebürtige Schwede spielt einen vielseitigen Grafen, der es versteht einen Bogen zwischen den Stimmungspolen lustig und traurig mit einer guten Portion Sarkasmus zu spannen. Majestätisch schreitet er bei seinem Auftritt in den Saal und selbst in diesen ersten Momenten kann man seinem Gesicht die komplette Gefühlspalette seines Grafen ablesen – einerseits der mächtige Schlossherr, der die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt, andererseits eine verzweifelte Kreatur, zerrissen in ihren Gefühlen. Schon bei den ersten Tönen kommt sein großartiger Bariton zur Geltung. In gekonnter Manier verkauft er „Gott ist tot“ genauso wie „Einladung zum Ball“ mit einem Augenzwinkern, ohne allerdings den Ernst der beiden Nummern zu verlieren.

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Da „Tanz der Vampire“ sowieso eine Paarung von Horror und Humor ist und das Gruselige durch den Humorfaktor auf interessante Weise verharmlost wird, empfindet man Mathias Edenborns Interpretation neu und erfrischend. „Vor dem Schloss“ zeigt er sein schauspielerisches und gesangliches Können, sorgt für viele Lacher und überwältigende Töne. Seine Performance spitzt sich in der „Unstillbaren Gier“ im zweiten Akt zu, wenn der Zuschauer endlich versteht, welches Päckchen der Graf zu tragen hat und er nicht „der unverwundbare Siegfried“ ist. Es ist das, was ihn ausmacht. Der Vampir, der zum ewigen Leben verdammt ist. Und genau das zerstört ihn auch. In Edenborns Interpretation sieht man den exakten Moment, wenn er realisiert, welch schreckliches Dasein ihm beschieden ist. Seine Botschaft ist unmissverständlich und umso intensiver ist die Wirkung, wenn er sich nur Minuten später wieder der Gier im Tanzsaal hingibt.

Auch wenn er manchmal noch etwas zu hektisch daherkommt und dabei die Ruhe, die der Graf bei seinem Auftreten hat, in einigen Momenten vermissen lässt, ist Mathias Edenborns Darstellung gelungen. Er arbeitet neue Aspekte des Grafen heraus und belebt durch sein sarkastisches Spiel das ganze Musical auf einer weiteren Ebene. So werden nicht allein die Geschichten der Charaktere erzählt, sondern das Stück reflektiert sich obendrein selbst.

„Wir tauchen aus der Nacht. Passt auf!“

Neben einem ausgezeichneten Grafen gehört auch ein gut funktionierendes Ensemble zu „den Vampiren“. Hier wurde ein harmonisches Team für die Tourneeproduktion zusammengestellt, das sich seit Berlin nochmal steigern konnte.

Tom van der Ven gibt als Alfred eine zuverlässige Performance und schafft mit Victor Petersen (Professor Abronsius) die Gruft im Schloss auf eine sehr amüsante Weise unsicher zu machen, sodass diese Szene zu einem Highlight in der Show wird. In der besuchten Vorstellung spielte Marina Maniglio die Rolle der Sarah. Sie gibt sowohl gesanglich als auch schauspielerisch eine solide Leistung und harmoniert wunderbar mit Mathias Edenborn, jedoch fehlt ihr ein Stück weit Sarahs Naivität. Merel Zeeman schafft es wieder, mit ihrem „Tot zu sein ist komisch“ den ganzen Raum zum Beben zu bringen und Nicolas Tenerani entlockt den Zuschauern mehrmals am Abend problemlos ein herzhaftes Lachen.

© Stage Entertainment

Leider kommt Kirill Zolygin als schwuler Sohn des Grafen nicht an Milan van Waardenburgs Performance heran. Es fehlt das Zusammenspiel von Vater und Sohn im „Tanzsaal“, das bei Milan van Waardenburg stets das Sahnehäubchen auf der Torte war. Dafür überzeugt Yvonne Köstler als sorgsame Mutter und wütende Ehefrau und rührt schließlich den Zuschauer durch ihre Trauer zu Tränen. Genauso reißt Paolo Bianca (Koukol) durch sein markantes Spiel und unwiderstehliches Lachen das Publikum mit.

Großartig sind die Ensemblenummern, wenn die Bühne mit Dorfbewohnern oder Vampiren reichlich bevölkert wird. Zum Beispiel funktioniert die „Tanzsaal“-Szene nur deswegen so gut, weil es sehr viele kleine Details zu entdecken gibt. Durch ein großartiges Zusammenspiel aller werden die einzelnen Vampire zum Leben erweckt und eine glaubwürdige Situation erschaffen, aber das Drama, der Witz und die Intensität dabei nicht vergessen. Solch eine Show kann nur ein durchweg motiviertes und mit Leidenschaft agierendes Ensemble auf längere Zeit tragen und die Hürden nehmen, die durch den Spielstättenwechsel entstehen.

„Und ein scheenes Fiedeldumdei.“

Im Gegensatz dazu bleibt das vermeintliche „Orchester“ hinter den Erwartungen zurück. Auf dem Besetzungszettel sollte es statt des angekündigten Orchesters heißen: „Es spielt die Band des Stage Palladium Theaters“. 10 Musiker sind definitiv zu wenig und man hört sehr deutlich, wie viel Klang durch den Synthesizer ersetzt wird. Man wünscht sich deswegen noch mehr „Fiedeldumdeis“ und Trötatüs, um einen volleren Sound zu bekommen. In einem Rock-Musical sind Schlagzeug und elektronische Instrumente wichtig, jedoch kommen sie nie an die Klangqualität eines 28-Mann-Orchesters, wie es noch zu Uraufführungszeiten war, heran. Qualität bedeutet einfach mit viel Liebe zum Detail zu arbeiten und das sollte auch für die Musik gelten. Da kann man nur hoffen, dass der Zuschauer über die unterdurchschnittliche musikalische Umsetzung in einem Musical großzügig hinwegsieht.

„Nichts und niemand kann uns trennen.“

„Tanz der Vampire“ ist definitiv ein Kult-Stück, das in unsere Musicallandschaft gehört, sich durch das Revival letztes Jahr weiterentwickelt hat und dies immer noch tut. Jeder Grafenwechsel bringt frischen Wind rein, das Ensemble baut seine Rollen immer besser aus, in jeder Stadt wartet ein neues Theater und neue Fans. Auf dass wir „die Vampire“ nie mehr verlieren, denn „wer mal Blut geleckt hat, möchte mehr“!

Welt-Premiere: 04.10.1997 (Raimund-Theater Wien)
Premiere Stuttgart: 26.01.2017 (Palladium Theater)
Besuchte Vorstellung: 28.01.2017
Buch/Lyrics: Michael Kunze
Musik: Jim Steinman
Arrangement and Musical Supervisor: Michael Reed
Musikalische Leitung: Leif Klinkhardt
Regie: Roman Polanski
Besetzung: Mathias Edenborn (Graf von Krolock), Veronica Appeddu / besuchte Vorstellung: Marina Maniglio (Sarah), Tom van der Ven (Alfred), Victor Petersen (Professor Abronsius), Nicolas Tenerani (Chagal), Merel Zeeman (Magda), Milan van Waardenburg / besuchte Vorstellung: Kirill Zolygin (Herbert), Yvonne Köstler (Rebecca), Paolo Bianca (Koukol)

Vorstellungen im Palladium Theater Stuttgart: 26.01.2017 bis 31.08.2017

Tickets und mehr Informationen gibt es hier.

Beitragsbild: © www.krautbauer.net